Schmetterlingsalphabet

Für die Predigt ist eine wunderschöne Postkarte, das sogenannte Schmetterlingsalphabet, die Grundlage. Sie ist günstig zu beziehen über das „Gottesdienstinstitut“ in Nürnberg.

Sie halten in Händen eine Postkarte. Schön bunt ist sie.
Alle 26 Buchstaben des Alphabets sind darauf zu sehen und die Ziffern 1 bis 9. Das Besondere daran ist: Jeder einzelne Buchstabe, jede einzelne Ziffer stammt von einem Schmetterlingsflügel. Der Fotograf Kjell Sandved hat sie im Laufe von 24 Jahren in allen Teilen der Welt aufgenommen.
Im Original ist der kleinste Buchstabe 3 mm, der größte 6 cm groß, aber alle finden sich auf den Flügeln von Schmetterlingen. Der Fotograf hat sie dann so verkleinert oder vergrößert, dass er alle als gleich große Bilder zusammenstellen konnte. Alles zusammen ergibt das lateinische Alphabet.
Es fällt dabei auf, was sonst im Alltag eher untergeht: Buchstaben sind schön – und eine geniale Erfindung der Menschheit.
Mal ist der Buchstabe dunkel auf hellem Grund, wie beim N,
mal ist der Buchstabe hell auf dunklem Grund, wie beim K.
Mal ist es ein perfekter Buchstabe wie das D, mal ist es ein phantasievoller wie das i mit blauem Herz als I-Punkt.
Buchstaben sind schön – und eine geniale Erfindung der Menschheit.
Dass man sie nicht nur auf grauem Zeitungspapier findet oder am Computerbildschirm, sondern auch auf den schillernden Flügeln von Schmetterlingen, ist ein Wunder.

In der Predigt werde ich zunächst in einem biologischen Teil etwas zu den Schmetterlingen sagen, dann in einem ethnologischen Teil etwas zum Alphabet, und abschließend werde ich in dies theologisch miteinander verbinden und vertiefen.

Schmetterlinge sind rekordverdächtige Wesen:
Da gibt es ganz fleißige, die in drei Minuten 100 Blüten bestäuben können. Wieder andere sind ganz gründlich, etwa der, der einen 28 cm langen Rüssel hat, mit dem er eine seltene Orchideenart bestäuben kann, die einen ebenso tiefen Blütenkelch hat.
Der südamerikanische Eulenfalter Thysania agrippina ist der größte der Schmetterlinge, in Panama gibt es Exemplare mit 30 cm Spannbreite! Die goldgelben Großen Monarchen verlassen jedes Jahr im September die Wälder im Norden der USA, um ihre Winterquartiere in Texas und Mexiko aufzusuchen – eine Reise von 3.200 Kilometern in nur drei Monaten! Ihr asiatischer Verwandter Parnassius hannyngtoni schafft es, im Himalaya in einer Höhe von 6.000 m zu leben. Und der schnellste Schmetterling, genannt Schwärmer, würde mühelos jeden sprintenden Fußballspieler im WM-Stadion überholen, denn er kommt auf eine Rekordgeschwindigkeit von 54 Stundenkilometern.
Der wahre Weltrekord aber gehört allen Schmetterlingen gemeinsam: Sie haben es geschafft, sich seit 100 Millionen Jahren auf diesem Planeten zu behaupten und unsere Erde mit ihrer Anmut und Farbenpracht zu vergrößern. Sie beißen nicht, bellen nicht, stechen nicht, infizieren nicht erschrecken nicht … Würde es sich nicht lohnen, ihnen den Friedensnobelpreis zu verleihen und mehr von ihrem stillen Glanz in unser viel zu lautes Leben fallen zu lassen?
Wer Schmetterlinge erleben will, sollte einmal das faszinierende Schmetterlingshaus im Zoo von Emmen besuchen, wo einen diese Wesen umschwirren. Sammlungen von toten Schmetterlingen sind zwar weniger faszinierend, aber immerhin gibt es in München, die größte Schmetterlingssammlung der Welt: 7.000 verschiedene Arten sind dort in der Zoologischen Staatssammlung zusammengetragen worden.

Ich erzähle das, weil dies alles Spuren Gottes in unserem Leben sind.
Keiner von uns kann einen Schmetterling erzeugen, wir können ihn nur bewundern, etwa wenn ein leuchtendes Tagpfauenauge auf einem Schmetterlingsstrauch sitzt.
Wenn man außerdem bedenkt, dass ein Schmetterling vier verschiedene Lebensstadien durchlebt: Ei, Raupe, Puppe, Schmetterling, so ist auch das ein Zeichen für das Wunderbare, für das wir Menschen keine Erklärung haben, sondern genauso wie der Psalmbeter staunen könnten:
Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. Lobe den Herrn, meine Seele, Halleluja. (Aus Psalm 104)

Nun ist das Besondere an dieser Karte, dass sie eine Zusammenstellung des Alphabets zeigt. Das Alphabet ist eine der genialsten Erfindungen der Menschheit.
Vor Erfindung des Alphabets konnte man sich nur mit Schriftzeichen verständigen. Die Ägypter etwa hatten Hieroglyphen. Die Chinesen haben das gleiche Prinzip: ein Schriftzeichen für jeden Gegenstand. Doch diese Art der Sprache war ziemlich kompliziert.
Wer in China zur Schule geht, muss im Laufe der Zeit 3.000 Zeichen lernen. Ein großes chinesisches Lexikon aber hat 87.000 Zeichen. So viel kann kaum jemand lernen.
Umso genialer war die Erfindung um das Jahr 3.000 v. Chr. im Zweistromland, also zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak. Man legte fest, dass einzelne Zeichen für einzelne Klänge stehen. Man hörte sich dann genau die Worte an, wie sie klangen, und gab jedem Klang ein Zeichen.
Unser Alphabet ist das lateinische Alphabet und hat 26 Buchstaben. Wen es interessiert: Als das kürzeste Alphabet gilt das Totokas-Alphabet auf den Salomon-Inseln mit 11 Buchstaben. Das längste ist das Khmer-Alphabet aus Asien mit 74 Buchstaben.
Das Geniale daran ist: Musste man bislang Tausende von Zeichen lernen, um sich schriftlich zu verständigen, genügen nun zwei Dutzend. Die sind schnell gelernt, in einem Jahr kann jedes Kind damit sicher umgehen.
Ein Alphabet ist damit so etwas wie ein Gerüst, mit dem sich alles, was man irgendwie ausdrücken möchte, sagen lässt.
Oder anders gesagt: eine Art Konzentrat, welches man in immer neuen Zusammenstellungen zusammenfügen kann, um alles zu sagen, ob das nun ein Zettel ist auf dem Küchentisch „Bin noch schnell einkaufen, komme um 18.00 Uhr zurück“ oder so wichtige Worte wie ein Liebesbrief.
Alles kann damit gesagt werden. Ohne Alphabet wären wir Analphabeten und könnten uns schriftlich nicht verständigen.

Gibt es so etwas auch in der Bibel? Eine Art Konzentrat, eine Grundregel, mit der man alles andere gestalten, ausdrücken, leben kann? Ja, es gibt das.
Eine solche Zusammenfassung alles Wesentlichen stammt von Paulus und heißt nicht ABC, sondern GLH: Nun aber bleiben, Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor. 13,13)
Glauben bedeutet: Ich verstehe mein Leben nicht nur aus mir selbst heraus.
Ich bin ein Geschöpf Gottes, er hat mich mit meiner Lebenszeit beschenkt, und ich darf mit ihr anfangen, was mir sinnvoll erscheint.
Lasse ich die Zeit gedankenlos verstreichen, oder verbringe ich sie so, dass Gott eines Tages zu mir sagen kann: Ja, du hast dein Leben gelebt als Geschenk von mir an dich?
Vielleicht können wir dabei auch vom Schmetterling lernen: Er durchläuft vier Lebensstadien und ist in jeder Lebensstufe eins mit sich selbst. Heißt Glauben nicht auch, das Leben so anzunehmen, wie es ist, auf jeder einzelnen Lebensstufe?
Ein hochbetagter und kranker Mensch sagte neulich zu mir: Meine Aufgabe ist es nun, in Würde mein Alter zu ertragen.
Ein junger Mensch sagte mir neulich: Wir beide, mein Partner und ich, haben nach neuen Lebensinhalten gesucht. Wir sind froh, dass wir die Verwandlung geschafft haben, ohne uns selbst zu verlieren.
Glauben ist ein festes Vertrauen, dass Gott auch mein Leben begleitet und ich mich darauf verlassen kann, dass er mich mit Hilfe und Trost begleitet.
Die Liebe: Sie ist der Schlüssel zum Glück, der Schlüssel zu Menschen. Wenn ein anderer spürt, ja, ich werde geliebt, dann ist die Beziehung geglückt. Dies ist möglich in der großen Liebe zum Partner oder zu den Kindern, und in der kleineren, auch wichtigen Liebe zu den Menschen, die mich im Alltag umgeben. Eine kleine Aufmunterung, lobende und anerkennende Worte, eine Geste des Verständnisses – all das kann ein Zeichen der Liebe sein.

Was am Ende zählt

Am Anfang unsres Lebens steht sie offen
ein Wunder ist dann jeder Stern, der fällt,
und unsre Neugier lässt uns fragend hoffen:
Wie schön, wie groß, wie weit ist diese Welt?

Erst mit der Zeit wird alle Welt vergleichen
und macht uns klar: Aufs Haben kommt es an,
und wer viel will, fragt, um es zu erreichen:
Wie hoch, wie schnell, wie weit komm ich voran?

Doch irgendwann am Ende unsrer Tage,
an denen es keine Illusion mehr gibt,
zählt nur noch jene eine stille Frage:
Wie sehr, wie oft, wie tief hab ich geliebt?
(Andrea Gegner)

Doch: Liebe kann auch scheitern. Wir erleben das immer wieder. Bitter ist das, wie wenn ein Schmetterling aufhört zu fliegen und tot am Boden liegt.

Vielleicht gerade wegen des immer wieder erlebten Scheiterns sagt Paulus: Das Dritte im ABC, im GLH des Lebens ist die Hoffnung.
Hoffnung kann gerade auch dunkle Zeiten erträglich machen. Hoffnung kann mir die Kraft geben, nicht zu verzweifeln, sondern am Wert des Lebens, an meinem Wert festzuhalten.
Hoffnung weiß: Das Leben ist offen für Veränderungen. Manches muss ich loslassen, um Neues zu empfangen. Manches muss ich jetzt ertragen, aber ich werde nicht bitter dabei, sondern gestärkt von der Hoffnung.
Hoffnung weiß: Manches Mal muss ich ganz neue Lösungen suchen, aber ich vertraue, dass mir das mit Gottes Hilfe möglich ist.

Davon erzähle ich zum Abschluss eine Geschichte.
Ein Mönch liebte es zu beten. Siebenmal am Tag tat er es, mit Hingabe und seinem ganzen Herzen. Er spürte: Mit jedem Gebet wird meine Beziehung zu Gott inniger, mit jedem Gebet komme ich Gott ein Stück näher. Er las dabei am liebsten die Gebete der Bibel und die Gebete seines Ordens. Kostbare Bücher waren es, und jedes Mal, wenn er eines der Gebetsbücher öffnete, wurde sein Herz von starkem Glauben erfüllt.
Nun gab es eines Tages eine große Überschwemmung. Der Fluss war so stark angeschwollen, dass alles mitgerissen wurde: Türen und Tore, Geschirr und Möbel – und auch die kostbaren Bücher. Alles war weg.
Doch der arme Mönch ließ sich nicht entmutigen. Er ruhte auch weiterhin siebenmal am Tage zum Gebet. Er faltete die Hände und suchte die Verbindung zu Gott. Nur dass er nicht mehr aus den Büchern las, sondern ganz anders betete: ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ
Jeden Buchstaben betete er mit Nachdruck, mit Innigkeit und seinem festen Glauben. Da fragten ihn die anderen Mönche, was er denn da tue und warum genau auf diese Art.
Und der Mönch antwortete: Ich bete das ABC – aber ich weiß, Gott wird aus diesen Buchstaben all das zusammensetzen, was in meinem Herzen an Glaube, Liebe und Hoffnung ist.
Sein Gebet wurde erhört, und mit jedem Buchstaben, den er betete, wuchs sein Glaube.

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.