Seit den Millennials ist nichts mehr, wie es vorher warHeiligenverehrung und Heiligenbrauchtum – Auslaufmodelle?

„Das Leben der Heiligen ist eine Lichtspur Gottes durch die Geschichte“ hat Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 während des Weltjugendtages in Köln gesagt. Dieser Spur folgen immer weniger Menschen. Mit den Millennials ist es zu einem radikalen Traditionsabbruch gekommen: Glaubensinhalte, Werte und Formen werden in Frage gestellt. Falls Religion überhaupt noch eine Option bleibt, so ist das eine um Kirche entkernte Patchwork- Religiosität. Der Begriff „Heilige“ verkommt dabei zu einem nomen nudum, einem „Leerwort“, einer Worthülse ohne Substanz.

Im Jahr 2018 hatte eine deutsche Kirchenzeitung ihre Leser gefragt: „Wer ist Ihr liebster Heiliger?“ Nach Angabe der Zeitung haben „viele“ geantwortet und auf zwei Druckseiten wurden schließlich zehn Antworten wiedergegeben. Erhellend bei den Antworten, bei denen das Alter der Verfasser nicht angegeben war, sind Formulierungen wie „von Kind an“, „seit vielen Jahren“, „zu meiner Schulabschlussfeier 1963 …“, „Ich bin 91 Jahre alt“ oder „ich verehre schon sehr lange“ … Unter den Antworten war keine einzige erkennbar von einem Kind oder Jugendlichen. Die auf der Doppelseite platzierte Werbung definierte die Leserschaft entlarvend als anfällig für Arthrose. 
Papst Johannes Paul II. (1978– 2005) hat noch voll auf die Vorbildwirkung von Seligen und Heiligen gesetzt. In seiner Amtszeit hat er 1.345 Menschen selig- und 483 heiliggesprochen, mehr als alle seine Vorgänger in 400 Jahren zuvor. Aber auch der „gesteigerte Ausstoß von Heiligen“ hat die laufende Entwicklung nicht aufgehalten. 
Aktuelle Selig- und Heiligsprechungen treffen nicht auf Resonanz bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Seligsprechung der slowakischen Anna Kolesárová im Jahr 2018, die 1944 erschossen wurde, weil sie sich als 16-Jährige einer Vergewaltigung verweigerte, stößt auf Kritik, weil der Kirche unterstellt wird, sie werte Keuschheit höher als das Leben. Und der Kirche, die so wertet, wird unterstellt, mit dieser Keuschheit selbst nicht eindeutig umzugehen, weil führende Mitglieder entweder selbst dagegen verstoßen oder als Vorgesetzte Verstößen nicht überzeugend nachgehen. Der Missbrauchsskandal der Kirche hat eine fulminante Glaubwürdigkeitskrise zur Folge.

Die Jugend ist woanders

Der Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser äußerte sich am 26.03. des laufenden Jahres zur aktuellen Situation der Kirche Deutschlands in der „Rheinischen Post“: „ … wir sind in der dramatischen Situation, dass nur noch eine ältere Generation sich engagiert. Die Jugend ist woanders.“ Selbst die von der Deutschen Bischofskonferenz finanzierte Internetplattform „katholisch.de“ schreibt: „Im Alltag katholischer Christen spielt die Heiligenverehrung kaum noch eine Rolle. Bekannt sind Heilige vor allem durch Brauchtumsfeste, die oftmals nur regional begangen werden oder durch kirchliche Namenstage“ (27.03.2019). Und diese Aussage muss man noch nach unten korrigieren: Der Namenstag ist für die meisten Katholiken inzwischen unbekannt. Er wird mehrheitlich nicht mehr gefeiert. Und Brauchtumsfeste gibt es vielfach nur noch, weil sie von den Touristikabteilungen der Städte und Gemeinden finanziert und organisiert werden. Zwar hält diese Eventisierung den einen oder anderen Heiligengedenktag lebendig, aber es gibt keinen primär spirituellen Inhalt, dafür aber eindeutig ökonomische Interessen Dritter. 
Seit es die Millennials gibt, hat sich vieles verändert. Millennials werden die Mitglieder der Generation genannt, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Man nennt sie auch Generation Y (kurz: Gen Y), weil im englisch Y als „Why“ ausgesprochen wird, und das Hinterfragen typisch für diese Gruppe sein soll. Die Millennials stellen in Deutschland etwa 22 Prozent der Gesamtbevölkerung und 20 Prozent der Arbeitskräfte. Zeitlich eingeordnet stehen die Millennials zwischen den Baby Boomern und der Generation Z. Der Beginn ihrer Phase wird mit etwa 1980 angegeben; das Jahr 2000 gilt als Ausschlussjahr.

Millennials sind nicht mehr vom tradierten Glauben getragen

Millennials gelten als technikaffin, legen großen Wert auf ihre Selbstverwirklichung, hinterfragen die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und versuchen eine angemessene Work- Life-Balance zu leben. Sie verbinden ihrer Forderungen nach mehr Freizeit und Sinn mit einer hohen Leistungsorientierung und sind meist gut ausgebildet und finanziell gut ausgestattet. Mit ihrem Auftreten wird der Traditionsabbruch verbunden, nicht nur ein Informationsdefizit, sondern ein Identifikationsverlust: „Glaube trägt nicht mehr und prägt nicht mehr. Er hat bei den Millennials aufgehört, dem Leben Gestalt und Richtung zu geben“ (Fulbert Steffensky). Mit dieser Altersklasse begann die Auflösung kirchlicher Sitte, das Verdunsten kirchlich geprägter Verhaltensmuster der Frömmigkeit, das Wissen um Glaubensinhalte und Glaubenspraxis und der Verlust des kirchlichreligiösen Sprechens, der Symbolik und der Bilder. 
Festzustellen ist ein Traditionsabbruch in der Qualität einer kopernikanischen Wende bei der jüngeren Generation, der verbunden ist mit einem signifikanten Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche durch einen schwelenden Missbrauchsskandal. Zusätzlich vermindert sich die Zahl der Kirchenmitglieder, die Zahl der Kirchenaustritte steigt, die Zahl der Taufen nimmt ab. Die Anzahl der Priester und Ordensleute sinkt dramatisch. Bis zum Jahr 2030 wird sich zum Beispiel die Zahl des schon 11 länger dezimierten hauptamtlichen Personals im Bereich Seelsorge des Erzbistums Köln halbieren, denn die Zahl der Neupriester tendiert nach Null. Die Distanz der Gläubigen und der nominellen Noch-Katholiken zur Institution Kirche und ihren Bischöfen steigt drastisch an. Viele, die zur Religion noch Ja sagen, beziehen dabei die Kirche nicht mehr ein. 
Das Forschungszentrum Generationenverträge hat im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz im Mai 2019 eine Prognose zur Mitgliederentwicklung beider Kirchen vorgelegt: Die Zahl der Katholiken und Protestanten in Deutschland wird demnach von 44,8 Millionen im Jahr 2017 auf 22,7 Millionen im Jahr 2060 sinken. Die Finanzkraft der Kirchen nimmt um 51 Prozent ab. Gründe sind zu zwei Dritteln sogenannte Taufunterlassungen und zu einem Drittel Kirchenaustritte. Am ehesten zum Austritt neigen die Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren. 
Die Spaltung innerhalb der deutschen Katholiken brodelt vielleicht nicht so öffentlich, wie das Fighten der um den Brexit kämpfenden Abgeordneten im englischen Parlament, aber die (Noch-)Gläubigen kritisieren die Bischöfe, die nach ihrer Meinung nur den Untergang der Kirche verwalten. Auf sie wirkt die Kirchenleitung hilflos, in manchen Fragen realitätsfern und unbeweglich. Es gibt eine systemische Lähmung der verfassten Institution Kirche und ein Mangel an visionärer Führung. In Fragen der Sexualmoral scheinen die Bischöfe und die meisten jungen Katholiken zwei inkongruente Sprachen zu sprechen. Die kirchliche Sexualmoral ist für die Jugend völlig „durch“.

Wenn Religion zur Realitätsflucht wird

Eine kirchlich geprägte Religiosität kann sich bei der überwiegenden Zahl der Millennials nicht mehr zeigen – es gibt sie nicht mehr. Entsprechend sind Heilige für sie Menschen mit exotischen Biographien. Religion erscheint ihnen als Realitätsflucht, weil Glauben Denken ersetzt. Reliquienverehrung zeigt ein archaisches Brauchtum, Heiligenlegenden sind unwissenschaftliche Texte, mit denen Gläubige eingelullt werden sollen. Überhaupt sind Helden altmodisch und out. Vorbilder sind Quatsch, die nicht zu einer Selbstverwirklichung führen, sondern Menschen zu einer Kopie eines antiken Artefakts machen. 
Vorbilder sind out. Schon im 20. Jahrhundert war das Lernen anhand von Vorbildern in die Kritik geraten. Der Autonomieanspruch der Aufklärung passte nicht zu überkommenen Vorbildern. Das autonome Subjekt war unverträglich mit einem die Nachahmung verlangenden Vorbild. Das Verhalten anderer Menschen hatte gegenüber der Vernunft als oberste Instanz eines Subjekts keine Relevanz (Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten [1959], S. 344f.). Kant sah in einem „guten Exempel“ kein Muster, sondern nur den „Beweis der Tunlichkeit des Pflichtmäßigen“. Prägen soll nicht der Mensch, „wie er ist“, sondern nur die „Idee, wie er sein soll“. Friedrich Nietzsche formulierte in eben diesem Sinn: „Niemand kann die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand ausser dir allein“ (Nietzsche, Sämtliche Werke. Unzeitgemäße Betrachtungen III. [= Kritische Studienausgabe 1], München/Berlin/New York 21980, S. 340).

Entweltlichung der Kirche oder Entchristianisierung der Welt

Kardinal Woelki spitzt in einem Interview das Millennial-Modell gegenüber der Kirche zu auf die Alternative: Wir stehen vor der Entweltlichung der Kirche (Benedikt XVI.) oder der Entchristianisierung der Welt – jedenfalls des Weltteils, in dem die Deutschen leben. Das Christentum habe mit einer Krise des Glaubens und Verstehens zu kämpfen, nicht aber mit einer neuen Lebenswirklichkeit, die nun endlich bejaht werden muss (CNA, 2803.19). Angebracht sei eine Rückbesinnung auf die christliche Heilsbotschaft, keine Sehnsucht nach Vergangenheit, keinen unreflektierten Traditionalismus und auch keine Wagenburg der kleinen frommen Herde. 
Vielleicht ist es dann doch komplizierter. Warum erfolgt mit den Millenials ein Traditionsabbruch? Beginnt „die Sache“ wirklich „mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und Jugend in das Wesen der Sexualität“ wie der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. kürzlich gemeint hat? War die von ihm so genannte „Revolution von 1968“, die völlige sexuelle Freiheit forderte und „die keine Normen mehr zuließ“, wirklich ursächlich für den Traditionsabbruch oder bloß ein Indiz für die laufende Entwicklung? Endgültige Antworten sind noch lange nicht ausdiskutiert. 
Ob und wie man die Generationen U60 mit Erfolg ansprechen kann, ist noch offen. Da niemand alleine nur für sich selbst Christ sein kann, müssen die Christen gemeinsam handeln und das Selbstverständliche selbstverständlich tun, nämlich ihren Glauben überzeugend leben und erklären. Nicht bloß Funktionäre sind Missionare, sondern jeder Christ. Missionarisches Christentum beginnt nicht bei den zu Missionierenden, sondern bei den Missionaren. Was glaubt er selbst? Lebt er seinen Glauben überzeugend? Und das, ohne doktrinär einzuvernehmen? So wie die Botschaft den Boten braucht, benötigt die Überzeugung den Zeugen. Und das, was der Zeuge sagt, muss auf die Fragestellung des Gesprächspartners abgestellt sein. Dabei geht es nicht darum, die eigene Botschaft zu verfälschen, zu kürzen oder schönzureden, sondern die Sorgen, Hoffnungen und Wünsche der Angesprochenen anzunehmen und zu berücksichtigen. 
Christen, die nicht vor den Zeitverhältnissen kapitulieren, müssen wissen, dass man nur mit Christus Menschen gewinnen kann. Das befreit aber nicht davon, versteh- und annehmbare Antworten auf aktuelle Fragen zu finden. Und das Paket von eigenen Fragen, die nach neuen Antworten verlangen, ist umfangreich; hier nur ein Auszug: Wie lässt sich der Sakramentenempfang – nicht nur Eucharistie, sondern auch Krankensalbung – für jedermann unter den gegenwärtigen Bedingungen – z. B. Priestermangel – sicherstellen? Wann endlich erhalten Frauen die ihnen zustehende Gleichberechtigung in der Kirche? Warum sind noch immer nicht die viri probati als eine Ergänzung der Seelsorger zugelassen? Hat der Zölibat tatsächlich fundamentale Bedeutung für das priesterliche Amt oder ist er eine historisch gewachsene Zeiterscheinung, die sich revidieren lässt? Wann endlich lernen die Theologen allgemein verständliches Deutsch zu sprechen? Usw. usw. 
Eine Kirche, die ihre eigenen 13 schon lange anstehenden Fragen immer weiter zunehmen lässt und vor sich herschiebt, ist weniger glaubwürdig als eine, die alle einlädt, sich an der Beantwortung der Fragen zu beteiligen. Die Alternative, eine selbstzufriedene, in sich ruhende Christenheit, die sich in einem weihwassergetränkten Bunker vor der Gegenwart und Zukunft in Weihrauch eingehüllt verschanzt, hat schon verloren, ehe ihre Abschottung angefangen hat. 
Geradezu prototypisch und lehrreich für diese Fragestellung scheint die Übersetzung eines biblischen Satzes zu sein, Hiob 12,12, der früher übersetzt wurde: Bei den Großvätern ist die Weisheit und der Verstand bei den Alten. Die Einheitsübersetzung 2016 übersetzt dagegen: Findet sich bei den Greisen wirklich Weisheit und ist langes Leben schon Einsicht? 
Wenn es der Kirche nicht gelingt, sich selbst wieder in Form zu bringen und mit den Jungen in ein konstruktives Gespräch zu kommen, sieht es für die Kirche düster aus – ob man es nun hören will oder auch nicht. „Der Letzte macht den Deckel zu“ kann keine Lösung sein. 

Thesen

  1. Kirchlich zertifizierte Vorbilder in Form der Seligen und Heiligen werden heute mehrheitlich als obsolet erfunden. Vielleicht sind sie noch für den einen oder anderen beeindruckend, immer aber von gestern mit Handlungsoptionen, die sich für heute und für morgen kaum empfehlen. Zum einen werden Vorbilder von der Pädagogik als „pädagogischer Lebertran“ und kontraproduktiv für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern abgelehnt. Zum anderen wird festgestellt, die Heiligen und ihr Umfeld hätten mit der heutigen Lebenswirklichkeit und den dort gegebenen Fragestellungen nichts zu tun.
  2. Spätestens mit den Millennials gibt es einen Traditionsabbruch, der sich in der Ablehnung institutionalisierter Religion äußert. Kirche hat darüber hinaus einen signifikanten und irreversiblen Glaubwürdigkeitsverlust erlitten (Missbrauchsskandale auf allen Ebenen der Hierarchie).
  3. Die Praxis der Heiligenverehrung und das zugehörige Brauchtum sind eine No-go-Area für die Millennials und inzwischen auch die Mehrzahl der U60. Die religiöse Praxis und das Wissen um das Brauchtum geht bei ihnen nicht erst verloren, es ist bereits verloren – und dazu auch die Codes zum Dechiffrieren der zugehörigen Kommunikation (Ikonographie, Zahlensymbolik, Bildsprache etc.).
  4. Die einschlägigen Erhebungen (Sinus u. a.) lassen erkennen, dass nur noch etwa 17 Prozent der Katholiken traditionell sozialisiert leben. In Deutschland muss man diesen Durchschnittswert auf dem Hintergrund einer Verdichtung dieses Befundes von Nord nach Süd und von Ost nach West sehen.
  5. Dominant ist der Kirchenaustritt im Alter von 20 bis 35 Jahren, in der Regel also bei Berufseintritt und Familienbildung. Eine Folge: Die Kinder aus solchen Verbindungen werden nicht mehr getauft und nehmen nicht mehr an der Erstkommunion und Firmung teil.
  6. Heiligenverehrung und Brauchtum sind Auslaufmodelle für die Generationen U60. Sie spielen nur noch eine Rolle, wo sie sich eventisieren lassen und dann touristisch ausgewertet werden. Der religiöse Impetus geht dabei verloren oder wird bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Ausnahmen sind Martini und Nikolausabend, vielleicht auch Lamberti und Libori, bei denen aber auch das Äußerliche (Umzug, Laternen, Heischen …) im Vordergrund steht. Die Bezüge zum Festanlass werden immer lockerer (der St. Martins-Umzug degeneriert zum Lichterumzug, Nikolaus zum Schenkanlass, der Nikolausauftritt zur flapsigen Comedy etc.).
  7. Die Heiligenverehrung ist im Lauf der letzten Jahrzehnte erheblich geschrumpft und findet auch im Brauchtum keine Stütze (mehr).  

 

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