Für die Seele sorgenEinsamkeit tut weh

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, heißt es in der Bibel. Aber in unserer modernen Welt sind immer mehr Menschen einsam. Sei es, weil sie beruflich so mobil sein müssen, dass sie nirgendwo Wurzeln schlagen; sei es, weil sie keine Angehörigen haben; sei es, dass sie nach einer langjährigen Partnerschaft plötzlich allein sind. Manchmal liegt das Gute aber auch sehr nah, es bedarf nur eines ersten Schrittes.

Einsamkeit tut weh
Freundschaft kann das Leben prägen, uns die Beziehungen schenken, die wir brauchen.© Pexels

Viele Menschen in unserem Land sind so einsam, dass sie oft nur einmal im Monat oder noch seltener ein persönliches Gespräch führen. Das ist ein Trauerspiel! In manchen Gesprächen ist mir klar geworden, dass Menschen sich für ihre Einsamkeit geradezu schämen. Sie haben das Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben im Leben. Oder irgendwie nicht sympathisch zu sein für andere. Das geht nicht nur Älteren so, sondern auch vielen Jungen. Unsere Seele leidet, wenn wir einsam sind. Dann ist der innerste Kern von uns verletzt. Und ja, das kann richtig weh tun. Dieses Gefühl: Keiner denkt an mich, ob ich da bin oder nicht, das ist anderen vollkommen egal. Da fragen sich manche: Was ist mein Leben eigentlich wert?

Genau da können Menschen aber vorbauen. Wenn ich keine Eltern, Geschwister, Kinder habe, die mich halten und tragen, dann gilt es, außerfamiliäre Beziehungen zu suchen und zu pflegen! Freundschaften können unsere Seele gesunden lassen. Denn Freundinnen und Freunde sind Menschen, denen wir vertrauen, auf die wir uns verlassen können. Deshalb ist es gut, wenn wir uns darum mühen, Freundschaften zu pflegen. Viele Menschen sind in der Rushhour ihres Lebens so sehr mit Beruf und Familie beschäftigt, dass sie es schlicht zeitlich nicht schaffen, darüber hinaus Beziehungen zu pflegen. Aber gerade wenn wir älter werden, bewähren sich alte Verbindungen. Zwar können wir gewiss auch im Alter noch Freundschaftsbande knüpfen, aber in der Regel sind es langjährige gemeinsame Erfahrungen, Höhen und Tiefen des Lebens, eine gemeinsame Geschichte, auf die wir zurückblicken, die diese Beziehungen festigen. Wohl dem, der also lange vor dem Alter Zeit in sie investiert.

Der biblische Vers „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ wird in der Regel auf die Ehe bezogen. Ich denke, er gilt auch für Freundschaft. Nicht jeder Mensch lebt in einer Paarbeziehung oder einer Ehe. Und es ist nicht defizitär, allein zu leben! Wer in einer Ehe lebt, kann durchaus einsam sein. Wer ohne Partner oder Partnerin lebt, muss nicht einsam sein. Freundschaft kann das Leben prägen, uns die Beziehungen schenken, die wir brauchen. Sie sind für mich kein Ersatz für Partnerschaft, sondern haben einen ganz eigenen Wert.

Auch wer in einer Partnerschaft lebt, tut gut daran, Freundinnen und Freunde zu haben. Das zeigt ja selbst die Hiobgeschichte. Mit seiner Frau kann Hiob offenbar nicht über seine Gefühle reden, über seine Glaubensfragen. Mit den Freunden schon ... Zum Glück weiß ich von mindestens drei Freundinnen, die kommen würden, um mir zu helfen, wenn es mir so schlecht ginge wie Hiob. Und wenn es einer Freundin von mir so schlecht ginge wie dem biblischen Hiob – ich würde alles daransetzen, sofort zu ihr zu fahren.

Neben Freundschaften können aber auch nachbarschaftliche Kontakte Einsamkeit vorbeugen. Ich finde beispielsweise sehr gut, wie mit Plattformen wie nebenan.de oder nachbarschaft.com ermöglicht wird, dass Nachbarn, die in einem bestimmten Viertel, Stadtteil oder Dorf wohnen, gemeinsame Aktivitäten entwickeln. Das ist hilfreich in Zeiten, in denen viele Menschen allein leben. Es ist ein Angebot, niedrigschwellig andere kennenzulernen und zu schauen, ob daraus Freundschaft werden kann. Zwei verabreden sich vielleicht zum Theater, andere suchen Mitspieler beim Doppelkopf, wieder andere Musiker, die mit ihnen proben, oder jemanden, der renovieren hilft. So können Menschen in unserer heute oft abgeschotteten Lebenssituation miteinander in Kontakt kommen. Und dann können sie es gelassen angehen: Finden wir uns interessant, treffen wir uns öfter, oder eben auch nicht.

Ich kenne viele Menschen, die seit Jahren in einem Chor mitsingen. Sie treffen sich jede Woche, manches Mal gehen sie vorher oder hinterher noch etwas essen oder einen Wein trinken. Regelmäßig gibt es eine Aufführung. So entstehen Kontakte, entsteht ein Netzwerk, das auch Sorge füreinander trägt. Da wird gefragt, wo Hilde ist, wenn sie seit zwei Wochen nicht anwesend war. Oder ich denke an ehrenamtliche Gruppen, die sich engagieren.

Vor kurzem habe ich die terre des hommes-Gruppe in Achim besucht. Das sind Frauen und Männer, die einen sehr großen Altkleiderladen betreiben. Das Ergebnis ist vierfach bemerkenswert: Die einen geben von ihrem Überfluss ab, Menschen mit wenig Geld können sich dort mit Kleidung versorgen, es entsteht ein beachtliches Spendenaufkommen zugunsten der Kinderhilfsorganisation und es ist ein gutes Miteinander zwischen den Aktiven entstanden, von denen einige schon lange, andere aber erst seit kurzem dabei sind. Ähnliches habe ich auch bei anderen Gruppen gesehen, etwa bei der ehrenamtlichen Begleitung von Flüchtlingen.

Oder ich denke an neue Wohnprojekte wie Mehrgenerationenhäuser. Da wird schon in der Architektur angelegt, dass niemand einsam bleiben muss. Das gilt auch für Besuchsdienste, die etwa von Bürgerstiftungen oder Diakonie und Caritas gegründet werden. Zu denken ist auch an den ambulanten Hospizdienst, der Sterbende zu Hause unterstützt, oder die Grünen Damen, die Menschen im Krankenhaus begleiten.

Viele leben allein, das kann auch eine schöne, glückliche Lebensform sein. Aber niemand sollte einsam sein in unserem Land. Wir können der Einsamkeit selbst aktiv vorbeugen, indem wir Freundschaften pflegen, uns ehrenamtlich engagieren, Netzwerke schaffen, Besuchsdienste unterstützen. Und wir können auf andere zugehen, wenn sie einsam sind. So entsteht ein Gewebe, das uns hält und trägt in guten wie in schweren Tagen.

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