Adventsandacht über Lied EG 15: Tröstet, tröstet, spricht der Herr

Es gibt traurige Zeiten und wahrlich trostlose Zustände. Wer von einem geliebten Verstorbenen Abschied nehmen muss oder wer eine Trennung durchleidet, der kennt Trauer und sucht nach Trost. Wer seinen Arbeitsplatz verloren hat oder zum wiederholten Male sich einer Operation unterziehen muss, der sehnt sich nach einer guten Perspektive. Manchmal überkommt einen sogar beim Schauen der täglichen Nachrichtensendung ein Gefühl von Trostlosigkeit. Müde und mutlos wird man von belas-tenden Lebensumständen und vielen schlechten Nachrichten. Das Leben beschert uns immer wieder dunkle und trostbedürftige Situationen. Einzelne Menschen oder auch ganze Völker sehnen sich deshalb nach Trost, nach Ermutigung und Aufhellung. Israel hat Zeiten kollektiver Trostlosigkeit erlebt, vor allem durch verlorene Kriege, Deportationen und die Erfahrung von Fremdherrschaft. Auch Deutschland verfinsterte sich in den Jahren 1937 und 1938, als das Adventslied „Tröstet, tröstet, spricht der Herr" entstand. Hitler war zu dem Zeitpunkt rund fünf Jahre an der Macht. Die Rechte der Juden, des Volkes Gottes, wurden eingeschränkt und bis zur Unmenschlichkeit verkehrt. Und ein Weltkrieg wurde vorbereitet, der dann Millionen von Opfern forderte.
So stimmen wir Trostbedürftigen immer wieder - und sicher nicht nur im Advent - seufzend mit ein in die Strophe eines bekannten Adventsliedes: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal." (EG 7,4) Auch der Heidelberger Katechismus beginnt in seiner ersten eröffnenden Frage mit dem Lebensthema Trost: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?" Trostlosigkeit und Trostbedürftigkeit sind existenzielle Erfahrungen des Menschen. Darin zeigt sich, was uns in schweren Zeiten am Leben hält und wer uns Kraft und Lebensmut gibt.

Der Hamburger Pastor Waldemar Rode dichtete sein adventliches Trost-Lied im Zusammenhang mit einer Predigt über Jesaja 40,1-10. Die Textvorlage aus der Bibel ist deutlich herauszuhören. Der so genannte 2. Jesaja, dessen Worte ab dem 40. Kapitel des Jesajabuches aufgeschrieben wurden, gilt als der „Evangelist unter den Propheten". Seine Worte wollen trösten, sie wollen das geknickte und gedemütigte Volk aufrichten und den müden Menschen neue Hoffnung schenken. Rode hat diese schönen biblischen Trostworte aufgegriffen und sie zu einem sechsstrophigen Hymnus mit Paarreimen verdichtet. Die erste Strophe beginnt sogleich mit dem notwendigen und die Not wendenden Trost:

„Tröstet, tröstet", spricht der Herr,
„mein Volk, dass es nicht zage mehr.
Der Sünde Last, des Todes Fron
nimmt von euch Christus, Gottes Sohn."

Das Leben ist gefährdet durch die Sünde, denn sie ist verfehltes Leben. Und es ist bedroht durch der Tod, denn er ist das Ende des Lebens. Die Erfahrungen von Sünde und Tod führen in die Trostlosigkeit. Doch wer oder was führt heraus aus dieser ausweglos scheinenden Situation? Für Rode ist Jesus Christus der Befreier und damit der große Trost in allem Leid. So deutet Rode in seinem Lied von Anfang an die alten prophetischen Worte neu. Johannes der Täufer steht für den zur Buße rufende Propheten, der den Weg Jesu vorbereitet. Jesus Christus ist derjenige, der kommt und gewaltig herrscht. Die Worte gelten deshalb nicht nur Israel, sondern auch dem neuen Volk Gottes. Sie sind Trost für jeden verzagten Christen bis in unsere Tage.
Wesentliche Botschaften werden zum Auftakt jeder Strophe wiederholt, so als würde man sie leicht überhören oder zu schnell wieder vergessen. „Tröstet, tröstet", spricht der Herr. Freundlich, freundlich rede du. Ebnet, ebnet Gott die Bahn. Sehet, sehet alle Welt. Alles, alles Fleisch ist Gras. Hebe deine Stimme, sprich.

Man kann offensichtlich nicht oft genug sagen, was Trost bringt: dass Gott selber sein Volk tröstet, indem er freundlich redet und es durch seinen eigenen Sohn befreit, dass er machtvoll herrscht und niemand sich mehr fürchten muss. Das großartige alte Trostprogramm Gottes wird neu konkret in der Person Jesus Christus. Das ist der Trost, von dem die Bibel erzählt und den das Lied nacherzählend besingt. So ähnlich gibt übrigens auch der Heidelberger Katechismus seine klare Antwort auf die Frage 1 nach dem einzigen Trost: „Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben ... meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin."

Das Lied führt durch alle Strophen hindurch beharrlich von Trostlosigkeit und Verzagtheit hin zu Trost und Befreiung, von Sünde und Tod hin zu Vergebung und neuem Leben, von der Vergänglichkeit hin zur Ewigkeit, von der Dunkelheit hin zum Licht. Wenn wir unserem Gott den Weg bahnen und ihn in seinem Sohn Jesus Christus hineinlassen in unsere Welt, werden wir getröstet. Wer das Lied anstimmt, singt sich mit seiner Melodie (von Hans Friedrich Micheelsen) hinein in die tröstende Frohe Botschaft. Beim Singen fallen - wie ein warmer Som-merregen - die trostreichen Worte Ton für Ton in uns. Am Ende sind wir hoffentlich angenehm erfrischt und „gut bei Troste".
Bis zur letzten Strophe singt das Lied gegen Zweifel und Furcht an. Nicht nur in vergangenen Zeiten, nicht erst in ferner Zukunft, sondern jetzt, hier und heute passiert es: Das Himmelreich ist nah, Gott ist da. Die Zukunftsansage aus der Vergangenheit wird erlebbare Gegenwart mitten in unserer Welt. Das ist Advent - Gottes Trostprogramm für uns.

Gebet:
Guter Gott,
sieh uns gnädig an und sieh auf unser Leben.
Es gelingt oft nicht und ist bedroht vom Tod.
Sieh unsere Mutlosigkeit und Verzagtheit.
Wir kommen allein nicht gut zurecht.
Wir sehnen uns nach dir und deiner Macht.
Wir brauchen Veränderung und Trost.
Wir lechzen nach deinem freundlichen Wort,
das uns aufrichtet und stärkt.
Komm in unsere trostlose Welt,
tröste uns und mach uns lebendig.
Erhelle die finsteren Orte und Zeiten unseres Lebens
und verwandle sie durch deine Herrlichkeit.

Liedvorschläge: 7,1-6 (O Heiland, reiß die Himmel auf)
15 („Tröstet, tröstet", spricht der Herr)

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