Predigt zum "Michaelstag"

In den Ferien hab ich endlich Zeit gehabt, meinen Speicher auszumisten. Und dabei fiel mir eine längst verloren geglaubte Kiste in die Hand. „Weihnachten" stand mit großen Lettern drauf. Gott sei Dank ist das noch eine Weile hin, denk ich. Aber neugierig bin ich doch, was darin ist. Vorsichtig falte ich die Papierserviette auf, in die er verpackt ist: ein kleiner Engel aus Holz. Die meiste Zeit des Jahres verbringt er in dieser Schachtel auf dem Speicher. Und da sind noch andere: welche aus Holz, mit Harfen, Trompeten oder Kerzen bestückt. Einige sind schon etwas lädiert. Einem ist der Flügel abgebrochen, dem anderen fehlt schon der linke Arm. So liegen sie in der Schachtel auf dem Speicher. Elf Monate im Jahr. Da kam mir ein sonderbarer Gedanke: Vielleicht sind sie ja gar nicht mehr alle da … Ganz und gar unbemerkt haben sie sich davongemacht. Einige haben ja noch fliegen können. Und keiner weiß, warum sie verschwunden sind.
Vielleicht mögen sie den Speicher doch nicht so gern. Ist es ihnen dort oben zu dunkel? Und nur vier Wochen im Jahr auf dem Tisch zu stehen, das ist ihnen wohl zu wenig. Das wäre traurig, denke ich, wenn die Engel wirklich weg wären. Und ich denke an Geschichten aus meiner Kindheit, die von den Engeln erzählen. Von den Hirten auf dem Feld. Von der Maria. Überall wimmelt es von Engeln. Doch gehören sie nur in die kindliche Vergangenheit und haben in der erwachsenen Gegenwart nichts mehr verloren? Ich erinnere mich an das beinah kitschige Bild über dem Bett meiner Oma: Ein Engel geleitet zwei Kinder über eine baufällige Brücke. Oder da ist das Bild der kleinen pausbackigen, nackten geflügelten Wesen, die so manche Kirche zieren oder deren vergoldete Gipsversion so manches Grab. Oder die beiden nachdenklichen Engel Raffaels. Da sind die Schutzengel, die wir uns und vor allem unseren Kindern so sehr als Begleiter wünschen. Aber gibt es sie? Oder gehören sie zu unserem Kinderglauben und sind doch verschwunden, die süßen niedlichen Engel?
Die Bibel erzählt an vielen Stellen von Engeln. Engel sind sozusagen der verlängerte Arm Gottes. Sie sagen wichtige Ereignisse an. Erscheinen in Träumen oder im Wachen. Manches Mal werden sie gar nicht gleich erkannt. Sie erscheinen dem Abraham als drei Männer, die er gastfreundlich in sein Zelt einlädt. Zu Maria kommt sogar einer der obersten Engel, der Erzengel Gabriel, um ihr die Geburt Jesu anzusagen. Und sie erkennt ihn nicht an der äußeren Gestalt, sondern erst, als er seine Rede beginnt mit: „Fürchte dich nicht." Dass Engel Flügel haben, ist wohl nicht wörtlich zu verstehen. Die Flügel sind Sinnbild dafür, dass Engel zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch hin und her pendeln. Sie bringen die göttliche Botschaft direkt ans menschliche Ohr. So verstanden haben Engel „Flügel".
Erzengel gibt es übrigens vier: Gabriel, Uriel, Raffael und Michael - dessen Tag wir heute begehen. Michaelis, wie es in der Tradition heißt. Ob die Existenz der Erzengel aber bedeutet, dass es Ober- und Unterengel gibt, eine himmlische Hierarchie sozusagen, lässt sich nicht genau sagen, aber spekuliert wird darüber in so manchen esoterischen oder sektenartigen Kreisen viel.

Gibt es sie also doch? Die Engel? Und nicht nur aus Holz, mit abgebrochenen Flügeln? Engel: der Mund Gottes? Ich schaue noch einmal in der Bibel nach: Engel verkünden, wenn Gott seine Finger im Spiel hat. Wie sonst hätte Maria gewusst, dass ihr Kind direkt von Gott kommt. Wie sonst hätte später Josef gewusst, dass er mit Maria und dem kleinen Jesus vor Herodes fliehen muss.
Und da finde ich noch eine Stelle in der Bibel, wo ein Engel dem Verstand der Menschen auf die Sprünge helfen muss: Da sitzt einer im weißen Gewand im leeren Grab Jesu und sagt: „Fürchtet euch nicht. Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier."
Das weiße Gewand - es strahlt von Licht. Auch das ein Zeichen für die Herrlichkeit Gottes.
Die Engel haben also direkt mit Gott zu tun. Sie sind wie ein Teil von ihm. Und sie sind nicht süß oder puttenhaft. Im Gegenteil, sie sind sehr erwachsen, deutlich und klar. Als Mund Gottes sagen die Engel, was Gott uns zu sagen hat. Dinge, die wir ohne die Botschaft der Engel überhaupt nicht verstehen würden. „Er ist auferstanden, er ist nicht hier." Vielleicht kann man das nur begreifen, wenn ein Engel einem so etwas sagt?

Aber die Bibel zeichnet noch ein anderes, so gar nicht pausbäckiges Engelsbild. Da ist zum Beispiel diese Stelle: „Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und er wurde hinausgeworfen, der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt."
Auch hier tauchen Bilder auf: Da ist in einer Kirche das Bild des geflügelten, fast römisch aussehenden Soldaten, der mit einem riesigen Schwert in der Hand auf dem Drachen steht und ihn tötet. Viel Blut fließt. Bilder, die mir eher fremd sind. Doch auch das gehört zum Engelbild der Bibel: das Kämpferische, Starke und Furchteinflößende. Engel sind nicht nur niedlich. Engel sagen dem Bösen den Kampf an. Michael, der Drachentöter, der den Teufel stürzt. Und es gibt auch Bilder, die zeigen Michael mit der Waage in der Hand. Die Tradition zeichnet ihn als den, der die guten und bösen Taten der Menschen aufschreibt und im Tod aufrechnet, er ist der, der am Eingang des Himmels steht, Gutes und Böses in die Waagschale wirft und das Böse nicht mehr in die Stadt Gottes hineinlässt. Ein Bild, das Angst macht? Denn ich spüre manchmal: Das Böse wohnt doch auch manchmal in mir. Ich kenne Gefühle wie Wut und Hass. Ich tue manchmal Dinge, von denen ich doch eigentlich weiß, dass sie nicht gut sind. „Ein Biest wohnt in meinem Haus, ich sperr es ein, es will raus" - so ein Liedtext von Peter Fox, den ihr Konfirmanden vielleicht kennt. Das Böse ist immer auch schon in uns und leider auch in dieser Welt und treibt dort sein Unwesen. Um das zu wissen, brauchen wir nur am Morgen die Zeitung aufzuschlagen. Doch der Schreiber der Offenbarung malt uns ein Gegenbild: das Bild einer himmlischen, goldenen Stadt, eines Ortes, wo kein Leid und kein Geschrei mehr sein wird. Da hat das Böse keinen Zutritt. Und dafür sorgen die Engel. Es heißt nicht - und das tröstet mich: Du hast keinen Zutritt. Aber das Biest in dir, das Böse, bleibt draußen. Hier in dieser Stadt hat es nichts mehr verloren, bis in alle Ewigkeit.
So bekommt der kämpferische, machtvolle furchteinflößende Engel doch etwas Tröstliches. Er besiegt für uns den Teufel, das Böse, all das, was uns das Leben schwermacht.

Engel sorgen also dafür, dass Gottes Wille sich durchsetzt. Mal leise, mit sanften Worten, mal machtvoll und energisch. Und in all dem glaube ich, dass Gott uns nahe ist. Dass es ihm um uns geht, unser Seelenheil. Gott will uns begegnen in Worten und Taten. Engel greifen bisweilen spürbar in unser Leben ein. Manchmal helfen sie uns, sprechen uns Mut zu und schenken uns Kraft. Manchmal sagen sie aber auch: „Du bist auf dem falschen Weg. Kehre um." Vielleicht merken wir erst viel später, dass uns ein Engel begegnet ist.

Engel - vielleicht begegnet uns manchmal einer, oder vielleicht werden wir sogar selber gelegentlich zu Engeln? Vielleicht sogar, ohne dass wir es selbst merken: wenn wir die Botschaft Gottes weitersagen. Wenn unsere Hände tun, was Gott will.
Ich habe dann beschlossen, die Engel nicht länger in ihrer Schachtel zu lassen. Sie waren noch alle da und stehen jetzt das ganze Jahr über im Regal. Die Engel waren noch alle da. Sie sind ein bisschen lädiert. Einem ist der Flügel abgebrochen. Aber ich habe bei meiner Suche noch ganz andere Engel gefunden. Engel, die immer bei mir sind und nicht nur vier Wochen im Jahr.

Gebet: Luthers Morgensegen

Anstelle eines Gebetes:
„Mutter, wie sehen Engel aus?"
Kinderfrage auf der Bettkante.
Verlegenheit.
Soll ich dem Kind Bilder zeigen?
Pausbackige Barockengel in Weiß mit Gold?
Engel kann man nicht sehen!
Nur hören. Sie rufen dir zu:
„Fürchte dich nicht!"
Nicht, wie sie aussehen, was sie sagen, ist wichtig.
Hundert Mal steht in der Bibel:
„Fürchte dich nicht!"
Oft aus Engelsmunde. Ein zentraler Satz.
Er soll sich einprägen, uns prägen,
Spuren hinterlassen.
An der Parole erkennt der Soldat
Freund oder Feind. „Fürchte dich nicht!"-
Engelsparole.
Die Parole im Dunkeln.
Das Licht in der Finsternis.
Verbannung der Angst.
Zuspruch für heute und morgen.
Vertrauen auf Gott."
„Wer schenkt es? Wie wird es vermittelt?
Wer sagt die Botschaft so, dass sie gehört wird?
Oder erspürt!
„Fürchte dich nicht!" - sprach meine Mutter,
als die Blitze zuckten. Sie drückte mich fest an sich.
„Fürchte dich nicht!" - sprach mein Mann,
als ich einer Aufgabe ausweichen wollte, und sah mich lächelnd an.
Waren sie Engel?
Was gelingt leichter: Ausschau halten nach Engeln
oder der Versuch, jemandem Engel zu sein?
Habe ich jemanden bei der Hand genommen,
ihm in banger Stunde Gottvertrauen geschenkt?
Ihm Mut gemacht zu sich und den anderen?
Haben Engel also doch ein Gesicht, ein Aussehen,
- wenn auch keine Flügel?
Vorm Spiegel packt mich der Zweifel.
In der Bibel wird es mir zugetraut,
zugemutet.
Beim Kind auf der Bettkante
könnte ich's üben!
(Herkunft unbekannt, für Hinweise bin ich dankbar)

Liedvorschläge:

581 (Segne uns, o Herr)
65 (Von guten Mächten)

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