Katholische Aufklärung

Für nicht wenige Zeitgenossen stellt die Rede von einer ‹Katholischen Aufklärung› einen Widerspruch in sich, vielleicht sogar eine veritable Provokation dar. Sie setzen dabei zumeist unbefragt eine Unvereinbarkeit der Sinngehalte beider Begriffskomponenten voraus, die in dieser Wortprägung zu Unrecht überspielt werde. Vertrete nicht gerade der Katholizismus ein Weltbild, das mit seinen paradoxen Glaubensartikeln und seinem Hang zur Wundergläubigkeit weit hinter einer rationalen, naturwissenschaftlich geprägten Wirklichkeitsdeutung zurückbleibe? Und stehe nicht vor allem die katholische Kirche mit ihrer streng hierarchischen Verfassung im Grunde bis heute auf Kriegsfuß mit einem modernen Freiheitsdenken, das die Autonomie und Eigenverantwortung des Individuums uneingeschränkt anerkenne? Sei es daher nicht konsequent, dass sich im Gefolge der Aufklärung der Säkularisierungsdruck merklich erhöht und die etablierten Religionen zu Anpassungen gezwungen habe, die letztlich ihrem Tod-auf-Raten gleichkämen? Die in diesem Heft versammelten Beiträge wollen Antworten auf diese drängenden Fragen geben, indem sie aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven einige Facetten des vielschichtigen Phänomens aufgeklärten Denkens innerhalb von Kirche und Theologie beleuchten.

In diesem Sinne spürt Hans Maier zunächst den vielfältigen Bezügen zwischen der Freiheitsidee der Aufklärung und der christlichen Tradition nach, wobei er nicht nur die Verwurzelung der aufklärerischen Idee einer naturrechtlich begründeten, allen Menschen zukommenden Freiheit im christlich inspirierten «Gedanken des unendlichen Wertes der einzelnen Seele und der persönlichen Verantwortung des Menschen vor Gott» betont, sondern auch die sozialen Defizite bestimmter aufgeklärt-liberaler Freiheitsverständnisse offenlegt. Gegenüber aktuellen Tendenzen, Freiheit auf individuelle oder kollektive Emanzipation zu verkürzen, sei es wichtig, die Freiheit individueller Selbstgestaltung und die Gewährleistung freiheitlich geordneter Lebensbereiche in eine ausgewogene Balance zu bringen.

Im zweiten Text geht es anlässlich des 300. Geburtstages Immanuel Kants zum einen darum, an die bleibende Bedeutung seines Autonomie-Verständnisses zu erinnern, dessen kognitive, positiv-freiheitliche und gemeinschaftsbildende Ausrichtung gegenwärtig auch innerhalb der Moraltheologie immer stärker von voluntaristischen, emanzipatorischen und privatistischen Selbstbestimmungskonzepten verdrängt wird. Zum anderen wird mit Blick auf den biblischen Monotheismus und die rationale Gesetzeskonzeption bei Thomas von Aquin gezeigt, dass sich Motive aufgeklärten Denkens lange vor dem 18. Jahrhunderts nachweisen lassen, deren Verwurzelung in einer ganzheitlichen Anthropologie sich als hilfreich für die Überwindung bestimmter rationalistischer Engführungen innerhalb neuzeitlicher Moraltheorien erweisen dürften, auch wenn sie aufgrund ihrer Einbettung in vorneuzeitliche Traditionen gewiss der Anpassung an moderne Rationalitätsstandards bedürfen.

Ebenfalls Kant gewidmet ist der dritte Beitrag, in dem Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz nachzuweisen versucht, dass sich die kantische Autonomie zwar «nicht für subjektive Moral und partikulare Eigeninteressen» beanspruchen lasse, Kants moralische Vernunftreligion in ihren biblischen Bezügen aber zweideutig bleibe. Zwar schließe Autonomie Gott als «Gesetzgeber» und «Inbegriff des moralisch Guten» keineswegs aus, doch könne seine philosophische Idee Gottes als «Postulat für die Transzendentalität des moralischen Gesetzes» den Horizont der biblischen Offenbarung letztlich nicht völlig einholen.

Michael Seewald setzt sich in seinen Überlegungen mit der Vielgestaltigkeit der katholischen Theologie des 18. Jahrhunderts auseinander, in der neben (neo-)scholastischen und dezidiert aufklärerischen auch diverse vermittelnde Stimmen aufeinandertreffen. Statt von einer ‹Katholischen Aufklärung›, deren Existenz und genaue Abgrenzung notorisch umstritten sei, möchte er lieber von einer ‹katholischen Aufklärungstheologie› sprechen, deren Repräsentanten sich – wie z.B. an Franz Oberthür, Franz Berg und Gregor Zirkel deutlich werde – einerseits durch die Bejahung ihres katholischen Glaubens sowie der institutionellen Existenz der Kirche, andererseits aber auch durch die Überzeugung einer Reformbedürftigkeit sowohl der Glaubenslehre als auch der konkreten institutionellen Gestalt der Kirche auszeichneten.

Gegenüber fragwürdigen Versuchen, entweder einen strikten Gegensatz zwischen ‹der Aufklärung› und ‹dem Katholischen› zu konstruieren oder aber eine ‹Katholische Aufklärung› zur Vorläuferin des Zweiten Vatikanischen Konzils zu stilisieren, plädiert Andreas Holzem für eine stärkere historische Kontextualisierung der maßgeblichen theologischen Stimmen des frühen 19. Jahrhunderts. Während etwa für das publizistische Wirken von Joseph Görres die Gegenüberstellung der Denkmotive einer ‹katholischer Freiheit des kirchlichen Lebens› und eines ‹protestantischen Beamtenrationalismus› charakteristisch sei, bemühten sich die Vertreter der sog. Tübinger Schule – wie z.B. Johann Sebastian von Drey, Johann Baptist Hirscher und Johann Adam Möhler – eher darum, die Krise der christlichen Religion durch eine stärkere Personalisierung des Verhältnisses zu Gott als vordringlicher pastoraler Aufgabe eines nachrevolutionären Christentums und eine vertiefende Reflexion ihrer zentraler Kategorien (wie z.B. der Reich-Gottes-Idee) zu überwinden, wobei sie stärker von den unmittelbar erlebten Zeiterfahrungen als von den Gewissheiten des Aufklärungsjahrhunderts beeinflusst waren.

Andreas Bieringer analysiert anhand von sog. Messandachten, wie die Ideen der liturgischen Aufklärung in die konkrete Frömmigkeitspraxis eingriffen und welche Folgen sich daraus für die Gläubigen in der Messe ergaben. Zwar sei die Forderung der Aufklärer, der Landessprache in der Liturgie mehr Gewicht beizumessen, um eine bessere Synchronisierung zwischen Klerus und Volk zu erreichen, zunächst insofern gescheitert, als die katholische Restauration die alte liturgische Ordnung wiederhergestellt habe, doch sei aus heutiger Perspektive festzustellen, «dass unsere derzeitige Liturgie stark von den Ideen der Aufklärung geprägt ist».

Den Abschluss der thematischen Beiträge bilden zwei Kurzportraits, wobei Hans Maier einen Blick auf François Fénelon wirft, während Margit Wasmaier-Sailer die Bedeutung Johann Michael Sailers für die katholische Auseinandersetzung mit der Aufklärung rekonstruiert.

Auch wenn die hier versammelten Texte den Facettenreichtum und die Vielstimmigkeit der katholischen Auseinandersetzung mit den Zielen, Motiven und Konsequenzen aufgeklärten Denkens nicht annähernd ausschöpfen können, vermitteln sie doch hoffentlich einige wertvolle Einblicke in ein Problemfeld, das nicht nur aus historischer Perspektive interessant erscheint, sondern angesichts der zunehmenden Infragestellung zentraler Anliegen eines aufgeklärten Universalismus in der Gegenwart durch verschiedenste Ideologien auch weit über den Raum von Theologie und Kirche hinaus gesamtgesellschaftlich von eminenter Bedeutung ist.

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