Der Gesandte

In der Advents- und Weihnachtszeit 2012 häufen sich die Johannestexte. Mancher mag an Heiligabend eher auf Lukas zurückgreifen. Dabei hat das Johannesevangelium wunderschöne, in ihrer Tiefendimension strahlende, nah bei den Menschen geschriebene Texte und Lieder.

Wenn ich mir die Freiheit der Begegnung mit diesem „Glanz“ erlaube, wenn ich einige Fenster mehr als sonst zu meinem Inneren öffne, ungeschützter mich schambesetzten, hochsensiblen Bereichen meines eigenen Woher und Wohin aussetze, dann steckt doch genau in der Konvention, im „massenhaften Kirchgang“, im sozial anerkannten Singen von rührenden Liedern, in Kerzenzauber und Krippenspiel die gegen jede Erfahrung herübergerettete Hoffnung oder Gewissheit: Dies Kind ist nicht nur dreißigjährig nach vorbildlichem Leben von Gott am Jordan „adoptiert“ worden. Dies Kind „kennt ihn“, „ist von ihm“, „er hat es gesandt“ (Joh 7,29). So besehen, könnten wir fast auf Worte verzichten, wenn dies eine vergewissert wird: In ihm ist das Heil. Er kommt von Gott. Diese Geschichte geschieht lange vor meiner Geschichte, ist beschlossen vor aller Geschichte und damit vor allen denkbaren und faktischen Irrwegen. Ist unabhängig von eigenem Gelingen oder Versagen. Wenn ich meine Seele diesem Glanz aussetze, dann wirft sie endlich einmal keine Schatten.

Gesandte sind Vertreter einer Autorität auf fremdem Territorium, genießen diplomatische Immunität, besitzen einen Diplomatenpass mit all den entsprechenden Vorteilen, damit sie selbst bei Misslingen der diplomatischen Mission unversehrt in die Heimat zurückkehren können. Sie dienen ihrer Regierung mit diplomatischem Geschick, haben als Bevollmächtigte das entsprechende Vertrauen, durchaus auch einen kleinen eigenen Verhandlungsspielraum. Der Abzug der Gesandten aus einem Land ist Zeichen des äußersten Zerwürfnisses oder dient ihrer persönlichen Sicherheit.

Im Begriffspaar apostéllein/pempein werden die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen dem „Gesandten des Vaters“ und unseren heutigen Diplomaten deutlich. Die Gemeinsamkeiten leuchten ein. Die Unterschiede sind das theologisch Spannende.

Sender und Gesandter sind sich nicht nur „in der Sache einig“, sie sind „eins“ (Joh 10,30). Der „Gesandte“ ist gleichzeitig auch der autorisierte „Inhalt“. Es besteht eine weitestgehende Identität: „Wer mich kennt, kennt den Vater. Wer den Vater kennt, kennt mich. Ich und der Vater sind eins.“ Der Christus Jesus ist nicht ein nach diplomatischem Missgeschick austauschbarer „Beamter Gottes“, sondern Gottes Sohn, Gott selbst. Die mögliche Enttäuschung bleibt den Fragenden erspart, sie müssen nicht „auf einen anderen warten“ (Matth 11,3). Er ist es.

Er genießt keine „Immunität“, sondern wird am Kreuz verherrlicht. Er bricht die „diplomatische Mission“ nicht ab, sondern bleibt dort, wo er keine Aufnahme findet. (Er, der als Gesandter „Asyl“ gewähren kann!) Diese Treue zu seinem Vater ist andererseits Ausweis von Gottes Liebe und Treue zu den Menschen. (Der Begriff „Diplom“ hat etymologisch die Grundbedeutung „das zweifach Gefaltete“, ist in der Antike die beglaubigte, autorisierte Urkunde. Dieses „Wort“ wird „Fleisch“.)

Wie lautet die „Bestimmung“ des Gesandten? Dafür gibt es verschiedene Begriffe, die wohl alle das Gleiche bedeuten: Rechtfertigung des Sünders, Heil der Welt, Versöhnung, d. h. die Wiederkehr oder Wiederherstellung des Glanzes in der Welt.

Im zu Ende gehenden Jahr wurden die Grenzen diplomatischer Bemühungen im Krieg um Syrien und andere uns weniger bekannte Ländern in Afrika deutlich. Kofi Annan, ghanaischer Diplomat, zwischen 1997 und 2006 siebter Generalsekretär der Vereinten Nationen, gab Anfang August entnervt seine Friedensdiplomatie in Syrien auf. An der Elfenbeinküste werden die UN-Truppen zum Abzug aufgefordert. Weißrussland zog seine Gesandten aus Schweden zurück. Nach dem Anschlag auf die englische Botschaft am 30.11.2011 hat England seine Diplomaten aus dem Iran abgezogen. Mehrmals drohten Länder mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen. Gibt es keine „Gesandten“ mehr, dann herrscht der Zustand der Rechtlosigkeit.

Die „Nachrichten“ von Heiligabend melden Gegenteiliges: Die Gesandtschaft ist offen. Der Gesandte ist da.

Eine Legende erzählt, wie Gottes Angesichts vor Freude glänzt, als er seinen Sohn mit der Mission beauftragt, die Welt zu retten. Was es heißt, wenn Götzen Fleisch werden, das sehen wir tagtäglich. Was es heißt, wenn das Wort Gottes Fleisch wird, das bleibt ein Geheimnis.

Seinen Diplomatenauftrag wie seine Herkunft, seine Rolle als „Gesandter“ wie seinen Sender nennt Jesus in der Johannes-Perikope, die dem Heiligabend-Gottesdienst (Christvesper) zu Grunde liegt: Johannes 7,28.29.

Ich wollte mit diesen Bemerkungen all diejenigen unterstützen, die bei Johannes 7 bleiben möchten.

Ansonsten ist die Advents- und Weihnachtsausgabe der PASTORALBLÄTTER wieder randvoll mit Predigten, Andachten, Hinweisen, Kommentaren, Bausteinen und Themen, die sich rund um Advent und Weihnachten ranken. Manche Beiträge sind gedoppelt, damit die Auswahl noch größer ist.

So wünsche ich allen Leserinnen und Lesern von Herzen gesegnete Advents- und Weihnachtstage, die Sie mit vielen glücklich feiern können. Mögen alle Anstrengungen und Einfälle auf fruchtbaren Boden fallen.

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.