Liedpredigt: Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273) – Martin Luther 1524

Der besondere Gottesdienst, Dekan Rainer Heimburger

Um die Jahreswende 1523/24 beschäftigt sich Martin Luther mit der Schaffung von Psalm-Liedern in deutscher Sprache für die Feier des Gottesdienstes. Die Lieder sollten den Sinn des Psalms genau erfassen und in einer schlichten Sprache wiedergeben. Zu diesen Liedern gehört auch „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“, Luthers Übertragung von Psalm 12. Wikipedia stellt nüchtern fest: „Der Choral Luthers findet sich bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG 273), wird aber selten gesungen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ach_Gott,_vom_Himmel_sieh_darein - aufgesucht am 19. September 2016)

„Ach Gott“ - die ersten drei Strophen sind ein einziges Klagen. Luther ist da ganz dicht am Text des 12. Psalms: Es sind nur noch wenige, die glauben. Wo man hinschaut Lug, Trug und Heuchelei, schöner Schein und nichts dahinter. Und was am schlimmsten ist: Weil viele nur noch egoistisch auf sich und ihren eigenen Vorteil schauen, bleiben die Schwachen und Armen auf der Strecke.
„Ach Gott“ - das ist hier kein Klagen über Missstände und Schlechtigkeiten der Welt nach dem Motto: Die Menschen sind schlecht. Die Welt ist halt so.
„Ach Gott“ - hier ist das ein tiefer Seufzer. Luther greift zu den Worten des Psalms, weil sie seine eigenen Sorgen und die Nöte der jungen evangelischen Gemeinden in diesen Jahren ausdrücken: Die Feinde der Reformation tun alles, um die junge Bewegung im Keim zu ersticken.
Ihre Lehre und ihr Glaube sind falsch (Strophe 1). „Der wählet dies, der andre das, sie trennen uns ohn’ alle Maß“ (Strophe 2) - damit spielt Luther auf die Spaltung der Kirche an. Die Gegner treten glänzend und selbstbewusst auf und schwingen große Reden. Sie können es sich leisten. Sie haben die Macht. Wer will sich ihnen entgegenstellen (Strophe 3)?

Ganz dicht ist Luther am Text der Bibel. Und doch weicht er gleich zu Beginn des Liedes entscheidend von den Bibelworten des 12. Psalms ab: Dort wird von „den Armen“ gesprochen. Luther aber dichtet „verlassen sind wir Armen“.
In den Worten des 12. Psalms entdeckt Luther sich selbst und die Situation der Kirche in diesen kritischen Jahren der Reformation.
In der Bibel wird die „viva vox“, die „lebendige Stimme“ Gottes laut. Gott spricht uns an. Nicht immer, aber immer wieder. Und dann erkennen wir auf einmal: Das ist doch eigentlich auch unsere Situation.

„Ach Gott“ - kennen wir doch, diesen Seufzer. „Ach Gott“ - sagen wir doch auch immer wieder resigniert. „Ach Gott, das ist schlimm, aber da kann man halt nichts machen.“
Bei Luther wird dieser klagende Seufzer aber nicht mit einem resignierten Schulterzucken vorgetragen. Er wird zu einem Hilfeschrei. „Hilf, Herr“, heißt es im Psalm, und das heißt so viel wie: „Zeig dich, Gott! Greif ein!“
Wenn Gottes Wort uns anspricht, wenn wir uns in ihm wiederfinden, dann führt es uns immer wieder ins Gebet. Dann legen wir unsere Sorgen und Nöte vor Gott hin: „Hilf doch, Gott. So ist die Lage. Ohne dich komme ich hier nicht klar.“

Bald nachdem Luther sein Lied veröffentlicht hatte, wurde es zu einem Bekenntnislied der Reformation. Es ist sogar schnell zum Propagandalied geworden und wurde in einem regelrechten Singekrieg als Waffe eingesetzt. Als 1527 in Braunschweig der katholische Priester über die guten Werke zu predigen anfing, stimmten die Anhänger der Reformation dieses Lied an und brachten ihn so zum Schweigen. In Lübeck unterbrachen evangelisch gesinnte Bürger die Messe, indem sie laut „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ und andere Psalmlieder Luthers sangen. Aus Frankfurt am Main und aus Basel wird von ähnlichen Aktionen berichtet. „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ - „Sieh dir das an, diesen Götzendienst. Und mach ihm ein Ende!“ Diese Provokationen waren bald in aller Munde. So wurde das Psalmlied zum Störgesang und zur lauten Trillerpfeife gegen falsche Theologie und falschen Gottesdienst.

Diese Geschichten sorgen heute bei uns eher für Kopfschütteln und mildes Lächeln. Es ist ja nun doch schon 500 Jahre her, dass Papst Leo X. Martin Luther einen Ketzer nannte und Martin Luther den Papst den Antichrist. Haben Sie den Satz aus wikipedia noch im Ohr? „Der Choral Luthers findet sich (zwar) bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG 273), wird aber selten gesungen.“ Kann ich gut verstehen. Die Konfrontationen mit der katholischen Kirche liegen weitgehend hinter uns. Wir betonen heute viel mehr das, was unsere Konfessionen verbindet, als das, was sie trennt. Und dass wir Evangelischen so arm dran sind, wie es Luther in seiner ersten Strophe sagt, will uns heute auch nicht mehr so recht über die Lippen kommen.
Wie gehen wir also mit diesem Lied um? Lassen wir es im Gottesdienst weiterhin links liegen? Hoffen wir darauf, dass die nächste Gesangbuch-Reform es aussortiert? Im Psalmteil des Gesangbuches steht der 12. Psalm ja auch nicht. Immerhin: Luthers Lied und seine Botschaft werden als Bachkantate (BWV 2) konzertant weiterleben.
Manches spricht dafür, so zu verfahren. Eines spricht dagegen. Ich finde, entscheidend dagegen.

Luthers Lied bewahrt den 12. Psalm und seine Botschaft in unserem Gesangbuch. Und dieser randständige 12. Psalm erinnert uns daran, wer die ersten Adressaten der biblischen Botschaft waren und immer noch sind: die Armen und Gebeutelten, die Flüchtlinge und Unterdrückten, die Zukurzgekommenen und Aussortierten.

Ich stelle mir vor, sie säßen unter uns, in einem unserer Gottesdienste: Mohammed, Flüchtling aus Eritrea, Jenny, die allein erziehende Mutter von zwei Kindern, oder Margot, deren Rente hinten und vorne nicht reicht, obwohl sie ihr ganzes Leben gearbeitet hat, aber eben immer in Teilzeit, beim Schlecker oder als Putzfrau, zugegeben öfter auch mal schwarz. Und ich fange grade an mit der Predigt, da steht Margot auf und fängt an zu singen: „Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen, wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen.“ Und Mohammed und Jenny stehen auf und singen mit und dann noch ein paar andere, die sonst nie hier sind. Wir kennen sie nur vom Aldi, wenn wir uns dort beim Einkaufen begegnen. Auf einmal stehen da 15 Leute und singen die vierte Strophe unseres Liedes:
„Darum spricht Gott: Ich muss auf sein,
die Armen sind verstöret;
ihr Seufzen dringt zu mir herein,
ich hab ihr Klag erhöret.
Mein heilsam Wort soll auf den Plan,
getrost und frisch sie greifen an
und sein die Kraft der Armen.“

Und dann ich stelle mir mein Gesicht vor, als sie nach dem Lied alle Trillerpfeifen zücken und loslegen, wie sie das von ver.di oder der IG Metall kennen. Und sie hören erst auf zu lärmen, als ich die Kanzel mit einem verlegenen Lächeln verlasse und sie frage: „Was soll das? Warum stört ihr den Gottesdienst? Was wollt Ihr?“
Und Jenny, die allein erziehende Mutter, fängt an: „Wir wollen, dass ihr uns anhört. Wir wollen, dass nicht nur Gott, hört und sieht, wie es uns geht. Ihr sollt auch mal sehen und hören, wie wir uns durch die Tage quälen, weil es hinten und vorne nicht reicht mit der Kohle. Manche von euch kennen mich. Sie kennen auch meine zwei Kinder, Theresa und Marc. Wir drei leben von Hartz IV.
Theresa ist zehn Jahre alt. 3,49 Euro - so viel steht jedem Kind zwischen sechs und 13 Jahren nach dem Regelsatz der Sozialhilfe für die tägliche Ernährung zu.
3,49 Euro - ich fange an, beim Frühstück zu rechnen: 20 Cent für die Banane, 20 Cent für die Frühstücksflocken, 30 Cent für die Milch, 15 Cent für das Nutella-Brot, 50 Cent für das Pausenbrot … sehr sparsam gerechnet. Das alles ergibt bereits 1,35 Euro, und der Tag ist noch nicht mal halb rum. Mittag- und Abendessen stehen noch aus. 3,49 Euro - wie soll man da ein Kind oder einen heranwachsenden Teenager wie Marc (4,47 Euro pro Tag) satt kriegen und wenigstens halbwegs gesund ernähren?
Marc ist 14 und geht aufs Gymnasium. Da steht ein Schullandheim an. Tolles Angebot mit Rafting und Hüttenübernachtung. Marc ist begeistert, als er nach Hause kommt - ich nicht. Als ich den Preis für das Landschulheim sehe und die Liste der Dinge, die mitzubringen sind, bin ich hilflos. Vieles davon hat Marc nicht: Regenjacke, Sonnenbrille, feste Turnschuhe zum Wandern, Schlafsack, Taschenlampe.
Ja, ich war schon beim Diakonischen Werk. Die haben mir auch bei den Anträgen für den Zuschuss aus dem sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket geholfen. Den Schlafsack und die Regenjacke leiht mir ein Nachbar. Trotzdem: Die Klassenfahrt geht an unsere letzten finanziellen Reserven. Das Taschengeld für die Klassenfahrt für Marc ist ziemlich überschaubar. Das wird schwierig.“

Und ich stell‘ mir vor, wie einer aus der Gemeinde aufsteht und grade sagen will: „Also, da kann ich helfen. Hier sind 50 Euro für Marc.“ Aber da steht schon Mohammed auf und beginnt zu erzählen und danach Margot und alle zwölf anderen, die vorhin den Gottesdienst unterbrochen haben.

Und wir merken: Da geht es nicht um Armut, die wir mal eben durch großzügige Spenden ausbügeln könnten. Da geht es um Gerechtigkeit. Da geht es um andere Hartz IV-Regelsätze und um Sprachkurse und um auskömmliche Renten. Und wir ahnen: Das könnte teuer werden, sehr teuer. Unsere Spenden sind willkommen. Sie können aber nur eine erste Hilfe sein. Da muss der Staat ran. Da müssen andere Gesetze her. Da müssen wir als Bürgerinnen und Bürger mit unseren Politikern reden. Und wenn wir das machen würden und sie überzeugen könnten, dann würde es wohl nichts werden mit den Steuersenkungen, die uns unsere Politiker zur nächsten Bundestagswahl versprechen. Und wir sitzen alle ganz bedröppelt da.

Sehen Sie, deshalb möchte ich nicht auf dieses Lied im Gesangbuch verzichten. Ich brauche es nicht als Bekenntnislied, schon gar nicht als Propagandalied gegen unsere katholischen Glaubensgeschwister. Aber ich brauche es als Erinnerung an die Worte des 12. Psalms, als Erinnerung an die, die auch Jesus ganz besonders am Herzen lagen: die Armen und Gebeutelten, die Flüchtlinge und Unterdrückten, die Zukurzgekommenen und Aussortierten.
Ich brauche immer wieder auch die Erfahrung: Die Worte der Bibel sind nicht nur lebendige Gottesworte, wenn sie mich trösten. Sie sind auch lebendige Gottesworte, wenn sie sich gegen mich wenden. Wenn sie mich kritisieren und wachrütteln.

Eingangsgebet:
So viele Stimmen haben wir gehört in dieser Woche.
Lass uns deine Stimme hören, Gott.
Lass uns hören, was du uns zu sagen hast.
Du weißt, was wir heute brauchen:
vielleicht ein Wort des Trostes,
vielleicht ein Wort, das uns trägt,
vielleicht aber auch ein Wort,
das uns zurechtbringt,
ein Ruf, der uns bewegt.

Bausteine für die Fürbitten:
… für die, die sich ausgeschlossen und abgeschoben fühlen,
… für die, denen die Schulden über den Kopf wachsen,
… für die, die vor dem Tafelladen in der Schlange stehen

Psalmvorschlag: Psalm 10,4.11-14.17-18
Evangelium: Lukas 1,46-55
Lesung: 2. Korinther 9,6-9
Liedvorschläge: 168 (Du hast uns, Herr, gerufen)
420 (Brich mit den Hungrigen dein Brot)
273 (Ach Gott, vom Himmel sieh darein)
262 (Sonne der Gerechtigkeit)
168 (Wenn wir jetzt weitergehen)

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