Zehn Jahre vor der Fünfhundertjahrfeier der Reformation wurden von der Evangelischen Kirche in Deutschland wichtige Entscheidungen getroffen. Denn entschieden wurde damals, das Jubiläum zusammen mit den staatlichen Stellen in Bund und Ländern zu feiern, und entschieden wurde, Luther ins Zentrum der Vorbereitungen für das Jubiläum zu stellen und die Jahre bis 2017 als Lutherdekade zu gestalten. Der damalige Ratsvorsitzende der EKD, Professor Wolfgang Huber, sprach bei der Eröffnung der Lutherdekade von einer «Dekade der Freiheit». Zunächst schien es, als hätte die EKD mit diesen Entscheidungen eine solide Grundlage für das Reformationsjubiläum geschaffen: Staatliche Gelder boten die Möglichkeit, die Luthergedenkstätten in Wittenberg, auf der Wartburg und an anderen Orten fachkundig zu restaurieren. Luthers Verdienste und die Bedeutung des Protestantismus für Kultur und Gesellschaft konnten im Zuge der Lutherdekade herausgestellt werden. Niemand dachte daran, gewisse Episoden in Luthers Leben und einige Lutherschriften könnten auch eine Hypothek sein. Keiner der Verantwortlichen erinnerte an Luthers maßlose Polemik gegen das Papsttum, an seine scharfe Verurteilung der Täufer und der Bauern, die um ihre Rechte kämpften, an seine bitterbösen Worte gegen Türken und Muslime sowie an seinen Judenhass, den er vor allem in seinen letzten Lebensjahren in mehreren Werken und in Predigten zum Ausdruck gebracht hatte. Im letzten Jahr der Lutherdekade scheint jedoch, so vor kurzem Dorothea Wendebourg, «vor allem ein Thema Köpfe und Gemüter zu beschäftigen: Luthers Haltung zu den Juden und die Frage nach deren Auswirkungen auf die deutsche Geschichte».1 Wie ist es dazu gekommen?
I
Unmittelbar nach Kriegsende, 1946, als sich Luthers Todestag zum 400. Male jährte, waren sich die deutschen Protestanten einig, dass die deutsche Geschichte nicht von Luther hin zu Hitler führe, so wie das im Zuge der alliierten Kriegspropaganda mehrfach betont worden war. Nein, Luther gehöre nicht auf die Anklagebank in Nürnberg.2 Niemand machte sich die Mühe, sich mit den Argumenten auseinander zu setzen, die Peter F. Wiener in seiner 1945 in London und in New York erschienenen Schrift Martin Luther. Hitler’s Spiritual Ancestor vorgetragen hatte, obwohl Wiener Luthers obsessiven Judenhass genau schilderte.3 Den meisten deutschen Protestanten genügte, dass mit Gordon Rupp ein führender englischer Reformationshistoriker in seiner ebenfalls 1945 in London publizierten Schrift Martin Luther. Hitler’s Cause – or Cure? In Reply to Peter F. Wiener dessen Argumente zu widerlegen versucht und betont hatte, Luthers Judenfeindschaft sei meilenweit von der nationalsozialistischen Rassendoktrin entfernt gewesen.4 Weder im «Stuttgarter Schuldbekenntnis» vom Herbst 1945 noch in dem wesentlich selbstkritischeren «Darmstädter Wort» von 1947 wurde Luthers Judenhass in einen Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung gebracht. Zwar war in beiden Memoranden von Schuld die Rede, nicht aber ausdrücklich von der Schuld am Massenmord an den europäischen Juden und in diesem Zusammenhang von Luthers antisemitischen Schriften und deren Nachwirkung bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Zwar stritten damals Karl Barth und Hans Asmussen über die Schuld der Kirchen am Aufstieg der Nationalsozialisten. Für den reformierten Theologen Barth trugen dafür die Lutheraner mit ihrem Untertanengehorsam die Verantwortung. Der lutherische Propst Asmussen verwies dagegen auf den preußischen Militarismus und vergaß nicht zu erwähnen, dass die Hohenzollern seit dem frühen 17. Jahrhundert nicht der lutherischen, sondern der reformierten Kirche angehörten. Luthers Judenschriften und deren fatale Rolle in der antisemitischen nationalsozialistischen Propaganda wurden dagegen weder von Barth noch von Asmussen thematisiert. Keiner der Kontrahenten nahm zur Kenntnis, dass Julius Streicher, wohl der übelste antisemitische Hetzer unter den Nationalsozialisten, als er in Nürnberg auf der Anklagebank saß, dreist behauptet hatte, eigentlich müsste Martin Luther dort sitzen und nicht er.5
Nicht vergessen seien jedoch rühmliche Ausnahmen, so zum Beispiel Karl Jaspers, der sich der Bedeutung der Lutherschen Judenschriften für die nationalsozialistische Judenpolitik sehr wohl bewusst war. Als ihn der amerikanische Journalist Melvin Lasky unmittelbar nach Kriegsende in Heidelberg besuchte und mit ihm über Lessing und Goethe reden wollte, unterbrach ihn Jaspers und bemerkte, der Teufel stecke seit langem in den Deutschen und holte Luthers Schrift von den Juden und ihren Lügen aus dem Regal, so der Bericht des Londoner Rabbiners Albert H. Friedlander in einem Vortrag Jahrzehnte später.6
Unmittelbar nach der Befreiung der nationalsozialistischen Vernichtungslager hatten die Alliierten drastische Fotos von den unfassbaren Zuständen in diesen Lagern veröffentlicht. Amerikanische Besatzungsoldaten zwangen die Einwohner von Weimar, das nahegelegene Konzentrationslager Buchenwald zu besuchen und sich einen direkten Eindruck von dem zu machen, was die Weimarer angeblich nicht wussten oder leugneten. Dies alles geriet aber in den folgenden Jahrzehnten, in den Jahrzehnten des Wirtschaftswunders wieder in Vergessenheit. Erst nach dem spektakulären Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahre 1961, und eigentlich erst 1979, als im deutschen Fernsehen Marvin Chomskys bewegender Film über die Geschichte der Familie Weiß ausgestrahlt wurde, der das ganze verbrecherische Ausmaß der Judenvernichtung schilderte, erst dann wurde mehr und mehr Deutschen bewusst, dass der Holocaust eine politisch-moralische Katastrophe war, deren Folgen noch lange nachwirkten.
In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo Chomskys Film bereits 1978 gezeigt wurde, führte die Diskussion über den Holocaust zur gleichen Zeit zu wichtigen politischen Konsequenzen. 1979 wurden in den USA nationale «Days of Remembrance» geschaffen. Übereinstimmend beschlossen Präsident Jimmy Carter und beide Häuser des amerikanischen Kongresses ein Jahr später, 1980, dass auf der Mall in Washington, D. C., also mitten im Zentrum der amerikanischen Hauptstadt, wo die großen nationalen Symbole wie das Washington Monument und das Lincoln Memorial stehen, ein Holocaust Memorial Museum errichtet werden sollte. Nach wenigen Jahren Vorbereitung wurde im Herbst 1987 in Anwesenheit von Präsident Ronald Reagan und führenden Repräsentanten der amerikanischen Politik der Grundstein für dieses Museum gelegt. Im Sommer 1993 wurde es eröffnet. Präsident Bill Clinton war anwesend. Elie Wiesel hielt die Eröffnungsrede. 1985 kam Claude Lanzmanns Film Shoah in die Kinos, in dem viele Überlebende des Holocaust, das von ihnen erlebte Grauen schilderten, 1993 Steven Spielbergs emotionaler Film Schindlers Liste.
Spätestens seit 1980 wussten die amerikanischen Lutheraner ebenso wie der Lutherische Weltbund, dass sie zum Thema «Luther und die Juden» Stellung beziehen mussten. Aus Anlass der Erinnerung an den 500. Geburtstag von Martin Luther organisierte der Lutheran Council in den Vereinigten Staaten im Jahre 1983 eine Tagung mit hochrangigen Vertretern des amerikanischen Judentums.7 Für die Lutheraner sprach Eric W. Gritsch, Professor für Kirchengeschichte am Lutheran Theological Seminary in Gettysburg in Pennsylvania. Gritsch führte aus, Luther hätte sich eine pluralistische religiöse Gesellschaft nicht vorstellen können und die Juden deshalb ausgegrenzt. Gegen Ende seines Lebens sei Luther überzeugt gewesen, die Juden müssten komplett von den Christen segregiert und am besten vertrieben werden. Luthers Vorschläge könnte man, so Gritsch, als Vorlage für Hitlers Endlösung der Judenfrage ansehen. Gritsch unterschied zwischen vier möglichen Interpretationen. Man könne, so erstens, einen grundlegenden Unterschied annehmen zwischen den Ansichten des jungen Luther zur Judenfrage und jenen des alten. Man könne zweitens mit Heiko Oberman annehmen, Luthers Judenhass sei von seinen apokalyptischen Ängsten bestärkt worden. Vielleicht sei der alte Luther auch zu krank gewesen, um noch zu begreifen, was er über die Juden schrieb, so Gritsch drittens. Möglich sei jedoch auch, so viertens, dass sich Luthers Haltung zu den Juden niemals wirklich geändert habe. Diese letzte Interpretation scheine ihm, Gritsch, die wahrscheinlichste. Für die amerikanischen Juden sprach bei gleicher Gelegenheit Marc H. Tanenbaum, der Direktor des American Jewish Committee für nationalreligiöse Angelegenheiten. Tanenbaum bemerkte einleitend, viele amerikanische Juden hätten es nicht fassen können, dass die amerikanische Post 1983 eine Sondermarke mit Martin Luther herausbrachte und hätten wütend protestiert. Man müsse sich freilich klar machen, so Tanenbaum, dass der christliche Antisemitismus eine lange Tradition habe und nicht erst mit Luther beginne. Notwendig sei es deshalb, dass man sich von allen Stereotypen und von Vorurteilen löse und sich mit Fürsorge, Verständnis und fundiertem Wissen um den religiös jeweils anderen kümmere. Der Lutheran Council in America beschloss bei gleicher Gelegenheit, sich dezidiert und prinzipiell von Luthers Haltung zu den Juden zu distanzieren und den Dialog mit den jüdischen Partnern zu intensivieren. Im gleichen Jahr, 1983, legte der amerikanische Reformationshistoriker Mark U. Edwards eine fundierte Studie über Luther’s Last Battles. Politics and Polemics, 1531–1546 vor.8 Auch für Edwards war es möglich, dass apokalyptische Erwartungen Luther zu seinen späten Judenschriften veranlassten, die für Edwards das problematischste, das gröbste und vulgärste waren, was Luther jemals schrieb. Mitte der 1530er Jahre sei Luther überzeugt gewesen, die Juden würden den christlichen Gott nicht mehr nur in den Synagogen schmähen, sondern trügen ihre blasphemischen Bemerkungen in aller Öffentlichkeit vor. Deshalb seien sie eine Gefahr, die ohne Wenn und Aber bekämpft werden müsse.
Aus Anlass des Lutherjubiläums 1983 veranstaltete der Lutherische Weltbund zusammen mit dem International Jewish Committee for Interreligious Consultations eine Tagung in Stockholm zum Thema Luther, Lutheranism and the Jews. Die Ergebnisse wurden ein Jahr später im Druck vorgelegt.9 Es hätte, so ist im Vorwort zu lesen, für die 500. Wiederkehr von Luthers Geburt kein geeigneteres und zur gleichen Zeit kein heikleres Thema geben können. Denn die Lutheraner könnten Luthers heftige Attacken gegen die Juden keinesfalls akzeptieren oder gutheißen. Jüdische Teilnehmer begrüßten diese Position. Gemeinsam wandten sich die Teilnehmer dieser Tagung gegen alle Formen von religiösen und rassischen Vorurteilen. Neben der norwegischen Kirchenhistorikerin Ingun Montgomery war Mark U. Edwards einer der Hauptredner. Er thematisierte die politische Verwendung der Lutherschen Judenschriften durch die Deutschen Christen. Des Weiteren kam er zu dem Ergebnis, Luthers scharfe Angriffe gegen die Juden seien nicht Verirrungen eines verbiesterten alten Mannes gewesen, sondern fußten auf dessen zentralen Anliegen und Überzeugungen. Luthers antijüdische Schriften müsse man, so Edwards, als genuinen Ausdruck seiner Ansichten und als integralen Bestandteil seiner Theologie begreifen. Keiner der Anwesenden widersprach dieser Deutung. Die EKD entsandte keine Delegierten zur Stockholmer Konferenz, die Kirchen aus der DDR nur eine Beobachterin.
II
Als in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1983 der 500. Geburtstag von Martin Luther begangen wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die DDR, wo Erich Honecker und Genossen in einer überraschenden Kehrtwendung ihrer bisherigen Politik Martin Luther rehabilitierten und als großen Sohn des deutschen Volkes feierten. Der «Wettkampf der Systeme» zwischen Ost und West führte dabei zu einem Wettlauf darüber, wer denn Luthers Verdienste am besten zur Geltung bringen könne. Luthers Judenschriften stießen dagegen im Osten auf kein und im Westen nur punktuell auf Interesse. Es gab jedoch auch Ausnahmen. Auf Anregung von Heiko Oberman und Eberhard Bethke organisierte Heinz Kremers, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Duisburg, in Zusammenarbeit mit Leonore Siegele-Wenschkewitz und Bertold Klappert 1983 eine Tagung über Die Juden und Martin Luther. Martin Luther und die Juden. Geschichte – Wirkungsgeschichte – Herausforderung, deren Ergebnisse, mit einem Vorwort von Johannes Rau, 1985 im Druck vorlagen. Aufschlussreich ist das von den Herausgebern verfasste Vorwort. «Schauen wir auf das Lutherjahr 1983 zurück», heißt es dort, «müssen wir uns als Deutsche schämen, wenn wir beobachten, dass eine internationale Kommission des Lutherischen Weltbundes das Problem ‹Martin Luther und die Juden› bei einem Treffen mit Vertretern der jüdischen Weltgemeinschaft aus Anlass von Luthers 500. Geburtstag im Juli 1983 in Stockholm viel mutiger und gründlicher aufgegriffen hat als der Rat der EKD und die deutschen lutherischen Theologen in ihren Publikationen im Lutherjahr», dem «ersten Lutherjahr nach dem Holocaust». Die Haltung der EKD zu Luthers Judenschriften sei nichts anderes als eine «tabuisierende Verharmlosung». Man dürfe sich nicht wundern, dass in der Folge «in fast allen Publikationen zum Lutherjahr 1983 in Deutschland Luthers Stellung zu den Juden völlig tabuisiert oder in derselben Weise verharmlost wird». Dabei sei die Forschung schon sehr viel weiter gewesen als das, was 1983 zu diesem Thema vorgetragen wurde. Als die Duisburger Kollegen Michael Brocke, Heinz Kremers und Julius H. Schoeps 1981/82 das Programm der EKD für das Lutherjahr lasen, so weiter in diesem Vorwort, hätten sie mit Entsetzen festgestellt, dass die EKD nichts zum Thema Luther und die Juden plane. Deshalb hätten sie sich entschlossen, selbst eine Tagung zu diesem Thema zu organisieren und ganz bewusst jüdische Wissenschaftler eingeladen.10 Aus dem Tagungsband selbst sei hier nur auf den Beitrag von Heiko Oberman hingewiesen, der über «Die Juden als Eckstein in Luthers Theologie» referierte.
Dass die Forschung um 1983 schon weiter war als das, was die EKD 1983 zu Luthers Haltung zu den Juden ausführte, ist durchaus richtig. Johannes Brosseder hatte bereits 1972 eine fundierte Darstellung über Luthers Stellung zu den Juden im Spiegel seiner Interpreten vorgelegt;11 Peter von der Osten-Sacken und Martin Stöhr hatten 1980 einen eindrucksvollen Sammelband über Glaube und Hoffnung nach Auschwitz. Jüdisch-christliche Dialoge publiziert12, und 1981 war Heiko Obermans grundlegende Studie Wurzeln des Antisemitismus: Christenangst und Judenplage im Zeitalter des Humanismus und der Reformation in erster und 1983 in zweiter Auflage erschienen.13 Dass 1983 in der Bundesrepublik Deutschland Luthers Judenschriften nicht ausführlich diskutiert wurden, verwundert auch, wenn man das kulturell-politische Umfeld bedenkt: Schon vor Gründung der Bundesrepublik war die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit entstanden, zu der inzwischen viele Ortsgruppen gehören. 1958 wurde die Aktion Sühnezeichen ins Leben gerufen, in der sich seither viele Jugendliche engagierten. An der Kirchlichen Hochschule in Berlin bestand seit 1960 ein Institut zum Thema Kirche und Juden und beim Deutschen Evangelischen Kirchentag seit 1961 eine Arbeitsgemeinschaft zum Verhältnis von Christen und Juden. 1980 hatte die Evangelische Kirche des Rheinlands den Beschluss gefasst, die Verantwortung für den Holocaust zu übernehmen. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang auch daran, dass bereits 1947 das KZ Flossenbürg, wo die Nazis kurz vor Kriegsende Dietrich Bonhoeffer ermordeten, zu einer Gedenkstätte umgestaltet wurde. Weitere Gedenkstätten entstanden 1952 in Berlin-Plötzensee, 1958 in Buchenwald, 1961 in Sachsenhausen, 1964 in Hadamar, 1965 in Dachau und 1966 in Bergen-Belsen. Die Politik mit der Erinnerung, so der prägnante Titel von Peter Reichels 1999 publiziertem Buch über Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit hatte also schon Jahrzehnte vor dem Lutherjubiläum von 1983 im Westen wie im Osten des geteilten Deutschland begonnen.14
Wenige Jahre nach den Feiern aus Anlass von Luthers 500. Geburtstag änderte sich noch einmal das Bild. Hans Prolingheuer publizierte 1987 eine provokative Studie mit dem Titel Wir sind in die Irre gegangen. Die Schuld der Kirche untem Hakenkreuz, in der er darlegte, wie seit den frühen 1950er Jahren ehemalige Sympathisanten der Nationalsozialisten wieder Stellen in den evangelischen Landeskirchen übernahmen und verhinderten, dass die braune Vergangenheit aufgearbeitet wurde.15 Ebenso wichtig war der Sammelband, den Jochen-Christoph Kaiser und Martin Greschat aus Anlass der 50. Wiederkehr des Novemberpogroms von 1938 im Jahr 1988 herausgaben und der den Titel Der Holocaust und die Protestanten. Analysen einer Verstrickung trug.16 Eberhard Bethge formulierte in diesem Band einen einprägsamen Satz: «Der Protestantismus in Deutschland trägt ein hohes Maß an Mitverantwortung dafür, dass Kenntnis der Ermöglichungen und der Abläufe des Holocaust zum unverzichtbaren Bildungsgut für die Einwohner dieses Landes werden». Zwar beschäftigte sich keiner der Autoren dieses Bandes ausdrücklich mit Luthers Judenschriften. Nach Bethge gehörte zum Wissen über den Holocaust aber auch das Wissen um die fatale Rolle von Luthers antijüdischen Schriften in der nationalsozialistischen Propaganda und damit in der nationalsozialistischen Politik der Vernichtung aller Juden.17
Blicken wir, ehe wir abschließend nach Deutschland zurückkommen, noch einmal in die USA. 1987 veröffentlichte die presbyterianische Kirche in den USA ein höchst selbstkritisches Memorandum zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Christen. Unzweideutig und in großer Schärfe distanzierte sich die Evangelical Lutheran Church of America 1994 von Luthers Judenschriften. 1995 äußerte sich die Alliance of Baptists im gleichen Sinn zu den christlich-jüdischen Beziehungen, ein Jahr später, 1996 auch die United Methodists. Zwei Jahre später, 1998, legte die Evangelical Lutheran Church of America (ELCA) Leitlinien für den christlich-jüdischen Dialog vor. Im gleichen Jahr, 1998, publizierte die National Conference of Catholic Bishops in den USA einen Band mit dem Titel Catholics Remember the Holocaust, in dem zahlreiche Dokumente katholischer Kirchen zum Thema Juden abgedruckt wurden, mit entsprechenden Stellungnahmen der ungarischen, deutschen, polnischen, niederländischen, französischen und italienischen Bischöfe aus den Jahren 1994 bis 1997 bis hin zu einem Text der italienischen Bischöfe und des Vatikans aus dem Jahr 1998 sowie einem Brief von Papst Johannes Paul II. vom gleichen Jahr. Voraussetzung für eine Versöhnung sei, so der Tenor dieser Verlautbarungen, das Bekenntnis der Schuld.18 Dies war auch die Botschaft, die man dem 1999 von Victoria Barnett publizierten Buch Bystander. Conscience and Complicity during the Holocaust entnehmen konnte.19
Inzwischen waren in den USA neben dem Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., weitere Museen entstanden, die sich mit der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten beschäftigten, so zum Beispiel in Los Angeles. Zu erwähnen ist auch, dass an der Pacific Lutheran University in Tacoma, einem seinerzeit von norwegischen Lutheranern gegründeten College, 2007 ein Lehrstuhl für Holocaust and Genocide Studies geschaffen wurde. Junge Wissenschaftler, die sich zur lutherischen Kirche bekannten, sollten die Möglichkeit haben, sich gründlich mit diesem düsteren Kapitel in der Geschichte des Luthertums zu beschäftigen. Herausragende Holocaustforscher wie Christopher Browning und Robert P. Ericksen konnten für diese Position gewonnen werden. Nach dem Beispiel der University of Toronto, wo Holocaustforscher wie Michael Marrus und nach ihm Doris Bergen lehren, schufen sie eine «Yearly Conference for Holocaust Education».
III
Im vereinten Deutschland wurde die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in den 1990er Jahren noch einmal intensiviert. 1992 initiierte der Kölner Bildhauer und Künstler Gunter Demnig das zunächst höchst umstrittene Projekt mit den «Stolpersteinen». In das Pflaster vor den Häusern, in denen Juden gelebt hatten, sollten Gedenktafeln mit den Namen der verfolgten, deportierten und ermordeten Juden eingelassen werden. Demnig präsentierte die ersten Stolpersteine 1992 in der Antoniterkirche in Köln, wo in den 1960er Jahren die von Dorothee Sölle inspirierten Politischen Nachtgebete stattgefunden hatten. 1995 verlegte er die ersten Stolpersteine, die ersten von über 50.000, die inzwischen in fast allen deutschen Städten und seit 1997 in Städten der meisten europäischen Ländern zu finden sind. Zahlreiche Schulklassen haben sich in den vergangenen Jahren bei dem Projekt engagiert, indem sie sich mit dem Leben und Tod der jüdischen Bürger ihrer Städte beschäftigten und damit das Material heraussuchten, das Voraussetzung für die Verlegung eines Stolpersteins ist. Auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog ist im geeinten Deutschland seit 1997 der 27. Januar, der Tag, an dem die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreite, ein Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Laut Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen wurde der 27. Januar im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens für die Opfer des Holocaust erklärt. Seit den 1990er Jahren wurden weitere ehemalige Konzentrationslager zu Gedenkstätten umgestaltet; 2001 wurde in Berlin das Jüdische Museum eröffnet, 2005 ebenfalls in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es fehlt hier der Platz, um zu zeigen, in welchem Maß der Holocaust seit vielen Jahren Thema des Schulunterrichts ist und wie gründlich Zeithistoriker Motive, Methoden und Ausmaß der nationalsozialistischen Judenverfolgung erforscht haben. Dazu nur ein Beispiel. In seinem 2012 publizierten Buch Demonizing the Jews. Luther and the Protestant Church in Germany kam Christopher Probst zu dem gleichen Ergebnis wie Mark Edwards schon 1983: dass nämlich Luthers Judenhass zutiefst mit seiner Weltsicht und Theologie verbunden war und die antijüdischen Ressentiments protestantischer Pastoren nach 1933 nachdrücklich bestärkte.20 Zahlreiche weitere einschlägige Werke müssten an dieser Stelle genannt werden.21
Diese Beispiele zeigen, dass seit den 1980er Jahren die Erinnerung an den Holocaust auf vielerlei Weise wachgehalten wird. Diese Erinnerungskultur gehört inzwischen zum politischen Credo aller demokratischen Parteien in Deutschland und wird von einem großen moralischen Engagement in der Zivilgesellschaft getragen. Jeder, der sich mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung beschäftigt, stößt aber früher oder später auf Luthers fatale antijüdische Schriften und deren Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten und die mit diesen eng verbundenen Deutschen Christen. Es war somit kein Zufall, dass sich im Vorfeld des Reformationsjubiläums im Jahre 2017 die Frage stellte, wie man mit der Bedeutung, die Luthers Judenschriften in seiner eigenen Zeit und in den folgenden Jahrhunderten, bis ins 20. Jahrhundert, hatten, umgehen soll.
Diese Frage wurde im letzten Jahrzehnt von verschiedenen Seiten thematisiert. 2005 legte der Göttinger Reformationshistoriker Thomas Kaufmann eine Studie über Luthers Judenschriften in ihren historischen Kontexten vor. Diese entsprangen, so Kaufmann, den «obsessiven Vorstellungen eines nach unseren Maßstäben theologischer und sittlicher Vernunft und nach dem ‹kirchenrechtlichen Gebot der Nächstenliebe› und ‹den judenrechtlichen Bestimmungen des römischen Rechts› irregeleiteten Theologieprofessors des 16. Jahrhunderts».22 Sechs Jahre später, 2011, legte Kaufmann unter dem Titel Luthers «Judenschriften». Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung eine erweiterte Fassung dieser Studie vor.23 Unter dem Titel Luthers Juden widmete sich Kaufmann 2014 noch einmal dem gleichen Thema.24 Ein Jahr später, 2015, zeigte er in einem langen Zeitungsaufsatz, in welch intensivem Maß die Lutherschen Judenschriften in den völkisch-antisemitischen Strömungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts rezipiert wurden.25 Der Rezeption von Luthers Judenschriften im 19. und im 20. Jahrhundert galt 2014 eine internationale Tagung in Erlangen.26 Der Zusammenhangvon Protestantismus – Antijudaismus – Antisemitismus vom 16. bis 19. Jahrhundert wurde auf einer internationalen Tagung an der Humboldt-Universität in Berlin im Herbst 2015 behandelt. In zahlreichen Zeitschriften erschienen in jüngster Zeit Beiträge zum Thema Luther und die Juden, so etwa 2015 im Forum Loccum. Vor allem aber widmete sich der Wissenschaftliche Beirat für das Reformationsjubiläum dem gleichen Thema. Aus den Debatten und Kommentaren im Beirat ging 2014 eine Publikation mit dem Titel Die Reformation und die Juden. Eine Orientierung hervor, für die Ingolf Dalferth, Thomas Kaufmann und Dorothea Wendebourg verantwortlich zeichneten. Im November 2014 distanzierte sich die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau dezidiert von Luthers Schriften zum Judentum. Ein Jahr später, im November 2015, schloss sich die Synode der EKD diesem Votum mit einer eigenen, nicht minder klar formulierten Stellungnahme an. Kein Luther betreffendes Thema fand, so scheint es, in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit. Zu fragen bleibt, was diese Publikationen bedeuten und bewirken.
Ziel der Arbeit in den Gedenkstätten und des Projekts mit den Stolpersteinen ist es, die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten, um zu verhindern, dass so etwas jemals wieder passiert. Ziel der Aktionen in der Lutherdekade und der Planungen für 2017 ist es, an Leben und Werk von Martin Luther und an die Leistungen des Protestantismus in den vergangenen 500 Jahren zu erinnern. Wie können diese beiden auf je verschiedene Weise außerordentlich wichtigen Erinnerungskulturen koexistieren, gar miteinander in eine konstruktive Verbindung gebracht werden? Genügt es zu sagen, Luthers Zeitgenossen hätten ebenfalls Juden abgelehnt, Luthers Antijudaismus sei also nicht der Erwähnung wert. Wie schwer wiegt das Argument, die protestantischen Fürsten hätten Luthers Ratschläge nicht befolgt, Luther hätte mit seinen antisemitischen Tiraden also nichts bewirkt, und für deren späteren Missbrauch durch die Nationalsozialisten könne er ohnehin nicht haftbar gemacht werden. Sollte betont werden, der junge Luther sei Juden gegenüber durchaus freundlich gewesen, hätte gar um deren Unterstützung geworben und erst der alte, verbitterte Luther hätte seine Meinung geändert, wo wir doch seit langem wissen, oder doch wissen könnten, dass der Antijudaismus ein durchgehender Zug der Lutherschen Theologie war. Solche Exkulpationsargumente sind offensichtlich nicht geeignet, denjenigen gerecht zu werden, die von den Nazis ermordet wurden. Sie sind auch ein Problem für die heute in der Politik und im Kulturleben Verantwortlichen, die den Holocaust für einen fundamentalen Zivilisationsbruch mit unabsehbaren nationalen und internationalen moralischen Folgen halten.
Im Hinblick auf das Fünfhundertjahrjubiläum bleibt somit, so schwierig das auf den ersten Blick auch scheinen mag, nur eine Möglichkeit, nämlich Diskussionen über Luthers Haltung zu den Juden sowie über den Antisemitismus in der protestantischen Tradition seit Luther in das Programm für 2017 aufzunehmen: Diskussionen über den historischen Zusammenhang von Protestantismus, Antijudaismus und Antisemitismus, über die Rolle der Protestanten bei Hitlers Machtergreifung und in Hitlers Gewaltherrschaft, speziell über protestantische Täter in Hitlers Vernichtungsmaschinerie, schließlich auch darüber, wie Protestanten nach 1945 mitwirkten, dass die Schuld erst mit großer Verzögerung aufgearbeitet wurde. Selbstverständlich sollten andere Position ebenfalls gezeigt werden. Entscheidend ist jedoch, wie man mit den für die protestantische Erinnerungskultur sperrigen, gar schmerzhaften Elementen auf dem schwierigen Weg hin zur Fünfhundertjahrfeier der Reformation 2017 umgeht.