Der Monatsspruch im Juni 2013

Gott hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt.
Apostelgeschichte 14,17

Länder, Menschen, Abenteuer. Zuweilen sind es recht kuriose Geschichten, die das Reisetagebuch des Apos-tels Paulus und seiner Reisegefährten füllen. In Lystra im Landstrich Lykaonien zum Beispiel, wohin die Missionare vor den Unruhen geflüchtet sind, die sie im benachbarten Ikonien gestiftet haben, ereignet sich Folgendes: Paulus heilt nach erfolgreicher Predigt und nach bestem jesuanischem Vorbild einen gelähmten Mann. Dessen endlich zu mannigfachen Bewegungen fähige Beine stehen fortan nicht mehr still, er springt auf und rennt umher. Das Wunder führt unter den offensichtlich religiös leicht entflammbaren Einwohnern von Lystra zu einer Art Massenhysterie; sie halten den Wundertäter Paulus und seinen Komplizen Barnabas für Götter in Menschengestalt, o Hermes!, o Zeus!, und sogar der ortsansässige Priester ist ganz aus dem Häuschen und schleppt eigenhändig allerlei Zubehör für ein spontanes Opferfest herbei. Die Apos-tel des Herrn haben alle Mühe, sich der angetragenen Huldigungen zu erwehren und die Begeisterungsstürme in andere Bahnen zu lenken. Was für eine Bredouille! Wie kommen sie aus der Nummer bloß wieder heraus? Für Podiumsdiskussionen mit abgewogenem Für und Wider ist es jedenfalls zu spät. Und so hält der Reisebericht des Lukas in seinem vierzehnten Kapitel fest: „Als das die Apostel Paulus und Barnabas hörten, zerrissen sie ihre Kleider und sprangen unter das Volk und schrien: ‚Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr und predigen euch das Evangelium, dass ihr euch bekehren sollt von diesen falschen Göttern zu dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde und Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. Zwar hat er in den vergangenen Zeiten alle Heiden ihre eignen Wege gehen lassen; und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt.‘?“

Man stelle sich vor: Ein schreiender, sich die Kleider zerfetzender Paulus beim Bad in der Menge. So aber nutzt er die Gunst der Stunde, den religiösen Enthusiasmus, der ihn umgibt, die Empfänglichkeit der Menschen für das Wundersame, das zum Greifen nah in der Luft liegt. Es klingt zwar ein wenig atemlos, was der bedrängte Apostel zur Rettung der Lage anzuführen weiß, und er hat dafür nur wenige Sätze Zeit. Doch er tut genau das Richtige. Er sucht nach einem Anknüpfungspunkt. Nach etwas, was jetzt schnell und unmittelbar einleuchten könnte. Deshalb erzählt er vom Schöpfer Himmels und der Erde. Hört und seht doch: Der Gott, von dem ich rede, hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen. Überall sind seine Spuren, die ganze Welt ist voller Wunder. Die sprechen für sich, nein, sie sprechen von ihm, von dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.

Folgen wir seinem Hinweis: Schaut euch doch mal um, jetzt im Juni - die Kirschen werden reif und rot, der Spargel wächst, aus Gras wird Heu, aus Obst Kompott, aus Herrlichkeit wird Nahrung. Die Tage werden länger, die Sonne wärmt, das Leben findet wieder draußen statt, Glühwürmchen leuchten an lauschigen Abenden den Weg zum nächsten Gartenfest. Ihr lebt inmitten dieser Wunderwelt, ja von diesen Wundern, und jede Freude, die ihr empfinden könnt, ist ein Funke dieser göttlichen Lebendigkeit. Begreift und nehmt euer Leben in diesem Monat einmal als das, was es ist: ein Geschenk aus Gottes Hand. Zum Grübeln habt ihr Zeit genug im Winter, jetzt überlasst euch der Leichtigkeit des Sommers.

Wen das nicht überzeugen mag (nun, auch Paulus und Barnabas hatten in Lystra weiterhin einen schweren Stand), der sei zum Schluss an Erich Kästner verwiesen, aus dessen Juni-Gedicht ich bereits die Kirschen und die Lampions gestohlen habe. In der letzten Strophe nimmt er uns zu vorgerückter Stunde mit auf ein Gartenfest. Dort verdichtet er die Predigt des Paulus auf seine Weise und in unnachahmlicher Kürze:

„Am letzten Tische streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
ob’s Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.“

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