Festansprache zu einem Jubiläum der örtlichen Feuerwehr

Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen sind Realisten und Idealisten zugleich. Ich zeige euch das an diesem Helm (Feuerwehrhelm aufsetzen). So ein Helm ist eine wunderbare Sache. Feuerwehrleute sind stolz auf ihren Helm und auf ihre Uniform. Es ist ein beeindruckendes Bild, wenn ihr damit heute Nachmittag beim Festumzug in großer Zahl durch unsere Stadt marschieren werdet.
So ein Helm ist nicht nur Schmuck, sondern auch Schutz für den Kopf, das Gesicht und für den Nacken. Er leuchtet im Dunkeln.
Feuerwehrleute sind Realisten und Idealisten zugleich.

Ich zeige euch das mit diesem Strahlrohr. Es macht Spaß, damit zu spritzen. Beim Üben und auch im Brandfall wird derjenige besonders beachtet, der dieses Strahlrohr führt. Der Spaß und die Beachtung werden aber schnell unwichtig, wenn es ernst wird und ein Gebäude in Flammen steht (Helm und Strahlrohr weglegen).
Beides gehört zum Feuerwehrmann und zur Feuerwehrfrau: der Stolz auf die eigene Truppe, die Freude und der Spaß an der Technik und an den Geräten. Aber auch die gewissenhafte Vorbereitung auf den Ernstfall und die Einsatzbereitschaft, rund um die Uhr.
Feuerwehrleute sind Realisten und Idealisten. Idealisten deshalb, weil sie sich einer Aufgabe hingeben, die keinen materiellen Lohn bringt. Sie bringen Opfer, weil sie helfen wollen, retten, schützen und bergen. Sie sind Realisten, denn sie bewerkstelligen diese Ziele und setzen sie in die Tat um.

Diese beiden Seiten eines Feuerwehrmannes drückt der Leitspruch der Feuerwehren aus: „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr!" Dem Nächsten zur Wehr - das steht für den Realismus der Feuerwehrleute. Jeder Feuerwehrkamerad muss ganz realistisch mit dem Schlimmsten rechnen, für sich und für andere. Er muss vielfältige Sicherheitsvorkehrungen treffen, Unfallverhütungsvorschriften beachten. Jeder Handgriff muss sitzen. Tausendmal ist der Umgang mit Rettungsschere, Hebekissen, Drehleiter, Atemschutzgerät zu üben.
Um Gefahr vom Nächsten abwehren zu können, muss man Realist sein. Jeder Einsatz erfordert viel technische Erfahrung, Geschick, Kooperation, Schnelligkeit.
Neben der technischen Seite gehört zum Realismus der Feuerwehrleute auch die seelische, die psychische Seite. Die kann sehr belastend sein. Spätestens auf dem Weg zum Einsatz erlebt das jeder. Was kommt auf mich zu? Da ziehen Fantasien durch den Kopf, Gedankenblitze, Erinnerungsbilder, die einen verfolgen oder die immer wieder kommen.

Ein langjähriger Feuerwehrkamerad hat mir einmal erzählt, je länger er dabei war, je mehr er auch erfahren hat, dass es Ernstfälle gibt, bei denen die Feuerwehr nicht viel tun konnte, umso größer wurden die Belastungen, umso weniger abgebrüht wurde er. Das gilt auch für den, der es gelernt hat, mit solchen Belastungen umzugehen, auch für den, der Ventile gefunden hat, wo und wie er diesen Druck loswerden kann.
Deshalb ist es wichtig, dass Feuerwehrleute über ihre Belastungen sprechen können und sie loswerden können. Das Leergebranntsein kennt jeder, der in Helferberufen arbeitet, auch die Verantwortlichen der Feuerwehr.
Die Notfallseelsorge und die Seelsorge im Feuerwehr- und Rettungsdienst, die die evangelische und die katholische Kirche in unserem Landkreis aufgebaut haben, sind ein Versuch, auch diese Seite des Feuerwehrdienstes in den Blick zu nehmen. Unsere Seele ist nicht endlos belastbar. In ihr geistern Bilder und Erinnerungen und Ängste herum - egal, ob wir das wollen oder nicht. Unserer Seele hilft kein Helm, kein Schutzanzug und kein Strahlrohr. Unserer Seele hilft erzählen, erzählen, erzählen. Unserer Seele helfen Menschen, denen wir vertrauen können, die zuhören können, ohne uns gleich gute Ratschläge geben zu müssen.

So viel zum Realismus unserer Feuerwehrmänner und unserer Feuerwehrfrauen. Dieser Realismus könnte eure Kräfte überfordern, wenn auch nicht euer Idealismus wäre. Der ist die andere Seite der Medaille. Idealisten sind Menschen, die sich für ein erstrebenswertes Ziel einsetzen und sich für eine Sache begeistern lassen. Über Idealisten machen sich manche Leute gerne lustig oder belächeln sie. Idealismus steht nicht hoch im Kurs in unserer Zeit. Allzu viele setzen sich nur für sich selber und für ihre eigenen Ziele ein. Allzu viele sehen nur auf ihren Weg. Gegen die innere Aushöhlung des Dienstes am Nächsten müssen Christen entschieden vorgehen.
Euer Idealismus hat viele Formen. Ein paar möchte ich aufzählen: Da ist der Idealismus, sich auszubilden durch eine Vielzahl von Lehrgängen; da ist der Idealismus, zu den Übungsstunden zu kommen; da ist der Idealismus, eigene Aufgaben liegen zu lassen und schnell und kompetent zu helfen, wenn der Nächste in Not gerät. Da ist der Idealismus, Kameradschaft zu pflegen. Da ist der Idealismus, auch dann für einen Einsatz bereit zu sein, wenn nicht mehr viel zu helfen ist und man nur noch zusehen kann.
All diesem Idealismus ginge schnell die Luft aus, wenn er allein auf die Freude an der Technik, auf die Kamerad-schaft oder auf die Karriere bei der Feuerwehr gebaut wäre. Das gehört auch dazu. Es reicht aber im Ernstfall und auf Dauer nicht aus.
Euer Idealismus muss schon besser und tiefer gegründet sein. Hier möchte ich als Pfarrer die Weisheit loben, die in dem Wahlspruch der Feuerwehren liegt: „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr!"

Beides gehört zusammen, untrennbar, so wie Idealismus und Realismus, so wie Außenseite und Innenseite des Feuerwehrdienstes, so wie die harte Arbeit und die innere Bereitschaft dazu. Menschenleben zu schützen und zu retten ist eine Form, Gott zu ehren. Hab und Gut anderer zu schützen ist auch eine Form, Gott zu ehren. In Not Geratenen zu helfen ist ebenso eine Form, Gott zu ehren. Dafür setzt ihr euch ein! Ihr nehmt Arbeit und Entbehrungen auf euch, weil ihr davon überzeugt seid, dass jedes Menschenleben unendlich wertvoll ist. Nicht wir haben das Leben gemacht. Alles Leben verdanken wir Gott. Deshalb ist jedes Leben zu schützen. Dafür tragen wir vor Gott Verantwortung. Das ist es, was Gott von uns fordert.
Gott hat uns einen Himmel versprochen. Zunächst aber hat er uns auf dieser Erde das Leben geschenkt. Hier können wir uns bewähren. Hier dürfen wir uns des Lebens freuen. Mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Gaben und Fähigkeiten, als Idealisten und Realisten zugleich.

Liebe Feuerwehrkameraden! Wir danken euch anlässlich dieses Jubiläums für eure ehrenamtliche Arbeit. Wir sind stolz auf euch und wollen euren Dienst mittragen und euch dabei unterstützen.

Gott segne eure Einsätze und eure Heimkehr nach Hause. Er bewahre euch in brandgefährlichen Stunden. Gott gebe euch das Geschick, in Notfällen mutig und gekonnt zu arbeiten. Er verschone unsere Gemeinde vor Feuersbrunst und Wassernot, vor bösem Wind und Wetter, vor Unfällen und Katastrophen. Darum bitten wir im Vertrauen auf Jesus Christus, der uns gelehrt hat, Gott zu ehren und den Nächsten wie uns selber zu lieben.

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