Rezensionen: Philosophie & Ethik

Dietmar und Irene Mieth: Sterben und Lieben. Selbstbestimmung bis zuletzt. Freiburg: Herder 2019. 160 S. 18,–.

Das ist ein besonderes Buch, weil es sehr persönlich ist und es die Leser unausweichlich betrifft. Gegenstand ist das Sterben von Irene Mieth und ihre Begleitung durch Familie, Freunde und medizinisches Personal aus der Sicht ihres Mannes, des literarisch vielfach präsenten emeritierten theologischen Ethikers Dietmar Mieth. Dokumentiert sind die sechs Wochen von der Diagnose der Krebskrankheit der Frau bis zu ihrem Tod, aber nicht als Abfolge von medizinischen Bulletins, sondern als Erzählung einer wechselseitigen Begleitung auf einem Weg, in der Schilderungen der Abläufe, theoretische Reflexionen, spirituelle Vergewisserungen, Erörterungen über bevorstehende oder erfolgte Entscheidungen genauso ihren Platz haben wie Rechtfertigungen und Selbstvergewisserungen und – gleichsam als persönlichstes Herzstück – die Tagebuchnotizen von Irene. Letztere bestehen aus wenigen, nur kurzen Sätzen und Begriffen, spürbar der Schwäche abgerungen, aber durchaus mit der Intention verfasst, später von anderen gelesen zu werden. In diesen Notizen ist naheliegenderweise viel von Angst, Schmerzen, Trauer, Dankbarkeit und letzten Wünschen die Rede, aber auch von Kränkungen, Störungen, Schamempfindungen, von Verdauung und Formen der Veränderung des Erlebens und der Entfremdung des eigenen, ein Leben lang so vertraut gewesenen Körpers.

Dieses Persönliche gibt dem Gesamtprojekt einen „letzten“, „auf besondere Weise gemeinsam geschriebenen“ Buch Authentizität und eine geradezu stumm machende Wucht. Aber es stellt natürlich auch eine Gefahr dar, weil die Grenzen zur intimen Peinlichkeit einerseits und zur Selbstinszenierung andererseits hauchdünn sind. Auf dieser Gratwanderung nicht abzustürzen macht die Qualität dieses Buchs aus. Zusammengefasst und zentriert werden diese theoretischen Reflexionen mit dem Begriff der „Selbstbestimmung“. Ein Rest der erheblichen Spannungen und Ambivalenzen, die mit dem sogenannten Bedürfnis und Anspruch sichtbar werden, sobald das Ideal im Kontext der Hilfsbedürftigkeit und der Angewiesenheit auf andere umgesetzt werden soll, bleibt hier unaufgelöst; sie konkretisieren sich in der Weigerung der krebskranken Irene, einer Operation zuzustimmen, die ihr Mann für sinnvoll und hilfreich hält. Statt Kitsch existentieller Ernst: „Für mich ist es eine der härtesten Situationen meines Lebens: Ich muss die Selbstbestimmung meiner Frau intensiv verteidigen, obwohl ich für mich selbst in diesem Fall die Operation gewählt hätte“ (86).

Die Absicht, die subjektive Betroffenheit und ethisch-objektivierende Reflexionen in eine ehrliche Beziehung zueinander zu setzen, ohne die Gegensätze glatt zu bügeln, ist deutlich spürbar. Hilfreich ist hierbei die Gliederung in drei Kapitel. Deren Überschriften „Zwischen Tränen und Glücksgefühlen: Glauben, Leben und Lieben“, „Krankheit und Sterben – aus Irenes Tagebuch“ und „Liebende Erinnerung und Geschichten vom Jenseits“ sind expressiv und verschaffen dem Leser die notwendigen Gelegenheiten, das Gelesene zu verarbeiten. Grundsätzliche Erörterungen sind dem ersten Kapitel zugeordnet, Bezugnahmen auf im früheren Leben gemeinsam Gedachtes und Geschriebenes dem zweiten; die Vorblicke auf das Weiterleben, nachdem die Partnerin gestorben ist, und die einzelnen Weisen, mit ihr über den Tod hinaus verbunden zu bleiben, dem dritten.

Der Autor qualifiziert das Buch in der Einleitung als „Bekenntnis“ (9) und als „Zeugnis“ (10). Es lädt zum Selbst-Nachdenken ein, regt aber auch zu theoretischen Diskussionen an. Sicherlich ist der in diesem Buch beschrittene Weg nicht für alle der geeignete, das Betroffensein von Sterben, Verlust und Trauer zu bearbeiten. Aber selbst dann bleibt dieses Buch ein gutes Beispiel für den Typus narrativer Ethik, wie Dietmar Mieth ihn selbst in früheren Veröffentlichungen immer wieder theoretisch zu charakterisieren versucht hat.

Konrad Hilpert

 

Klaus Hahlbrock: Kein Leben ohne Vielfalt. Ein Plädoyer für die Rettung unserer Lebensgrundlagen, München: oekom 2019, Gb. 162 S. 18,–.

Es ist traurig bis entmutigend, wenn jede Feststellung des Autors mit einem Ausrufezeichen versehen werden muss – in der sicheren Gewissheit, dass auch diese Warnungsrufe wohl nur wenig Wirkung entfalten werden. Hahlbrock schlägt einen beeindruckenden Bogen vom Kosmos bis zum Menschen als Subjekte der uns umgebenden Natur. Dabei betont er die Einmaligkeit jeder natürlichen Wesenheit – ungeachtet ihrer Größe (15). Und er hebt die Grenzen unseres Wissens und die subjektive Beschränkung unserer Wahrnehmung hervor (16). Er breitet die Vielfalt des durch Evolution entstandenen Lebens aus, die er im Anthropozän münden lässt.

Innerhalb dieses umfangreichsten Kapitels vom Homo sapiens sind aussagekräftige Bildseiten eingefügt (65 ff.), auf die im Text Bezug genommen wird. Sie reichen von einer Aufnahme des Andromeda-Nebels (65) bis zur surrealistischen Karikatur eines Seiltänzers (80). Der Homo sapiens wird in vielfältiger Weise unter allen denkbaren Aspekten beschrieben, wobei das Gänzliche (47, 87) als Streben zum Ganzen für Hahlbrock anscheinend beinahe religiöse Bedeutung gewinnt. Leider wurde und wird die religiöse Kultur allzu häufig als Machtinstrument missbraucht, wenn sie von Ich- und Gewinnsucht abgelöst wird.

Folgerichtig warnt der Autor vor der schrumpfenden Biosphäre, dem janusköpfigen Menschen und der Verschwendung von Nahrung, Natur und Kultur, wobei er das Augenmerk vor allem auf die Sterblichkeit von Sprachen richtet (122 f.). Schließlich ruft er zu raschem Handeln auf (133), zu Achtsamkeit gegenüber der uns umgebenden Natur und zum Gänzlichen unseres Verhaltens (140). Er begnügt sich nicht damit, ermutigende Anzeichen des Umdenkens zu nennen und zu beschreiben (141 f.), sondern macht Leserinnen und Lesern Mut zu eigenem Handeln (147 f.). Jeder ist aufgerufen, seinen Teil zu einer kreativen Neuausrichtung beizutragen (150). Es gilt, als Homo sapiens dem zügellosen Homo faber und dem selbstsüchtigen Homo cupidus die Zügel anzulegen (153). Unbedingt lesenswert.

Eberhard Ockel

  

Ariadne von Schirach: Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Ohnmacht und Angst überwinden. Stuttgart: Tropen 2019. 260 S. 20,–.

Der Verlust von alten Gewissheiten und ein immer lauter werdendes Sprechen übereinander erinnern die Kritikerin und Philosophin Ariadne von Schirach an das Krankheitsbild einer kollektiven Psychose. Die Frage nach einer Art Therapie für alle ist Thema ihres jüngsten Buches. Teil eins („Vom unbestimmten Tier“) diagnostiziert einen problematischen Dualismus, der den Blick auf das geheimnisvolle Ganze verstelle. Der gesellschaftliche Status quo steht im Fokus des zweiten Teils („Die Unordnung der Dinge“). Ausführlich lässt die Verfasserin die Theorien postmoderner Denker wie Jean Baudrillard, Paul Virilio und Jean-François einfließen (117-132).

Besonders Lyotards Rede vom Ende der großen Erzählungen (130) sei paradigmatisch für unsere jetzige Zeit. Hinzu komme noch die Krise der besonderen Art, denn „die Welt ist ziemlich gut eingerichtet für diejenigen, die von der herrschenden Unordnung der Dinge profitieren“ (132). Weder ein krankmachender Kapitalismus (134), noch die Tendenz, dass „Kulturtechniken wie Online-Dating die private Praxis der sexuellen Begegnung zunehmend […] ersetzen“ (138), noch die Tatsache, dass in Deutschland vier von fünf Menschen einsam seien und über ein Einsamkeitsministerium nachgedacht werde (139), führten zu einem Umdenken. Oder etwa doch?

Für den dritten Teil („Figuren des Übergangs“) ist Søren Kierkegaard Impulsgeber: Von Schirach überträgt „Formen von Verzweiflung“ auf idealisierte Menschentypen unserer Tage, die sie als Kuratoren, Spirituelle und als Fanatiker bezeichnet (145). Allesamt seien sie Figuren des Übergangs. Eine „Rückkehr zum Leben“ beginne dort, wenn sich „das Eigene dem scheinbar Anderen öffnet“ (147). Dieser vollzogene Übergang gleiche einer „Bewusstseinsrevolution“ (178).

Die Ermutigung, die platonische Urhöhle endgültig zu verlassen, markiert den Beginn des vierten Buchteils („Die Welt neu erzählen“). Dies schließe auch Vergebung transgenerationaler Verletzungen mit ein (198). Auf diese Weise kann von Schirach dann „trotz Romantikkitsch“ von Liebe in einer sehr authentischen Weise sprechen. Liebe sei „das emotionale Vermögen, nicht nur das Eine, sondern auch das Andere und damit auch das Ganze zu erfassen“ (205 f.). Eine erneuerte Lebenshaltung zeige sich in einem „Richtungsimpuls“ auf ein „Hin-zu“, einem „Begehren“. Erst dadurch könne der „unstillbaren Unruhe“ eine „wahre Befriedigung“ geschenkt werden (241). Für den urbanen Lifestyle unserer Tage klingen dann Sätze wie dieser regelrecht avantgardistisch: „Zum Leben zurückzukehren heißt, nach Hause zu finden, zurück zum Abwasch, zum Herdfeuer und zur Familie“ (243). Das Buch schließt mit einer Relecture von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“.

Ariadne von Schirach hat ein insprierendes Buch vorgelegt. Die Autorin und ihre Texte sind weit davon entfernt, monothematisch zu sein oder sich gar in einzelnen Filterblasen zu bewegen. Leider sind einige Klischees zu bedauern. Etwa die nicht näher begründete Unterstellung im Hinblick auf die „christliche Vergangenheit“, Gott „für alle Übel auf dieser Welt verantwortlich zu machen“, was zu einem reinen Quietismus geführt habe (209). „Kolonialismus, Christianisierung und Naturzerstörung“ werden unkommentiert nebeneinandergesetzt (30). Ein Missverständnis liegt auch darin vor, dass von Schirach gerade „die Spirituellen“ als eine der drei „Formen des Übergangs“ betrachtet, auch wenn diese immerhin „am nächsten an sich und an den Anderen dran“ seien (162). Liegt jedoch nicht gerade in einer geerdeten spirituellen Lebenshaltung Hoffnung auf ein „Neu-Werden“ (81), ein Wiederfinden der „Wahrheit des Lebens“, der „Ganzheit“ und „Verbundenheit“ (37)? In einem ihrer letzten Kapitel fordert von Schirach zum Träumen auf: zu einem „grundsätzlichen Modus der menschlichen Schöpfungskraft“ (234). Seine Rede anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2016 schloss Papst Franziskus mit einem achtfachen „Ich träume…“. Auch die Spirituellen haben Träume. Daher mit Ariadne von Schirach: „Am Anfang ist das Wort. Beginnen wir von Neuem“ (251).

Raphael Weichlein

 

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