Expeditionskitzel und HöhenrauschVom Reiz und Risiko der Grenzüberschreitung

Vor einem Jahr ereignete sich in 3.800 Metern Tiefe ein schweres Unglück: Fünf Männer starben in einem Mini-U-Boot nahe der Titanic. Ob in der Tiefsee oder auf den höchsten Gipfeln: Abenteuerlust und Wissensdurst treiben Menschen immer wieder an ihre Grenzen - und darüber hinaus. Dante warnte einst vor Grenzüberschreitungen. Wird das Signal heute noch verstanden?

Der K2
© Unsplash

I.

Der Mensch will es wissen. Er kommt nicht zur Ruhe, bis er weiß, was hinter der Grenze liegt. Es ist die Neugier, die den Drang zur Grenzüberschreitung weckt. In Dantes Divina Commedia ist Odysseus eine Figur, die sich durch nichts zurückhalten lässt – weder die pietà gegenüber dem betagten Vater Laërtes noch die Sehnsucht nach der schönen Gattin Penelope und auch nicht die Pflichten gegenüber dem Sohn Telemachos zähmen seinen Welterkundungsdrang. Bei ihrer Reise durch die Unterwelt treffen der Jenseitswanderer Dante und sein Begleiter Vergil den griechischen Helden. Der voltenreiche Odysseus erzählt ihnen, dass er und seine Gefährten aufs offene hohe Meer hinausgesegelt sind, bis sie total erschöpft waren. Das wäre der richtige Augenblick gewesen, innezuhalten, umzukehren und die Heimreise anzutreten. Aber sie übergehen den Wendepunkt, weil sie auf ihrer Fahrt soeben die "Säulen des Herkules" erreichen – eine Grenzmarkierung, die nicht überschritten werden darf. Aber der Aufbruch ins Unbekannte, ins Offene lockt. Später wird Dante von Adam im Paradiso erfahren, dass das Wesen der Sünde gerade in der "Überschreitung des Zeichens" – il trapassar il segno (Par. 26,117) – besteht.

II.

Das Verbotene reizt. So stachelt Odysseus in einer kurzen Brandrede seine erschöpften Gefährten an, die Warnung des "Nec plus ultra – Nicht darüber hinaus!" zu ignorieren und weiterzusegeln, um den Erfahrungshorizont zu weiten. Durch seine Beredsamkeit lässt sich die Mannschaft umstimmen und rudert "in tollem Flug" (folle volo – Inf. 26, 125) über die Grenzmarkierung ins Offene hinaus. Mit dem Motiv des Fluges sind Reminiszenzen an Phaeton und Ikarus wachgerufen, die mit ihren hochfliegenden Unternehmungen am Ende abgestürzt und gescheitert sind. Nach fünf Monaten Fahrt im Atlantik sehen Odysseus und seine Gefährten in der Ferne einen gewaltigen Berg, auf dem wohl der Garten Eden liegt, das irdische Paradies, in dem Adam und Eva vor dem Fall in seliger Gottverbundenheit gelebt haben. Doch der Jubel über das unbekannte Land weicht jäh dem Entsetzen, als von dort ein heftiger Wirbelsturm losbricht, der das Schiff erfasst, den Bug nach unten, das Heck nach oben reißt und in den Fluten versinken lässt. Die Wellen schlagen über Odysseus und seinen Gefährten zusammen. Ist dieser Schiffbruch, der mit Einwilligung des ganz Anderen erfolgt, wie es in verdeckter Rede heißt (come altrui piacque – Inf. 26, 141), ist diese Katastrophe als göttliche Strafe für die Hybris des Odysseus zu deuten?

In Filmen und Büchern ist der Untergang der Titanic, der emblematisch für das Scheitern der modernen Technik an der Unberechenbarkeit der Natur steht, nachgezeichnet worden. Die Faszination am Untergang bleibt. 

III.

Szenenwechsel: Am 18. Juni 2023 wird publik, dass ein Mini-U-Boot verschollen ist. Fünf Männer hatten sich aufgemacht, um das Schiffswrack der Titanic anzusteuern. Der große Passagierdampfer, ein Triumph der modernen Schiffstechnik, ist am 15. April 1912 bei seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik untergegangen, nachdem er in einen Eisblock hineingerammt war. 1.514 Personen ertranken im Ozean. In Filmen und Büchern ist der Untergang der Titanic, der emblematisch für das Scheitern der modernen Technik an der Unberechenbarkeit der Natur steht, nachgezeichnet worden. Die Faszination am Untergang bleibt. Das gigantische Schiffswrack liegt in 3.800 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund.

In einem kleinen Tiefsee-Tauchboot namens Titan, das nur 6,9 Meter lang und 2,8 Meter hoch ist, hatten die fünf Abenteurer ihre Expedition zum Meeresgrund vom Mutterschiff Polar Prince aus gestartet. Durch ein Bullauge, das in halbkugelförmige Vorderseite der Titan eingelassen war, wollten sie die Titanic am Meeresgrund beobachten. Doch schon nach einer Stunde und 45 Minuten riss der Funkkontakt ab. Seitdem galten sie als vermisst. Sauerstoff gab es in dem Tauchboot, das von der Firma OceanGate ohne Zertifizierung eingesetzt wurde, nur für 96 Stunden. Kaum auszudenken, was der Aufenthalt in der engen Röhre in einer so dramatischen Notlage für die Insassen bedeutete. "Man muss schon verrückt sein, um das lebensgefährliche Risiko auf sich zu nehmen", äußerte ein bayrischer Unternehmer, der mit OceanGgate die Expedition zur Titanic im Jahr 2021 für 100.000 Dollar unternommen hat.

IV.

22. Juni 2023: Die internationale Such- und Rettungsaktion, an der die kanadische und die US-Küstenwache, das US-Militär, aber auch ein französisches Forschungsschiff mitwirkten, wird definitiv abgebrochen. Tauchroboter haben die Gegend rund um das Wrack der Titanic am Meeresgrund abgescannt. Boote und Flugzeuge haben einen Radius von mehreren Kilometern um die mutmaßliche Unglücksstelle abgesucht, um das propellerbetrieben Tiefsee-Tauchboot zu finden für den Fall, dass es nur knapp unter der Meeresoberfläche dahintreiben sollte, doch dichter Nebel hatte die Sicht erschwert.

Die Titan könnte sich auch in den Wrack-teilen der Titanic verfangen haben – oder sich schlicht wegen Batterieversagens in den Tiefen des Ozeans verloren haben. Zwar meinte man zwischenzeitlich, Klopfzeichen registriert zu haben, aber es war schlicht unmöglich zu orten, woher sie kamen. Das Zeitfenster für die Rettung der Insassen hat sich geschlossen, der Sauerstoff ist aufgebraucht.

V.

Um 18 Uhr desselben Tages meldet die amerikanische Küstenwache, dass 500 Meter vom Wrack der untergegangenen Titanic entfernt Reste des Tiefsee-Tauchbootes gefunden worden sind. Die technische Konstruktion der Titan hat dem Meeresdruck nicht standgehalten. Die große Tragödie von 1912 hat 111 Jahre später eine kleine Tragödie nach sich gezogen. Das Mini-U-Boot Titan, das trotz technischer Mängel auf Tauch-Expedition geschickt und von außen mit großen Schrauben verschlossen wurde, ist für die Insassen zum "eisernen Sarg" geworden, der dem Druck nicht standgehalten hat und implodiert ist.

Schon Papst Franziskus hatte bei seiner ersten Reise nach Lampedusa davor gewarnt, dass die Europäer ihre Empathie verlieren und das Mittelmeer zu einem Friedhof von Migranten werden könne. Zu Recht! 

VI.

Kommentatoren beklagten, dass das tragische Ende der fünf hyperreichen Meeresabenteurer in den Medien mehr Aufmerksamkeit gefunden habe als ein gleichzeitig im Mittelmeer gesunkener Fischkutter, der mit mehreren hundert Migranten völlig überladen war. Die Asymmetrie der medialen Aufmerksamkeit sei zynisch, die Gleichgültigkeit gegenüber den Ertrunkenen im Mittelmeer skandalös. Auch stehe der Aufwand der Such- und Rettungsaktionen für die vermissten Personen der Titan in keinem Verhältnis zu den überschaubaren Maßnahmen für die havarierten Migranten im Mittelmeer.

Schon Papst Franziskus hatte bei seiner ersten Reise nach Lampedusa davor gewarnt, dass die Europäer ihre Empathie verlieren und das Mittelmeer zu einem Friedhof von Migranten werden könne. Zu Recht! Das vitale Interesse am Unglück der Titan zeigt, dass Empathie keine mathematische Größe ist, die proportional zur Höhe der Opferzahlen steigt. Die Einfühlung scheint zu wachsen, wenn noch Aussicht auf Rettung besteht und man in Echtzeit mitfiebern kann. So zumindest ließe sich das gesteigerte Interesse der Leute erklären, auch wenn bei manchen eine Spur Untergangsvoyeurismus mit-geschwungen haben mag.

VII.

Nicht nur in die tiefsten Tiefen des Meeres, auch auf die höchsten Höhen der 8.000er lockt es den Abenteurer Mensch – gerade dann, wenn Gipfel-Expeditionen an die Grenzen der Kräfte gehen und riskant, ja lebensgefährlich sind. So ist nur wenige Wochen nach dem Unglück der Titan von Extrembergsteigern die Rede, die den K2 besteigen. Mit 8.611 Meter ist der K2, der an der Grenze zwischen Pakistan und China liegt, nach dem Mount Everest der zweithöchste Berg der Welt.

Den Menschen drängt es über die Grenze hinaus. Seine Abenteuerlust, sein Wissensdurst – das ist seine Größe, das ist sein Elend.

Einer der Bergsteiger, der für die anderen ein Sicherheitsseil spannt, ist auf der Höhe von 8.200 Metern auf einem Gletscherfeld abgerutscht und liegt nur mehrere Meter unterhalb des Weges. Wiederholt schreit er um Hilfe, doch die anderen gehen an ihm vorbei, als hörten sie nichts. Sie wollen nur eines: den Gipfel erreichen. Hilfeleistung würde die Expedition unterbrechen und den Erfolg gefährden. Nach Drohnenaufnahmen sind etwa siebzig Extrembergsteiger an der Stelle vorbeigekommen, darunter auch eine Frau. Die Sucht nach Rekorden und die Aussicht auf Ruhm hat die Empathie mit dem Verunglückten ausgelöscht. Gnadenlos wird er liegen gelassen und erfriert im Eis. Sein Name ist MOHAMMED HASSAN. Was aber bedeutet der lichte Triumph, den Gipfel des K2 erreicht zu haben, wenn er vom Schatten unterlassener Hilfeleistung verdunkelt wird?

VIII.

Den Menschen drängt es über die Grenze hinaus. Seine Abenteuerlust, sein Wissensdurst – das ist seine Größe, das ist sein Elend. Sich nicht in den Käfig des Bestehenden einsperren zu lassen, bestehende Markierungen überschreiten und Neues erkunden zu wollen, das kann Ausdruck echter grandeur sein. Dabei dem Kitzel nachzugeben, das eigene Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen oder in der Sucht nach Rekorden das Leiden der anderen abzublenden, ja kalt über sie hinwegzuschreiten, das ist elendig und Ausdruck menschlicher misère.

Der Frage aber, ob der Mensch alles machen soll, was er machen kann, setzt Dantes Warnung vor der "Überschreitung des Zeichens" eine Grenze. Doch haben wir heute noch eine Antenne dafür?

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