Wohin geht Indien?

Nicht nur in politisch interessierten Kreisen wurde mit großer Aufmerksamkeit auf die diesjährigen Parlamentswahlen in Indien geschaut - die, für unsere Verhältnisse ungewöhnlich, vom 7. April bis 12. Mai abgehalten wurden. Jede Stimmabgabe in der größten Demokratie der Welt - mittlerweile knapp 815 Millionen Wahlberechtigte bei mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern - ist ein Prüfstein für die Stabilität dieses Staates mit seinen kontinentalen Ausmaßen.

Allein schon die Zahl der Analphabeten innerhalb der Wählerschaft - geschätzte 290 Millionen Menschen - zeigt beeindruckend, wie vielgestaltig die Lebensverhältnisse auf dem Subkontinent sind. Von märchenhaftem Luxus wie in Geschichten aus 1001 Nacht über mitteleuropäisch-bürgerliche Verhältnisse und ländliche Strukturen bis hin zu anonymem Leben und Sterben in den Straßen der Millionen- Metropolen ist alles zu finden. Nur ein Beispiel: Indien zählt zu den Spitzenexporteuren für Software und IT-Dienstleistungen, während mehr als die Hälfte der ländlichen Haushalte nicht elektrifiziert ist. In kaum einem Staat der Welt sind allgemeingültige Aussagen schwieriger zu treffen.

Umso erstaunlicher das Ergebnis der Parlamentswahlen: Die bis dahin oppositionelle Bahartiya Janata Party (BJP) holte mehr als die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament, der Lok Sabha. Zuletzt erreichte im Jahr 1984 Rajiv Gandhi bei den Wahlen nach der Ermordung seiner Mutter und Vorgängerin Indira Gandhi eine absolute Mehrheit - für die Kongresspartei, die jetzt von der BJP abgelöst wurde. 31 Prozent der Stimmen genügten für 282 der 543 Sitze in der Lok Sabha.

Die Zusammensetzung des neugewählten Parlaments wirft in verschiedener Hinsicht Fragen auf: Nur elf Prozent der Abgeordneten sind Frauen - nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen eine traurige Zahl. In einem Land, in dem Ramsevak Paikra, Innenminister des Bundesstaates Chhattisgarh, über Vergewaltigungen von Frauen sagen kann, "so etwas geschieht versehentlich" (n-tv.de, 8.6.2014), sind elf Prozent symptomatisch. Erschreckend, dass gegen ein Drittel der Abgeordneten der neuen Regierungspartei BJP Gerichtsverfahren anhängig sind, bei einem Fünftel wegen Schwerverbrechen. Bemerkenswert auch, dass 80 Prozent der gesamten Parlamentarier jeweils ein Vermögen von mehr als 10 Millionen Rupien besitzen, was sie in der Umrechnung zu Euro-Millionären machen würde (NZZ, 22.5.2014).

BJP-Vorsitzender Narendra Modi, Sohn eines kleinen Teeverkäufers, ist mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, gegen Verbrechen und insbesondere Korruption vorgehen zu wollen. Ob ihm das mit einem solchen Parlament gelingt, wird sich zeigen; ideale Voraussetzungen bietet es dem neuen Premierminister nicht.

Narendra Modi ist kein einfacher Charakter, er ist ein Mann, "der für seine Feinde ein besessener Muslimhasser und für seine Freunde das Versprechen auf ein indisches Wirtschaftswunder ist" (Die Zeit, 22.5.2014). Nicht nur die indischen Medien tun sich schwer, den in seinem Bundesstaat Gujarat mehrmals wiedergewählten regionalen Politiker einzuschätzen. Oft wird ihm nachgesagt, er sei ein Technokrat und Macher, der sich um die Ausbreitung des Internets ebenso bemüht wie um Erneuerbare Energien. "Modernisierung ohne Verwestlichung" nennt Modi sein wirtschaftliches Programm.

Doch wie steht es um seinen Ruf als "Muslimhasser"? Besonders wirkt die Reaktion auf einen Brandanschlag in Gujarat 2002 nach. Viele der Opfer waren hinduistische Pilger. Schnell wurde die Schuld islamistischen Vereinigungen zugeschoben, und es kam zu Aufständen und gewalttätigen Aktionen gegen Muslime, bei denen den von Modi kommandierten staatlichen Einsatzkräften bedenkliche Zurückhaltung, sogar ein Anheizen des Hasses, vorgeworfen wird. Modis Partei BJP versteht sich als betont hinduistisch-nationalistisch, was von einigen der Anhänger als antiislamisch interpretiert wird. Dass bei fünfzehn Prozent muslimischer Bevölkerung in Indien nur 22 muslimische Abgeordnete ein Mandat zur Lok Sabha erhalten haben, ist auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Situation des Islam.

Vor diesem Hintergrund hat Modi ein beachtenswertes Zeichen gesetzt. Anlässlich seiner Vereidigung am 26. Mai hatte er die Initiative ergriffen, den pakistanischen Regierungschef Nawaz Scharif einzuladen, mehr noch: ihm die Hand zu geben. Am folgenden Tag trafen sich die beiden zu Gesprächen. Zwischen Indien und Pakistan, den beiden Nachfolgestaaten des britisch beherrschten Indischen Kaiserreichs, ein noch nie dagewesenes Ereignis, waren doch in erster Linie religiöse Differenzen zwischen Hindus und Muslimen der Grund für die Zwei-Staaten-Lösung von 1947, gegen die sich noch der erste Gandhi, Mohandas "Mahatma", ausgesprochen hatte. Vielleicht knüpft Modi an dessen Sehnsucht nach einem friedlichen und geeinten Indien an. Weite Wege wären hier zu gehen, denn auch Pakistan ist ein Land großer innerer Probleme. Gerade angesichts geschätzter 97 Prozent muslimischer Menschen stellt sich die Frage nach der Toleranz anderer Religionen. Nicht nur für Hindus, auch für Christen ist die Lage keineswegs so friedlich, wie Mahatma Gandhi sein Land einst erträumt hatte.

Mit seiner Parlamentsmehrheit ist Modi ein Instrument gegeben, Indien eine Richtung zu weisen. Die Liste der möglichen Aufgaben für eine bessere Zukunft ist lang, und es geht nicht nur um Probleme von Minderheiten (die ja selbst schon Dutzende Millionen Menschen betreffen können). Der gewaltige ökonomische und technologische Wandel, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in Indien vollzogen hat, ist bei weitem noch nicht überall angekommen, und schon zeigen sich seine Probleme und Schattenseiten, denen wiederum begegnet werden müsste. Und vieles ist bekanntermaßen nicht mit Geld zu lösen: Die Stellung der weiblichen Hälfte der Bevölkerung etwa, oder eine echte Perspektive für die Subsistenzwirtschaft treibende Landbevölkerung - wenn Narendra Modi auf Gerechtigkeit abzielt.

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