Der Monatsspruch im November 2012

Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.
2. Korinther 6,16

Hört unsereins vom „Tempel“, dann wird er unsicher.

Gesetzt den Fall, er war in Jerusalem, dann sieht er die Westmauer vor sich. Der Rest ist zerspellt wie so vieles. War er vielleicht in Ägypten, dann sieht er sich in Luxor, Abu Simbel oder Karnak. Er sieht - im asiatischen Ausland - buddhistische oder hinduistische Tempelreste. War er in Griechenland, dann hat er die Restanlage der Akropolis vor Augen, in Alexandria die wiederaufgebauten Reste eines Leuchtturms oder auf der Phileainsel, kurz vor dem Assuanstaudamm, die Reste eines kleinen Isis-Tempels, in Peru die Mauern der Tempelstadt Machu Picchu, in Tibet Reste zerstörter Tempel oder in der Bretagne den Cairn de Bernanez und die Steinreihen von Carnac.

Alle sind sie zerstört. Erdbeben, Kriege und andere Verwitterungen sind über sie hinweggefegt. Nicht anders die Tempelanlagen der „Verbotenen Stadt“ in Peking oder der großartigen Bauten in Myanmar.

„Tempel“ sind für uns Relikte der Vergangenheit. Sie stehen für Mauern, geordneten Sitz, feste Ordnung, stabile Einnahmen, gesicherte Renovierung und überschaubare Besucherzahlen.

Und nun kommt der gelegentlich „auffällige“ Mann aus Tarsus dazu, uns als „Tempel des lebendigen Gottes“ zu bezeichnen. Gesetzt: Alle haben das getan. Alle haben behauptet, sie seien im Tempel des lebendigsten aller lebendigen Götter oder gar im Zentrum des einzig lebendigen Gottes gewesen seien - wer hängt sein Heil an solche Aussagen?

Nicht anders die Christen in Korinth. Denen waren alle die Tempel noch vor Augen, von denen ich nur rede und deren Reste ich als Foto zeigen kann. Sie setzten sich auseinander mit denen, die „größere Lebendigkeit“ von ihren Tempeln behaupteten als andere.

„Leben“ wird zum „Tempel“.

Doch wer ein paar Jahrzehnte gelebt und überlebt hat, weiß, dass nicht die dickste Mauer Leben hüten und bewahren kann. Es verwittert wie die Steine und Mauern unserer Burgen, Schlösser und Tempel. Eines Tages wird die Steine kein noch so hoch dotiertes Sanierungsprogramm vor dem Zerfall retten.

Wie also kommt der mit Krankheiten geplagte, von Unscheinbarkeit geschlagene Apostel Paulus dazu, so große Töne zu spucken?

Um seiner Ehre willen: Er ist ehrlich. Kurz zuvor schreibt er, und das scheint mir das Wesentliche, über sich selbst:

„In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“ (2. Kor 6,4-10)

Worin eigentlich nicht - sind wir der Tempel Gottes?

Ich bin verärgert und glücklich,
traurig und fröhlich,
mächtig und ohne Macht,
Frau oder Mann,
geschunden oder frei,
lächerlich gemacht oder hoch geachtet,
verführt oder verführend,
sterbend oder vor Leben strotzend,
arm oder reich -
ich bin ein Tempel Gottes.

Oder besser: So bin ich ein Tempel Gottes.
Denn dieser Gott ist - in mir. „Ich bin ein Ort Gottes.“
Das habe ich von Jörg Zink gelernt: „Ich bin ein Ort Gottes.“
Und am Ende, ganz am Ende nimmt mir das keiner.
Auch das habe ich verstanden (- das Verstehen in solchen Sachen ist schwer -):
Ich bleibe ein Ort Gottes.
Das nimmt mir keiner, was immer er auch an Fehlern an mir gefunden haben mag. Da gibt es viele.
Aber: „Ich bleibe ein Ort Gottes.“
Das nimmt mir keiner.

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