Man muss sich mit den Vorwürfen von Kardinal Pell auseinandersetzenSynodalität darf kein Selbstzweck sein

Wenzel Widenka, Volontär
© Florian Nütten

Kardinal George Pell konnte seinen nahen Tod nicht geahnt haben, als er einen Aufsatz verfasste, der nun posthum im englischen „Spectator“ veröffentlicht wurde. Dies hat den jede Zurückhaltung aufgebenden Furor des Textes nicht gebremst. Der Kardinal arbeitet sich vor allem am Synodalen Prozess und dem Vorbereitungsdokument für die Kontinentalversammlungen ab. Sofort nach Erscheinen der Pell’schen Philippika wurde Stimmen laut, hier ignoriere klerikale Arroganz das authentische Glaubenszeugnis des Gottesvolkes; hier werde die Synodalität, liebstes Kind gerade auch der deutschen Kirche, in ihren Grundanliegen fundamental verworfen. Doch wenn man die nur noch aus der Zeitgeschichte zu verstehenden, heute seltsam fremden Vorwürfe des Textes wie „Neomarxismus“ und „New Age“ einmal beiseiteschiebt, lohnt es sich durchaus, den Text aufmerksam zu sezieren.

Denn Pells Adressat ist überhaupt nicht das „authentische“ Gottesvolk. Er ist sich wohl bewusst, dass die Stimmen der Katholikinnen und Katholiken weltweit, die in dem Dokument „Mach den Raum deines Zeltes weit“ gesammelt wurden, nichts anderes als vielstimmig, widersprüchlich und natürlich nicht immer auf der Linie Roms sein können. Deshalb beschreibt er das Dokument auch richtig als „Arbeitsdokument“, woran man jetzt auch zu arbeiten habe: „There is work to be done!“

Pells eigentlicher Adressat hingegen ist Papst Franziskus als letztgültiger Entscheider des Prozesses. Denn Kardinal Pell warnt, vergleichbar wie auch deutsche Kritiker des Synodalen Weges, vor einer fundamentalen Selbsttäuschung des so vielstimmigen Gottesvolkes. Am Ende entscheide der Bischof von Rom allein über die Annahme der Ansichten des Organisations-Komitees; kein Laie und kein Bischof sei zur Abstimmung bevollmächtigt. Dieser Letztentscheider weigert sich aber, klare Positionen zu vertreten und erstmal zu definieren, was „Synodalität“ überhaupt bedeutet. Hier deutet sich ein grundsätzliches Problem an, das nicht nur Papst Franziskus betrifft. Man kann nicht gleichzeitig um das „goldene Kalb“ Synodalität tanzen und auf Nachfrage, was diese überhaupt beinhalte, antworten, man müsse selbige erst lernen.

Synodalität darf kein Selbstzweck und Schlagwort sein, sie braucht Form und Inhalt. Das erfordert Unterscheidung und schmerzliche Prozesse, keine Harmonie. „Ein Christ urteilt nicht hart und spaltet nicht,“ ermahnte der Papst angesichts der Querelen um das Gänswein-Buch. Doch wenn die Weltsynode ein Erfolg und keine Enttäuschung sein soll, lässt sich das Schwert der Unterscheidung nicht vermeiden. Alle Beteiligten haben ein Recht darauf, zu wissen, worauf sie sich einlassen. Kardinal Pell mag einen hysterischen, heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbaren Ton angeschlagen haben. In der Sache jedoch sollte man seinen Einwurf nicht leichtfertig auf den Haufen mit polemischen Wortmeldungen von rechts werfen, sondern sich mit den Verwürfen auseinandersetzen.

 

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