Loblied mit Phantasie – Jona 4

Jona 2,3-10

Einem glücklichen Zufall verdanken wir dieses Loblied. Aus Psalmenzitaten zusammengesetzt, ist es Jona in den Mund gelegt, nachdem ihm Glück zugefallen ist.
Die Seeleute, mit denen Jona unterwegs war, wurden inne, dass zwischen ihm und seinem Gott etwas nicht stimmte. Darin sahen sie die Ursache des Sturms, der ihr Schiff zu versenken drohte. Sie ergriffen Jona und warfen ihn ins Meer. Er sinkt und sinkt, da kommt ein großer Fisch – in den Nacherzählungen ist es meistens ein Walfisch – verschluckt Jona und rettet ihm das Leben.
Wir haben es hier ja nicht mit einem Tatsachenbericht zu tun, sondern mit einer sorgfältig konstruierten Geschichte. In unserer täglichen Wirklichkeit kommt eine solche Rettung nicht vor, in der Phantasie, der Erfindungsgabe, aber schon. Wir sollen die Phantasie nicht gering achten oder gar als Lügnerin verachten. Wie könnten wir uns die Zukunft vorstellen ohne eine gehörige Portion Phantasie! Oder gar das Paradies, Gottes vollendete Schöpfung?
Die Phantasie denkt über die herrschende Wirklichkeit hinaus in eine andere, glücklichere. Darin hat sie’s gleich wie Gott. Der hält die jetzige Schöpfung auch nicht für die Erfüllung aller Wünsche. Darum ist er entschlossen, uns und die ganze Welt aus den herrschenden prekären Verhältnissen hinauszuführen – ins Glück. Aus dem Sturm in den sicheren Hafen, aus dem Krieg in den Frieden, aus dem Elend in die Freude, aus dem Tod ins Leben.

Also steht die Phantasie im Dienst Gottes. Sie ist ein Werkzeug des Heiligen Geistes. Leider nicht immer. Leider fällt die Phantasie auch Gau-nern und Lügnern in die Hände. Was der Kreml im Ukrainekrieg zusammen-lügt, geht auf keine Kuhhaut. Für Fakenews braucht es auch Phantasie, besonders bei den Geheimdiensten. Und wir wissen ja, dass Putin ein Geheimdienstmann war. Ein professioneller Lügner also. Man merkt’s dem Mann an auf Schritt und Tritt.
So problematisch, so irreführend und schlecht kann Phantasie sein. Aber sie hat eben trotzdem mit Pfingsten zu tun. Sie wird vom Heiligen Geist in Dienst genommen. Vom Geist des Gottes, der die Vollendung der Welt in Frieden und Herrlichkeit im Sinn und im Tun hat. Denn der Heilige Geist ist ein begabter Erzähler. Er erzählt von der Zukunft und der werdenden vollkommenen Schöpfung. Er tut es mit Belegen aus der Vergangenheit, sodass wir ihm Vertrauen schenken, weil uns trotz allem Widerwärtigen einleuchtet, dass Gottes Herrlichkeit im Kommen ist und unser werden soll. Der Heilige Geist ist ein Prophet und auch ein Dichter. In Worten malt er uns das werdende Reich Gottes vor die Seele.

Jona ist Glück zugefallen. Er ist nicht jämmerlich ertrunken. Ein Walfisch hat ihn verschluckt und wird ihn nach drei Tagen ans rettende Ufer speien. Dorthin, wo seine Flucht vor Gottes Auftrag angefangen hat. Dort wird Jonas Geschichte mit Gott noch einmal anfangen, auf neue Art.
Nein, das stimmt nicht ganz. Die neue Geschichte zwischen Jona und Gott hat bereits angefangen. Im Bauch des Walfischs. Durch die Sendung des Walfischs nämlich unterscheidet sich Jonas Gott von den Göttern der Mannschaft auf dem Schiff. Diese Matrosen kamen aus aller Herren Länder, aber ihre Götter hielten es im Prinzip alle gleich. Wer sich gegen ihre Vorschriften vergeht, hat das Leben verwirkt. Dass die andern nicht mit ins Verderben gerissen werden, müssen sie Jona ins Meer schmeißen, auf dass er ertrinke oder, noch schlimmer, am Grund des Meeres vom Leviathan gefressen wer-de. Zuunterst im Meer nämlich haust nach der Vorstellung der Alten Welt das Meerungeheuer und besorgt den Rest.
Doch Jona landet nicht im Rachen des Leviathan. Als er sinkt, kommt ein Riesenvieh dahergeschwommen. Das ist er jetzt, der Leviathan, wird es Jona durch den Kopf gefahren sein. Und als das Untier das Maul aufreißt, glaubt Jona, das letzte Stündlein habe geschlagen. Erst als er im Fischbauch wieder zu sich kommt, merkt er: Das ist kein Ungeheuer, das unerbittlich das Todes-urteil der Götter am Sünder vollstreckt. Das ist ein freundlicher Riese, von Gott geschickt, dass er mich rette. Denn Gott will nicht das Verderben des Sünders; er will, dass der Ungerechte sich abkehrt von seinem falschen Weg und lebt. Das tut ja Jona hier tatsächlich. Besser gesagt: Das tut der Walfisch mit ihm. Denn Gottes väterliche Liebe für die Menschen, Gottes Sympathie für die Ungehorsamen, die Sünder, Gottes geduldige Kraft, sie von falschen Wegen weg auf gute zu bringen, ist so groß wie ein Walfisch und so geduldig und unerschütterlich wie der Koloss der Meere.

Jona erlebt mit seinem Gott, was diesen Gott von allen Göttern der Welt unterscheidet, weshalb uns dieser Gott im ersten Gebot bekanntlich den Rat gibt: „Du sollst keine andern Götter neben mir haben.“ Denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Moses und Josuas und Davids, der Gott Jesu – dieser Gott ist kein oberster Richter, der über den Sünder entscheidet: Kopf ab – und es gibt keine Berufung dagegen. Der Gott Abrahams und Moses und Davids und Jesu ist ein Retter, der sogar einen Walfisch aufbietet, um seinen abtrünnigen Boten aus den Fluten zu fischen, damit er noch ein-mal mit ihm anfangen kann.
Darum ist der biblische Gott keinem andern Gott in der Welt gleich. Er will nicht den Tod des Verirrten, sondern dass er umkehre und auf einen Weg mit Zukunft gestellt werde. Darum all die Befreiungsgeschichten im Alten und Neuen Testament. Damit wir, wenn wir im Bauch des Walfischs erwachen, nicht denken, der Leviathan habe uns gefressen, sondern merken: Das ist ein Rettungsboot. Das bringt uns an sicheres Ufer. Sogar vom Tod sollen wir so denken. Im Licht der Jonageschichte ist der Tod eben nicht das Meeresungeheuer, das uns für immer verschlingt, sondern der Walfisch, der uns zwar im ersten Augenblick einen Schrecken einjagt, aber vom Schöpfer geschickt ist, um uns ans rettende Ufer zu transportieren. Und wenn der Tod meint, er habe das letzte Wort und lösche uns für immer aus, dann täuscht er sich gründlich. Denn der Gott Jesu will nicht den Tod der Verirrten, sondern dass sie in Ewigkeit mit ihm leben.

Und nun endlich näher zu Jonas Lobgesang. Eindrücklich, wie das Psalmvers an Psalmvers gefügt ist und alle davon handeln, dass wir in tiefster Not Rettung bekommen. Wie ein Refrain geht durch alles hindurch: „Das Wasser stand mir bis zum Hals, da hast du mein Leben aus dem Abgrund gezogen.“ Eindrücklich fürwahr. Aber doch etwas gar künstlich. So ruft doch keiner, der gerade dem Tod entronnen ist! Dieses Dankgebet ist zwar schön, aber nicht spontan. Es ist Schriftgelehrtenwerk, als hätte Jona keine eigenen Worte, als müssten ihm biblische auf die Zunge gelegt werden, weil sie die einzig richtigen wären.
Ich habe in einer der ersten Jonapredigten gesagt, in dem Büchlein stecke verborgen eine scharfe Kritik an den Schriftgelehrten. Das ist auch hier zu merken. Denn dass der Sünder gerettet wird, bevor er sich bekehrt hat, das passt nicht in die Theologie der Schriftgelehrten und Pharisäer, weder in der Jonazeit, noch in der Zeit Jesu, noch in unserer Zeit. Deswegen hat Jesus die Schriftgelehrten ja so scharf kritisiert. Dass der unbußfertige Mensch vom Schöpfer selbst auf den Weg des Lebens zurückgeholt wird, das hätte keinem Schriftgelehrten in den theologischen Kram gepasst. Genau das aber verkündet das Jonabüchlein hier.
Und doch fehlt ihm etwas. Es fehlt ihm die großartige Perspektive der Propheten aus der Zeit Jesajas und Jeremias. Die Perspektive, dass uns der biblische Gott nicht nur aus der Grube holt, wenn wir hineingefallen sind – sondern dass er dabei ist, seine ganze Schöpfung ein für alle Mal aus dem Loch hinauszuführen, in dem sie hockt. Es fehlt Jonas Dankgebet der Drive, die Dynamik von Jesu Evangelium, mit dem er an die großen Propheten anknüpft und ruft: „Das Reich Gottes ist im Kommen.“ Es fehlt Jonas Lobgesang der Ausblick in die Zukunft, die kräftige Hoffnung, die von Jesus aus-geht – bis heute.
Diesen Ausblick in das künftige Heil der Welt haben die frühen Christen jedoch in das Jonabüchlein hineingelesen, als sie Jonas Rettung als Vorzeichen der Auferweckung Jesu und der ganzen Welt aus dem Tod auslegten. Mit Recht!
Diese kräftige Hoffnung aufs Heil der Welt, sie ist die Wirkung des Heiligen Geistes. Diese großartige Perspektive des kommenden Heils für die Welt, das ist das Werk von Gottes Schöpfergeist, der an uns arbeitet und arbeiten wird, bis Himmel und Erde erfüllt sind von der Güte, dem Segen, dem Frieden Gottes, der höher ist als unser Verstand.

Ja, es braucht Phantasie, um sich die vollendete Schöpfung vorzustellen. Die Geschichten der Bibel, besonders die Geschichten Jesu, regen uns die Phantasie an und machen, dass wir für möglich halten, was uns eben noch unmöglich schien – nämlich, dass wir eines schönen Tages sogar aus dem Tod in neues, vollkommenes Leben gerufen werden.

Gebet:
Mit deinem Geist, Gott, du Schöpfer, bläst du uns jeden Tag Leben ein.
Woher sollte uns Leben kommen, wenn nicht aus deinem Geist,
der der Schöpfer des Lebens ist?
Blas uns mit deinem Geist auch Vertrauen zu dir ein, zu deinem Wort, das
uns und der Welt Heil und Leben verspricht.
Blas uns mit deinem Geist Gerechtigkeitssinn ein, dass wir für das Recht,
auch das Recht des andern, einstehen und kämpfen.
Blas uns mit deinem Geist Mut ein, Mut zum Leben, auch wenn das Leben
nicht einfach ist.
Blas uns mit deinem Geist Trost ein, Trost gegen Elend, Verzweiflung und Tod.
Blas uns mit deinem Geist Liebe ein, Liebe zu denen, die mit uns leben.
Blas uns mit deinem Geist Freude ein, Freude an dir und an deinem Werk.
Herr, wir danken dir für deinen Geist.

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.