Eine Bleibe – eine Herberge – eine Heimat?

Uns Christinnen und Christen sind Flüchtlinge nicht gleichgültig. Das zeigen die vergangenen Monate.

Vor vielen Jahren, ich weiß nicht mehr wann, habe ich für die Kinder unseres damaligen Kinderchores das nachstehend abgedruckte Lied unter anderen Liedern für ein Singspiel an Heiligabend geschrieben. Hier nur der Text. Es ist immer wieder und immer noch eines der eigenen Lieder, die mich selbst am meisten bewegen.
Das Singspiel damals hieß wahrscheinlich „Über deinem Haus ein Licht“.

Bethlehem in Juda, du kleine Stadt, Leben laut und dicht.
Eng drängt sich die Zahl der Menschen ohne Obdach,
ohne Haus,
verschließ dich nicht!
Öffne deine Türen, lass mich zu dir, zeig mir dein Gesicht.
Gott weist mir den Weg, am Himmel nur ein Stern,
und über deinem Haus ein Licht.
1. Lange Wege, müde Menschen, leere Herzen ohne Tränen,
dunkle Nacht, die Frau bekommt ein Kind.
Dort, wo sich die Kühe wälzen,
liegt nun dieses Kind in Windeln,
doch die guten Bürger bleiben blind.
2. Wenn im Herbst die Vögel ziehen
und aus unsrer Kälte fliehen,
fliehen Kinder vor dem Eis der Macht.
Vögel finden Futterplätze,
sag mir, wo die Kinder leben,
wenn bei uns kein Licht brennt in der Nacht.

Ich sehe seit Jahren Illuminationen in Vorgärten (selten schön), dann schon zurückhaltender Kerzen, Lichterbögen und Engel in den Fenstern zur Advents- und Weihnachtszeit - aber ich sehe kein Licht über den Häusern. In der dunklen Jahreszeit - ein Licht. Das war einmal eine geistreiche Idee. Wichern hat sie in seinem „Rauhen Haus“ in Hamburg für Kinder und Jugendliche aus prekären Familien und Nicht-Familien mit einem „Adventskranz“ gestaltet, der sich immer weiter lichtete bis zur Geburt Jesu.
Ich habe Mütter und Kinder beobachtet beim Kauf eines Adventskranzes.
„Ich mag Rot nicht.“
„Magst du Lila?“
„Mag ich auch nicht.“
„Gelb?“
„Nein. Ich will grüne!“
Grüne Kerzen gab es nicht. Die gab es früher. Die „Alten“ wissen das, wie wir grüne Lichter auf den Sims stellten. Sie sollten leuchten für die „Schwestern und Brüder in der Zone“.

Heute gehen Menschen auf die Straße, weil sie keine Flüchtlinge wollen. Meine erste große Kinder- und Jugendliebe war ein Flüchtlingsmädchen. Die Familie wohnte in einer Holzbaracke über unserem Dorf. Wir verloren nicht ein einziges böses Wort.
Millionen unter uns sind Kinder und Eltern aus dieser Zeit. Anfangs gab man ihnen, auch wenn sie nur gebrochen Deutsch sprachen, eines der zwei oder drei Zimmer, die man selbst hatte. Dann baute man Bretterbuden, Holzhäuschen. Dann irgendwann spürte ich als Kind, dass die Erwachsenen von „Flüchtlingen“ reden. Und dass man sich - das war schon Anfang der 1960er-Jahre - darüber aufregte, dass es den „Flüchtlingen“ so gut ginge, während man selbst …
Wie sich die Zeiten ungut wiederholen.

Uns Christinnen und Christen sind Flüchtlinge nicht gleichgültig. Das hat man in den vergangenen Monaten deutlich gespürt.
Wir haben „innere Migranten“ 30 Jahre lang bei einem offenen Pfarrhaus durchgefüttert, betreut und bedient. Wir haben Asylsuchende (durchaus auch kritisch) betreut und vor allem all die bewundert und unterstützt, die sich für Flüchtlinge stark gemacht haben im Asylantenheim. Wir haben mit allen Kräften Integration gefördert und zur Integration eingeladen. Wir wissen: Auf die Kommunen sind schwer zu bewältigende Aufgaben zugekommen.

Die „Herberge ist voll“. Und doch fanden Maria mit ihrem Josef und dann auch das Kind eine Bleibe. Wo Not ist, darf die „volle Herberge“ nie ein Argument sein: „Jetzt komm erst einmal an. Wir sind da für dich. Es wird gut. Wir helfen. Morgen ist auch noch ein guter Tag.“
Eine Bleibe finden Menschen auf der Flucht nur dort, wo man sie einlädt, betreut, wo man ihnen dient.
Unterstützen Sie Ihre Kommune - gerade auch in der kalten Zeit. Wehren Sie bitte denen, die anderen eine Bleibe verweigern. Manchmal muss man sich anderen in den Weg stellen, damit ein Zugang bleibt. Damit das „Ehre sei Gott“ Herzen erreicht. Moralisch? Ja, moralisch!

Es ist für mich ein Luxus, aus der Distanz zu schreiben. Heute klingelt niemand mehr an unserer Tür wegen etwas Geld oder um Essen. Das ist - weltweit - ein absolutes Privileg. Das wissen die meisten nicht. Doch: „Vögel finden Futterplätze, sag mir, wo die Kinder leben, wenn bei uns kein Licht brennt in der Nacht.“

Den Leserinnen und Lesern der PASTORALBLÄTTER wünsche ich von Herzen gesegnete Weihnachten und ein neues Jahr 2016 in Frieden, mit Kreativität, mit tragfähigen Freundschaften und einem treuen Glauben. Schön, dass Sie uns dabei wieder Ihr Vertrauen schenken. Die kommenden Jahre - immer näher am Reformationsjubiläum - werden wichtige Jahre.

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