Ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen ...Predigtgedanken zur Corona-Pandemie

Mt 10, 34-36

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.

Es sind harte Worte, wie wir sie aus dem Mund Jesu nicht gewohnt sind. Dabei sind harte Worte aus Jesu Mund gar nicht so selten. Allein, wir hören sie selten, da niemand gern solche harten Worte hören möchte. Also wird lieber über den guten Hirten gepredigt und über die Seligpreisungen – obwohl auch diese einige Zumutung enthalten.
Diese Worte Jesu jedoch sind geradezu brutal und passen auf den ersten Blick gar nicht so recht in unser pazifistisch-christliches Weltbild. Und dennoch gehören sie zur Botschaft Jesu. Und den verfolgten Christen aller Zeiten und aller Orten (auch heute werden auf unserer Welt Christen verfolgt und bedroht) werden sie weniger fremd anmuten als uns in unserem Wohlfühlchristentum. Zumindest bis vor Kurzem noch, bis ein Virus sich über unsere Welt ausgebreitete und seither immer mehr Spaltung – verursacht … oder sichtbar macht???
„Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Es gibt im Buddhismus 13 Darstellungen des Buddha. Einer dieser 13 ist ein Buddha mit einem Schwert: der „Manjushri“. Es ist der Buddha der Weisheit, der Erkenntnis der Wahrheit. Das Schwert symbolisiert die Durchtrennung des Schleiers der Ignoranz, des Nichtwissens. Das Schwert steht in diesem religiösen Kontext also für die Erkenntnis der Wahrheit. Und ich glaube, dieses Bild kann uns auch helfen, die Botschaft Christi etwas besser zu verstehen: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern die Wahrheit“ … dieser Satz klingt schon ein wenig mehr nach Jesus. Und dass Wahrheit und Frieden sich unter Umständen ausschließen, das kennen wir aus unserem alltäglichen Leben ebenso wie aus der Weltgeschichte.
Es gibt Wahrheiten, die sollen um nichts in der Welt ans Licht gebracht werden. Unser Leben ist voll davon. Die verborgenen Wahrheiten, die wir hüten wie einen Augapfel und die wir verteidigen wie eine Löwin. Und für deren Geheimhaltung wir bereit sind, einen Krieg vom Zaun zu brechen.
Das sind nicht selten Wahrheiten, denen wir selbst gar nicht so genau ins Gesicht schauen wollen. Wahrheiten, die so schmerzlich sind, dass wir sie vor uns selbst verbergen. Und wehe, es kratzt versehentlich jemand an der Hülle dieser Wahrheiten. Dann schlagen wir um uns und verteidigen unsere Lügen bis aufs Blut. Nein, diese Wahrheit, die darf nicht ans Licht. Weil ich sie selbst nicht sehen will.

„Denkt nicht, ich sei gekommen, den Frieden zu bringen. Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert der Wahrheit.“

Mit dem Corona-Virus fegt nun ein Schwert der Wahrheit durch unsere Welt, wie wir es lange nicht erlebt haben. Corona legt alles lahm, was uns bislang lieb und teuer war. Und zurecht sind wir verzweifelt. Es scheint gar, als würde das Virus gerade da den größten Schaden anrichten, wo die Welt doch eigentlich am friedlichsten ist: Plötzlich sind religiöse Gemeinden Orte des Grauens, die liebsten Menschen bringen uns Krankheit und Verderben in die Familienfeier, Hochzeiten werden zu Infektionsherden, Beerdigungen zur Gefahr, Chöre dürfen nicht mehr singen, weil Singen die Gesundheit gefährdet. Die eigene und die der anderen. Was für ein grausames Eingreifen in unser Leben.
Und wie grausam, gerade so ein Geschehen mit göttlichem Wirken in Verbindung zu bringen? Darf man so überhaupt denken?! Nun, seit Corona unser Leben auf den Kopf stellt, geht mir das Jesus-Wort von dem Schwert nicht mehr aus dem Kopf. Denn ich beobachte, wie durch Corona allenthalben Wahrheiten ans Licht geraten, die auf keine andere Weise je sichtbar geworden wären.
Ich beobachte, dass Corona uns in allen Lebensbereichen zwingt, innezuhalten und nicht mehr einfach weiterzumachen wie bisher. Es steht einfach alles auf dem Prüfstand. Und das ist gut so. Denn beileibe war nicht mehr alles gut, auch dort nicht, wo angeblich die „guten Menschen“ zusammenkommen.

Corona zwingt jeden einzelnen von uns zu jedem Zeitpunkt am Tag, Farbe zu bekennen. Mehr als jeder besuchte Gottesdienst, mehr als jedes soziale Engagement, mehr als jedes fromm gesprochene Gebet … mehr als alles, was wir bislang glaubten, an „Gutem“ zu tun, sind wir nun gefragt: Bin ich bereit, um des Lebens eines unbekannten Menschen Willen, auf ein Stück meiner eigenen Freiheit zu verzichten? Bin ich bereit, Gutes zu tun, das ich mir nicht selbst ausgesucht habe? Und auch nicht nur mittwochnachmittags von 15-18 Uhr im Ehrenamt. Oder sonntagmorgens im Gottesdienst. Sondern zu jeder Stunde des Tages, an jedem Tag der Woche – auf unbestimmte Zeit, garantiert nicht nur bis übermorgen? Das ist eine wirkliche Zumutung. Es ist die Zumutung des Schwertes, das Jesus in der Hand hält. Die Zumutung Jesu, der fragt: Bist du wirklich bereit zur Nachfolge? Denn Nächstenliebe heißt nicht nur, sich ein wohliges Ehrenamt auszusuchen, für das man einmal im Jahr auch noch geehrt wird und dessen Auslagen man von der Steuer absetzen kann. Nächstenliebe heißt nicht nur, jeden Sonntag für die Bedürftigen zu beten und zu spenden.

In diesen Tagen steht Jesus nicht mit Broten und Fischen vor uns, sondern mit dem Schwert der Wahrheit. Und er fragt jeden einzelnen: Bist du bereit zu verzichten? Ohne, dass dir einer dafür dankt? Ohne zu wissen, ob gerade du ein Leben damit rettest oder nicht?
Er steht auch vor denen, die vielleicht gern verzichten würden, aber nicht können, da wir auf ihre Arbeit angewiesen sind. Und er fragt sie: Bist du bereit, dein Leben zu gefährden, um andere Leben zu retten. Oder auch nur, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten?

Jesus steht vor unseren Kirchen und fragt: Seid ihr bereit, für das wirklich Wesentliche: für das Leben! auf eure Riten zu verzichten? Auf die schönen Lieder, die so wunderbar erbauen? Auf die Eucharistie, die euch Kraft und Hoffnung gibt? Auf alles, was euch Heilig ist – was aber in Gottes Augen nicht das Allerheiligste ist? Denn das Heiligste, das sind die Ängste derer, die eine Erkrankung nicht überleben würden. Das Heiligste sind die Bitten der Schwachen (und diese Schwachen können ganz andere sein, als wir denken), auf ihre Schwachheit Rücksicht zu nehmen und sie zu schützen.

Und an dieser Stelle dürfen wir sogar zurückkommen zum Guten Hirten – und erkennen, dass auch diese so gerne kindgerecht und kitschig dargestellte Parabel eine ganz schöne Zumutung enthält. Bist du bereit, für das eine kleine Schaf die 99 anderen zu verlassen?
Sind wir als Gesellschaft bereit, für den Schutz weniger, die wirklich keine Überlebenschance haben, den Komfort der restlichen 99 Prozent einzuschränken? Jesus lässt an der Antwort auf diese Frage keinen Zweifel. Er macht sich auf den Weg, das eine Schaft zu suchen, um es vor dem sicheren Tod durch den Wolf zu schützen.

Corona ist ein Schwert der Wahrheit. Es bringt ans Licht, wie ernst wir es wirklich meinen mit der Nachfolge. Mit der Nächstenliebe. Mit der Liebe. Das Schwert der Wahrheit zertrennt den Schleier der Ignoranz und bringt alles ans Licht. Nun wird sichtbar, was sich hinter schönen und liebevollen Worten an Wahrheit verbirgt. Was sich hinter Solidaritätsbekundungen und Sozialstaatlichkeit verbirgt. Was sich hinter Eheversprechen für gute wie für schlechte Tage verbirgt. Was sich hinter Glaubensbekenntnissen und Lobpreis verbirgt.

In der christlichen Ikonographie steht das Schwert übrigens für das Martyrium. Vielen kommen die zahlreichen Einschränkungen im Alltag tatsächlich wie ein Martyrium vor und sie wehren sich mit Händen und Füßen und manche gar mit schlimmen Verschwörungstheorien dagegen. In der Frühzeit des Christentums war das Martyrium die höchste „Auszeichnung“ für einen Christen / eine Christin.

Es ist ganz einfach. Es ist ganz schlicht. Und doch so hart. Und auch das gehört zur Wahrheit. Und gerade wir Christen müssten es am besten wissen, dass das mit der Liebe nicht so einfach ist. Immerhin verehren wir einen Gott, der aufgrund seiner unverbesserlichen Liebe als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde. Von ganz normalen Menschen. Die Liebe ist eine Zumutung. Diese Wahrheit bringt Corona ans Licht. Eine Zeit der Entscheidung. Echter Entscheidung. Tag für Tag.

Amen.

Martina Jung

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