Die Wochensprüche im September 2022

4. September 2022

12. Sonntag nach Trinitatis

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Jesaja 42,3a

Resignation und Depression bestimmen das Lebensgefühl der ins babylonische Exil verbannten Israeliten. Zugleich übt die babylonische Hochkultur und Religion einen immer größeren Reiz auf die Exilanten aus. Weshalb sollen sie sich dagegen wehren und am Jahwe-Kult festhalten? Warum sollen sie die Sehnsucht nach der Heimat ihrer Vorfahren hochhalten? Warum sollen sie die Vergangenheit nicht hinter sich lassen und sich dem babylonischen Kult an-passen?
Resignation und Depression schleicht sich auch bei Christinnen und Christen in der Gegenwart ein. Die neuen Kirchen-Mitgliedszahlen zeigen: Die christliche Religion verliert immer mehr an Attraktivität. Junge Menschen suchen nach der Wahrheit in fremden Religionen und Buddha-Statuen zieren Gärten und Schaufenster.
Die Kirche reagiert auf diese Geschehnisse mit „Transformation und Reduktion“. Man stellt sich den Tatsachen im wirtschaftlichen Bereich. Stellt man sich ihnen aber auch im geistlichen Bereich? Müsste in dieser Situation nicht neu und vertieft nach dem Grund der gegenwärtigen Lage gefragt werden? Müsste nicht vielmehr die Gottesfrage neu gestellt und die christliche Botschaft nach ihrer Strahlkraft befragt werden?
Das Gottesknechtslied, dem der Wochenspruch entnommen ist, zeichnet ein verheißungsvolles Gottesbild. Gott hat sich keineswegs zurückgezogen. Er überlässt sein Volk keinesfalls der Resignation und Depression. Er sieht das geknickte Schilfrohr und den glimmenden Docht. Er sieht aber auch, dass beide noch lange nicht am Ende sind, sondern die Kraft zum Neubeginn in sich tragen. Gott hat sein Volk in Babylon nicht aufgegeben. Er führt es aus der Gefangenschaft heraus. Er lässt neues Gottvertrauen wachsen, denn er ist ein Gott, der die wahre Ursache von Resignation und Depression kennt. Es ist die Schuld und Sünde seines Volkes. Beides signalisiert aber nicht das Ende der Gottesbeziehung. Beides ist heilbar, denn Gott hat das von ihm erwählte Volk nicht vergessen. Gott vergibt die Schuld und setzt von sich aus den Neubeginn.
Gott hat auch die müde gewordene Christenheit nicht vergessen. Er steht zu seinem Wort und so gilt die Verheißung auch seiner Kirche: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht aus-löschen. Die christliche Gemeinde lebt und wird weiterleben, denn Gott ist in seinem Wort gegenwärtig. Er wird auch künftig Glauben schaffen und erhalten.

11. September 2022

13. Sonntag nach Trinitatis

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25,40b

„Das tat ich für dich, was tust du für mich?“
Diese Worte trafen den jungen Zinzendorf wie ein Blitzschlag. Sie wurden zum Kompass seines Lebens.
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf war auf einer Bildungsreise, als er in einer Düsseldorfer Galerie vor dem Bild des Gekreuzigten stand und die dazu-gehörige Bildunterschrift las: „Das tat ich für dich, was tust du für mich?“ Er begriff: Am Kreuz hing Christus für ihn!
Wenn Christus für ihn am Kreuz hing, dann konnte er nicht passiv bleiben. Dann genügte es nicht, zu beten und in den Gottesdienst zu gehen. Was Christus für ihn tat, forderte zum Dienst heraus. Noch aber konnte Zinzendorf nicht vollzeitlich in den Dienst Jesu treten. Das Theologiestudium war einem Ange-hörigen des Hochadels im 18. Jahrhundert aus familiären Gründen untersagt. Trotzdem begann er als angehender Jurist seinen Glauben zu gestalten und Gebetskreise und Bruderschaften zu gründen.
Als dann 1722 böhmische Glaubensflüchtlinge in die Oberlausitz kamen, er-griff Zinzendorf die Gelegenheit, seinem Heiland Jesus Christus zu dienen. Er stellte den heimatlosen Menschen seinen ererbten Grund und Boden zur Verfügung und erlaubte ihnen, sich auf seinem Land anzusiedeln und ihren Glauben zu leben. Damit aber nicht genug. Bald quittierte Zinzendorf seine Tätigkeit im Staatsdienst und kümmerte sich um die entstehende Gemeinschaft. Den Ort, der aus der böhmischen Ansiedlung entstand, nannte er „Herrnhut“. Hier lebte er mit seiner Familie und den Glaubensgeschwistern unter des Herrn Hut – unter dem Schutz und Schirm seines Heilandes Jesu Christi.
Aus kleinen Anfängen wurde eine große Bewegung, die Herrnhuter Brüder-gemeine. Vielen ist das Herrnhuter Losungsbüchlein bekannt. Es nahm seinen Anfang, als Zinzendorf allabendlich einen Bibelvers für den nächsten Tag aussuchte und diesen von Mitarbeitern als Losung für den kommenden Tag in jedes Haus tragen ließ. Bis heute ist das Herrnhuter Losungsbüchlein ein Exportschlager mit weltweiter Verbreitung. In diesem Jahr erschien es in der 292. Auflage.
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf hat sein Leben für seinen Heiland eingesetzt. Dabei verbuchte er nicht nur Erfolge. Es gab auch Rückschläge und Niederlagen. Sie hinderten ihn nicht, dem Auftrag zu folgen, den er wie ein persönliches Wort des Gekreuzigten in sich trug:
„Das tat ich für dich, was tust du für mich?“
Am 17. Juni 2022 feierte das von Zinzendorf gegründete Werk seinen 300. Geburtstag. Es geht weltweit und besonders auch in seinen Schulen in Herrnhut und Königsfeld weiter.

18. September 2022

14. Sonntag nach Trinitatis

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103,2

Während ich über diesen Wochenspruch nachdenke, werden an vielen Orten Friedensandachten gehalten. Eindringlich wird Gott gebeten, den Krieg in der Ukraine zu beenden, dem Aggressor Einhalt zu gebieten und den Flüchtenden beizustehen. Ganz gelegentlich beginnt ein frei gesprochenes Gebet auch mit dem Dank für die 77 Jahre, in denen es in West-Europa keinen Krieg gab und in denen der gegenwärtige Wohlstand aufgebaut werden konnte.
Menschen nehmen das Gute, das Gott schenkt, als selbstverständlich. Gott soll zwar den Frieden schaffen, er soll Krieg und Leid verhindern, ihm aber zu danken, dass vor dem aktuellen Kriegsgeschehen eine lange Zeit des Friedens gegeben war, kommt nur untergeordnet zur Sprache.
In den Psalmen, dem Gebetbuch der Bibel, danken und loben Menschen Gott für sein Eingreifen in der Vergangenheit. Bereits die Anordnung im Kanon der Hebräischen Bibel, dem TaNaCH, weist auf die Wechselbeziehung von Erinnerung und gegenwärtigem Gotteslob hin. So berichten die Geschichts- und Prophetenbücher von Gottes Eingreifen in der Vergangenheit, und die Weisheitsliteratur, zu der die Psalmen gehören, blickt in Anbetung, Lob und Dank darauf zurück.
Zum dankbaren Erinnern gehört die Bereitschaft, über die Gegenwart im Kontext der Vergangenheit nachzudenken. Bezogen auf die weltpolitische Situation der Gegenwart bedeutet das, die Friedenszeit und den damit verbundenen Wohlstand als Gottesgeschenk anzusehen und sich zugleich daran zu erinnern, dass der Mensch und nicht Gott die Zeit des Friedens beendet hat.
Dass Dank und Gotteslob sogar der Bitte vorausgehen und die erhoffte heil-volle Zukunft im Gebet vorwegnehmen können, das zeigt ebenfalls die biblische Geschichtsschreibung.
Zu den biblischen Texten, die mich seit meiner Jugend begleiten, gehört der Bericht von Joschafats Sieg über die Ammoniter und Moabiter (2. Chroniker 20,22). Als das judäische Volk anfing mit Danken und Loben, ließ Gott einen Hinterhalt kommen und verhalf Juda zum Sieg über seine Angreifer. Das Volk dankt und lobt Gott im festen Vertrauen auf sein zukünftiges Eingreifen. Die Erinnerung an Gottes Güte in der Vergangenheit ermutigt Beterinnen und Beter, mit Lob und Dank die heilbringende Zukunft herbeizubeten. Aber auch die Erinnerung an leidvolle Erfahrungen der Vergangenheit kann durch Danken und Loben Zukunft eröffnen. Dazu schreibt Bonhoeffer: „Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.“

25. September 2022

15. Sonntag nach Trinitatis

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
1. Petrus 5,7

Gott sorgt für euch!
Ursprünglich richtet sich dieser Zuspruch an kleinasiatische Gemeinden im 1. christlichen Jahrhundert. Sie bedurften der Zusage, weil sie als religiöse Minderheit aufgrund ihres Glaubens von ihren heidnischen Mitbürgern ausgegrenzt waren.
So ist es in der Gegenwart zumindest im mitteleuropäischen Raum nicht. Christinnen und Christen können ihren Glauben frei ausleben. Die Sorgen der Gegenwart sind andere: Da ist die Sorge vor Ansteckung durch das Coronavirus und seit Februar in besonderer Weise die mit dem Krieg in der Ukraine einhergehende Sorge. Beides führt auch im persönlichen Bereich zu Bedrückung und Ängsten.
„Warum lässt Gott so viele unschuldige Menschen leiden?“, so fragte eine Lehrerin angesichts des Angriffs auf ein Kinderheim in der Ukraine. Wer verursacht das Leiden? Gott oder der Mensch? Lässt sich die Frage nach dem Leid unabhängig von der Frage nach der Beziehung zu Gott beantworten?
Neben der Religionsfreiheit kennzeichnet unsere Zeit eine immer größere Gottvergessenheit. Wozu brauche ich Gott, wenn alles gutgeht? Dabei wird Gottes Existenz nicht geleugnet. Er wird einfach vergessen, weil er scheinbar nicht mehr gebraucht wird.
Wenn sich das Blatt aber wendet, wenn Probleme auftreten, dann wird die Frage nach Gottes Eingreifen laut. Dann muss Gott aus seinem Schattendasein heraustreten und dafür sorgen, dass Leid und Not rasch wieder verschwinden.
Ein Gott, dem Menschen die Erlaubnis geben können, wann er in ihr Leben eintreten darf und wann er es möglichst rasch wieder verlassen sollte, ist ein von Menschen gemachter Gott, ein Götze. Das ist nicht der Gott der Bibel. Der Gott, der Bibel ist souverän. Er ist den Menschen zugewandt, so lange sie sich seine Zuwendung gefallen lassen. Er respektiert aber auch ihre Abkehr, denn Gott drängt sich keinem Menschen auf. Er erkennt die den Menschen gewährte Freiheit an.
Selbst wenn die Menschen Gott vergessen, vergisst er sie nicht. Er hat ein offenes Ohr für alle. Er hört die, die sich ihm erstmals zuwenden, ebenso wie die, die sich ihm erneut zuwenden.
Die Zusage: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ gilt allen. Sie gilt denen, die Gott vertrauen, ebenso wie denen, die ihn vergessen haben. Gott zieht sich auch dann nicht zurück, wenn Menschen ihm den Rü-cken kehren. Auch sie dürfen ihre Sorgen auf ihn werfen und sich ihm damit wieder neu zuwenden.

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