Antworten auf eine ProvokationDie Sprache der Kirche

Um es vorwegzunehmen: Ich habe das Buch von Erik Flügge „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ mit Genuss und an vielen Stellen mit Kopfnicken gelesen und mir an einigen Stellen einige Kollegen und Kolleginnen im pastoralen Dienst vorgestelIt, die beim Lesen des Buchs sicherlich keinen Genuss empfinden.

Ich würde das Buch als leicht verdaulich und provokant beschreiben. In seiner Aussage aber wiederholt es sich, ist in seiner Struktur unorganisiert und in seinem Inhalt nur bedingt zielführend, weil zwar provoziert wird, aber nur selten konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht werden.

Gegenthesen

  • Die Kirche ist eine Organisation mit einer ca. 2000-jährigen Tradition. Sie durchlebte und überlebte Kriege, Katastrophen, Revolutionen und Reformen. Sie wird bestimmt nicht an ihrer Sprache „verrecken“. Sie hat es bisher immer wieder verstanden, sich neu zu finden und eine neue Sprache zu entwickeln. Warum sollte das jetzt nicht gelingen? Vielleicht verlaufen diese Entwicklungen nicht ganz so schnell, wie wir es uns manchmal wünschen, aber ein „altes Mädchen“ braucht eben Zeit.
  • Damit Veränderung gelingt, müssen Menschen betroffen sein. Es ist eine hervorgehobene Eigenschaft der Kirche, betroffen zu sein, Betroffenheit zu organisieren und eine Sprache der Betroffenheit zu sprechen. Die Sprache der Lie be, der Barmherzigkeit, der Freude, der Trauer ist Sprache der Betroffenheit, ist Sprache der Kirche. Wenn Taufen, Trauungen, Beerdigungen, caritative Beratungen etc. ohne die Betroffenheit und deren Sprache zelebriert bzw. geführt werden, fehlt ihnen eine entscheidende Eigenschaft. Wenn von einem „Jargon der Betroffenheit“ gesprochen wird, dann impliziert dies eine gelernte und/oder vorgespielte Betroffenheit. Ich fühle mich durch einen „Jargon der Betroffenheit“ persönlich beleidigt. Meine Betroffenheit ist echt und ehrlich. Sicherlich kenne ich Situationen in seelsorgerischen und pastoralen Zusammenhängen, in denen Betroffenheit nur ein Jargon ist. In den allermeisten Fällen sind die Seelsorger, die mir bekannt sind, aber gute Seelsorger und ihre Betroffenheit ist nicht gespielt oder aufgesetzt.
  • Kirche glaubt an und beschäftigt sich mit komplexen Sachverhalten und Themen. Dreifaltigkeit, Auferstehung, Heiligkeit sind nur einige wenige Beispiele dafür. Es ist überaus schwierig über diese Sachverhalte in einer einfachen und nachvollziehbaren Sprache zu sprechen. Jeder kennt die Schwierigkeit, komplizierte Dinge zu erklären. Jede Vereinfachung und Weglassung wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Jede komplexe Erklärung überfordert aber oft den Zu hörer. Ein Dilemma, das nur schwer aufhebbar ist.

Und dennoch: Erik Flügge trifft mit seinem Jargon das „Holzbein“ der Kirche, ihre Sprache, die tatsächlich verkrustet,  abgewetzt und überholt ist und die dringend mehr Klarheit und Verständlichkeit braucht.

Antworten

  • Authentizität und Erfahrung
    Sprache und der Mensch, der spricht, müssen authentisch sein. Das klingt einfach, ist es aber nicht, weil Authentizität von Sprache, Person und Organisation Erfahrung mit dem Thema voraussetzt, über das man spricht.

An dieser Stelle wird wohl die größte Schwäche der kirchlichen Sprache deutlich: Sie spricht über manche Dinge, mit der sie  kei ne oder nur wenig Erfahrung hat. Nehmen wir das Thema „Liebe und Sexualität“. Mit Liebe in Form von Gottesund Nächstenliebe kennt sich Kirche aus, hier besitzt sie anerkannte Kernkompetenz. In Sachen Sexualität ist ihre Kompetenz eher fragwürdig und zweifelhaft.

Ein Beispiel: „Im Gegensatz zur leibfeindlichen Unterdrückung der Sexualität wie auch zu ihrer Übersteigerung in den Kulturen der Alten Welt ist für Israel Sexualität Schöpfung Gottes. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes (vgl. Gen 1,26 f.).“ Inhaltlich mag dieser Absatz seine Richtigkeit haben, aber wer versteht das. Das o. a. Zitat ist der pastoralen Einführung der Bischöfe des deutschen Sprachgebiets zum Trauungssakrament entnommen und soll eine Hilfe zur Vorbereitung der Brautleute sein. Stellen wir uns den Pfarrer vor, der im Brautgespräch über leibfeindliche Unterdrückung und die Sexualität der alten Welt und Israels spricht. Er würde die meisten Brautpaare nicht nur überfordern.
Übersetzen wir den Abschnitt in eine verständliche Sprache: Sexualität ist von Gott geschaffen und gewollt. Sie ist lustvoll, soll aber nicht übertrieben werden. Diese Grundsätze haben eine lange Tradition.
Man mag dieser „Übersetzung“ in eine verständliche Sprache vorwerfen, dass sie den Inhalt des Ursprungssatzes der bischöflichen Einführung verkürzt darstellt. Sie drückt aber verständlich aus, was Kirche in diesem Absatz über Sexualität zu sagen hat. Und diese frohe Botschaft sollten wir einem trauungswilligen Paar – bevor es in den Ehealltag entlassen wird – nicht kryptisch verschweigen.
An dieser Stelle könnten viele Beispiele angeführt und „übersetzt“ werden. Es dürfte aber deutlich sein, was gemeint ist:
Die Sprache der Kirche muss nah bei den Menschen sein, sie darf nicht für eine kleine Elite gesprochen und geschrieben werden. Sie muss über Themen der Zeit authentisch und ehrlich sprechen. Sie braucht sich aber auch nicht anbiedern. Kirche kann sich auf ihre Erfahrung und lange Tradition berufen. Wenn Erfahrungen fehlen, sollte sie sparsam mit dogmatischer Sprache umgehen.

  • Engagement und Botschaft
    Ich habe schon lange keine politische Predigt mehr gehört (außer meiner eigenen). Das, was ich in der Kirche an Predigten oft zu hören bekomme, ist maximal eine Kopie aus perikopen.de mit einem Hauch von Aktualität aus predigten.de. Zugegeben, wenn ich als Ständiger Diakon mit Zivilberuf und Familie keine Zeit habe, mich in die nicht selten komplexe Sprache der biblischen Schrifttexte hineinzudenken, bediene ich mich auch bei den einschlägigen Angeboten. Ich habe aber mindestens den Anspruch einer eigenen Interpretation für die heutige Zeit. Zu den zu denen mir partout keine Ideen kommen, versuche ich wenigstens eine These oder Provokation und fordere dann die Gottesdienstbesucher auf, mit mir darüber zu diskutieren. Dieser manchmal dann entstehende Dialog ist oft sehr fruchtbar.

Kirche und ihre Sprache muss nicht in allen Dingen Deutungshoheit haben. Sie muss aber Engagement aussprechen bzw. zeigen und Botschaft verkünden.

Engagement aussprechen bzw. zeigen heißt, sich einzumischen, nicht in parteipolitisches Geplänkel, aber in viele gesellschaftspolitische Prozesse. Zu vielen Missständen hat die Kirche viel zu sagen. Ich denke dabei an die großen Themen, die uns heute bedrohen, an Kriege, Naturkatastrophen, Verfolgung, Terrorismus, Rechtspopulismus, Migration etc. Ich denke aber auch an Themen, die uns jeden Tag begegnen, wie etwa die örtliche Bürgerinitiative, der Verein, die Nachbarschaft, die Wohngemeinschaft, die Familie. Auch hier ist kirchliche Sprache, sind die Mitglieder der Kirche aufgerufen, sich an den gesellschaftspolitischen Prozessen zu beteiligen, weil die Sprache der Kirche zu diesen Themenfeldern ebenfalls viel zu sagen hat.
Bei diesen Missständen und Themen kann Kirche und ihre Sprache Engagement aussprechen bzw. zeigen, weil sie eine Botschaft verkünden darf. Die Botschaft ist Jesus Christus. Das klingt abgedroschen, ist aber brandaktuell. Ich erinnere daran, dass Jesus die Händler aus dem Tempel geworfen hat. Das wäre doch ein guter Einstieg in eine Predigt über die Machenschaften multinationaler Konzerne. Ich erinnere auch daran, dass Jesus mit den Schriftgelehrten gestritten hat. Auch hier ist der aktuelle Bezug zur technikhörigen Wissenschaft als Zuträger der Rüstungsindustrie durchaus angebracht.
Kirchliche Sprache braucht aktuelle Bezüge. Die Sorge Jesu galt den Armen, Kranken, Verfolgten, Hoffnungslosen, Ungläubigen, Ungeliebten, Sterbenden … Kann es eine aktuellere Botschaft geben?

  • Die Sprache der Barmherzigkeit
    Sprache braucht Barmherzigkeit. Die jeweils sieben leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit drücken genau das aus, was uns als Kirche wichtig sein muss: Wir müssen an den Rand unserer Gesellschaft, wir müssen zu den Hungernden, Dürstenden, Nackten, Fremden, Kranken, Gefangenen, Toten, Unwissenden, Zweifelnden, Betrübten, Sündern, Lästigen, Beleidigern gehen, und wir müssen für sie beten. Wir können mit ihnen eine gemeinsame Sprache finden, die wertschätzend, liebevoll und zärtlich ist. Auch wenn dies nicht immer leicht fällt.
  • Die Sprache des Humors – ein kurzer Aufschrei

Gott sei Dank, die Zeiten, in denen der Pfarrer Monty Python’s„Leben des Brian“ im sonntäglichen Kirchenkino verbieten konnte, sind vorbei. Aber trotzdem werde ich den Verdacht nicht los, dass unserer Kirche der Humor verloren gegangen ist. Wo ist das Osterlachen geblieben, bei dem der Pfarrer zur Freude an die Auferstehung und zur Belustigung des Kirchenvolkes in der Osternachtsmesse einen Witz oder eine Anekdote erzählte. Wo steckt die kirchliche Selbstironie, die bei einigen Geistlichen meiner Jugendtage noch zu finden war. Ich entdecke sie manchmal noch bei den älteren Würdenträgern und einigen hoffnungsvoll Humorvollen.
Ich kann die Sprache des Humors in der Kirche nur empfehlen. Ein guter und passender Witz und das „Über-sich-selbst-lachen-können“ erleichtert das „Aufeinanderzugehen“.

Fazit

  • Ja, kirchliche Sprache braucht Reformen. Aber „Dreifaltigkeit“ lässt sich nicht mal eben schnell bei einem Bier besprechen.
  • Aus kirchlicher Sprache muss Erfahrung und Kompetenz sprechen. Sie muss klar und nachvollziehbar sein. Sie muss authentisch sein, ohne sich anzubiedern.
  • Kirche hat zu vielen großen und kleinen Themen viel zu sagen, weil sie eine traditionsreiche Botschaft zu verkünden hat, die immer noch einen sehr aktuellen Bezug hat. Diesen Bezug gilt es mit großem Engagement immer wieder sprachlich herzustellen, auch wenn sich der eine oder andere dadurch auf die Füße getreten fühlt.
  • Kirchliche Sprache muss barmherzig sein, sie muss an den Rand unserer Gesellschaft gehen und sie muss über sich selbst lachen können.

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