Auf jede Tagesordnung

Als Luthers Gegner, der Ablass-prediger Johann Tetzel, 1519 in Leipzig im Sterben lag, schrieb der Reformator ihm in einem Seelsorgebrief: „Er soll sich unbekümmert lassen, denn die Sache sei von seinetwegen nicht angefangen, sondern das Kind habe einen anderen Vater." - Wie kann Seelsorge unter Seelsorgerinnen und Seelsorgern gelingen? Worauf muss sie zielen? Oder muss sie etwa gar nicht zielen, sondern lassen? Oder „einfach" begleiten?

Wir saßen unter Kolleginnen und Kollegen zusammen, sprachen über Zumutungen, über Belastung und Entlastung, schließlich auch über den eigenen Glauben, über Versagen und Versteckspiel.
Eine Kollegin verwies auf Luthers Brief an Melanchthon vom 1.8.1521. Ich will hier die ältere Fassung zitieren aus dem Seelsorgebrief Luthers an seinen Mönchsbruder Spenlein vom 8. April 1516. Dem von Versagensängsten geplagten Bruder rät Luther - wie er auch später Melanchthon rät:
„Daher, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den gekreuzigten, lerne ihm zu singen und an dir selbst verzweifelnd zu ihm zu sprechen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast das Meine auf dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte dich, dass du niemals nach einer so großen Reinheit trachtest, dass du dir nicht als Sünder erscheinen oder gar kein Sünder sein willst. Denn Christus wohnt nur in Sündern. Denn deshalb ist er vom Himmel herniedergestiegen, wo er in Gerechten wohnte, damit er auch in Sündern wohnte. Diese seine Liebe erwäge immer wieder bei dir, und du wirst seinen überaus süßen Trost sehen. Denn wenn wir durch unsere Bemühungen und Trübsale zur Ruhe des Gewissens kommen müssten: Wozu wäre er denn gestorben? Deshalb wirst du nur in ihm, durch getroste Verzweiflung an dir und deinen Werken, Frieden finden. Überdies wirst du von ihm lernen, dass er, gleichwie er dich angenommen und deine Sünden zu den seinen gemacht hat, auch seine Gerechtigkeit zu der deinen gemacht hat. Das heißt: Du musst dich nicht selbst sündlos machen, du darfst und sollst an dir selbst verzweifeln, weil du auf die alleinige Gerechtigkeit Christi vertrauen darfst und darin Frieden findest. Er nimmt deine Sünde auf sich und schenkt dir seine Gerechtigkeit."
Im oben genannten Brief an Melanchthon fügt Luther den oft (- meist nur halb -) zitierten Gedanken an: „Wenn du ein Prediger der Gnade bist, predige nicht eine erdichtete Gnade, sondern eine echte! Wenn es eine echte Gnade ist, dann soll/kann sie auch eine echte Sünde wegnehmen, nicht bloß eine erdichtete. Sei also ein Sünder und sündige tapfer, aber noch tapferer glaube und freue dich in Christus, der der Sieger über Sünde, Tod und Welt ist! Bete tapfer, auch wenn du ein noch so großer Sünder bist!"

Mag heute die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" längst überholt scheinen, so sind doch Fragen wie: „Warum gelingt mir so vieles nicht? Warum nehmen sie nicht an, was ich so gut vorbereitet habe? Wie gehe ich um mit Selbstvorwürfen und Versagensängsten? Wie werde ich den Erwartungen gerecht?" höchst aktuell.
Ein Kollege sagt: „Sie kennen doch den biblischen Begriff der Besessenheit? So war es bei mir. Ich war besessen von dem Gedanken, nur noch andere Menschen zufriedenzustellen."
Eine Kollegin schreibt: „Man sitzt da wie ein nasser Sack und hat keine Spannkraft mehr, keine Freude und möchte am liebsten ganz woanders sein."
Schon 2003 titelte ZEIT-online: „Die Hirten sind müde" und das Hamburger Abendblatt: „Pastoren müde und ausgebrannt".

Sicherlich bedarf es der besonderen Orte, an denen Seelsorgerinnen und Seelsorger Hilfestellung erfahren (- m.W. gibt es tatsächlich nur zwei solcher Häuser: das evangelische Haus Respiratio auf dem Schwanberg/Rödelsee und das katholische Recollectio-Haus der fränkischen Abtei Münsterschwarzach -), bedarf es professioneller Therapien, Rückzugsmöglichkeiten und eines langsamen (Wieder-)Aufbaus der eigenen Wertschätzung.
Im Grunde bleibt die entscheidende Frage, die auch uns Kolleginnen und Kollegen in der Gesprächsrunde beschäftigte: „Glaube ich das? Nehme ich das existenziell für mich an, was Luther seinen Brüdern ins Stammbuch schreibt?"

  • Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde ...
  • Christus wohnt nur in Sündern ...
  • Du darfst und sollst an dir selbst verzweifeln, weil du auf die alleinige Gerechtigkeit Christi vertrauen darfst und darin Frieden findest ...
  • Sei also ein Sünder und sündige tapfer, aber noch tapferer glaube und freue dich in Christus ...

Vielleicht, dass wir - wenn es um die tiefsten existenziellen Fragen geht - nicht immer zuerst an „die anderen" denken, sondern tapfer all das, was wir anderen raten, predigen und zumuten, erst recht uns selbst raten, predigen und zumuten sollten. Das wäre ein Tagesordnungspunkt ersten Ranges für alle Pfarrkonvente, Pfarrkonferenzen und Kollegs.

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