Was kostet Spiritual Care?

Eine in der Fachzeitschrift "Cancer" erschienene Studie (Balboni et al.: 117 [2011] 5383-5391) untersucht, wie zufrieden krebskranke Menschen mit der spirituellen Betreuung durch ihr Behandlungsteam sind. Das Besondere daran: Zufriedene Patienten werden mit unzufriedenen Patienten daraufhin verglichen, welche Kosten sie verursachen. Es zeigt sich: Spirituell zufriedene Patienten haben eine vergleichsweise höhere Chance, am Ende ihres Lebens auf eine Palliativstation oder in ein Hospiz verlegt zu werden - und ihre Behandlung ist kostengünstiger! Umgekehrt haben spirituell unzufriedene Patienten ein erhöhtes Risiko, am Lebensende auf eine Intensivstation verlegt zu werden - und sie verursachen höhere Behandlungskosten. Mit anderen Worten: Viel Geld wird dadurch verschwendet, dass die spirituellen Bedürfnisse und Wünsche von Tumorkranken vernachlässigt werden.

Gewiss tragen viele verschiedene Einflüsse zu Aufwand und Ertrag im Gesundheitswesen bei, ökonomische, medizinisch-therapeutische und individuell-biografische Faktoren. Revolutionär an der Studie aus dem Jahr 2011 ist: Anstelle der üblichen Annahme, Spiritualität sei ein Luxus, den das Gesundheitswesen nicht bezahlen kann, wird umgekehrt gefragt: Wieviel Geld wird verbraucht, wenn Patienten in spiritueller Hinsicht vernachlässigt werden?

Der Ausdruck "Spiritual Care" ist in Analogie zu "Palliative Care" gebildet und damit eng verbunden mit den Pionieren der palliativen und hospizlichen Bewegung, vor allem mit Dame Cicely Saunders (1918-2005). Ihre aus christlich-anglikanischen Wurzeln gewachsene Offenheit für verschiedene Spiritualitäten hat die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Palliative Care in säkularisierter Form aufgegriffen. Spiritual Care ist also kein neumodischer Ausdruck für Krankenhausseelsorge, sondern die gemeinsame Sorge aller Gesundheitsberufe für die spirituellen Bedürfnisse, Nöte und Wünsche kranker Menschen. Die palliative Situation ist eine spirituelle Situation im exemplarischen, aber nicht im exklusiven Sinn. Sie ist die Grenzsituation schlechthin, in der sich die Fragen nach dem Wozu, nach der Transzendenz, nach dem Unendlichen stellen. Aber es gibt viele andere Grenzerfahrungen während des Lebens, angefangen mit der Sorge um die Frühgeborenen, in den Krisen und Übergängen des Lebenszyklus.

Die Krankenhausseelsorge stellt im deutschsprachigen Raum ein Netz von qualifizierten haupt- und ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleitern bereit, das vorwiegend von den christlichen Kirchen getragen und finanziert wird. Viele Seelsorgende stellen mit Genugtuung fest, dass Spiritualität in der wissenschaftlichen Medizin "angekommen" und dass deren Zusammenarbeit mit der Seelsorge dadurch enger geworden ist. Andere befürchten eine Konkurrenz zwischen Seelsorge und Gesundheitsberufen im spirituellen Bereich. Die gegenwärtige Umbruchsituation bietet jedenfalls eine große Chance: Die Spezialkompetenz der Seelsorge kommt besser zum Zug, wenn die spirituelle Basiskompetenz von Ärzten und Ärztinnen, Pflegerinnen und Pflegern und anderen Gesundheitsberufen gestärkt wird.

Ein häufiges Gegenargument lautet: Gut und schön, aber dafür fehlt es in der ökonomisierten High-Tech-Medizin an Geld und an Zeit. So einleuchtend diese Einwände auf den ersten Blick erscheinen - die wichtigsten Hindernisse, die der breiteren Einführung von Spiritual Care im Wege stehen, sind weder Zeit noch Geld. Viele Untersuchungen zeigen: Haupthindernis ist vielmehr die fehlende Qualifikation der Gesundheitsberufe in spiritueller Kommunikation und Begleitung. Freilich müssen auch spirituelle Fortbildungsmaßnahmen finanziert werden.

Johann Baptist Metz' berühmte Kurzdefinition der Religion ("Unterbrechung") heißt für Spiritual Care: Nicht nur die "Töne" (explizites Reden über Spiritualität) gehören zur spirituellen "Musik", sondern auch die "Pausen" - das Aushalten des Schweigens, die Haltung des Respekts gegenüber der spirituellen Suche des Patienten, die Achtsamkeit für den Anderen mitten in der alltäglichen Routine eines Krankenhauses, einer Ambulanz oder einer Arztpraxis.

Das Fallpauschalensystem der "Diagnosis Related Groups" ("DRG", dt.: diagnosebezogene Fallgruppen) finanziert die "Töne", also diagnostische und therapeutische Maßnahmen, die innerhalb der evidenzbasierten Medizin angezeigt und wirtschaftlich sind. Sollten spirituelle Interventionen im DRG-System abgebildet werden? Oder handelt es sich bei der Spiritualität eben doch um die Pausen, die weder abgerechnet werden können noch abgerechnet werden sollten? Die Diskussion darüber beginnt gerade erst.

Darüber hinaus: Wie steht es mit der eigenen Spiritualität der im Gesundheitswesen Tätigen? Wenn Spiritualität auch eine mögliche Ressource der Gesundheitsberufe ist, ihre fehlende Einübung und Sprachfähigkeit jedoch ein Hindernis im Patientenkontakt - sollte dann die Solidargemeinschaft der Versicherten auch Maßnahmen zur Förderung der spirituellen Kompetenz und Sensibilisierung finanzieren? Laut deutschem Sozialgesetzbuch (V, § 20a) erbringen Krankenkassen Leistungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung, zum Beispiel Rückenschulen für OP-Mitarbeitende. Sicher können auch Fortbildungen in Spiritual Care den Rücken der Pflegenden und Heilenden stärken.

Inzwischen gibt es Krankenhausträger, die mit gutem Beispiel vorangehen. So bietet das freikirchliche Albertinen-Krankenhaus Hamburg alltagsnahe Unterstützung in "Existentieller Kommunikation und Spiritualität" an, welche die Pflegenden jederzeit abrufen können. Was im evangelischen Bereich "DiakonieCare" heißt (Förderung der Spiritualität von Gesundheitsberufen), kann auch katholischen und "weltlichen" Trägern als Modell dienen. Am Klinikum der Universität München wurde 2010 eine auf fünf Jahre befristete Professur für Spiritual Care eingerichtet. Es steht zu hoffen, dass diese Innovation (Hoch-)Schule macht.

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