Adventsandacht über Lied EG 1: Macht hoch die Tür

La cattedrale sará chiusa fra un'ora e mezzo!" Die Ansage ließ mich aufhorchen. Was, ich sollte die Kathedrale so bald verlassen? Ich war noch ganz benommen von der Schönheit des Lichtes, das die Abendsonne durch die Fenster des Westportals in Chartres dringen ließ. Ich saß auf einem Stuhl vor dem berühmtesten Labyrinth der Welt und war noch immer wie gefesselt vom Licht, von den Farben, vom Blau, vom Rot, vom satten Gelb. Ich musste auf jenem Stuhl eingeschlafen sein und geträumt haben. Der Traum war noch ein wenig da, ich versuchte ihn zurückzubringen. Es war zäh. Ich zog an ihm, Stück für Stück. Ich gab mir alle Mühe und zog noch einmal. Ich hatte Glück und er strömte in mein Bewusstsein zurück.

Ich sah Pilger vor mir, einen Berg, einen riesigen Tempel. Ich hörte Stimmen: „Erhebt, ihr Tore, eure Häupter", wurde gerufen, „ja, erhebt euch, ihr Pforten der Urzeit, dass der König der Herrlichkeit einziehe. Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Es ist der Herr, der Mächtige und Starke. Der Herr ist es, der Starke im Kampf. Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, ja, erhebt euch, ihr Pforten der Urzeit, dass der König der Herrlichkeit einziehe. Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Es ist der Herr Zebaoth, der Herr der Heerscharen. Er ist der König der Herrlichkeit."

In vielen Vertonungen ist mir dieser Text vertraut, eine Torliturgie ist es für den Weltenkönig, für Gott den Schöpfer, der einzieht in seine Welt, einzieht in sein Lebenshaus, in seine Residenz und seinen Thron besteigt. Eine Torliturgie ist es für die vielen Pilger, für die vielen Menschen, die dem Weltenkönig hier in Jerusalem im Tempel huldigen wollen. Unwillkürlich summt in mir die Melodie von „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich ...". Es ist das alte Advents-, das alte Ankunftslied, das ich kenne, das aus meinem Urinnersten dringt. Eine Sehnsucht bricht sich Bahn. Es ist die Sehnsucht, dabeizusein, wenn dieser König Ordnung schafft, Anteil zu gewinnen an seiner Gerechtigkeit, seiner Sanftmut, seiner Heiligkeit, seiner Barmherzigkeit. Ein König, der seinen Namen verdient. Endlich einer, der mir gerecht wird. „Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit ..."

Ich sehe Menschen, viele Menschen, Pilger im Tempel, beseelt von dem Wunsch, einzuziehen in die Residenz dieses Königs, bereit, diesem König die ihm gebührende Ehre zu erweisen, teilzuhaben an seiner Lebensmacht, an seiner Herrlichkeit. „Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, ja, erhebt euch, ihr Pforten der Urzeit, dass der König der Herrlichkeit einziehe." Es ist ein starkes Bild, das wohl seit Urzeiten in mir, in vielen von uns wohnt, so stark wie der Glaube an diesen König.

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn", summe ich unwillkürlich das alte Adventslied. Ja, eine Sonne der Freude ist dieser König, der mit sich lauter Freude und Wonne im Gepäck führt. Stark und unverwüstlich ist der Wunsch, diesem König seine Aufwartung zu machen. Wie mag dieser König wohl ausschauen? Wie wird sich die Begegnung mit ihm vollziehen? Die alte Torliturgie formulierte die Einlassbedingungen. „Wer darf hinaufziehen auf den Berg des Herrn und wer darf sich aufstellen an seinem heiligen Ort? Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, wer nicht zu Falschem seine Seele erhoben hat ... er wird Segen empfangen." Menschen über Menschen durchströmen das Tempeltor. Es ist die Urpforte, die Urtür, die Menschen erbauten, damit zuerst dieser hoheitsvolle König in seiner Herrlichkeit einziehe und dann auch sie. Wann werde ich diesem König von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten?

Doch die Bilder wechseln. Ich höre Baugeräusche, das Knarren und Quietschen der Aufzüge. Viele arbeiten mit am Bau der Kathedrale. Es soll ein hohes, aufstrebendes Bauwerk werden. Eines, das die Welt noch nicht gesehen hat. Die Wände erscheinen mir nahezu entmaterialisiert. Farbiges Glas lässt sie durchsichtiger, aber auch zerbrechlicher erscheinen. Ich sehe Menschen von vornehmer Herkunft, die mit Hand anlegen, die auf Karren Baumaterial heranfahren. Das müssen Adlige sein. Wie kommt es, dass sie hier arbeiten? Und woher nur kommt die Idee für das Aufstrebende und Hoheitliche eines solchen Vorhabens? Kommt sie aus dem nahen Paris, wo Abt Suger seine Abtei St. Denis mit viel Glas versehen ließ? Man munkelt, er solle regelrecht lichttrunken sein. Durch eine Übersetzung des Gelehrten Johannes Scotus Eriugena habe er den christlichen Schriftsteller Dionysios wiederentdeckt, der eine besondere Auffassung vom göttlichen Licht lehrte. Es flösse unaufhörlich in die Welt und der Mensch könne am Licht und durch das Licht aus dieser Welt emporsteigen zu Gott, dem unaufhörlichen Licht. Licht ist hier überall, Licht fließt in Chartres ins Innere der Kathedrale. Fenster entstehen, so hoch, wie die Wände der Kirche sind. Das Licht zerfällt in die Farben Gelb und Rot und Blau und Grün. Und darin zeigen sich die Herkunft Jesu, sein Stammbaum, die Wurzel Jesse, die Könige Israels, die Propheten, die ihn ankündigen, und die heilige Frau, die ihn empfängt und gebiert mit der offenen Tür ihres Herzens und Leibes, die „vierge en bleue", die ihm die Tür zur Welt und zum Leben öffnet, in deren Schoß er schon als Kind wie auf einem Thron residiert. Ein Tempel, eine Kathedrale des Lebens entsteht. Einzig ihr kreuzförmiger Grundriss erinnert an den Tod des einziehenden Königs und seinen Weg zum ewigen Leben. Ganze Bildhauerscharen arbeiten an den überlebensgroßen Portalfiguren. Könige und Königinnen sollen den Eingang zur Kathedrale säumen. David und Salomo, die Königin von Saba, antike Sybillen geben das Spalier ab für den König aller Könige, den Weltenherrscher, dessen Abbild bereits über ihnen thront. Die Lehrer der chartresischen Schule wollen das Urbild des Königs aller Könige, „des Heilands aller Welt zugleich", auf ihre Weise zeigen. Sie wollen einen Raum der Huldigung für den König aller Könige erschaffen. „O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat", singt es in mir wieder. Nun also ist es Chartres um 1130, die den König aller Könige erneut empfangen will, das Urbild der menschlichen Sehnsucht, die „Freudensonne", verbildlicht in den großen Kathedralrosen und empfangen geheißen in den überlebensgroßen Portalskulpturen aller drei Portale.

Mit einem Mal umgibt mich Gesang. Ich reibe mir die Augen. In der Kathedrale haben sich Menschen zum Abendgebet gesammelt. Es erklingen Taizégesänge. Doch nach meinem Traum weiß ich, hierher gehört eine andere Musik, die Musik einer vergangenen oder besser noch einer zukünftigen anderen Welt.
Was habe ich bloß geträumt? Von der Lichtmetaphorik des Dionys, von der Gotik. Ich weiß - leider gibt es keine seriösen Quellen, die beides zusammenbringen, aber es träumt sich schön davon. Und ein Ort, an dem man so träumen konnte, das ist kein beliebiger Ort. Es ist Chartres.
„La cathédrale fermera ses portes dans quelques minutes." Mit vielen anderen werde ich nach draußen geschoben. Es sind Touristen wie ich, Menschen, die zu wenig oder fast keine Zeit für das Geheimnis eines Königs, für die Tiefe von Chartres haben. Wer wartet heute auf einen König? Und doch zieht es uns nach Chartres, zieht uns der Raum für den König aller Könige in den Bann. Kurios, dass in der Postmoderne sich die Touristenströme gleich den Pilgerströmen des Mittelalters durch die Kathedralen wälzen. Ein Glück, denke ich, dass die Französische Revolution nur einige königliche Skulpturen den Kopf kostete, das ganze Bauwerk aber wegen der ineffizienten Bürokratie erhalten blieb.

Noch im Gehen weiß ich, hier muss ich wieder her, an diesen Ort des Lebens und des Geistes, an diesen hoheitlichen, wahrhaft königlichen Ort. Und wieder summt in mir die Melodie des alten Adventsliedes: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, euer Herz zum Tempel zubereit'. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud; so kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich. Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad!"

Während ich die Kathedrale im Rücken habe, denke ich: Es ist ja nicht unser Herz allein, das zum Tempel zubereitet werden muss, sondern die ganze Welt, die ganze Erde, unser Lebenshaus. Die Kathedrale hier in Chartres ist ein Anfang, der weit über uns hinausweist. Sie ist durch Menschen-Herzen und -Hände geformte Welt, heilige Geometrie, Empfangsraum, Architektur für den himmlischen König. Im gleichen Moment keimt in mir eine Ahnung, dass alle Debatten um Finanz- und Wirtschaftskrisen, um die Klimakatastrophe, um christliche Werte in unserer Gesellschaft und dass man nun endlich handeln müsse, löbliche Versuche waren und sind, die Welt aus dem christlichen Glauben heraus zu verantworten. Doch nach diesem Traum und angesichts eines solchen Raums scheinen mir die Versuche, unser Handeln oder die Herzensfrömmigkeit zu stärken, immer noch löblich, aber ohne Fundament oder Grundierung. Es braucht solche Kathedralen, solche Adventsräume für den König der Könige, damit innerlich und äußerlich das Hoheitliche und Königliche, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Sanftmut und Heiligkeit unter uns Menschen wachsen können. Nun stimme ich bewusst ein - auch wenn es Hochsommer ist:
„Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr!"

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