Eine monastische PerspektiveLeben in Fülle suchen, wo wir es nicht erwarten

Ausgehend von alltäglichen Situationen der Kirche überrascht die monastische Tradition mit interessanten Insights selbst Kirchen- Insider. Die monastische Berufung trägt in sich seit Anfang an eine prophetische Dimension, damit die Kirche ihre prophetische Stimme nicht verliert. Eine ungewohnte Betrachtung der Verheißung des Lebens in Fülle in monastischer Perspektive.

Unzählige Menschen besuchen Jahr für Jahr Kirchen und Klöster. Gerne sprechen Kirchen-Insider mit herablassendem Tonfall von Touristen im Unterschied zu Gläubigen. Diese Leute hätten keine Ahnung von Kirchen – und erst recht nicht vom Klosterleben. Eine solche Einschätzung führt unter anderem dazu, dass für den Besuch von immer mehr Kirchen ein Eintrittsgeld verlangt wird – selbstverständlich nicht von den Gläubigen, sondern von den Touristen. Das hat der Autor dieses Artikels auch schon selbst auf geradezu komische Weise erfahren. Am frühen Morgen wollte er im Ausland in eine weltbekannte Kirche eintreten. Es war noch alles geschlossen. Gemäß den Plakaten wurde für die Touristen um neun Uhr geöffnet. So versuchte er es um neun Uhr wiederum. Gleich beim Öffnen der Türe wurde er angehalten: „Haben Sie ein Ticket?“ Seine Antwort: „Nein!“ Der Herr mittleren Alters stellte klar: „Sie brauchen ein Ticket.“ Der Besucher fragte ihn: „Wie können Sie wissen, was ich brauche, wenn Sie gar nicht wissen, was ich will? Sie haben mir nicht einmal die Möglichkeit gegeben, eine Frage zu stellen. Ist hier heute eine Heilige Messe?“ Am frühen Morgen wäre eine gewesen. Aber rund um die Kirche gab es keinen Hinweis auf die Gottesdienste, auch nicht auf der Homepage. Der Angestellte hatte eine selbstverständliche Antwort auf den angesprochenen Mangel: „Die Informationen im Internet und hier um die Kirche sind für Touristen. Die Gläubigen kennen die Türe, die für den Gottesdienst geöffnet wird.“ Der Autor versuchte dem Türwächter darzulegen, dass auch er ein Tourist sei – und zugleich gläubig. Zudem seien Touristen auch Menschen wie alle anderen Menschen: von Gott geschaffen, eine Sehnsucht im Herzen tragend und – ob bewusst oder unbewusst – Gott suchend.

Der Mensch, der Gott sucht

Es gibt Kirchen-Insider, die hinter einer solchen Haltung den Zeitgeist vermuten. Die monastische Tradition, hier am Beispiel der benediktinischen Ausprägung, kann uns weiterhelfen. Dabei darf allerdings die Benediktsregel nicht wie ein Kochbuch herangezogen werden, wie das allzu oft geschieht. Das kann bei Publikationen, Vorträgen und Führungen sogar Mönchen und Nonnen passieren. Tatsächlich spricht aus diesem 1500 Jahre alten Dokument eine große Weisheit. Wenn dabei aber allzu oft die Mitte der Regel und der rote Faden durch das ganze Werk auf der Seite gelassen werden, geht man offensichtlich am Wesentlichen vorbei.
Worauf kommt es wirklich an? Der Mönchsvater Benedikt öffnet die Augen für eine Wirklichkeit, die oft vergessen geht. Es gibt etwas, das alle Menschen verbindet – wirklich alle: Die Sehnsucht nach Leben in Fülle. Und es gibt einen, der von sich gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Mit seinem Leitbild für Mönche hat Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert eigentlich nichts anderes beabsichtigt, als Menschen zu dem zu begleiten, der die Sehnsucht nach Leben in Fülle dem Menschen ins Herz gelegt hat und der allein diese Sehnsucht erfüllen kann.

Der Mensch, der das Leben liebt

Im Vorwort der Benediktsregel spricht Gott den Menschen an, „der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht“ (RB Vw 15). Und Benedikt fährt weiter: „Wenn du das hörst und antwortest: ‚Ich‘, sagt dir Gott“, wie das geschieht. „Bevor ihr mich anruft, werde ich sagen: Hier bin ich. Was könnte angenehmer klingen, liebe Brüder, als diese Stimme des Herrn, der uns einlädt? Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben“ (RB Vw 18–20). Die ganze Heilige Schrift spricht von diesem Abenteuer. „Ist denn nicht jede Seite und jeder von Gott beglaubigte Ausspruch im Alten und im Neuen Testament eine genaue Richtlinie für das menschliche Leben?“ (RB 73,3). ICH BIN DA – das ist der rote Faden durch die ganze Heilige Schrift. Das ist die Offenbarung des dreifaltigen Gottes. Gott ist mit seinem Volk. Gott ist mit dem Menschen. Davon ist der heilige Benedikt überzeugt. Im Unterschied zu vielen frommen Menschen bekennt er in der Eucharistiefeier nicht nur: „Himmel und Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit.“ Er glaubt und lebt das auch: „Wir glauben, dass Gott überall gegenwärtig ist“ (RB 19,1). Darum ist für ihn die wichtigste Tätigkeit des Menschen die Suche nach Gott. Wenn jemand Mönch werden will, so soll sorgfältig darauf geachtet werden, „ob einer wirklich Gott sucht“ (RB 58,7).

Im Hier und Heute

Gott suchen, der da ist: Das ist der rote Faden durch die ganze Mönchsregel. Immer wieder umkehren zu dem, von dem der Mensch sich entfernt hat (vgl. RB Vw 2). Mit dem Wort „ausculta“ (höre) beginnt die Mönchsregel; mit dem Wort „pervenies“ (du wirst ankommen) schließt sie. Das ist sozusagen die Verheißung, die dem Mönch mit auf den Weg gegeben wird: Höre, und du wirst ankommen. Das ist immer wieder hier und heute erfahrbar. Gott begegnet uns selbst dort, wo wir das nie erwarten würden. Das bezeugt Benedikt mit überraschenden Insights. So kommt das Wort ‚anbeten‘ nicht etwa in einem der vielen Kapitel über den Gottesdienst vor, sondern im Kapitel über die Aufnahme von Gästen. Es heißt da: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen … Allen Gästen begegne man bei der Begrüssung und beim Abschied in tiefer Demut: man verneige sich, werfe sich ganz zu Boden und bete in ihnen Christus an, der in Wahrheit aufgenommen wird“ (RB 53,1.6–7). Alle sollen zur Beratung zusammengerufen werden, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Sogar hinter den Kritikern sucht der heilige Benedikt Gott. Wenn einer der Gäste eine Kritik anbringt, „erwäge der Abt klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt hat“ (RB 61,4).
Im Menschen, der uns begegnet, will uns Gott begegnen. Mit großer Ehrfurcht sollen sich darum die Mönche begegnen. Dies zeigt sich an vielen Stellen in der Mönchsregel, so zum Beispiel im Kapitel über den Verwalter. Die Mönche sind auf ihn angewiesen. Gerade diese Verantwortung bringt die Versuchung mit sich, die Abhängigkeit der anderen auszunützen. Benedikt weiß um diese Gefahr. Seine Worte an den Verwalter sind auch heute überzeugend: „Die Brüder soll er nicht betrüben. Äussert vielleicht ein Bruder unvernünftige Wünsche, soll er ihn nicht kränken, indem er ihn mit Verachtung abweist, sondern in Demut und unter Angabe der Gründe die ungehörige Bitte abweisen … Wenn er nicht hat, was er einem geben könnte, schenke er ihm wenigstens ein gutes Wort“ (RB 31,6–7.13). Eine solche Haltung ermöglicht und fördert Leben.
Das benediktinische Versprechen des Bleibens (stabilitas) lebt von der Überzeugung, dass Gott dem Menschen dort begegnet, wo er ist, und nicht dort, wo er sein möchte. Darum wird der Alltag, der oft einer Wüste gleicht, zum Ort, an dem Gott in einem Dornbursch erscheint, der brennt und doch nicht verbrennt (vgl. Ex 3,1–15). Weil Gott da ist, stehen wir immer auf heiligem Boden. Von dieser Einsicht ist das Gemeinschaftsleben geprägt: „Sie sollen sich in gegenseitiger Achtung übertreffen, ihre körperlichen oder charakterlichen Schwächen sollen sie mit grosser Geduld ertragen. Im gegenseitigen Gehorsam sollen sie sich überbieten. Keiner soll den eigenen Vorteil suchen, sondern eher den des andern. Die brüderliche Liebe sollen sie einander selbstlos entgegenbringen. Gott sollen sie in Liebe fürchten. In aufrichtiger und demütiger Liebe seien sie ihrem Abt zugetan. Sie sollen gar nichts höher stellen als Christus, der uns alle miteinander zum ewigen Leben führe“ (RB 72,4–12).

Dahinter schauen

Benedikt bleibt nicht an der Oberfläche des Lebens stehen. Dahinter muss etwas sein. Das Tun des Mönchs darf nicht ein leeres Getue sein. Im Gegenteil. Das Denken und das Herz sollen im Einklang mit der Stimme sein (vgl. RB 19,7). Ob der Mönch im Garten ist oder im Oratorium, auf dem Feld oder beim Gottesdienst (vgl. RB 7,63): Gott ist da. Er muss hinter allem Tag für Tag entdeckt werden. Von dieser Haltung Benedikts ließ sich auch die dichtende Benediktinerin Silja Walter anstecken.

Hinter den Wäschekörben
und Antiphonarien
und hinter der
Dogmatik
dahinter,
da ist etwas.
Hinter den Prozessionen
durch den geweisselten
Kreuzgang
und hinter dem Ganzen
dahinter.
(aus: Der Tanz des Gehorsams)

Dahinter muss etwas sein. Mit dieser Haltung besuchen Touristen Kirchen und Klöster. Und genau hier sind sie zusammen mit Nonnen und Mönchen auf dem Weg als Menschen, die das Leben lieben und das Leben in Fülle suchen. Wo diese Einsicht aufgeht, ist der Umgang mit den Menschen anders, die dahinter schauen wollen. Der frühere Limburger Bischof Franz Kamphaus sagte dazu bereits 1989 in einem Interview mit der Herder Korrespondenz: „Da kommen Tausende am Tag. Was machen wir daraus? Wir setzen oft alles Mögliche in Bewegung, dass Men schen in die Kirche kommen. Hier kommen sie in Scharen, und zwar von selbst, und wir kümmern uns kaum um sie. Sicher reicht die Motivation zum Besuch oft nicht sehr tief, aber immerhin, sie kommen … Wir haben hier den schönen Limburger Dom, da kommen im Jahr eine halbe Million Besucher, und ‚wir‘ sind gar nicht da.“
Die Fülle des Lebens findet der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott – nicht erst im Jenseits, sondern auch hier und heute, wenn er in Gottes Gegenwart lebt. Mit dem Psalmisten kann er bekennen: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28). Der gläubige Mensch hat die Augen des Glaubens, mit denen er Gottes Gegenwart erkennt. Er sieht mehr vom Leben – auch wenn er manchmal lange darum ringen muss. Silja Walter ermutigt, gerade auch im Misserfolg dahinterzuschauen:

Ist hinter allen Dingen,
die scheinbar nicht gelingen,
doch EINER, der mich liebt.
(aus: Lied der Armut)

Ein anderer Blick

Ob nicht manche Touristen, über die wir in Sitzungen abschätzig sprechen, in unseren Kirchen und Klöstern immer wieder glaubwürdiger Zeugnis ablegen für die Freude am Leben und für das ehrliche Suchen nach der Wahrheit, als dies abgelöschte Gläubige tun, für die alles Schwerpunktthema 9 9 klar ist? Selbst Atheisten können mit einer suchenden Haltung ohne Eintrittsticket in Kirchen und Klöstern willkommen geheißen werden. Ja, sie gerade besonders. Denn sie tragen wie die Gläubigen die Sehnsucht nach Leben in Fülle im Herzen. Denn „wer die Wahrheit sucht, sucht Gott, ob er es weiß oder nicht“ (hl. Edith Stein).
Höre und du wirst ankommen! Aus dieser benediktinischen Verheißung leben auch heute Nonnen und Mönche. Sie suchen diese Erfahrung jetzt im Alltag für immer und ewig. Die monastische Tradition kann heute neu die Augen der Gläubigen öffnen für Gottes Gegenwart in unserer Zeit, in den Menschen unserer Zeit, in den Geschehnissen.

 

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