Unheimliche Reife

Die meisten Äpfel sind vom Zweig gebrochen, die Kartoffeln ausgegraben, der Wein wird gelesen - es ist Zeit der Ernte. Sie kennen das Gefühl: Herbst.

Das zieht sich noch einige Wochen, bis vielleicht die Winzer nach einer Frostnacht gar Eiswein ernten können. Die Trauben sind überreif.

Zeit der Ernte ist Zeit der täglichen Beobachtung des Reifegrades.

Ich erinnere mich noch, wie wir uns aus der Klassenkasse nach bestandenem Abitur 1967 einen Stempel anfertigen ließen und ein - natürlich - rotes Stempelkissen dazu kauften.

„Reif“ stand mit großen Buchstaben auf dem Stempel. Und wie die kleinen Kinder drückten wir diesen Stempelaufdruck in Schulausweise, Bücher, Hefte.

Ich glaube nicht, dass wir uns damals für „reif“ hielten, auch wenn man uns das „Zeugnis der Reife“ ausstellte.

Nun kann ich beim Wein die Oechsle-Grade messen, bei den Äpfeln die Farbe und die Süße. Aber was ist ein „reifer Mensch“?

Ich habe Gedanken von Albert Schweitzer zur Reife gelesen.

Als junger Kerl fand ich es etwas senil, was der Urwalddoktor und Friedensnobelpreisträger schrieb. Später hielt ich es anderen, vor allem Älteren vor. Es kam mir gerade recht, sie vom Podest herunterzuholen.

Heute lädt es mich ein, mich selbst weniger wichtig zu nehmen. Aber lesen Sie, was Albert Schweitzer über die Reife eines Menschen schreibt:

„Der Ausdruck ,reif‘ auf den Menschen angewandt war mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen mit- erklingen. Was wir gewöhnlich als Reife an einem Menschen zu sehen bekommen, ist eine resignierte Vernünftigkeit. Einer erwirbt sie sich nach dem Vorbilde anderer, indem er Stück um Stück die Gedanken und Überzeugungen preisgibt, die ihm in seiner Jugend teuer waren. Er glaubte an den Sieg der Wahrheit; jetzt nicht mehr. Er glaubte an die Menschen; jetzt nicht mehr. Er glaubte an das Gute; jetzt nicht mehr. Er eiferte für Gerechtigkeit; jetzt nicht mehr. Er vertraute in die Macht der Gütigkeit und Friedfertigkeit; jetzt nicht mehr. Er konnte sich begeistern; jetzt nicht mehr. Um besser durch die Fährnisse und Stürme des Lebens zu schiffen, hat er sein Boot erleichtert. Er warf Güter aus, die er für entbehrlich hielt. Aber es war der Mundvorrat und der Wasservorrat, dessen er sich ent-ledigte. Nun schifft er leichter dahin, aber als verschmachtender Mensch.“

Albert Schweitzer greift an anderer Stelle diesen Gedanken noch einmal auf:

„Als Kind hat jeder Mensch ein Sehnen nach einem großen Glück, das ihm das Leben bringen soll. Und nachher verlieren es die meisten Menschen, weil sie ihr Sehnen auf kleine Erfolge und Eitelkeiten einstellen, und lassen sich einreden, das große Glück, nach dem sie sich sehn-ten, sei eben nur ein Kindertraum gewesen, statt dass sie sich sagen, ich will es finden, nicht so, wie ich es mir als Kind gedacht, aber dennoch finden so, wie es sein muss.“ (Albert Schweitzer, Sein Denken, Zürich 1997, S. 23ff)

Erinnern Sie sich noch an Ihre Träume?

An Ihre ganz eigene Weise des Sehnens nach Glück?

„Ich will es finden, nicht so, wie ich es mir als Kind gedacht, aber dennoch finden so, wie es sein muss.“

Was alles haben Sie geträumt?

Was alles haben Sie in Träumen geschultert?

Und was alles sind Sie schuldig geblieben?

Würde ich messen - es hielte sich wahrscheinlich die Waage: Versprochenes und Gelungenes. Angestrebtes und Erreichtes - es hält sich die Waage.

Und so will ich nicht Recht behalten. Ich möchte nur geachtet und geliebt werden. Bestehe nicht auf meiner Wahrheit. Bestehe eher auf meiner Vergebung. Will nicht „haben“. Will „sein“. Oder noch besser: „… will werden“. Und dann warte ich, was wird.

Ich habe geschrieben, und das ist mein geringstes Bekenntnis:

„Ich bin am 20. Juni 1948 in Niefern von Pfarrer Friederich Rosewich getauft worden. Meine Eltern Eugen und Emilie Engelsberger haben mich zur Taufe gebracht. Ich habe nichts, aber auch gar nichts dazu beigetragen. Ich habe vielleicht geschrien, gestrampelt und gemeutert. So, lieber Gott, war das ein Leben lang. Ich habe geschrien, gestrampelt und gemeutert. Und doch hat mich der Pfarrer getauft. In deinem Namen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Geistes. Mehr habe ich nicht vorzubringen.“ (G. E., Aus Überzeugung evangelisch, Stuttgart 2012, S. 35f)

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