Expertinnen und Experten für Übergänge

Traut man den Kundigen, dann sind wir Pfarrerinnen und Pfarrer insbesondere kompetent als „Agenten der Übergänge“.
Es muss hier nicht besonders nachgewiesen werden: Die Kirche und die Repräsentantinnen und Repräsentanten in den entsprechenden Ämtern verfügen über sog. „rites de passage“ (Arnold van Gennep, 1909), „Übergangsriten“. So bei Taufe, Konfirmation, Trauung, Einschulung usw.
Zusammenfassend lese ich unter dem Stichwort „rites de passage“: „Es scheinen diese Übergänge … als eine potenzielle Gefahr betrachtet worden zu sein, und entsprechend konnten sie nicht individuell vollzogen werden, sondern mussten rituell bewältigt werden.“ Das hat sich erstaunlicherweise trotz z.B. des schwächer werdenden Gottesdienstbesuchs nicht geändert. Man wünscht kirchliche Begleitung, auch wenn man nicht so genau sagen mag, warum. Man wünscht eine würdige Form, auch wenn das familiäre Feiern oft als peinlich verspürt wird. Man wünscht das - so die Forscher -, um bestimmten, in den Übergängen lauernden Gefahren aus dem Weg zu gehen.
Zwischenzeitlich scheint man dankbar dafür zu sein, dass uns Kirchenleuten die Kompetenz für Begleitung von Lebensübergängen noch zugetraut wird, treffen wir doch das Jahr über bei Kasualien auf das Vielfache an Menschen im Vergleich zu unseren Gottesdiensten. Vor Jahrzehnten schon entstand daraus der - positiv gefüllte - Begriff, wir seien „Kirche bei Gelegenheit“ (Nüchtern). Kirche bei Gelegenheit - das scheint manchen nicht koscher. Eher gefährlich. Was, wenn sich den Menschen keine Gelegenheit mehr stellt?
Die Frage ist eigentlich lächerlich.
Denn jedes Kind wechselt vom Kindergarten in eine Schule. Und die meisten Menschen wechseln in einen Beruf, ebenso wie in eine Ehe. Die meisten Frauen bekommen Kinder, die wieder wechseln in einen Kindergarten und in eine Schule und einen Beruf und in eine Ehe. Es ist also „Menschsein“ gar nicht anders denkbar als in Übergängen. Selbst der Urlaub in diesen Wochen ist ein „Übergang“.

Der Wechsel, der Übergang scheint nicht nur angstbesetzt, er scheint auch oft ein Verlustgeschäft zu sein. Die Bibel - Alten wie Neuen Testamentes - ist ein Zeugnis der Übergänge.
Die Schöpfungsgeschichten - Übergangsgeschichten.
Die Wanderung des Abraham, die Zurückweisung des Isaak-Todes, der Hunger von Jakobs Söhnen, die Exilzeiten durch Assyrer und Babylonier, das Kommen und Gehen guter und schlechter Könige, die Diskussion um die richtige Parteinahme für eine der umgebenden Mächte … - Übergangsgeschichten.
Sie kommen und gehen auch im Neuen Testament, die Weisen, die Hirten, die Mächtigen, die Kranken, die missionierenden Jünger, die sich immer neu ausrichtenden Gemeinde. Selbst Gott ist im Übergang - bis er Wohnung sucht bei den Menschen.

Wir können uns das Stichwort „Übergänge“ oder „Übergang“ vergegenwärtigen.
Bahnübergänge, an denen Unfälle passiert sind.
Übergänge im Gebirge, vor denen wir zögerten.
Brücken, bei denen uns nicht geheuer war.
Kreuzungen ohne Ampel.
Übergänge werden als Brüche gesehen.
Der Wechsel heißt erst einmal Diskontinuität.
Neu einstellen - oder gehen.
Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Einrichtung: Übergänge in den Spitzenpositionen machen Angst.
Die Bibel ist also ganz nah bei den Menschen.
Ganz menschlich, fürchten sie nicht, dass alles so bleibt, sie fürchten den Wechsel, den Abschied, den Abbruch von Vertrautem.

Und: Menschen wollen nicht übergangen werden. Mag es auch die Sehnsucht der Menschen sein, zu bleiben, so ist ihre Wirklichkeit doch der Übergang, der Wechsel, der Wandel.
Ich lerne daraus: Wer am Leben schreibt, wer Biograph ist, kann nicht sitzen oder stehen bleiben. Wer Menschen begleitet, muss mit ihnen gehen. Muss ihnen gelegentlich voraus sein. Wer Menschen begleitet, darf nicht wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Das wäre tödlich. Das gilt für eine Regierung genauso, wie für eine Zeitung; für das Predigen nicht anders als für eine Kirchenleitung. Zur Seelsorge kommen Menschen, die mit den Übergängen nicht zurechtkommen.
Die Ehe, die Erziehung der Kinder, die Sorge um ihre Bewahrung, die eigene Sexualität, die eigenen Fehler, die eigenen Grenzen, die eigenen Schulden, die eigene Krankheit, die Krankheit von Nächsten, gar der Tod, die Überforderung - das, was geheimnisvoll ist und unsicher macht -, das, was „stresst“, bringt Menschen bei ihren Übergängen zur Seelsorge.
Mag es auch die Sehnsucht der Menschen sein, zu bleiben, so ist ihre Wirklichkeit doch der Übergang, der Wechsel, der Wandel.

Ich bin mir sicher, dass die Bedeutung von Übergängen, Brücken, Kreuzungen gewachsen ist durch die Individualisierung. Die Vereinzelung macht Übergänge dramatischer.
Ich bin ja allein.
Ich kann nicht ewig auf der Kreuzung stehen bleiben.
Ich muss mich entscheiden.
Lebenswege werden nicht mit dem Lineal gezogen.
So von oben mit dem Finger drüberfahren ist ein lustiges Spiel. Mittendrin stecken, in der Gefahr, dich zu verlaufen, ohne Orientierung hängen zu bleiben, nicht hinüber zu dürfen, das macht Angst.
Die Wegkreuzung ist ein heiliger Ort.
Ein Mensch muss sich entscheiden.
In anderen Religionen heißt es manchmal, an Wegkreuzungen würden für gewöhnlich Götter schlafen und essen. Wegkreuzungen sind gefährdete Orte.
Zwei Kräfte stoßen aufeinander:
der Weg, den du wählst,
und der Weg, den du verwirfst.

Von dem Gott, an den wir Christen glauben, heißt es anders. Er schläft und isst nicht an der Wegkreuzung. Er kennt uns und weiß, dass wir irren.
Dort, wo wir scheitern, begänne sein Kreuzweg.
Das ist ein großer Trost dem, der sich darauf verlässt.
Über Entscheidungen liegt kein Fluch, selbst wenn sie falsch sind.
Auch auf den falschen Wegen liegt noch der Segen des Kreuzes.

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