Der Monatsspruch im November 2008

Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen.
Jesaja 58,10

Es gibt viele Beweggründe dafür, bei Gott Zuflucht zu suchen. Da ist etwa der Hunger nach Gerechtigkeit. Da ist aber auch der Hunger nach Geborgenheit und Liebe, der uns nach Gott schreien lassen kann.
Die Leere im Herzen mag genauso lebensbedrohlich sein wie die Leere im Magen. Wir können kaum sagen, welcher Hunger der schlimmste ist: Der Hunger nach Brot, nach Gerechtigkeit, nach Gesundheit und Geborgenheit, nach Bildung? Der Hunger nach Liebe?

Das Hungerleiden kann einem zustoßen. Dazu muss man sich - es sei denn, man möchte das Körpergewicht reduzieren - nicht aufraffen. Zum Hungerstillen dagegen - insbesondere zum Stillen des Hungers anderer - müssen wir uns manchmal aufraffen.
Woher aber nehmen wir die Bereitschaft, den Hunger anderer zu stillen, falls wir selber Hunger leiden? Wie können wir überhaupt auf Bedürftige eingehen, falls eigene Bedürftigkeit uns lähmt?

Kennen Sie das Grimm-Märchen von den Sterntalern? Das handelt von einem bettelarmen Waisenkind, das nur noch seine Kleider auf dem Leib und ein Stück Brot in der Hand besaß. Es lebte in einer Zeit, in der kein Sozialstaat rettend eingriff, wenn jemand mit seinem Einkommen unter das Existenzminimum fiel.
Das Brot war dem Mädchen von einem freundlichen Menschen geschenkt worden. Mehr Hilfe war nicht zu erwarten. Also machte das Mädchen sich allein auf seinen Weg. Da traf es zuerst einen hungrigen Mann und dann vier frierende Kinder. Dem Mann schenkte das Mädchen sein Brot und den anderen Kindern seine Kleidung. Nun hatte es selbst nur noch sein Gottvertrauen und den Schutz der nächtlichen Dunkelheit.
Die eigene Bedürftigkeit hatte die Hilfsbereitschaft des Mädchens nicht gelähmt. Zum Lohn fand es sich plötzlich in einem feinen Leinenhemd wieder, und Sterne regneten ihm als goldene Taler vor die Füße. Glanz erhellte die Nacht dieses Menschenkindes, das sein Leben lang reich geblieben sei. Diese Geschichte ist unverkennbar ein Märchen. Dennoch enthält sie für mich einen realistischen Kern. Ich lade Sie ein, diesen Text mit der „Brille" der Tiefenpsychologie zu lesen, um diesen Kern zu entdecken.
Also: Die bettelnden Menschen, der hungrige Mann und die frierenden Kinder kann man als Personifikationen der Mangel erleidenden Persönlichkeitsanteile des Mädchens verstehen. Der arme Mann repräsentiert vielleicht seinen Tatendurst, der zulange zurückgedrängt worden war, die frierenden Kinder allesamt seine Sehnsucht nach Achtung, Aufatmen, nach Mitgefühl und persönlicher Nähe. Das Selbstbewusstsein des Waisenkindes war - vielleicht angeregt durch ein Stück Brot, das man ihm noch geschenkt hatte, oder auch gespeist durch Gottvertrauen - gerade hoch genug, um die eigene Bedürftigkeit zu bemerken. Es schenkte sich selbst den Rest an Aufmerksamkeit, den es noch zu vergeben hatte. Das wenige, was es für sich aufbringen konnte, genügte jedoch. Weil es sich selbst doch noch etwas wahrnehmen konnte, wuchsen ihm neue Kräfte zu. Diese kamen dann in solcher Fülle, dass es fortan reich genug blieb, um sich selbst zu lieben und andere auch.

Sogar in dieser Interpretation klingt die Geschichte märchenhaft. Ich hoffe übrigens, dass ich sie durch die Interpretation nicht verdrehte, sondern nur so verwandelte, dass sich der Bezug zu unserer Realität neu herausschält. Z.B. in der Erkenntnis: Waisenkinder, die unauffällig funktionieren, in deren Herzen aber bittere Not herrscht, leben vermutlich mitten unter uns. Oder gar in uns.

Bei Jesaja werden wir aufgefordert, Elende zu sättigen. Großer Glanz wird dafür versprochen. Um das Waisenkind in der Sterntalergeschichte war am Ende Glanz. Das Grimm-Märchen ist eigentlich eine Beispielgeschichte für unseren Monatsspruch. Ob wir uns allerdings an dieser verheißungsvollen Geschichte ein Beispiel nehmen können, das hängt wohl auch davon ab, ob wir uns von Gott Kraft schenken lassen. Auf dass wir für uns selbst Sorge aufbringen. Und dabei plötzlich die Kraft zur Liebe für andere in uns entdecken. Staunend, froh und erleichtert. Aufgehellt.

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