OrthodoxieFinnlands orthodoxe Kirche in der demografischen Krise

Die Finnische Orthodoxe Kirche ist in der finnischen Verfassung als Volkskirche verankert. Und das obwohl ihr gerade nur einmal 1,1 Prozent der Bevölkerung des Landes angehören. Nicht nur damit stellt die FOK eine Besonderheit unter den orthodoxen Landeskirchen dar.

 Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Helsinki
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Die Finnische Orthodoxe Kirche (FOK/finn. Suomen ortodoksinen kirkko) stellt unter den orthodoxen Landeskirchen in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar. So ist sie neben der Evangelisch-Lutherischen Kirche eine der beiden in der finnischen Verfassung verankerten Volkskirchen des Landes - und dies trotz ihrer Kleinheit. Denn obwohl das orthodoxe Christentum in Ostfinnland seit Jahrhunderten verwurzelt ist, umfasst die Orthodoxe Kirche mit etwa 60.000 Mitgliedern nur einen Anteil von circa 1,1 Prozent der Bevölkerung. Andererseits hat die finnische Orthodoxie den Status der Autonomie im Patriarchat von Konstantinopel und ist die einzige orthodoxe Kirche, die vollständig - also auch bei der Berechnung des Osterdatums - dem Gregorianischen Kalender folgt.

Manche ihrer Charakteristika und auch ihre heutige Position sind aus der Geschichte erklärbar: Das Christentum erreichte Finnland im Mittelalter nämlich zugleich von Westen und Osten. Südwestfinnland wurde von Schweden aus missioniert, in Karelien und Ostfinnland setzte sich aus dem russischen Novgorod kommend spätestens um das Jahr 1200 der orthodoxe Glaube durch. Vor allem die Gründung des Klosters Valaam (Valamo) auf einer Insel des Ladogasees im 14. Jahrhundert förderte die Ausbreitung des orthodoxen Christentums in der Region. Im 15. Jahrhundert hatte die orthodoxe Kirche mit der Gründung des Klosters Pečenga (Petsamo) bereits die Eismeerküste erreicht. Die westlichen Teile Kareliens kamen allerdings im 16. und 17. Jahrhundert unter schwedische und damit lutherische Herrschaft. Die orthodoxe Bevölkerung war dort bald Repressalien ausgesetzt; viele konvertierten zum lutherischen Glauben, andere wanderten nach Ostkarelien und die Gegend von Tver aus, also in russische Gebiete. Dennoch hat sich bis heute eine orthodoxe Minderheit auch in Karelien halten können. Ilomantsi ist so nicht nur die östlichste Gemeinde des Landes, sondern hat mit 17,4 Prozent auch den höchsten orthodoxen Bevölkerungsanteil Finnlands.

Als Finnland 1809 zu einem halbautonomen Großfürstentum unter Angliederung an das russische Kaiserreich wurde, dessen Kaiser in Personalunion auch den Großfürstentitel führten, förderten bald die russischen Herrscher die orthodoxe Kirche in Finnland massiv - sicher nicht allein aus religiösem Eifer, sondern auch, um die Orthodoxie als einheitsstiftendes Element des Reiches zu stärken. Zu dieser Zeit entstanden zahlreiche, teils prächtige orthodoxe Kirchenbauten, etwa 1869 die Gottesmutter-Entschlafen(Uspenskij)-Kathedrale in Helsinki, das größte orthodoxe Sakralgebäude in der westlichen Welt, die weithin auch das Stadtbild der finnischen Hauptstadt dominiert. Während der russischen Oberherrschaft bildeten sich mit den Zuzug russischer Beamter und Militärs auch orthodoxe Gemeinden in anderen Großstädten, deren Nachkommen, die sogenannten "alten Russen", heute noch rund 3000 Köpfe zählen. Anfangs unterstanden damals die Orthodoxen Finnlands dem Metropoliten von Sankt Petersburg, doch 1892 wurde ein eigenes Bistum Finnland der Russischen Orthodoxen Kirche gegründet, wobei allerdings immer wieder innerhalb dieses Bistums Spannungen zwischen finnischen beziehungsweise karelischen und russischen Gläubigen aufbrachen, etwa im Hinblick auf die Liturgiesprache (Finnisch oder Kirchenslawisch).

Nach der finnischen Unabhängigkeit im Jahr 1917, die auch mit antirussischen Emotionen verbunden war, wurde die Orthodoxe Kirche Finnlands 1921 von der russischen gelöst und zu einer autonomen Kirche unter dem Patriarchat von Konstantinopel. Nachdem der spätere Patriarch von Moskau Sergij Stragorodskij (1901-17) und dann Serafim Lukianov (1921-23) die letzten Russen gewesen waren, die der Orthodoxie in Finnland vorstanden, waren es von da an alles Finnen: Herman Aav (1925-60), Paavali Olmari (1960-87), Ioan Rinne (1987-2001) und seither Leo Makkonen. Im Rahmen einer "Entrussifizierung" in Bezug auf die Gottesdienstsprache und manche liturgischen Praktiken stellte die FOK dann auch ihren Kalender komplett auf den Gregorianischen um. Als Finnland nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg große Teile Kareliens an die Sowjetunion abtreten musste, wurden zehntausende orthodoxe Karelier umgesiedelt und über ganz Finnland verstreut. Auch die damals noch fast ausschließlich russischen Mönche des Inselklosters Valaam flohen vor dem sowjetischen Vormarsch nach Westen und gründeten in Heinävesi das Kloster Uusi Valamo ("Neues Valaam"). Eine weitere orthodoxe Gruppe, die 1945 ins finnische Kernland floh, sind die rund 400 Skoltsamen in der Gemeinde Inari.

Noch ein Merkmal der finnischen Orthodoxie ist, dass an der Kirchenregierung sowohl Pfarrer als auch Laien teilnehmen. Ihr oberstes ausführendes Organ ist die Kirchenversammlung der Orthodoxen Kirche in Finnland. Seit 1935 darf die FOK ebenso wie die evangelisch-lutherische auch Kirchensteuern erheben. Die Kirche ist in drei Bistümer aufgeteilt. Die heutigen Bischöfe sind der 1948 in Ostfinnland geborene Erzbischof Leo von Helsinki und ganz Finnland, Metropolit Arseni Heikkinen von Kuopio und Karelien und Metropolit Elia Wallgren von Oulu (Matti). Die Bistümer teilen sich 21 Kirchengemeinden: acht im Bistum Helsinki, neun in Karelien und lediglich vier in Oulu. Die Zahl der orthodoxen Gotteshäuser in Finnland ist dabei deutlich größer als die der Gemeinden, die zumeist mehrere Gotteshäuser betreuen, und beträgt circa 140. Etwa ebenso viele Priester und rund 40 Kantoren feiern ständig Gottesdienste in finnischer Sprache, andere Sprachen, wie Schwedisch, Englisch, Griechisch oder Kirchenslawisch, werden selten und nur bei Bedarf verwendet. Die Kirche verfügt auch über zwei Klöster, "Uusi-Valamo" und das Nonnenkloster Lintula, beide in der Gemeinde Heinävesi. Von 1918 bis 1988 wurde der Klerus in eigenen Einrichtungen ausgebildet - zuerst in Sortavala, dann in Helsinki und zuletzt in Kuopio. Das Priesterseminar zu Kuopio wurde 1988 geschlossen und das Studium an die Universität Ostfinnland verlagert.

Zum Jahresbeginn hat die FOK auf ihrer Webseite eine Bevölkerungsstatistik für das Jahr 2022 und deren Interpretation veröffentlicht, womit sie zugleich einige Gegenwartsprobleme der Kirche aufzeigt. Die Gesamtzahl der Mitglieder umfasst auch die nur im Zentralarchiv registrierten Personen (209) und die abwesenden Mitglieder (2705). Doch zeigt sich klar: Die FOK hat in diesem Jahr mehr Mitglieder verloren als je zuvor. Es gab 1178 Austritte, was zwei Prozent der Kirchenmitglieder entspricht. Die meisten Austritte gab es in den großen städtischen Gemeinden. Zu den Gründen zählt die FOK die allgemeine mangelnde Bereitschaft, sich an kirchliche Institutionen zu binden. Ein Kirchenaustritt sei jedoch "nicht immer gleichbedeutend mit einer Abkehr von der Orthodoxie". Auch meinten nicht alle, die sich für die Orthodoxie interessieren, dass sie eine formal definierte Kirchenmitgliedschaft bräuchten. "Darüber müssen wir als Kirche viel nachdenken", kommentierte Erzbischof Leo.

Trotz der rückläufigen Zahl der registrierten Mitglieder nimmt laut der Veröffentlichung die Gesamtzahl der orthodoxen Christen in Finnland aufgrund von Zuwanderung immer noch deutlich zu. Nach Schätzungen reiche die Zahl der im Land lebenden orthodoxen Christen bis zum Doppelten der offiziellen Mitgliederzahl - und mit der Ankunft der Kriegsflüchtlinge 2022 sei sie noch eindeutig angestiegen. Die Frage ist allerdings, inwieweit sich diese meist slawischen Zuwanderer aus der Ukraine, Belarus, Russland und anderen Gebieten der ehemaligen UdSSR überhaupt in finnischsprachige Gemeinden integrieren wollen. Zudem ist die in Finnland verwendete Definition der Kirchenmitgliedschaft den orthodoxen Einwanderern oft völlig fremd, erläutert die Publikation: "Oft wird die Mitgliedschaft nur im Zusammenhang mit einem Gottesdienst erwähnt, etwa bei einer Taufe oder der Beerdigung eines Familienmitglieds."

Ein Drittel aller Austritte wird zwischen November und Dezember in das Zentralregister der Kirche eingetragen - fast 200 davon in den allerletzten Tagen des Jahres. Dies deutet darauf hin, dass sich zumindest einige zum Kirchenaustritt entschlossen haben, um die Zahlung der Kirchensteuer für das Folgejahr zu vermeiden, zumal die Lebenshaltungskosten auch in Finnland stark gestiegen sind; und für einige mag die Entscheidung, die Kirche zu verlassen, nicht leicht gewesen sein, vermutet die FOK. Der Erzbischof hat eine klare Botschaft für jene, die aus finanzieller Not ausgetreten sind: "Haben Sie den Mut, sich an Ihre eigene Gemeinde zu wenden und ihr ohne Angst vor einer Rüge mitzuteilen, dass Sie zur Kirche zurückkehren wollen."

Es gibt noch andere als finanzielle Gründe für den Mitgliederschwund. Betrachtet man nämlich die Zahl der Austritte nach Monaten, so zeigt sich ein deutlicher Anstieg im März. Dies lässt sich möglicherweise mit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine am 24. Februar und den unmittelbar danach von der Kirche veröffentlichten Erklärungen zu dessen Verurteilung erklären. Bei einigen mögen alte antirussische Gefühle eine Rolle gespielt haben, indem in ihren Augen die Orthodoxie doch stark mit Russland verbunden ist, bei anderen das genaue Gegenteil, dass nämlich die Haltung der FOK als Verrat an der spirituellen Heimat Russland gesehen wurde.

Hinzu kommen demografische Entwicklungen: Die Hälfte des Rückgangs der Mitgliederzahlen ist nämlich auf die gesunkene Zahl der Taufen und die zunehmende der Beerdigungen zurückzuführen. Zwar traten im Laufe des Jahres 749 Personen in die Kirche ein; die Zahl der Kircheneintritte zeigt sogar seit 2020 einen leichten Aufwärtstrend, hat aber noch nicht die Werte der Spitzenjahre erreicht. Die Zahl der Taufen ist dagegen eindeutig rückläufig. 2022 wurden laut Registerdaten nur 221 Taufen gespendet. Taufen werden in Finnland gemäß der Verordnung über die Führung der Melderegister als Kirchenzugehörigkeit erfasst. Zugleich wurden 801 Menschen an ihren Gräbern gesegnet - deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

In den Kirchengemeinden wurde zudem festgestellt, dass ein erheblicher Teil der Kinder, die in orthodoxe Familien hineingeboren werden, nicht mehr getauft wird. Auch wird zunehmend beobachtet, dass viele orthodoxe Flüchtlinge ihren Glauben und ihre Identität aufgeben im Wunsch, sich besser an ihre neue Umgebung anzupassen: "Vor allem Kinder aus orthodoxen Familien wurden so in der evangelisch-lutherischen Kirche in der Hoffnung getauft, dass dies ihnen den Weg ins Leben ebnen würde. Doch gibt es gelegentlich auch eine entgegengesetzte Tendenz, die Erzbischof Leo so charakterisiert: "Wir freuen uns, dass viele, die ihre orthodoxen Wurzeln zum Beispiel durch Ahnenforschung entdeckt haben, in den letzten Jahrzehnten der Kirche beigetreten sind". Er fügte hinzu, "dass der Beitritt zur Kirche keine vorherige Verbindung zur Orthodoxie voraussetzt, sondern dass die Türen unserer Kirche für alle offen sind".

Bei der Gesamtentwicklung zeigen sich markante Unterschiede zwischen einzelnen Diözesen und Pfarreien. In Nordfinnland hatte die Kirche nach der Gemeindereform zu Jahresbeginn zehn Gemeinden. Die Mitgliederzahl ging in allen zurück, außer in Tampere. Die Gründe sind unterschiedlich. Am schwierigsten ist die Situation in der Diözese Kuopio und Karelien, die 2,6 Prozent ihrer Mitglieder verloren hat. Sie ist besonders von allen Faktoren betroffen, die generell zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen führen: hohe Sterblichkeit, Wanderungsverluste und, besonders in den größten Pfarreien, vermehrte Austritte. Am Ende des Jahres hatten die Pfarreien der Diözese nur noch 18.287 Mitglieder. In der Diözese Helsinki ging die Zahl um 1,5 Prozent zurück.

Die Gemeinde Helsinki verlor die meisten Mitglieder (mehr als 500). Hier mag auch die Großstadtsituation eine Rolle spielen. Andererseits verzeichnete sie auch 333 neue Kirchenmitgliedschaften. Zur Gemeinde in der finnischen Hauptstadt zählen fast 40 Prozent der Mitglieder des Bistums von 29.175. Die kleinste Diözese, nämlich Oulu, hatte am Ende des Jahres nur noch 8.891 Mitglieder, verlor jedoch nur 1 Prozent ihrer Mitglieder (97 Personen). Die Auswirkungen der Austritte wurden dort durch die hohe Zahl neuer Mitglieder und durch Wanderungsgewinne abgeschwächt.

Die Mitgliederzahl der Klöster hat sich 2022 nicht verändert. Sowohl die Schwesternschaft des Klosters Lintula als auch die Bruderschaft des Klosters Valamo zählten am Ende des Jahres je 7 Mitglieder. Es gibt zudem noch einige Mönche und Nonnen, die in ihrer Heimatpfarrei leben, bis sie einer Schwesternschaft oder Bruderschaft beitreten.

Von Nikolaj Thon
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