Arme Kirche

Die Kirche sei zu reich, so immer wieder der Vorwurf. Papst Franziskus verkörpert eine arme Kirche und spricht häufig davon. Kann und soll Kirche arm sein? Wie kann sie ärmer werden im reichen Land? Stefan Kiechle SJ ist Chefredakteur dieser Zeitschrift und Beauftragter der Jesuiten für ignatianische Spiritualität.

Immer wieder predigt der Papst aus Argentinien eine arme Kirche – sein Anliegen und seine Forderung sind verwurzelt in den Nöten Lateinamerikas, haben aber schon vorher eine lange und bedeutende Tradition. Diese beginnt in der Bibel und zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Heute ist das Thema weltweit aktueller, als das in unseren Breiten wahrgenommen wird. Was bedeutet „arm“ im Kontext von Glauben und Religion? Warum soll die Kirche arm sein – ist sie doch auch Institution, ganz irdisch. Benötigt sie als solche nicht Geld, um Gutes zu tun? Warum machen finanzielle Missstände der Kirche öffentlich solchen Skandal? Was bedeutet das Armutsgelübde der Ordensleute? Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche, insbesondere die wohlhabende deutsche Kirche, in Bezug auf diesen Anspruch?

„Armut“ ist ein in Politik und Wissenschaft heftig umkämpfter Begriff. Wie und nach welchen Kriterien ist Armut zu definieren? Jede Begrifflichkeit wird schnell politisch vereinnahmt: Konservative Strategen behaupten, nur in der „Dritten Welt“, nicht jedoch in einem reichen Land wie Deutschland gebe es Armut; linke Analytiker beschreiben viel Armut auch bei uns und fordern stärkeres staatliches Eingreifen, mit einem deutlichen Transfer von Reich zu Arm. Ein gewisser Konsens besteht darin zu sagen, dass arm ist, wer seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann; damit sind vor allem leibliche Bedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnung, Gesundheitsvorsorge gemeint. Armut ist daher Mangel, Not; wer in Armut lebt, wird vermehrt von Krankheit und frühem Tod bedroht.

Die Soziologie unterscheidet absolute und relative Armut:1 Den absolut Armen fehlt das physische Existenzminimum. Wie ist dieses zu definieren? Unter anderem spielen Klima und Kultur des Landes eine Rolle. Indigene im Amazonas-Urwald brauchen, um zu existieren, anderes und vermutlich weniger als durchschnittliche Mitteleuropäer – die Kriterien für absolute Armut sind daher festzulegen. Relative Armut hingegen wird durch die sozio-ökonomischen Verhältnisse des jeweiligen Landes hervorgebracht: Relativ arm ist, wer über einen Lebensstandard verfügt, der in einem prozentual festgelegten Maß unter dem durchschnittlichen Lebensstandard des Landes liegt, und sich daher „nicht in ausreichendem Maß am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann“2. Relative Armut führt zu sozialer Ausgrenzung und zu geringer Teilhabemöglichkeit, sie bedroht daher auch den sozialen Frieden und die demokratische Kultur eines Landes.

Christoph Butterwegge beschreibt Armut als „ein mehrdimensionales Phänomen, das ökonomische (monetäre), soziale und kulturelle Aspekte umfasst. Heute in einem reichen Land wie der Bundesrepublik arm zu sein, bedeutet vor allem“3: Mittellosigkeit, also zu wenig Geld zu haben; dauerhaft der als für ein „normales“ Leben als notwendig erachteten Güter zu entbehren; in Lebensbereichen wie Sport, Wohnen, Freizeit benachteiligt zu sein; von guter Bildung und sozialen Netzwerken ausgeschlossen zu sein; unter vermehrten Existenzrisiken und verminderter Gesundheit und Lebenserwartung zu leiden; gesellschaftlich wenig wertgeschätzt zu sein und oft auch wenig Selbstbewusstsein zu entwickeln; in Wirtschaft, Politik und Medien wenig Einfluss zu haben. Auch wenn absolute Armut bei uns selten geworden ist, gibt es relative Armut häufig – beschämend häufig.

Meint der Papst diese „soziologische“ Armut? Sollen die Kirche und konkret die Christen Not leiden, zu wenig gesellschaftlich partizipieren und in diesem Sinn arm sein oder arm werden? Wohl eher nicht. Was wäre ein für die Kirche passender und insofern auch theologisch-spiritueller Armutsbegriff?

Armut in der Bibel

In Gebetsform drückt das Buch der Sprichwörter die Haltung des Alten Testaments zur Armut aus: „Gib mir weder Armut noch Reichtum. Nähre mich mit dem Brot, das mir nötig ist, damit ich nicht, satt geworden, Dich verleugne und sage: Wer ist denn dieser Herr?, damit ich nicht als Armer zum Dieb werde und mich am Namen meines Gottes vergreife“ (Spr. 30,8 f.). Gott wirkt Armut und Reichtum; beide sind in sich nicht gut oder schlecht, können aber zu schlechtem Handeln verführen. Daher bittet man um die rechte Mitte, um leichter ethisch gut leben zu können. Nach dem AT will Gott Armut – im Sinne von Not – überwinden: Er erbarmt sich der Armen, kümmert sich um sie und rettet sie (Ps 72,12-15; Ijob 5,15 u.a.). Das Gesetz Gottes will Armut lindern (Dtn. 15,7-8). Müßiggang und Genusssucht können Ursache der Armut sein; so v.a. die Weisheitsliteratur, nach der das Ergehen des Menschen aus seinem Tun folgt. Sonst sind im AT freilich vor allem die Mächtigen, die Reichen und die Gewalthaber schuld an der Armut, weil sie Menschen ausbeuten, unterdrücken und demütigen. Propheten wie Amos und Jesaja klagen immer wieder heftig gegen Ungerechtigkeit, gegen soziale Ausgrenzung und daraus folgend gegen die Armut des Volkes. – Nach dem AT ist der Wohlhabende zunächst gesegnet von Gott, der ihm die Fülle der Gaben schenkt; sodann warnt es ihn vor unrechtmäßiger Aneignung der Gaben und vor ihrem Missbrauch und der damit verbundenen Macht. Gott will den Notleidenden und damit Todbedrohten retten und ihm aufhelfen, er will Armut überwinden und soziale Gerechtigkeit schaffen. Eine freiwillig übernommene Armut kennt das AT nicht.

Nach dem babylonischen Exil verändert sich der Armutsbegriff: Armut ist auch Demut und Ergebenheit Gott gegenüber; die Armen sind die Frommen und Gottesfürchtigen, von Gott besonders geliebt und gefördert – können nur Arme wirklich fromm sein? Im Neuen Testament werden die Armen von Gott erhöht (vgl. das Magnificat Lk 1,46-55). Jesus preist die „Armen im Geist“ selig: Sie sind jene, die ganz auf Gott vertrauen (Mt 5,3; 6,25 ff.). In der Synagoge seiner Heimatstadt sieht Jesus die wichtigste Aufgabe seines Messias-Amtes mit Bezug auf Jesaja darin, dass er den Armen das Evangelium bringt, die Gefangenen befreit und die Zerschlagenen aufrichtet (Lk 4,18 f.). Jesus wird noch deutlicher: Reichtum ist ein Hindernis für das Gottesreich (Lk 14,28-33; 18,18-27); die zur Verkündigung ausgesandten Jünger sollen arm sein und von dem leben, was man ihnen schenkt (Lk 10,1-12); der reiche Prasser, der dem armen Lazarus von seinem Tisch nichts abgibt, wird verworfen werden (Lk 16,19-31). Der Apostel Paulus lebt selbst bescheiden und sammelt in reichen Gemeinden Geld für die Armen in Jerusalem. In einigen Gemeinden teilen die Christen ihre Besitztümer und leben Gütergemeinschaft (Apg 2,44 f.). – Das NT beklagt die als Not verstandene Armut und will sie überwinden auf die Gerechtigkeit und Fülle des Reiches Gottes hin. Es kritisiert den Reichtum, der auf Kosten der Armen genießt und vom Gottesreich wegführt. Es kennt die freiwillige, um des Gottesreiches willen übernommene Armut.

Die Bibel kennt die Armut als existentielle Not, sie kritisiert sie und will sie überwinden. Gott will, dass alle Menschen in Gerechtigkeit und Frieden leben und am Ende, in seinem Reich, die Armut überwunden ist. Reichtum, wo er andere beraubt oder von Gott wegführt, wird ausdrücklich verworfen. Die Armen stehen Gott näher, weil sie – wenn sie Gott fürchten – weniger durch Reichtum von ihrer Ausrichtung auf Gott abgelenkt werden und weil Gott sie besonders liebt und fördert. Einige Christen leben freiwillig arm, individuell oder als Gemeinden, und sie sehen diese Lebensweise als Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes; diese Armut ist keine Not, sondern Bescheidenheit im Lebensstil, Gütergemeinschaft, Gottvertrauen. Damit wird der soziologische Armutsbegriff in der Bibel auch zu einem theologischen – er hat einen direkten Bezug zu Gottes Willen und zu Gottes Reich.

Die Christen und die Armen

In der heidnischen Antike4 wurden die Armen vielfach verachtet, gedemütigt und ausgebeutet, man ließ sie zugrunde gehen, ohne Sorge oder Rücksicht. Insbesondere die Sklaven waren arm, insofern sie nicht nur keinen Besitz hatten, sondern auch sich selbst nicht gehörten. Sie waren Besitztum ihrer Herren und wurden bisweilen wie Arbeitstiere behandelt und sexuell ausgebeutet, sie wurden gekauft und verkauft wie Waren. Sklaven, die aufbegehrten, wurden oft grausam gefoltert, gepfählt, ermordet.

Die frühen Christen waren sogleich auffällig anders: Sie behandelten ihre Sklaven gut, sie kümmerten sich um Arme etwa mit Armenspeisungen, sie nahmen Bedürftige in die Gemeinden auf und teilten ihre Güter mit ihnen.5 Diese Andersheit machte Sensation und lockte die Menschen an. Weil „in Christus alle eins“ sein sollten (Gal 3,28), wurden in den Gemeinden Freie und Sklaven, Männer und Frauen – auch diese stark benachteiligt –, Juden und Heiden – auch hier gab es gegenseitige Diskriminierung – als vor Gott Gleiche behandelt. Freilich wurde die soziale Ordnung, in der die Sklaverei fest verankert war, nicht grundsätzlich infrage gestellt – das kam erst viele Jahrhunderte später. Und doch wirkten die Christen innerhalb der irdischen sozialen Verfasstheit nach Möglichkeit auf eine gerechtere Verteilung von Gütern und Chancen hin.

Nach der Konstantinischen Wende des 4. Jahrhunderts, als die Kirche staatlich anerkannt wurde und immer mehr Förderung erhielt, wurde sie nach und nach reicher. Im Mittelalter bildete sie in ihren Strukturen die Feudalordnung der profanen Gesellschaft ab, mit aller krassen Diskrepanz zwischen Reichen und Armen: Der hohe Klerus stammte aus dem hohen Adel und lebte sein luxuriöses Leben weiter; der niedere Klerus darbte mit dem Volk. Ab etwa dem 12. Jahrhundert stemmten sich verschiedene Armutsbewegungen gegen diesen Verrat an biblischen und frühchristlichen Idealen. Einige radikale Armutsströmungen wollten die verfasste Kirche stürzen; sie wurden teilweise blutig unterdrückt oder in die Heterodoxie abgedrängt. Andere wie die neu entstehenden Bettelorden wollten in der Kirche bleiben und diese von innen her nach ihren Armutsidealen reformieren. Der Kampf um eine arme Kirche dauerte Jahrhunderte und wurde eigentlich nie beendet. Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, orientierte sich am Ausgang des Mittelalters an den strengen franziskanischen Armutsvorstellungen; nach ihm sollten die Jesuiten persönlich von Almosen leben und „die Armut wie eine Mutter lieben“6.

Die Kirche und das Geld

Heute unbestritten, braucht die Kirche materielle Ressourcen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Nur mit Geld kann sie qualifiziert Verkündigung, Seelsorge und auch Hilfe für die Armen betreiben, nur mit guter Finanzierung gelingen soziale und wissenschaftliche Institutionen, die auf die Gesellschaft einwirken können mit dem Ziel größerer sozialer Gerechtigkeit. Auch die Ordensgemeinschaften sind meist finanziell so ausgestattet, dass sie ohne materielle Not leben und arbeiten können. Wie geht das mit den biblischen Vorgaben zusammen? Wie kann die Kirche den Versuchungen des Reichtums entkommen?

Wenn ein Kardinal Becciu sich mit Immobilien in London verzockt und Millionen aus dem Vermögen des Heiligen Stuhls verschleudert, macht dies weltweit Skandal. Wenn ein Bischof Tebartz-van Elst sich sein Limburger Bischofshaus luxuriös einrichtet und die Finanzierung unter Umgehung der vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren durchzieht, frustriert dies viele Katholiken und treibt sie aus der Kirche hinaus. Vermutlich gibt es unter der Decke der hochkomplexen Kirchenfinanzen noch viel mehr Missstände und Korruption, die, wenn sie öffentlich werden, die Kirche in eine ähnlich große Krise stürzen werden wie der Missbrauchsskandal. Ist allerdings die Öffentlichkeit bei der Kirche besonders streng und moralisierend? Ja und zu Recht, denn man misst die Kirche an ihrem biblisch verankerten ethischen Anspruch: Nach diesem soll sie mit Geld anders umgehen als die von ihr schnell für korrupt erklärte „Welt“, und sie soll ihr Vermögen für die Armen einsetzen und für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Diesen Anspruch erhebt sie selbst an sich und muss sich daher an ihm messen lassen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht und fällt mit ihrer verwirklichten Ethik und daher auch mit ihrer finanziellen Praxis. In einer monarchisch-patriarchalisch verfassten Kirche – warum soll diese Verfassung eigentlich für immer die gottgewollte sein? – gibt es bis heute sehr viel „familiären“, also im guten Sinn freundschaftlichen und großzügigen, aber eben daher auch intransparenten und korruptionsanfälligen Umgang mit Geld.

Beispiel der Ordensleute

Ordensleute legen neben den Gelübden der Keuschheit und des Gehorsams ein Gelübde der Armut ab. Arm im soziologischen Sinn materieller Not leben sie allerdings definitiv nicht – oft im Gegenteil, denn sie sind besser versorgt und abgesichert als viele Arme, besonders als jene in armen Ländern. Übrigens ist für manche Ordenskandidaten, die aus armen Verhältnissen stammen, das Entkommen aus der Armut sogar ein Eintrittsmotiv, denn im Orden bekommen sie Unterhalt und Bildung, sie steigen dadurch sozial auf und können in gehobenen Berufen sinnvoll für andere arbeiten. Steht dieses Eintrittsmotiv im Widerspruch zum Armutsgelübde und ist damit inakzeptabel?

Die „Armut“ dieses Gelübdes ist allerdings nicht im soziologischen Sinn zu verstehen, sonst würde die Realität des Ordenslebens die wirklich Armen desavouieren. Vielmehr ist sie im angedeuteten theologischen Sinn gemeint: Zum einen bezeichnet „Armut“ einen bescheidenen Lebensstil, allerdings ohne materielle Sorgen und mit der Chance zu Bildung und Professionalität; zum anderen meint sie Gütergemeinschaft, also Verzicht auf persönlichen Besitz und damit Solidarität und Gerechtigkeit innerhalb der Gemeinschaft der Ordensleute. Vier Ziele hat das Armutsgelübde:

  • Es dient der persönlichen Aszese der Ordensleute, d.h. es hilft ihnen, den Versuchungen des Reichtums zu widerstehen und durch eine gewisse materielle Unerfülltheit die Seele zu öffnen für Beziehung und Vertrauen, zu Gott und zu den Menschen.
  • Es drückt Solidarität und Nähe zu den Armen und Notleidenden dieser Welt aus.
  • Es ist ein kleiner, aber doch sichtbarer Beitrag, durch Verzicht auf Luxus und durch Teilen von Gütern mehr Gerechtigkeit zu schaffen.
  • Arme Ordensleute bieten Seelsorge7 und Sakramente gratis, also gebührenfrei, an – damit eröffnen sie Armen den Zugang zu diesen Gnadengaben, und sie zeigen allen Menschen symbolisch die Gratuität der Gnade Gottes.8

Arm leben Ordensleute daher nicht um der Armut willen, sondern weil sie durch diese Lebensweise spirituelle Hilfe für sich und für andere erhoffen und weil diese Lebensweise ansatzweise Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens symbolisieren und verwirklichen will.

Ignatius von Loyola kennt eine kleine, aber wichtige Unterscheidung zur Ordensarmut: „Geistliche Armut“ meint, dass man innerlich frei ist vom Anhängen an materielle oder andere Güter; „aktuale Armut“ meint, dass man wirklich keine oder nur wenige Güter besitzt.9 Ordensleute geloben zwar vor allem geistliche, also „theologische“ Armut, aber die Erfahrung lehrt, dass man ohne ein gewisses Maß an aktualer, also „soziologischer“ Armut nicht geistlich arm werden kann. Darin das rechte Maß zu finden, ist für alle Ordensleute bleibend herausfordernd.

Nun ist diese Armut mit ihren Zielen ja nicht nur Aufgabe und Lebensform exklusiv der Ordensleute, sondern sie steht der ganzen Kirche an – von den vielen biblischen Zeugnissen dafür ist das stärkste wohl jene Erzählung, in der Jesus den reichen Mann, der ihm nachfolgen will, auffordert, alles zu verkaufen, das Geld den Armen zu geben und ihm danach zu folgen (Lk 18,18-27). Alle Christen und die ganze Kirche sollen mit ihrer Lebens- und Arbeitsweise privat und öffentlich auf das Reich Gottes hin arm sein – Armut hier wiederum nicht als Not und Mangel verstanden, sondern als innere Freiheit, als gelebte Solidarität und Gerechtigkeit und als Zeichen für das anbrechende Reich Gottes. Papst Franziskus wird mit seinem Anliegen der „armen Kirche“ diese Existenzweise meinen.

Arme Kirche

Wie kann in unserem reichen Land die reiche Kirche zu einer in diesem Sinn auch armen Kirche werden? Die persönliche Umkehr ist Einstieg und Basis dafür – Papst Franziskus mahnt sie immer wieder an. Viele Christen und auch viele hauptamtliche Kirchenvertreter verhalten sich im persönlichen Lebensstil vorbildlich – andere tun dies weniger. Dabei darf niemand seinen privaten Lebensstil vom Stil der Institution Kirche abtrennen und sagen, er unterstütze eine institutionell arme Kirche, hingegen gehe sein Privatleben niemanden etwas an. Vielmehr geben der Christ und die Christin Zeugnis mit ihrem ganzen, d.h. auch mit ihrem „privaten“ Leben, sowohl innerhalb der Institution Kirche wie „nach draußen“. Die Trennung der Sektoren Privat und Öffentlich wurde sozial und rechtlich erst spät, im bürgerlichen 19. Jahrhundert, realisiert; selbstverständlich hat sie ihren Sinn und Zweck, ist jedoch nicht einfachhin und in allem auf die christliche Existenz übertragbar. Heute schauen die Menschen sehr genau, welche Christen authentisch nach dem Evangelium leben, zu dem sie sich bekennen und das sie durch ihr Leben oder auch durch ihren Dienst verkünden wollen. Unauthentisch ist man unglaubwürdig: Sehr schnell wenden sich die Menschen ab und erklären ihren Kirchenaustritt – und machen damit immerhin die Kirche ärmer.

Was kann, neben dem persönlichen Zeugnis der Christen, der Institution Kirche helfen, ärmer zu werden? Aus eher spiritueller Perspektive hierzu einige Reflexionen, die selbstverständlich von Finanzfachleuten zu bedenken und zu konkretisieren sind:

Kirchliche Verwaltungen blähen sich immer mehr auf und werden deutlich teurer. Ursachen dafür sind, dass sie genauer und professioneller arbeiten müssen – auch um Korruption zu vermeiden –, dass sie immer aufwendigeren, oft staatlich vorgegebenen Verwaltungsvorschriften genügen müssen und dass die dafür benötigte größere Anzahl gut bezahlter Fachkräfte mehr Geld kostet. Ist das ein unvermeidbares Schicksal? Kann die Kirche nicht einfach weniger verwalten: etwa von den riesigen Immobilienparks vieles abstoßen – und das Geld den Armen geben –, dadurch freier werden und in der Folge außerdem das Verwaltungspersonal vermindern, das ja ab einer gewissen Größe der Institution in hohem Maß sich selbst verwaltet? Man schaue nach Frankreich: Eine sehr viel ärmere Kirche hat weniger zu verwalten, also gibt es keine Ordinariate – nicht mal ein Wort dafür gibt es im Französischen – und also keine Kosten dafür. Selbstverständlich ist die Kehrseite zu sehen: Wo die Kirche institutionell schwächer ist, hat sie weniger Präsenz und weniger Prägekraft in die säkulare Gesellschaft hinein. Allerdings verliert eine auch bei uns zur Minderheit werdende Kirche in jedem Fall an Einfluss und wird auch darin ärmer – wie findet sie die angemessene, zwar arme und bescheidene, aber dennoch wirksame institutionelle Gestalt?

Wird Geld immer richtig eingesetzt? Etwa für die extrem teure Sanierung kaum genutzter maroder Vorstadtkirchen oder Gemeinderäume – während brummende Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Exerzitienhäuser geschlossen werden? Für reichlich luxuriöse Tagungshäuser – muss man den Standards der Welt in allem folgen? Die Zahl der Priester hat abgenommen und nimmt weiter ab, und auch das pastorale Laienpersonal wird bald weniger: Die dafür eingesetzten Personalkosten reduzieren sich bereits enorm – wo bleiben diese Gelder? Wird Personal richtig, nämlich vor allem für Seelsorge, für Bildung, für soziale Hilfe eingesetzt? Kriterium für Finanzeinsatz sollte die größere geistliche Frucht für das Reich Gottes sein, und dieses ist Glaube, Hoffnung und Liebe, Gerechtigkeit und Frieden.

  • Die aus der Befreiungstheologie stammende Forderung nach einer „Option für die Armen“ sollte auf mehreren Ebenen stärker zur Richtschnur im Umgang mit materiellen Gütern werden:
  • Eine arme Kirche wird wie die Armen empfänglicher sein für Gott und seine Gaben, sie wird auch mehr die Armen sehen und enger mit ihnen leben.
  • Reiche teilen ihre Güter mit Armen – die reiche deutsche Kirche sollte nicht aus Angst vor Verarmung ihre bisher große Solidarität mit den armen Kirchen der „Dritten Welt“ vermindern.
  • Soziale Probleme und soziale Praxis müssen von der Kirche auf hohem Niveau reflektiert und in ihre Bildungsarbeit implementiert werden – in akademischen und schulischen Institutionen sollen soziale Themen ihren oft wenig wertgeschätzten Platz behalten und verbessern.
  • Kirche soll Advocacy für Arme machen und nationale und internationale Politik beeinflussen, auch in Interventionen und mit Maßnahmen, die konservative oder wirtschaftsliberale oder einfach mächtige Kreise als utopisch oder als „links“ abstempeln und bekämpfen.
  • Dabei soll die Kirche – nach Papst Franziskus – ökologische und soziale Probleme zusammen reflektieren und bearbeiten, denn die Armen sind die ersten Opfer der ökologischen Krisen; die Reichen mit ihren technischen Abfederungen und – leider oft – mit ihrem Zynismus können es sich eher leisten, diese Krisen zu ignorieren.
  • Kirche soll nie aufhören, direkt Armen zu helfen, insbesondere jenen, die aus staatlichen oder anderen Hilfesystemen herausfallen: Menschen auf der Flucht oder in Illegalität, Menschen auf der Straße, kranke Menschen, Arbeitssklavinnen und -sklaven, Kriegsopfer…

„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“10. In diesem bekannten Zitat erinnert Papst Franziskus nochmals an die Motive für Reichtum: Man verschließt sich vor den Menschen, wohl aus Angst, mit der Armut anderer beschämend konfrontiert zu werden, man ist einfach nur bequem, und man klammert sich an Sicherheiten. Eine arme Kirche ist zum einen weniger schön, eben „verbeult“ – der Ästhetizismus der Reichen ist kein Eintrittsportal ins Reich Gottes; zum anderen wird die arme Kirche unsicher – daher lernt sie, mehr zu vertrauen auf den barmherzigen Gott, den sie verkündet. Eine arme Kirche ist biblischer, und sie lebt mehr den Auftrag, den Gott selbst ihr gegeben hat.

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