Schutz vor Missbrauch"Ich bestimme über meinen Körper"

Sabine Kellner ist Diplom-Pädagogin, Mitarbeiterin in einer Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch und Buchautorin. kizz sprach mit ihr über die Frage, wie Eltern ihr Kind am besten vor sexuellem Missbrauch schützen können.

Schutz vor Missbrauch:
© Pixabay

Frau Kellner, das Thema "sexueller Missbrauch" läuft durch die Medien, und auch die Bundesregierung hat eine Kampagne gegen sexuellen Missbrauch gestartet. Wie gefährdet sind denn unsere Kinder?
In Deutschland werden jedes Jahr rund 16.000 Fälle von Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht. Die Formen von sexuellem Missbrauch sind sehr unterschiedlich, sie reichen von exhibitionistischen Handlungen über Berührungen bis hin zur Vergewaltigung. Nur ein Viertel dieser Taten wird von Unbekannten verübt. Die meisten sexuellen Übergriffe finden im Familien- und Bekanntenkreis statt. Man kann aber davon ausgehen, dass nur die wenigsten Fälle von sexuellem Missbrauch aktenkundig werden. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich 15 mal höher.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen?
Das A und O ist, dass Eltern sich mit dem Thema beschäftigen. Viele verdrängen die Gefahr, denn es ist ja eine sehr unangenehme, oft unfassbare Angelegenheit. Aber nur, wenn wir den Gedanken zulassen, dass solche Taten auch in unserer direkten Umgebung passieren, können wir den Kindern Schutz geben. Täter spüren genau, welche Eltern da aufmerksam sind und welche nicht. Hellhörige Eltern und informierte Kinder sind für Täter gefährlich.

Kann man den Kindern auch beibringen, sich selbst zu schützen?
Am besten sind Kinder geschützt, wenn sie ihre Gefühle wahrnehmen und ernst nehmen dürfen. Und wenn sie erfahren, dass ihr Körper ihnen selbst und nicht den Erwachsenen gehört. Kinder, die Zärtlichkeiten von Verwandten über sich ergehen lassen müssen, obwohl sie das gar nicht wollen, sind Grenzverletzungen bereits gewöhnt und können sich dann auch bei Missbrauch nicht wehren. Kinder, die ihren Teller leer essen müssen, obwohl sie satt sind, die bei Schmerzen nicht ernst genommen werden ("Das tut doch gar nicht weh") erhalten damit die Botschaft, dass die Erwachsenen besser über ihren Körper Bescheid wissen als sie selbst und über ihn verfügen dürfen.

Brave Kinder sind also leichte Opfer?
Genau. Kinder aus autoritären Verhältnissen, die fraglos gehorchen und nicht widersprechen dürfen, wissen sich gegenüber Erwachsnen nicht zu wehren. Das spüren auch die Täter. Wichtig ist auch eine frühe, altersentsprechende Sexualerziehung, in der die Dinge beim Namen genannt und Fragen gestellt werden dürfen. Dabei sollen Kinder die Gewissheit haben: Mein Körper ist mein Körper. Ich bestimme, wer ihn anfasst und wer nicht.

Müssen wir jetzt ständig auf unsere Kinder aufpassen, damit sie nicht in falsche Hände geraten?
Eltern sollten ihre Kinder nicht ängstlich isolieren, sondern in einer mutigen, zuversichtlichen Atmosphäre aufwachsen lassen. Es ist aber schon wichtig, darauf zu achten, wem man seine Kinder anvertraut. Wenn Erwachsene übermäßigen Kontakt zu einem Kind suchen, dabei immer mit ihm allein sein wollen und ein undeutliches Verhalten zeigen, muss man schon hellhörig werden. Verdächtig sind auch übermäßige und nicht altersgemäße Geschenke, wenn beispielsweise eine Fünfjährige von ihrem erwachsenen "Freund" ständig Lippenstifte bekommt. Wer sensibel hinschaut, der merkt, wenn was nicht stimmt. Und wenn ein Kind sich wehrt und sagt: "Da will ich nicht hin. Der ist komisch!" sollten die Eltern dem unbedingt auf den Grund gehen.

Oft behalten die Kinder den Missbrauch jahrelang für sich. Wie kann man erreichen, dass sie sich öffnen?
Indem man ihnen glaubt. Es ist eine traurige Erfahrung, dass missbrauchte Kinder bis zu sieben Personen ansprechen müssen, bevor sie ernst genommen werden und Hilfe bekommen. Fast alle Täter versuchen den Kindern einzureden, die Tat sei "unser Geheimnis", das sie nicht weitererzählen dürfen. Kinder müssen wissen, dass es auch "schlechte Geheimnisse" gibt, die man ohne weiteres erzählen darf.

Die Fragen stellte Eva Baumann-Lerch.


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