Rezensionen: Theologie & Kirche

Kraus, Georg / Spermann SJ, Johann / Zimmermann SJ, Tobias: Erfüllt leben – ein ignatianisches Fitnessbuch.
Freiburg: Herder 2020. 173 S. Kt. 18,–.

Georg Kraus, Wirtschaftsingenieur (TH Karlsruhe) und Professor für Leadership/Change Management „hat den Anstoß zu diesem Buch gegeben mit seiner Frage: Wie geht das, dass eine Institution 500 Jahre nicht nur überlebt, sondern sich ständig ändert und sich dabei treu bleibt?“ (11). Es geht besonders um die Spannung von Veränderung und Identität in Institutionen und Gemeinschaften. Sicherlich ist es richtig zu sagen, dass in den ignatianischen Exerzitien das Individuum hervortritt: Aber die Autoren machen sehr deutlich, dass dieses Subjekt nicht isoliert lebt, mehr noch: dass die Isolation oder gar Selbstisolation seinem eigenen „erfüllten Leben“ nicht zuträglich ist und damit auch dem Ganzen nicht. Das bedeutet gerade für das Leben in Institutionen und Gemeinschaften, dass die Opfer-Metapher („Ich opfere mich für die Institution/für die Gemeinschaft“) weder für die Person noch für die Institution selbst hilfreich ist.

Die beiden Jesuiten, die auf die Frage von Georg Kraus antworten, sind selbst erfahrene Leiter von großen Institutionen. Sie blicken vor diesem Hintergrund sowohl auf Ignatius als auch auf die Kooperation der ersten Jesuiten beim Aufbau des Ordens. „Wir erlauben uns darum auch, liebevoll und voller Respekt von Iggy zu sprechen, weil wir wissen, dass wir uns den Idealen des Ignatius mit der Brille unseres Vorverständnisses nähern, aber auch, dass die Gründung der Jesuiten und die Entwicklung ihres Gedankengutes eine echte Kooperation von Freunden war“ (11).

Die jeweiligen Kapitel der vier Teile sind nach einem klaren Schema geordnet. 1. „Iggys Beobachtung“ – Erfahrungen aus der Biografie des Ordensgründers und seiner Generation werden dargestellt und reflektiert. Daraus ergibt sich 2. ein Einblick in „Iggys Ziel“:  Durchlebte und durchdachte Erfahrungen, gerade auch die schmerzlichen, tragen eine Frucht, eine Vision in ihrem Schoß. Das gibt der ignatianischen Spiritualität einen Impuls nach vorne hin: „Lass dich nicht hängen, finde eine Aufgabe, die dich erfüllt, und deinen Beitrag für die Gemeinschaft. So wirst Du Teil eines größeren Ganzen und findest Erfüllung“ (173). Zum Ziel führt 3. „Iggys Weg“, praxis-nahe und praxis-relevante Schritte, die 4. in „Iggys Alltagsübungen“ gefunden, überprüft und immer wieder neu bestätigt und/oder weiterentwickelt werden. Rückblickend kommt 5. „Iggy“ mit summarischen Anmerkungen zu Wort.

Um nicht nur im ignatianischen Saft zu schmoren, werden die jeweiligen Kapitel (religions- und kulturübergreifend) mit Zitaten von anderen Autorinnen und Autoren (von Meister Yoda bis Peter Senge, von Sherlock Holmes bis Nelson Mandela) eingeleitet. Wer sich heute auf „Iggy“ bezieht, sucht nicht einfach nur nach dem USP (unique selling point), sondern weiß in aller Demut, dass „manches, was einmal als jesuitisch galt, inzwischen in den gesellschaftlichen Diskurs eingesickert und heute allgemein verbreitet ist“ (10). So wird die Sprache des Buches anschlussfähig für die säkularen Diskurse im Change-Management für Institutionen.

Die Übungsvorschläge sind – neben vielen klugen und originellen Neuinterpretationen der traditionellen Vorgaben – das Herzstück des Buches, offensichtlich gewachsen aus viel eigener Erfahrung und Praxis. Die Übungen müssen nicht in der Reihenfolge ihrer Anordnung gemacht werden. Sie sind auch nicht beschränkt auf Meditationsübungen im engeren Sinne des Wortes, sondern gehen ins Leben hinein. Für Corona- und Populismus-Zeiten, die ja auch Change-Zeiten sind, in denen fast alle Menschen von heftigen Emotionen durchschüttelt werden, sei hier z.B. der Einstieg mit der Übung auf S. 70 empfohlen: „Umgang mit Ärger und anderen starken Emotionen.“

Klaus Mertes SJ

 

Kessler, Hans: Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube.
Ostfildern: Grünewald 2021. 203 S. Gb. 22,–.

Schon 1985 hatte der emeritierte Frankfurter Fundamentaltheologe und Systematiker Hans Kessler sein bekanntes Werk „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten“ herausgegeben. Es erlebte mehrere Neuauflagen und Neubearbeitungen und hat die Forschung nachhaltig bereichert. Wenn der Verf. jetzt nach Jahren das Thema noch einmal aufgreift, leitet ihn dabei nicht nur das fachliche Interesse an einer Einzelfrage, sondern eher die Sorge um den christlichen Glauben insgesamt in einer Zeit der Umbrüche. So geht es jetzt nicht mehr nur um die Auferstehung Jesu, sondern um seine Gestalt insgesamt und seinen Weg vom ersten Auftreten an über sein öffentliches Leben mit zunehmenden Konflikten mit den Autoritäten seines Landes und Volkes bis hin zu seiner Kreuzigung und der neuen Gegenwart unter seinen Jüngern kraft der Auferstehung.

Was hat zum Konflikt Jesu mit den Mächtigen seines Landes heraufgeführt? Nach Kessler ist es Jesu Botschaft von der allumfassenden Liebe Gottes, die niemanden ausschließt. Jesus verkündet diese Botschaft nicht nur, sondern lebt sie auch in seiner Zuwendung zu den Menschen am Rande der Gesellschaft: den Armen, den Zöllnern und Sündern, den Dirnen und den Aussätzigen. Menschen stehen bei ihm über Vorschriften und Gesetzen, und das fordert den Widerspruch und Widerstand der Hüter des Gesetzes heraus, die ihn schließlich als Aufrührer der römischen Besatzungsmacht in die Hände spielen und seinen Kreuzestod verursachen.

Zwischenfrage: „Ist Jesus überhaupt am Kreuz gestorben?“ (55) „Gnostiker und Koran bestreiten die Kreuzigung Jesu“ (ebd.). Nach anderen ging Jesus nach Indien und wurde dort begraben. Alle solche Behauptungen entbehren jeglicher Beweisführung, aber es ist gut, sich ihnen heute zu stellen, zumal sie medial Verbreitung finden.

Den Kern auch des neuen Buches bildet die Frage der Auferstehung Jesu. Wie schon zuvor, unterscheidet Kessler zwischen frühen Osterbekenntnissen und deutlich späteren Ostererzählungen. Die Bekenntnisse reichen in die früheste Zeit des Christentums zurück und beschränken sich darauf, die Tatsache der Auferstehung Jesu festzuhalten. Erst nach dem Jahr 70 schildern die Ostererzählungen der vier kanonischen Evangelien (und einiger nichtkanonischer) die Auferstehung Jesu und seine Erscheinungen in anschaulichen Geschichten. Sie sind „Inszenierungen des Osterbekenntnisses“ (75), unterscheiden sich untereinander deutlich und dürfen nicht wörtlich genommen werden. Auch die Kunde vom leeren Grab Jesu ist in den frühen Bekenntnisformeln nicht bezeugt und kann als erzählerische Ausgestaltung des Osterglaubens angesehen werden. Gerade in jüdischer Sicht ist die Auferweckung eines Toten ohne leeres Grab kaum vorstellbar.

„Wie kam es zur Entstehung des Osterglaubens?“ (109). Manche möchten seine Entstehung einfach aus der Überzeugung der Hörer und Jünger Jesu ableiten, mit Jesu Tod sei es mit der von ihm verkündeten Gottesherrschaft nicht vorbei, sondern sie finge jetzt erst richtig an. So wäre Jesus „ins Kerygma auferstanden“, wie es Rudolf Bultmann zugeschrieben wird. Doch kommt man ohne Ereignisse im frühen Jüngerkreis nicht aus, in denen sich Jesus den Seinen sichtbar zeigte. Ein Herrenbruder Jakobus und ein Paulus zeigen, wie tiefgreifend die Begegnung mit dem Auferstandenen ihr Leben verändern konnte.

Abschließend fragt der Autor, „was Auferstehung heute bedeuten kann?“ (127). Hier holt er weit aus und begründet zunächst den Glauben an Gott, bevor er zum Glauben an die Auferstehung heute überleitet. Dieser bedeutet nicht die Rückkehr Jesu zu seinem verstorbenen Leib, und deswegen muss das Grab auch nicht leer gewesen sein. Jesus besitzt nun einen pneumatischen Leib, und einen solchen verheißt Paulus auch den übrigen Verstorbenen (1 Kor 15,44). So bleibt Jesus seiner Gemeinde nahe. Seine Botschaft von der alles und allen vergebenden Liebe Gottes kann bedeuten, dass es auch in der Sterbestunde Hoffnung für diejenigen geben könnte, die sich von Gott abgewandt hatten. Auferstehung jetzt bedeutet für Kessler eine „Aufsteh-Religion“ (165), auch gegen die widergöttlichen Mächte dieser Welt. So bleibt dies Buch aktuell bis zum Schluss.

Johannes Beutler SJ

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