Die Wochensprüche im Februar 2011

6. Februar 2011 5. Sonntag nach Epiphanias

Der Herr wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.
1. Korinther 4,5b

Enthüllungen sind gefürchtet. Eine bestimmte Art von Journalismus lebt von nichts anderem als von Enthüllungen. Sie betreffen, was die bunten Blätter angeht, meistens das Privatleben von Prominenten und solchen, die sich dafür halten, und fordern immer wieder den Widerspruch der Betroffenen heraus, der dann seinerseits neues Material für weitere Enthüllungen liefert. Wer so energisch widerspricht, wer Aussagen richtigstellt und die Veröffentlichung von Fotos verbietet, der oder die muss doch etwas zu verbergen haben? Etwas bleibt immer zurück, auch nach der umfangreichsten Gegendarstellung und nach dem gewonnenen Prozess um die Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Aber auch seriöser Journalismus ist von Zeit zu Zeit auf Enthüllungen angewiesen, sieht vielleicht sogar einen Teil seiner Daseinsberechtigung darin, Verstrickungen jedweder Art aufzudecken, manchmal mit gravierenden Folgen nur für Einzelne, manchmal sogar in einer Weise, die ganze Regierungen ins Wanken bringen kann. Rücktritte, wie wir sie in gehäuftem Maße erlebt haben und immer wieder erleben werden, sind ja meist direkte Folge bestimmter Enthüllungen.
Paulus geht mit dem Thema „Enthüllungen“ ganz anders um. Er ist jetzt schon ein vielfach angefochtener Mensch. Den meisten Menschen, die ihm begegnen, scheint er zu zurückhaltend im Auftreten gewesen zu sein, rhetorisch nicht überzeugend genug, und er war wohl auch nicht gerade eine strahlende Erscheinung. Immer wieder spricht er offen von seiner Schwäche und auch von den Krankheiten, die ihn plagen. Er verbirgt diese Seiten seiner Persönlichkeit nicht und braucht deswegen auch keine Enthüllung in der Weise zu fürchten, wie es heute viele mehr oder wenig einflussreiche Menschen oder solche, die es gerne wären, tun. Paulus lebt authentisch. Er hofft sogar auf eine Enthüllung, die dann zeigen wird, dass die Maßstäbe, die allgemein angelegt werden, bei Gott nicht gelten. Er bleibt sich treu, seinen Möglichkeiten und seinen Grenzen, seinen Schwächen und Stärken. Er ist glaubwürdig für die, die es ertragen können, dass Gott nicht mit Macht und Herrlichkeit kommt, sondern in Dürftigkeit und Schwäche. Menschen, die von diesem Gott erzählen und mit ihrem Leben seine Botschaft glaubwürdig verkündigen, brauchen Enthüllungen nicht zu fürchten.

13. Februar 2011 Letzter Sonntag nach Epiphanias

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Jesaja 60,2

Jeden Morgen kann ich aus meinem Fenster des Badezimmers heraus die Sonne aufgehen sehen - oder besser gesagt, ich könnte es jeden Morgen tun. Denn oft bin ich einfach noch viel zu müde, an manchen Tagen schon mit den Gedanken längst bei all dem, was am Tag so anliegt, gelegentlich ist es mein eigenes Bild im Spiegel, das nicht nur aus kosmetischen Gründen viel Aufmerksamkeit braucht. Seltener ist die Sonne schon längst aufgegangen, bevor ich überhaupt das Badezimmer betreten habe. An manchen Tagen wird es einfach nur hell - und einen guten Teil des Jahres hindurch bleibt es früh am Morgen immer noch verlässlich dunkel. Aber es gibt doch den einen oder anderen Morgen, da ist der Sonnenaufgang ein Schauspiel, in zarten oder auch in kräftigen rosa und roten Tönen, mit dramatischen Wolkenformationen nach abziehendem Regen oder in einem dunstigen Licht, der den vertrauten Ausblick auf einmal ganz magisch erscheinen lässt. Dann trete ich doch ans Fenster, für einen Moment nur, denn lange dauert es ja nicht, bis die Sonne höher steht und das Schauspiel ihres Aufgangs für diesen Tag beendet ist. Wenn ich das Badezimmer wieder verlasse, ist es meistens schon vorbei.
Wie die Sonne soll die Herrlichkeit des Herrn aufgehen über Zion, über Jerusalem. Eine Verheißung, nach der die Angeredeten Ausschau halten sollen. Ihre Gegenwart in der Verbannung, weit weg von ihrer Heimat und damit auch weit weg von Jerusalem, ist so finster und bedrückend, dass sie das mit Sicherheit tun. Es muss doch einmal anders werden, es kann doch nicht immer so dunkel bleiben um uns und über uns und mit uns. Wer im Dunkeln sitzt, hält mit brennenden Augen Ausschau nach dem Lichtstreif am Horizont. Auch auf mein Leben kann ich das übertragen. Gerade die dunkelsten Zeiten lassen mich am stärksten hoffen und verhindern, dass ich träge oder abgelenkt oder selbstgenügsam gar nicht mehr wahrnehme als das, was unmittelbar vor mir liegt. An manchem Morgen in meinem Badezimmer bräuchte ich mich nur umzudrehen, um die Herrlichkeit zu sehen, die um mich ist.

20. Februar 2011
Septuagesimae

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9,18

Sitzen oder stehen, das geht ja noch. Knien kommt schon weniger in Frage, jedenfalls für Protestanten, die das „Hier stehe ich“ doch mit der religiösen Muttermilch eingesogen haben. Ein deutliches Unterscheidungsmerkmal, falls man sich beim Besuch einer Kirche doch nicht so ganz sicher sein sollte, sind die Kniebänke in katholischen Kirchen. Nicht nur von Kindern werden sie in gelegentlich vorkommender Unkenntnis als Fußstütze benutzt, was im Sitzen unfreiwillig dann zu einer sehr lässigen Sitzhaltung führt. Eher ein Lümmeln auf der Bank als das zumindest noch einigermaßen aufrechte Sitzen auf evangelischen Bänken. So geht es nicht, das wird einem schnell klar, nicht nur aus den guten Gründen ökumenischer Rücksichtnahme. Sitzen also, gerade sitzen oder auch stehen, knien weniger, liegen auf keinen Fall. Unwillkürlich erscheint vor dem inneren Auge bei den Worten aus dem Buch des Propheten Daniel die Gestalt eines Glaubenden, der in Knien auf dem Boden liegend mit seinem Gott ringt, den Nacken gebeugt, den Kopf gesenkt. Ein Bild, das zu religiöser Inbrunst längst vergangener Epochen passt, heute vielleicht noch in ekstatischeren christlichen Gemeinschaften als der, zu der wir gehören, vorkommen mag oder gleich in anderen und uns oft fremden Religionen. Bilder vom Freitagsgebet in der Moschee passen dazu, die langen Reihen der Männer, die in einer Haltung tiefer Demut mit der Stirn den Boden berühren. Die Schwierigkeiten, die die Körperhaltung des Liegens uns machen würde, würden wir sie denn je einnehmen, sind spürbar.
Eine Körperhaltung ist aber immer auch Ausdruck einer inneren Haltung. So grundsätzlich in Frage gestellt, so offen und ehrlich, wie Daniel stellvertretend für sein Volk das Verhalten dieses Volkes und dessen Fehler und Verirrungen gegenüber Gott schildert, ist unser Verhältnis zu Gott meistens nicht. Wir vertrauen dann doch lieber auf unsere eigene Gerechtigkeit, auf unsere guten Seiten, die man ja schließlich auch immer sehen muss. Daniel vertraut dagegen einzig und allein auf die gute Seite Gottes, auf seine Barmherzigkeit.

27. Februar 2011
Sexagesimae

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3,15

Mit manchen Menschen ist nicht zu reden. Eine Erfahrung, die nicht unbedingt wütend machen muss, sondern die einen eher hilflos und resigniert zurücklässt. Das Gute, das ich anderen tue, das Gute, das ich für sie will, es kommt einfach nicht an. Es ist so, als könnte ich bei ihnen den Punkt nicht treffen, das Zentrum ihrer Person nicht erreichen, als berührte sie das, was ich sage oder auch tue, einfach nicht. In unseren menschlichen Beziehungen erfahren wir das gelegentlich, am schmerzhaftesten dann, wenn die Beziehung wirklich von Bedeutung für uns ist. Der mürrische Nachbar, mit dem ich doch auf sehr lange Zeit Zaun an Zaun zusammenleben muss. Die Kollegin, die genauso wenig wie ich einmal den Arbeitsplatz wechseln wird. Sogar das eigene Kind, das sich nichts mehr von mir sagen lässt, oder die alt gewordenen Eltern, mit denen einfach nicht zu reden ist. Irgendwann wird man müde dabei, unterlässt enttäuscht und traurig weitere Versuche, zu dem anderen durchzudringen, lebt nebeneinander her, aber nicht mehr wirklich miteinander. Eine tote, keine lebendige Beziehung, ohne Herzlichkeit, ohne Wärme. Ein verstocktes, verhärtetes Herz im Brustkorb, statt einer pulsierenden, beweglichen, auch empfindlichen und empfindsamen Mitte.
Das Zitat aus dem Hebräerbrief spielt auf eine Erfahrung an, die Gott mit seinem Volk gemacht hat. Er will alles Gute für sie, er führt sie aus der Gefangenschaft in Ägypten, rettet sie am Schilfmeer vor ihren Verfolgern, geht ihnen Tag und Nacht voraus. Aber sobald die Herzen zur Ruhe kommen nach aller Aufregung und Gefahr des Aufbruchs, werden sie nicht nur ruhig, sondern gleich hart. Das Gute, das Gott für Israel wollte, ist nicht wirklich angekommen, es scheint die Herzen nicht berührt zu haben. Eine bittere Erfahrung, vor allem für Gott selbst. Doch Gott gibt nicht auf, zieht sich nicht verbittert zurück, sondern macht im Gegenteil durch Mose noch das bittere Wasser trinkbar für das durstige Volk. Eine nachgehende und sehr geduldige Liebe, eine Liebe, die Herzen erweichen kann.

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