30 Jahre RenovabisOsteuropäische Ängste vor postchristlichen Verhältnissen

Beim Festakt "30 Jahre Renovabis" plädierte Altbundespräsident Joachim Gauck dafür, im Westen den Blick der Osteuropäer stärker wahrzunehmen. Danach wurde diskutiert, warum auf den Aufbruch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmend Ernüchterung folgte.

Landkarte von Europa
© Unsplash

Die Euphorie in Europa war groß, als 1989 die Mauer in Deutschland fiel und mit ihr der kommunistische Ostblock implodierte. Zu verdanken war dies nicht nur den Menschen, die auf den Straßen mutig für ihre Freiheit eintraten, sondern auch der Reformpolitik des letzten Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow.

Nach Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung und Überwachung hofften auch die Kirchen, endlich wieder frei agieren zu können. Hilfe, um Strukturen und Gebäude aufzubauen, kam aus Deutschland. Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken gründeten im März 1993 das Osteuropahilfswerk Renovabis. Der Name aus dem Psalm 104 war bewusst gewählt, heißt es dort doch: "Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde."

Erneuert wurde seither viel: Das Hilfswerk unterstützte in 29 Ländern knapp 26.000 Projekte mit mehr als 842 Millionen Euro. 2022 – als im Februar der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine begann – erzielte das Hilfswerk das beste Spendenergebnis seiner Geschichte. Einschließlich Kollekten sowie Erbschaften nahm es 14,9 Millionen Euro ein.

Das 30-jährige Bestehen wurde Anfang September in München groß gefeiert. Als Festredner kam Altbundespräsident Joachim Gauck, selbst ein Kind des Ostens. Als evangelischer Theologe ist er bekannt für deutliche Worte. So räumte er ein, dass die deutsche Politik mit ihrer Sicht auf Russland Fehler gemacht habe. Gerade deshalb gelte es jetzt jene zu unterstützen, die wie die Ukrainer bereit seien, ihre Freiheit zu verteidigen.

Ein Blick auf Osteuropa zeigt indes, dass dem einstigen Aufbruch Ernüchterung gefolgt ist. Demokratie und Freiheit, die von den Menschen ersehnt wurden, stehen unter Druck. Warum sich diese zunehmend davon verabschiedeten, fragt sich auch Irina Shcherbakova. Die russische Menschenrechtsaktivistin und Mitbegründerin der 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten, inzwischen verbotenen Organisation Memorial erinnerte in einer Diskussionsrunde daran, dass sie und ihre Leute schon früh vor Wladimir Putin gewarnt hätten. Als dieser an die Macht gekommen sei, "haben wir buchstäblich geschrien".

Die Rufe verhallten im Westen ungehört. Selbstkritik ist deshalb angebracht. CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte, sie wolle nicht zu jenen Kollegen gehören, die, sobald sie nicht mehr im Amt seien, so täten, als hätten sie schon immer gewusst, was falsch gelaufen sei. Spätestens 2014, als Putin die Krim besetzte, hätten einem aber Zweifel kommen müssen, dass dieser wohl nicht der "lupenreine Demokrat" sei, als den ihn manche hingestellt hätten.

Aber da sei das Bild eines russischen Präsidenten als Freund der Deutschen gewesen, der 2001 in Deutsch eine Rede im Bundestag gehalten habe, sagte Kramp-Karrenbauer. So etwas lasse sich nicht leicht aus den Köpfen verdrängen. Die Saarländerin, von 2019 bis 2021 Bundesverteidigungsministerin, erinnerte sich noch gut, wie sie mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD) über den Haushalt der Bundeswehr stritt. Damals habe es auch in der breiten Öffentlichkeit keine große Unterstützung gegeben, 100 Milliarden Euro für das Militär auszugeben – "weil man nicht das Gefühl der Bedrohung hatte".

Frieden sei das eine. Aber man müsse auch bereit sein, ihn zu erkämpfen, betonte die CDU-Politikerin. Sie hoffe sehr, dass dieses Denken sich nicht nur bei politischen Verantwortungsträgern durchsetze, sondern auch in der Bevölkerung.

Und welche Rolle spielten die Kirchen in Europa? Der Münchner Kardinal Reinhard Marx stand von 2012 bis 2018 der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) vor. Er räumte ein, dass dort politische Fragen nicht so intensiv diskutiert worden seien, wie es nötig gewesen wäre. Die Kirchen der östlichen EU-Mitgliedsstaaten seien mitnichten mit fliegenden Fahnen auf die westliche Moderne zugelaufen, sagte der Kardinal und fügte hinzu: "Ohne Johannes Paul II. wäre die Begeisterung in der Polnischen Bischofskonferenz für Europa schwierig gewesen." Und als Putin 2007 seine Brandrede auf der Münchner Sicherheitskonferenz gehalten habe, hätte jedem klar sein müssen, das dieser kein Mann für Kompromisse sei.

Womöglich habe der Westen die Friedensschalmeien so laut angestimmt, weil "wir nicht sehen wollten: Da gibt es ein paar Leute, die meinen es ernst mit dem Krieg", gab der Kardinal zu bedenken. Einen erneuten Krieg in Europa habe sich niemand wirklich vorstellen können. Auch die Kirchen müssten sich fragen: "Stehen wir zur offenen Gesellschaft? Wollen wir die verantwortliche Freiheit? Wollen wir die Demokratie? Unterstützen wir mit Herzblut die Menschenrechte?" Kritik übte Marx an der russisch-orthodoxen Kirche, die Putins Kurs mittrage. Damit werde das Bild des Christentums beschädigt. Die Kirchen müssten aber ökumenisch zusammenstehen und klar machen, dass sie auf der Seite der Freiheit stünden.

Nach dem Fall des kommunistischen Systems hätte die russisch-orthodoxe Kirche eine große Chance gehabt, sich neu zu entwickeln, ergänzte Shcherbakova. Doch sie habe sich erneut hinter den Staat gestellt. Die Menschen hätten sehr wohl gesehen, dass ihnen Unrecht widerfahren sei. Dafür wollten sie aber nicht den Staat verantwortlich machen. Denn letztlich habe dieser immer für sie gesorgt.

Osteuropa ist von der Mentalität, von der Politik und von den Kirchen her kein Monolith. Jemand, der gleich mit mehreren Wirklichkeiten konfrontiert wird, ist Klara-Antonia Csiszar. Als ehemals in Rumänien geborene Ungarin hat sie seit 2019 eine Professur für Pastoraltheologie im österreichischen Linz inne. In Ungarn werde immer noch um die Freiheit gekämpft, erinnerte sie. Ministerpräsident Viktor Orban schmiede bereits neue Allianzen, weil seiner Ansicht nach die freiheitlich-pluralistische Demokratie nichts für sein Land sei.

Es helfe nichts, wenn sie den Menschen ihre westliche Vorstellung erkläre, so Csiszar. "Ich möchte die Ängste hinter diesen reaktionären Haltungen erkennen, vor allem auch im kirchlichen Bereich." In Osteuropa gebe es die Angst, dass Kirchen leer würden, wenn man die gleiche Richtung einschlüge wie Deutschland mit dem Reformprojekt Synodaler Weg.

Die Nachfrage, ob denn die Kirchen in den östlichen Ländern voller seien, verneinte die Theologin. Aber es sei immer einfacher, eigene Fehler nicht zu sehen und sich zu sorgen, dass es noch schlimmer kommen könne, versuchte sie die Haltung zu erklären.

"Wir wollen nicht in einer postchristlichen Gesellschaft ankommen", fasste die Theologin die in Osteuropa vorherrschende Stimmung zusammen. Man habe Probleme damit, dass Menschen selbst über ihre Lebensentwürfe entschieden. Csiszar, die bei der Weltsynode im Vatikan dabei sein wird, rät einander zuzuhören. "Damit sollten wir beginnen." Nur so könnten Vorurteile abgebaut werden.

Zurück zum Ukraine-Krieg. Marx rechnet damit, dass der noch lange dauert. "Er wird unsere Gesellschaft noch viel mehr verändern und herausfordern, als wir das im Augenblick sehen." Darauf müssten sich auch die Kirchen vorbereiten. Ganz Realist hielt er fest, dass die Kirchen nicht auf einer Linie seien, was Demokratie und Freiheit angehe, und auch nicht darin, wenn im Namen des Christentums Homosexuelle weiterhin verurteilt würden.

Es könne unterschiedliche Formen von Demokratie geben, so der Kardinal, aber die Grundprinzipien müssten einheitlich sein: Anerkennung der Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Nichtdiskriminierung von Minderheiten. Interessant ist seinen Worten zufolge, dass sogenannte illiberale Demokratien zuerst auf die Justiz losgehen, dann auf die Medien. Dennoch aber meinten sie, ein freies Land zu haben. Die Kirchen müssten sich hier positionieren: Das Christentum sei ein Instrument der Befreiung und nicht eines der Beruhigung und Erhaltung.

Von Barbara Just.
© KNA. Alle Rechte vorbehalten.

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