Alternativ- Gottesdienst am 12. November 2023Hoffnung für Gottes Schöpfung

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr Römer 8, 18-25

Dem Schriftleiter der Pastoralblätter, Pfarrer Gerhard Engelsberger, zum 75. Geburtstag in großer Dankbarkeit und Verbundenheit mit guten Wünschen für sein weiteres segensreiches und inspirierendes Wirken ad multos annos.

Vorbemerkung: In die Predigt beziehe ich Röm 8,17 und 8,26–28 aus dem näheren Kontext der Perikope ein.

„Dieser Zeit Leiden“ – der Apostel Paulus hatte seine Zeit, die unmittelbare Gegenwart, im Blick, als der den Brief an die Hausgemeinden in Rom schrieb. Sein Brief erreichte von dort auch andere Gemeinden. Die jungen christusgläubigen Gemeinschaften in der Mitte des ersten Jahrhunderts hatten es nicht leicht. Von der Gesellschaft erlebten sie vielfach Ablehnung, auch Spott, und vom römischen Staat Verfolgung, weil sie die göttliche Verehrung des Kaisers ablehnten. Es waren diese Bedrängnisse und die dadurch verursachten Leiden, die Paulus mit der Gemeinde teilte und seine Solidarität mit ihr bekundete. Aber wie mit den Leiderfahrungen umgehen? Bestand nicht die Gefahr, den Glauben zu verlieren und mit ihm den Geist, die in der Taufe verheißene Gabe?

Mit heißem Atem wendet sich der Apostel der Gemeinde zu. Den gegenwärtigen leidvollen Erfahrungen stellt er die zukünftige Welt Gottes gegenüber: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“. Wüssten seine Gemeinden nicht um Glauben und Leben des Apostels, seine befreiende Botschaft und seine persönlichen Leiderfahrungen, könnten sie seine Überzeugung wie eine Verharmlosung der bitteren Realität und billige Vertröstung auffassen. Aber ihnen war bekannt, was Paulus auf seinen Missionsreisen erlebt hatte und durchstehen musste (2. Korinther 11,23–27): Gefangenschaft, Schläge, Todesnöten, Schiffbruch, Hunger und Durst. Da war nichts, womit er sich menschlich als stark hätte präsentieren und damit triumphieren können. Sein Resümee: „Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen“ (2. Korinther 11,30).

„Dieser Zeit Leiden“ – „gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“. Zu dieser Gewichtsverlagerung weiß sich Paulus durch Jesus, den auferstandenen Christus, veranlasst. Denn sein Weg endete nicht im Leid, sondern führte in die Herrlichkeit des österlichen Lebens. Diese andere Realität möchte der Apostel mit der Gemeinde in den Blick nehmen. Sehen wir uns als „Mitleidende“ mit Christus, so werden „wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden“ (Römer 8,17). Von dort leuchtet der Lichtglanz Gottes in die Leiden der Zeit. Keiner Zeit bleiben sie erspart, ob verursacht durch Menschen oder unbeeinflussbaren Geschehnissen. Aber wie damit umgehen? Resignation oder die „Flucht nach vorne“? Die Frage stellt sich nicht nur einmal.

Paulus setzt auf Perspektivwechsel und hält die Gemeinde dazu an, standhaft im Glauben zu bleiben. Was er nicht ausspricht, kann vorausgesetzt werden, auch in seinen Gemeinden; denn aus den Heiligen Schriften Israels lasen und hörten sie vom Leiden der „Gerechten“, der „Frommen“, wie Martin Luther übersetzte, die sich „dennoch“ an Gott (fest)hielten (Psalm 73,23–26). Vom „Harren“ spricht Paulus; das griechische Bibelwort bezeichnet die „sehnsüchtige Erwartung“, und er ruft in ähnlichem Sinn mehrmals das Wort „Hoffnung“ in die schmerzvolle Gemeindewirklichkeit. Die Hoffnung als den wahren Lebens- und Glaubensgrund schreibt Paulus den Leidgeprüften ins Herz.

„Hoffnung für die Schöpfung“ und „Gewissheit des Heils“, so die Überschriften, die Martin Luther dem Briefabschnitt gibt. Paulus nimmt nicht nur den Menschen, sondern die ganze Schöpfung in den Blick, sie „seufzt und liegt in Wehen“. Wir sind (nur) ein Teil der Schöpfung, sind in sie verwoben und gehören wie ein „Leib“ zusammen. Gott hat sie uns anvertraut und hat uns beauftragt, „sie zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15). Aber behandeln wir sie nicht wie unsere „Knechte“, und ist sie nicht nur der „Vergänglichkeit“ unterworfen, sondern auch unseren eigenmächtigen Zwecken?

Wahrscheinlich dachte Paulus noch nicht an die extreme Bedrohung der Schöpfung durch den Menschen, die heute allgegenwärtig ist und verantwortliches schöpfungsgemäßes Handeln fordert. Im Hinblick auf die Leiden seiner Zeit relativiert er jedoch die menschliche Vorrangstellung gegenüber der Schöpfung: Sie hoffe wie die leidende Gemeinde auf Gottes befreiendes Handeln. Diesen Zusammenhang unterstreicht der griechische Wortlaut, indem er nicht nur vom „seufzen“, sondern „mitseufzen“ der Schöpfung spricht. Auch sie, nicht nur der Mensch, betet, klagt Gott das Leid und wartet darauf, davon befreit zu werden. Muss sie nicht unverschuldet die Folgen des „Sündenfalls“, die Verfehlung des menschlichen Schöpfungsauftrags, tragen: die Verfluchung der Erde, auf der seither auch „Dornen und Distel“ wachsen (1. Mose 3)? Sehnt sie sich nicht auch darum nach Befreiung, auch von uns Menschen?

Wie mit den Leiderfahrungen umgehen, ohne den Glauben zu verlieren? Paulus erinnert die Gemeinde an „den Geist als Erstlingsgabe“, sie ist das Kraftgeschenk Gottes, der anfängliche Lebensatem, den Gott dem Menschen einhauchte und der ihn mit Gott verbindet. Es ist die Geistkraft, die heftig in uns mitatmet, mitbetet mit „unaussprechlichem“, wortlosen Klagen (V. 26). Durch sie weiß sich Paulus in der „Gewissheit des Heils“ bestärkt, und die Gemeinde will er an diesem Wissen teilhaben lassen (Römer 8,28): „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“. Von Gott beseelt ist der Mensch befähigt, in der Hoffnung zu leben, sein Handeln von ihr bestimmen zu lassen und sich in Geduld zu üben.

Im Hoffen ist Gott gegenwärtig und erfahrbar, so höre und verstehe ich Paulus. Solche Hoffnung hat, wie der Apostel nicht nur im Römerbrief bezeugt, ihren Grund im Handeln Gottes an seinem Volk Israel. Sie leuchtet in der Lehre Jesu und seiner heilsamen Zuwendung zu den Menschen auf. Dass seine Gemeinde „dieser Zeit Leiden“ bestehen kann, dafür bürgt sein Weg durch schwerstes Leid und sein Ruf: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4).

Eingangsgebet:
Gott der Hoffnung,
wir danken dir für den neuen Tag.
Einige von uns bringen ihre Freude mit.
Sie klingt noch nach.
Gott sei Dank.
Andere sind traurig.
Kommen nicht zurecht.
Spüren Schuld und stoßen an ihre Grenzen.
Sie klagen dir ihre Not.
Leuchte unser Dunkel aus.
Nimm die Last von unserer Seele
Und sprich uns frei.
(Nach Gerhard Engelsberger, Gebete für den Gottesdienst, Stuttgart 2002, S. 80)

Tagesgebet:
Treuer Gott,
dein Bund steht, deine Verheißung gilt.
Die Kleinmütigen richtest du auf,
den Suchenden schenkst du Heimat,
den Gebeugten öffnest du den Horizont,
den Trauernden versprichst du Trost,
den Verstorbenen Auferstehung,
der ganzen Erde Zukunft und Hoffnung
durch deinen Sohn Jesus Christus.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit.
(Gerhard Engelsberger, Gebete für den Gottesdienst, Stuttgart 2002, S. 159)

Psalmvorschlag: Psalm 85,9–14 
Epistel: Micha 4,1–5(7b)
Evangelium: Lukas 17,20–24 (25–30)
Liedvorschläge: 409 (Gott liebt diese Welt)
  152 (Wir warten dein)
  426 (Es wird sein in den letzten Tagen)
  432 (Gott gab uns Atem)
  421 (Verleih uns Frieden gnädiglich)
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