Es beginnt mit dem StaunenDarum sollte man Aristoteles lesen

Es gibt Grundfragen, die sich Menschen immer schon gestellt haben. In uralten Texten finden sich Antworten, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Wer den großen Fragen auf den Grund gehen will, sollte einen Blick in die "Metaphysik" von Aristoteles wagen.

Johannes Hartl
© Rudi Töws

Der Mensch ist ein Wesen, das verstehen möchte. Um verstehen zu können, brauchen wir andere, von denen wir lernen, mit denen wir sprechen. Dass manche andere bereits tot sind, bedeutet keinen völligen Abbruch dieses Geschehens. Durch die Erfindung der Schrift können Gedanken über die Zeit hinweg konserviert werden. Da es Grundfragen gibt, die sich Menschen schon immer gestellt haben, können Texte aus früheren Zeiten heute so aktuell sein, wie damals. Es gibt Texte, die wichtiger sind als andere Texte, weil sich viele andere bereits auf sie bezogen haben.

Einer der Schlüsseltexte der Menschheit ist die "Metaphysik" des Aristoteles. Wer sich vom abstrakten Titel nicht abschrecken lässt, findet einen Gesprächspartner, der nichts an Aktualität eingebüßt hat. "Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Erkenntnis", so beginnt der große Text, dessen eigenartiger Name einfach daher kommt, dass es um all die Themen geht, die nach (meta) der Erforschung der Natur (Physik) noch ungeklärt sind. Dazu gehören die allergrößten.

Menschen wollen Dinge wissen; wer sich für Schmetterlinge begeistern kann, wen die Verstrickungen der englischen Königsfamilie oder auch nur die nächste Folge der Netflix-Serie interessiert, folgt nach Aristoteles seiner menschlichen Natur, etwas wissen zu wollen. Von dieser ersten Tatsache leitet Aristoteles seine weiteren Schritte ab.

Als Sinneswesen nehmen wir zunächst einzelne Gegenstände wahr. Wenn man einen Stein fallen lässt, fällt er zu Boden. Die Erkenntnis schreitet nun fort vom Einzelding zum immer Allgemeineren. Nicht nur dieser eine Stein fällt, sondern alle Steine fallen, ja, alle Gegenstände. Die Erforschung der materiellen Welt ist Gegenstand der Physik, die des menschlichen Körpers der Medizin.

Doch noch allgemeinere Fragen können gestellt werden; die menschliche Erkenntnis kann sich an Themen wagen, die alle Einzelwissenschaften hinter sich lassen. Hier beginnt das, was Aristoteles Metaphysik nennt. Was erkennen wir überhaupt und was gibt es überhaupt? Alle Philosophie habe damit begonnen, dass Menschen sich gewundert hätten, gestaunt. Fragen über die größten Rätsel gestellt.

Sein kristallklares Denken, sein präzises Argumentieren beeindruckt bis heute.

Wer sich heute an den knapp 2400 Jahre alten Text heranwagt, fühlt sich aus der Zeit herausgenommen. Er befindet sich in einem Gespräch, das über die Jahrhunderte dauert. Ob wir Menschen bei der Beantwortung der größten Grundfragen heute wirklich "weiter" sind als Aristoteles, ist eine nicht unberechtigte Frage. Fest steht, dass sein kristallklares Denken, sein präzises Argumentieren bis heute beeindruckt. Es ist eine Freude, Menschen zu erleben, die klar denken. Und so ist es auch heute noch eine Freude, Aristoteles zu lesen – jenen Philosophen, der im Mittelalter so unanfechtbare Autorität war, dass er von Thomas von Aquin schlicht philosophus genannt wird: der Philosoph schlechthin. Dabei geht es um viel mehr als bildungsbürgerliche Marotten. "Nicht um herauszufinden, was dieser oder jener Philosoph gesagt hat, betreiben wir Philosophie, sondern um herauszufinden, was wahr ist", so heißt es bei Thomas. Eine Haltung des Denkens, die zeitgemäßer nicht sein könnte.

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