Rezensionen: Wissenschaft & Bildung

Lob-Hüdepol, Andreas / Scheule, Rupert M. / Schlögl-Flierl, Kerstin (Hgg): Moraltheologie und Universität. Eine Verhältnisbestimmung (Jahrbuch für Moraltheologie 4).
Freiburg: Herder 2020. 252 S. Gb. 40,–.

Nach einem bereits andernorts erschienenen von Eberhard Schockenhoff „Vom Ethos der Moraltheologie“ (in: Jochen Sautermeister: Verantwortung und Integrität heute. Theologische Ethik unter dem Anspruch der Redlichkeit. FS Konrad Hilpert. Freiburg: Herder 2013) sind die folgenden Beiträge der zwölf Autorinnen und Autoren nach drei Themenbereichen angeordnet: 1. Die Moraltheologie an der Universität – der wissenschaftstheoretische Bezug; 2. Moraltheologie für die Universität – der organisationale Bezug; 3. Moraltheologie für die Gesellschaft und in der Gesellschaft – der Öffentlichkeits-Bezug.

Den ersten Themenbereich leiten Sigrid Müller und Martina Besler mit einer „historischen Skizze“ zu „Moraltheologie als universitäre Disziplin“ (33-48) ein. Im 16. Jahrhundert konnte sich die Moraltheologie an den Kathedralschulen und hoch- und spätmittelalterlichen Universitäten als eigenes Fach etablieren. Lehrstühle für Kasuistik, d.h. für Gewissensfälle in der Beichtpraxis, wurden im Nachgang zum Beichtdekret des Trienter Konzils (DH 1679-1683) eingerichtet. Die Nähe zum Kirchenrecht förderte allerdings die Gefahr des Legalismus. Ein systematisches Verständnis der Moraltheologie konnte sich erst durch die Reform theologischer Studien im politischen Rahmen der Monarchien der Aufklärungszeit (Josephinismus u.a.) durchsetzen. Seither galt verstärkt der Anspruch, dass sich die Moraltheologie auch vor dem Forum der Vernunft zu verantworten und Philosophie wie andere Wissenschaften im Hinblick auf moralisch relevante Sachverhalte mit zu berücksichtigen habe.

Die Universität als Ort des interdisziplinären Gesprächs bietet der Moraltheologie die Möglichkeit, ihre Deutung der „Lebenswirklichkeiten“ und deren Gestaltungsperspektiven in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Dieser Thematik geht Jochen Sautermeister in seinem Beitrag (69-82) nach. Die Moraltheologie wird im Gespräch mit anderen Wissenschaften zu einer Klärung ihres eigenen wissenschaftstheoretischen Selbstverständnisses genötigt und zugleich als theologische Wissenschaft angehalten, ohne mit dem Anschein der Besserwisserei darauf zu bestehen, dass Welt und Natur einschließlich des Menschen als Schöpfung Gottes verantwortungsvoll zu gestalten sind. „Die Welt bzw. Natur erscheint … in einem Sinnhorizont, der sie davor bewahrt, zu einer beliebigen Gestaltungs- und Ermächtigungsmaterie für den Menschen zu werden“ (81).

Andreas Lob-Hüdepohl weitet in seinem Beitrag „Politische Ethikberatung als Ort ‚öffentlicher Moraltheologie‘“ (201-217) den Blick über die Universität ins Feld der Politikberatung. Bei bestimmten Fragen können die theologischen Beraterinnen bzw. Berater sowohl in Spannung zu den Vorgaben des kirchlichen Lehramtes wie auch zu der Kritik ihrer säkularen Gesprächspartnerinnen und -partner geraten. Gehör im öffentlichen Raum wird letztlich nur finden, wer seine Positionen mit guten Argumenten zu vertreten weiß. Lob-Hüdepohl zitiert in diesem Zusammenhang Jürgen Habermas als Vertreter der „religiös Unmusikalischen“: „Man muss nicht zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagen, um zu verstehen, was mit einer religiösen Rede gemeint ist“ (217). Übrigens auch die „Unmusikalischen“ argumentieren nicht voraussetzungslos.

Eigens verwiesen sei noch auf den Beitrag „Theologische Ethik und europäische Identitätsbildung“ (236-250), in dem sich Christof Mandry mit Begriff und Problematik einer europäischen Identität auseinandersetzt und sein Verständnis von rechtspopulistischer Identitätspolitik abgrenzt (248). Insgesamt ist die Lektüre dieses Bandes zu empfehlen.

                Josef Schuster SJ

 

Roth, Gerhard: Über den Menschen.
Berlin: Suhrkamp 2021. 359 S. Gb. 26,–.

Der Neurobiologe Gerhard Roth, der durch zahlreiche Publikationen und Vorträge auf sich aufmerksam machte, dürfte nicht nur denjenigen, die sich intensiv mit dem interdisziplinären Feld der Hirnforschung beschäftigen, bekannt sein. In seinem neuesten, in dreizehn Kapitel gegliederten Werk stellt er gebündelt Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte aus dem Bereich der Neurowissenschaften und der empirisch-experimentellen Psychologie zusammen. Die Leitmaxime seiner Ausführungen bildet die Einsicht, dass das Gehirn „ohne jeden Zweifel der Ort des Entstehens von Geist und Psyche“ (333) ist. Geistige Prozesse sind nach Roth unabdingbar an neuronale Prozesse gebunden, die den Gesetzen der makroskopischen Physik unterliegen.

In immer wieder neuen Ansätzen versucht Roth aufzuzeigen, dass „der vermeintlich „wesensmäßige“ Unterschied zwischen Materiellem und Geistigem (…) ein vom Gehirn konstruierter Unterschied ist“ (341). Wichtig ist Roth, zu verdeutlichen, dass das Gehirn nicht nur durch genetische und epigenetische Faktoren beeinflusst wird, sondern die neuronalen Netzwerke bereits vorgeburtlich und insbesondere in den ersten Lebensjahren nach der Geburt durch die primäre und sekundäre soziale Umwelt geprägt werden. Hinsichtlich der freien menschlichen Willensentscheidung greift er den Konsens in der Hirnforschung auf, dass bestimmte Hirnvorgänge die notwendige und hinreichende Bedingung dafür sind, dass der Mensch Willenszustände hat.

Roth stellt sich hierbei gegen die Verklärung des Menschen zum geistig-erhabenen Geschöpf. Stattdessen veranschaulicht er die Eingebundenheit des Menschen in die Sphäre des Natürlichen. Er führt daher auch aus, „dass es in Hinblick auf kognitive Eigenschaften und Verhaltensweisen kein einziges Merkmal gibt, das ausschließlich und ohne deutliche Vorstufen beim Menschen und sonst bei keinem Tier zu finden ist“ (42). Jedoch übersieht Roth, dass die Herausbildung von Religion und Transzendenzbewusstsein ein Spezifikum des Menschen darstellt. Roth geht bedauerlicherweise im Laufe seiner Ausführungen nicht weiter auf die Rolle von Religion und Transzendenz ein.

Begrüßenswert ist sein interdisziplinärer Ansatz. Der Neurobiologe spricht sich gegen einen Neuro-Imperialismus aus und geht in seinem Buch der Frage nach, „wie weit sich eine (…) Brücke zwischen den Neurowissenschaften einschließlich einer empirisch arbeitenden Psychologie und den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften schlagen lässt“ (20). Im weiteren Verlauf spricht er von den „Eigengesetzlichkeiten der unterschiedlichen Betrachtungsebenen“ (20), die es zu respektieren gilt. Jedoch stellt sich hier die Frage, ob Roth nicht doch den interdisziplinären Ansatz aufgibt, indem er einer rein neurowissenschaftlichen Sicht Geltung verschafft.

Insgesamt präsentiert sich das Buch als interessanter und lesenswerter Einblick in aktuelle neurowissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse. Die Sonderrolle des Menschen als „Krone der Schöpfung“ gilt es zukünftig auch von geisteswissenschaftlicher und theologischer Seite kritisch zu hinterfragen, um nicht einer Theologisierung und Ontologisierung der menschlichen Natur Vorschub zu leisten.

                Christian Seitz

  

Randow-Ruddies, Antje: Verlust der alten Eltern. Begleitung von Trauerprozessen bei Erwachsenen.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021. 128 S. Kt. 17,–.

Dass Menschen, die selbst bisweilen schon weit in der zweiten Lebenshälfte angekommen sind, ihre sehr betagten Eltern verlieren und dadurch in eine persönliche Krise geraten, ist ein selten thematisiertes, aber recht häufiges Phänomen. Da wird ein inneres Kind nochmals lebendig, das vielleicht zu wenig Liebe bekommen hat und einen bleibenden, jetzt nicht mehr stillbaren Hunger nach elterlicher Zuwendung erlebt. Da werden unerledigte Konflikte oder nicht aufgearbeitete schmerzliche Erfahrungen neu bewusst. Da kann eine Trauer wegen verschiedener Blockaden kaum gelebt werden. Bisweilen gab es über Jahrzehnte hinweg Beziehungsdefizite zwischen den alt gewordenen Eltern und ihren Kindern, die nie angeschaut werden durften. Manchmal stehen bei der vorherigen oder bei einer noch früheren Generation Kriegserlebnisse oder traumatische Verluste, Gewalt oder Vertreibung im Hintergrund der schwierig gebliebenen Beziehung zu den Kindern.

Antje Randow-Ruddies ist systemische Familientherapeutin; in ihrem Büchlein gibt sie aus langjähriger Praxis und aus vertiefter Reflexion heraus Hilfen vor allem für therapeutische Begleiterinnen und Begleiter solcher Trauerprozesse. Sie beschreibt, wie trauernde Erwachsene ihr verletztes, im Chaos der Gefühle verlorenes „inneres Kind“ ansprechen, wie sie aus dem Gefühl der Verwaisung herausfinden, wie sie lernen, ihren eigenen Tod anzunehmen und auf ihn zuzugehen – sie sind jetzt jene Generation, die als nächste „dran“ ist – und wie sie ihre inneren Ressourcen stärken, ihr eignes Leben leben und neue Autonomie gewinnen können. Die Autorin gibt im letzten Kapitel auch konkrete methodische Hilfe, etwa durch Schreibübungen, Imaginationsübungen, Trauerrituale, Musik. Immer wieder bereichert sie ihre abstrakten Ausführungen durch lebensnahe und berührende Fallbeispiele.

Das Buch ist verständlich und klar geschrieben, auch wenn es bisweilen etwas im Fachjargon steckenbleibt. Es kann auch Seelsorgerinnen und Seelsorgern helfen, obwohl die transzendente, religiöse Dimension konsequent ausgeklammert bleibt – es bereitet aber gut den Boden dafür, dass Lesende die Brücke hierzu selbst schlagen. Auch selbst von Trauer Betroffene, die reflektiert und selbstständig ihren Weg gehen, erhalten wertvolle Anregungen.

                Stefan Kiechle SJ

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