Europäische Leitkultur

Im immer wieder ausbrechenden Streit um die "Leitkultur" in Deutschland orientieren sich die einen an Rationalität, Rechtsordnung, Grundwerten, religiösem Erbe und plädieren vor diesem Horizont für die Anerkennung kompatibler kultureller und religiöser Diversität. Andere dagegen folgen der inzwischen verblaßten Idee des Multikulturalismus, verknüpfen aber die gebotene Anerkennung mit der vordergründigen Forderung nach Gleich-Gültigkeit und der hidden agenda einer ideologisch beförderten Säkularisierung, da Religion als vormodernes Phänomen obsolet sei. Auf welchen kulturellen und religiösen Schultern ruhen die Geltungsansprüche einer "Leitkultur", die Europa und Deutschland tragen und bis heute orientieren?

Blickt man auf den europäischen Kulturraum, dann gehören zu den entscheidenden Prägekräften eines vielsprachigen, multikulturellen und doch zur Einheit drängenden Europa Wissenschaft und Recht, Ethik und Religion - symbolisch greifbar mit den Ortsnamen Athen, Rom und Jerusalem. Ohne die Wissenschaft Griechenlands hätte kaum die wissensbasierte Kultur Europas entstehen können, deren Rationalität auch für Ethik und Religion gilt. Vor diesem Hintergrund konnte im lateinischen Westen aus der Begegnung christlicher Gelehrsamkeit mit griechischer, hebräischer und arabischer Wissenschaft die mittelalterlich glänzende Idee der Universität entstehen. Sie war der Ort der sieben "freien Künste" der sprachlichen und der mathematischen Wissensgebiete, auf denen die drei Leitwissenschaften der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin aufbauten. Was den Wissenstransfer angeht, hätte ohne die von der arabischen Wissenschaft übermittelte griechische Philosophie (Aristoteles) ein Thomas von Aquin seine "Summa Theologiae" nicht schreiben können; aber ohne die Übersetzungsarbeit der mehrsprachigen syrischen Gelehrten christlichen Glaubens hätte die arabische Welt nichts von der antiken Philosophie, Mathematik und Medizin erfahren.

Das römische Recht und die weiteren Rechtsentwicklungen, die schon in der Spätantike in Sammlungen wie dem "Corpus Iuris Civilis" kodifiziert waren, brachten zusammen mit nationalen Rechtskulturen und kirchlichen Rechtsentwicklungen eine rechtliche Verfaßtheit in die europäische Leitkultur, darunter auch die lange erkämpfte Unterscheidung von Staat und Religion. In der frühen Neuzeit entstanden im Zusammenhang der Mission die Ideen der Menschenrechte (Bartolomé de Las Casas OP) und des Völkerrechts als ius inter gentes (Francisco de Vitoria OP), die später in der Aufklärung ausformuliert wurden. Vor dem Hintergrund der Erfahrung, daß eine Rechtsordnung auch systematisch zur Quelle von Unrecht pervertiert werden kann, transzendiert das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Sphäre des Rechts, wenn die Präambel ausdrücklich auf die

"Verantwortung vor Gott und den Menschen" und damit auf den responsorischen Charakter des Rechts verweist.

Der biblische Dekalog formuliert eine responsorische Ethik, die auf Gottes befreiendes Handeln (aus der Knechtschaft) mit Freiheitsregeln antwortet, deren Inhalt man sich an den zehn Fingern abzählen kann: Die Anerkennung der Transzendenz Gottes bewahrt die Schöpfung und damit die humane Substanz durch Gebote des Respekts vor anderen, ihrem Leben, ihren Beziehungen, ihrem Eigentum und ihrem Anspruch auf Wahrheit. Diese Ethik, die im Gebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe eine Zusammenfassung und wechselseitige Begründung findet, gehört zusammen mit der ubiquitär verbreiteten Goldenen Regel: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk 6,31) zum ethischen Kernbestand der europäischen Leitkultur.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der christliche Glaube unter allen sozialen Schichten zuerst im Römischen Reich und schlug im Verlauf eines Jahrtausends unter allen Völkern Europas Wurzeln - ob bei Kelten, Germanen oder Slawen. Dazu trugen nicht unwesentlich die Klöster bei, die sich wie ein Sternenteppich über den Kontinent legten und als Zentren der Wirtschaft, der Bildung und der Spiritualität ausstrahlten. Der Sinn für die Schwachen und Leidenden, der im biblischen Bild des "barmherzigen Samariters" (Lk 10, 25-37) sprichwörtlich und in der kirchlichen Sorge um Leib und Seele praktisch geworden ist, hat das kulturelle Gedächtnis Europas ebenso geprägt wie der Zusammenhang von Glaube und Gerechtigkeit. Ohne Verlust ihrer Sprachen und kulturellen Eigenarten fanden die europä­ischen Völker im Christentum ihre moralische und spirituelle Einheit, die heute in konfessioneller Pluralität existiert und längst global geworden ist.

Die europäische Leitkultur bildet eine interkulturelle Synthese von Wissenschaft und Recht, Ethik und Religion. Dem jüdischen und dem christlichen Erbe kommt dabei besondere Prägekraft zu, weil es den universalistischen Kern der europäischen Kultur begründet, der auf die schöpfungsmäßige Menschenwürde und Egalität aller abhebt. Die sprachliche und kulturelle "Übersetzbarkeit" des Christentums eröffnet eine globale Kommunikationsgemeinschaft, die alle bunten Farben der Kulturen nicht nur toleriert, sondern in der Differenz von Sprachen, Kulturen, Ethiken, Religionen einen Reichtum erblickt, der zu Konvivenz und Dialog einlädt.

Will Europa zukunftsfähig bleiben, dann wird es über den wirtschaftlichen Erfolg und die wissenschaftliche Leistung hinaus die eigene Leitkultur "pflegen", insbesondere ihren ethisch-religiösen Kern. Schon vor einem Jahrhundert meinte der protestantische Kulturphilosoph Ernst Troeltsch, der Mensch werde das bloß Praktische und Irdische nicht aushalten, sondern "die Wissenschaft zwingen, ihm die Quelle aller Kraft wieder freizulegen oder freizugeben, die Religion". Wer die konstitutiven Elemente der europäischen Leitkultur kennt, weiß damit um die Rechte und Pflichten aller Mitglieder des Gemeinwesens und um die Prinzipien, nach denen in der späten Moderne das Verhältnis zu kulturellen und religiösen Minderheiten integrativ zu gestalten ist.

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