Rezensionen: Kunst & Kultur

Gärtner, Claudia / Gärtner, Stefan: Was die Stunde schlägt. Eine ästhetisch-theologische Zeitansage mit Kunst. Ostfildern: Grünewald 2020. 127 S. Kt. 22,–.

Das Buch versucht, einige zeitgenössische und auch einige wenige klassische Kunstwerke auf ihre Aussagen und ihren Bezug zur Zeit abzuklopfen. Die Werke dienen gleichsam als Kompass zur Suche nach der Zeit. Nach einer Einleitung gliedern sich die Beiträge in drei Gruppen: zur Vergangenheit, zur Gegenwart und zur Zukunft. Beispielsweise beschäftigt sich der Abschnitt „Vergangenheit als Konstrukt“ mit einem Gemälde der Gregorsmesse und mit dem ikonenhaften Foto des Kniefalls von Bundeskanzler Brandt in Warschau 1970; oder „Verklärung der zyklischen Zeit“ mit Millets „Beim Angelusläuten“ und mit dessen späterer Rezeption; oder „Beschleunigung“ mit Boccionis „Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum“ und mit Tinguelys „Hannibal II“. Viele der ausgewählten Kunstwerke sind experimentell, einige sind Installationen oder Videos.

Die Texte wollen heutiges Zeitempfinden ins Wort bringen und damit Kunst deuten – und umgekehrt von der Kunst her Zeiterfahrung buchstabieren. Diese Erfahrungen sind etwa der monotone Zeitablauf der Moderne, die Be- und Entschleunigung, die virtuellen Welten und ihre Zeiten, die verlorenen Vergangenheiten und Zukünfte. Kunstwerke bringen vieles davon zur Anschauung, oft auch mit transzendenten oder religiösen Bezügen. Bisweilen werden alte und neue Kunstwerke in Parallele gesetzt – Leserinnen und Leser erhalten überraschende und ungewohnte Einsichten, und sie entdecken Kunstwerke, zu denen die alltägliche bürgerliche Lebensform kaum Zugang gibt.

Die Auswahl der Kunstwerke wirkt bisweilen etwas assoziativ, besonders die der wenigen alten Kunst. Die Sprache der Texte ist oft eher abstrakt-substantivisch und erfüllt nicht immer den literarischen Anspruch, den man an eine Auseinandersetzung mit Kunst stellen würde. Die Phänomenologie heutigen Zeiterlebens und die Deutungen zum Zeitgeist sind teilweise etwas einfach, und der philosophisch-theologische Bezug zur Kunst wirkt manchmal konstruiert. Und doch: Wer dürfte bei einer so anspruchsvollen Wanderung zwischen so extrem verschiedenen Welten zu schnell urteilen?

Stefan Kiechle SJ

 

Heinrich Mussinghoff: Gott ist der Gott und Vater aller Menschen. Zur interkulturellen Begegnung mit Muslimen. Aachen: Einhard 2019. 112 S. Kt. 14,80.

Die Kalligrafie ist eine orientalische Kunst mit religiösen Ursprüngen. Der Band des langjährigen Aachener Bischofs Heinrich Mussinghoff zeigt das auf schönste Weise mit Kalligrafien des aus Pakistan stammenden und seit mehr als 50 Jahren in Aachen lebenden Künstlers Shahid Alam sowie mit Beiträgen über die Begegnung der Religionen und die Schönheit der „Gottespoesie“.

Was haben die Religionen davon, wenn sie gegenseitig ihre Schönheiten wahrnehmen, und was kann man aus einer ästhetischen Betrachtung der abrahamitischen Weltreligionen lernen? Zunächst ist es ein „ungläubiges Staunen“ (Navid Kermani), das einen angesichts der arabischen Schriftzüge und Farbpracht der mit Öl und Tusche gezeichneten Kalligrafien einnimmt. „Gott ist schön und liebt die Schönheit“: So zitiert Heinrich Mussinghoff eingangs einen Ausspruch des Propheten Mohammed. Die Schönheit Allahs liegt in seiner Schöpfung, die er seinem Boten Mohammed geoffenbart hat, und diese Schöpfungsschönheit wird im Koran zur Offenbarungsschönheit.

Die „Schönschrift Gottes“ trägt das interreligiöse Gespräch umso mehr, je genauer man sie ansieht. Heinrich Mussinghoff vollzieht diese Betrachtung in Predigt, Meditation, in einem englischen Statement (beim Kölner Weltjugendtag 2005), in Vorlesung und Buchbesprechung sowie zwei Ansprachen von Papst Johannes Paul II. (von 1985 und von 1999), also in durchwegs verschiedenen Genres, deren roter Faden der Friedens- und Toleranzgedanke ist. „Gott ist der Gott und Vater aller Menschen“: Dieser titelgebende Gedanke aus einer Predigt von Heinrich Mussinghoff (2003) wird im Geiste gegenseitiger Empathie und respektvoller Sympathie entwickelt. Wenn die Christen ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen, die Muslime gut ein Fünftel und die Juden knapp 0,3 Prozent (Stand 2009), dann bedarf es bei allen konfessionellen Unterschieden – im Christentum betrifft das besonders die Christologie und die Trinitätslehre – eines gemeinsamen „Weltethos“ (Hans Küng), das aus den Weltreligionen ein „Minimum“ an „verbindenden Werten“ ermittelt: Diese Vision unterstützt Mussinghoff ausdrücklich mit Shaikh Abdullah bin Muhammad al Salmis Überlegungen zur Religiösen Toleranz (2016).

Das Buch von Heinrich Mussinghoff schlägt Brücken zwischen Christentum und Islam: In der „Schönschrift Gottes“ kann man die Bedeutung der Religion als lebendiger Gegenwart erkennen; die koranische Kalligrafie kann so auch zur biblischen werden. Ohne Kniefall vor Dogmen, frei von Floskeln, vielleicht etwas zu bunt zusammengestellt, plädiert Heinrich Mussinghoff für eine freundschaftliche Begegnung der Kulturen, wie sie in der im Buch abgebildeten Ikone mit der Darstellung des Heiligen Franziskus im Gespräch mit dem Sultan Al-Kamil (aus dem Jahre 1219) festgehalten ist. Diese Meditationen über Christentum und Islam halten zum Glauben an, und zwar im Wortsinn: Es sind wunderbare Lesezeichen für einen Dialog mit dem Islam. Politisch aktuell sind sie in einer ihrer Grenzen nachsinnenden europäischen Willkommenskultur allemal.                

                Michael Braun

 

Lewitscharoff, Sibylle: Von oben. Roman. Berlin: Suhrkamp 2019. Gb. 240 S. 24,–.

Ein sehr merkwürdiges Buch, das alle Erwartungen an einen Roman ad absurdum führt: Ein gewesener Philosophie-Professor betrachtet – ohne die gewohnten Grenzen der Wahrnehmung – gleichsam körperlos Berlin von oben. Dabei erinnert er sich an Episoden seines früheren Lebens und spekuliert über subjektive Lektüre-Deutungen von Kafka, Heidegger und Dante. Immer wieder verschwimmt die Perspektive und das Nicht-Ich taucht an anderer Stelle zu anderer Tageszeit in anderer Situation wieder auf.

Wer eine durchgehende Handlung erwartet, wird enttäuscht. Im Grunde handelt es sich um die von Schauplätzen und Erinnerungen angeregten Monologe eines körperlosen Geistes, der sich seiner Isolierung und Kontaktunfähigkeit immer wieder schmerzlich bewusst wird. Dennoch fasziniert der Stil, dessen sprachspielerische Ironie, Wortschöpfungen (gekrachfaxelt,149) und versteckte Anspielungen (103, 134 u.ö.) ein ganz eigenes Lesevergnügen ermöglichen. Allein wegen der Lyrikzitate (38, 72, 86f, 135 f., 145 f., 156, 183) und der literarischen Anspielungen gewinnt die Lektüre den Reiz einer kreativen Herausforderung oder wandelt sich zum literarischen Quiz. Immer wieder überraschen Alliterationen.

Ganz nebenbei erfährt man das Alter, das der Professor bis zu seinem Tod erreicht hat (157) und ganz zum Schluss hört das Nicht-Ich eine gewaltige Stimme dreimal seinen Namen rufen (236), bevor eine Andeutung auf die Todesart erfolgt (237), die bereits eine Vorausdeutung erfahren hat. Merkwürdig, dass die Stimme schon zweimal gerufen hat, ohne dass das Nicht-Ich versteht, was sie sagt (132, 150).

Als zentral erscheint die Szene, in der der Professoren-Geist aus einem Gespräch ehrliches Feedback erfährt (100 ff.). Solche einschneidenden Szenen leitet der unfreiwillige Zeuge durch einen typisch schwäbischen Kraftausdruck ein: Heilandzack (100, 150). Rätselhaft wirken die Piktogramme (232 ff.), die ein Assoziations-Gestammel zur Verteidigung(?) begleiten.

Ein anspruchsvolles, spirituelles, religiöses Buch, das existentielle Zweifel und Fragen aufnimmt und an eigene Glaubensüberzeugungen anknüpft, ja solche provoziert – auf jeden Fall Auseinandersetzung mit dem Nicht-Ich erzwingt. Ein lesenswerter Versuch, das Weiterleben nach dem Tod romanhaft einzufangen.

                Eberhard Ockel

 

Han, Byung-Chul: Kapitalismus und Todestrieb. Essays und Gespräche. Berlin: Mattes & Seitz 2019. 142 S. Kt. 12,­–.

Die treibende Kraft des Kapitalismus ist der Todestrieb, der in den Dienst des Wachstums gestellt wird (12). Das sinnlose Akkumulieren von Kapital ist „vom Tod besessen“, wird von der Angst vor dem Tod angetrieben (16). Mit dem Leistungsprinzip nähert sich der Mensch der Maschine an, mit der Anpassung an die Funktion betreibt er eine Kultur des Todes (17). Im „digitalen Panoptikum“ ist alles smart und überwacht – aber Vertrauen ist nur möglich, wenn man nicht alles weiß (42). Wir haben keine Diktatur durch Orwell‘sche Überwachung, sondern durch freiwillige Selbstentblößung. Der Mensch wird nicht unterdrückt, sondern ausgebeutet. Nicht mehr Folter erpresst Geständnisse, sondern das Smartphone – der „mobile Beichtstuhl“ (59) – ersetzt die Folterkammer, indem wir mit ihm freiwillig alles Persönliche gestehen (46). Die überall geforderte Transparenz ist totalitär, denn sie unterdrückt Freiheit und Vertrauen – trans parere (lat.) bedeutet, auf jemandes Befehl zu erscheinen, zu „parieren“. Der krasse Narzissmus unserer Zeit erzeugt Leere; um sich überhaupt zu spüren und einen Selbstwert zu erfahren, ritzen sich viele, oder sie verfallen der Selfie-Sucht (61 f.).

Nach Kants „Zum ewigen Frieden“ unterscheidet man zwischen Vernunft, Moralität, Menschenwürde und Gastlichkeit auf der einen Seite und Verstand, Nutzen, Ökonomie und Markt auf der anderen Seite. Die EU verkommt zum Markt, zur Wirtschaft. Die Schönheit liegt im Fremden: Die Deutschen sollten mehr Deutsche werden, die Franzosen mehr Franzosen, beide sollten von der Fremdheit der anderen lernen – das wäre ein Europa der Vernunft und der Gastlichkeit (79 ff.). Weil alles immer mehr eilt, stehen die Arbeitszeit, die Leistung, die Beschleunigung gegen die Ichzeit, das Fest, den Feierabend, die Zeit als Gabe für die Mitmenschen und als Dauer (102). In freiwilliger Selbstausbeutung wird die Gesellschaft zur „Müdigkeitsgesellschaft“ (108).

Byung-Chul Han, der aus Südkorea stammende und in Berlin lebende Philosoph, hat sich von seinem Lehrstuhl zurückgezogen, um zu schreiben. Dieses Schreiben ist essayistisch, verkürzt, thesenstark, bisweilen abstrakt, manchmal einigermaßen manieriert, nicht immer nachvollziehbar – bisweilen sind die Thesen so zugespitzt, dass sie mehr Chiffren sind. Einige Beiträge des Buches sind schon älter, und die Anspielungen in die Tagespolitik sind nicht mehr aktuell. Dennoch: Als Zeitdiagnostiker ist Han hellwach, unbestechlich, reichlich pessimistisch, zugleich erhellend, anregend. Liebhabern essayistischer Literatur – diese ist selten geworden, und sie hat ihre Vorzüge und ihre Schwächen – sei dieses Buch, wie auch andere des Autors, empfohlen.               

                Stefan Kiechle SJ

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