Mick Jagger zum AchtzigstenSympathy for the devil

Mick Jagger wird 80. Die Kirchen sollten Gott für den Rock’n‘Roll dankbar sein. Rückblick auf fast ein Jahrhundert großartiger Musik.

Wenzel Widenka
© Florian Nütten

Robinsonville, irgendwo in den USA, Anfang der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. An einer menschenleeren Kreuzung trifft der Bluesmusiker Robert Johnson nachts den Teufel. Und verkauft ihm seine Seele. Dafür lehrt ihn der Satan das Gitarrenspiel. Wie niemandem zuvor. Der „Vater des Deltablues“ gibt dem 20. Jahrhundert seinen wichtigsten musikalischen Dreh. Dreißig Jahre später, 1961, begegnen sich auf einem Londoner Bahnhof die 18-jährigen Mick Jagger und Keith Richards. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und der größten Rock’n’Roll-Band aller Zeiten. Sieben Jahre später erscheint „Sympathy for the devil“.

Die Kirchen haben Rock’n’Roll nie völlig verstanden. Aber immer heimlich geliebt.

In eben jenem Jahr 1961, als mit der Begegnung von Jagger und Richards die Geschichte der Rolling Stones begann, fand in der Evangelischen Akademie Tutzing ein Wettbewerb in der Kategorie „Neues Geistliches Lied“ statt, den ein gewisser Martin Schneider gewann. Sein Siegerlied trug den Titel „Danke für diesen guten Morgen“ und wurde ein unerwarteter Erfolg. Natürlich ist dieser Zusammenfall der Ereignisse nur aus der Rückschau erkennbar, aber er ist doch symptomatisch. Dass den Songschreibern im alten Europa zur Aufgabe „Lieder nach Melodien des Jazz und der U-Musik“ nur hochbiedere Sing- und Klatschmelodien einfielen, während jenseits des Atlantiks aus Jazz und Blues der „gemeingefährliche“ Rock’n’Roll hervorging, war einfach eine verpasste Chance. Für tausende Jugendliche wurde Rock’n’Roll und der damit einhergehende Lebensstil zu einer Ersatzkirche, inklusive Messen (Konzerte), Heilige (Rockstars) und Erlösungsversprechen (Sex, Drugs and Rock’n‘Roll). Die Kirche hatte demgegenüber keine barocke Prachtmesse mehr zu bieten, sondern harmlose Wandergitarren. Und noch nicht einmal ein ordentliches Feindbild. Was Reibung hätte verursachen können – wie der „Chefexorzist des Vatikan“, Pater Gabriele Amorth, der den Stones „satanische Botschaften“ andichtete –, wurde peinlich berührt unter den Teppich gekehrt. Man erging sich lieber im Moralischen, während die evangelikalen Kirchen der USA einfach den Rock adaptierten, mit Lobpreistexten ausstatteten und eine gesamte Subkultur christlicher Rockmusik gründeten.

Es sind ausgerechnet die Weltjugendtage und Massenevents, quasi das Woodstock der Kirche, die es seit den Achtzigern dennoch geschafft haben, Rock und Kirche zusammenzubringen. Denn was ist ein WJT, wie er gerade in Lissabon ansteht, anderes als ein Rockfestival? Campen, gemeinsam feiern, unbekannte Erlebnisse und natürlich: Musik. Auf den Kirchentagen wurden schon christliche Death-Metal-Bands gesehen. Und manch ein Bischof gibt als Lieblingssong „Sympathy for the devil“ an. Robert Johnsons Seelen-Verkaufs-Story hat ihm vor allem eine einträgliche Legende verschafft.

Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts lässt viel eher auf eine göttliche Intervention als auf satanische Umtriebe schließen. Deshalb: Danke, Mr. Jagger, für mehr ein halbes Jahrhundert tolle Musik – und alles Gute zum Achtzigsten!

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