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Fünf Jahre nach dem Erdbeben: Haiti zwischen Ernüchterung, Versagen und kleinen Aufbauerfolgen.

Lieber Freund! Nachdem ich zwei Jahre in deinem Land gelebt und zu verstehen versucht habe, was zum Teufel dort geschah, bin ich von einer Antwort weit entfernt. Noch immer kann ich mir nicht erklären, warum trotz der Milliarden von Dollar, die in diese kleine karibische Insel geflossen sind, das Leben dort immer noch eine unerträgliche Bürde ist, und das alles nur eineinhalb Flugstunden von Miami Beach entfernt.“ Diese - aus dem Off gesprochenen - Zeilen aus einem Briefwechsel zwischen einer amerikanischen Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation und dem haitianischen Regisseur Raoul Peck stellen gleich zu Beginn seines Films „Haiti: Tödliche Hilfe“ die bohrenden Fragen, die auch fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben nicht beantwortet sind.

220 000 oder - wer weiß das schon? - sogar 300 000 Haitianer starben in der großen Katastrophe am 12. Januar 2010. Ob eineinhalb oder zwei Millionen Menschen obdachlos wurden, da variieren die Angaben in den Medien ebenso wie bei der Zahl derer, die bis heute in Zelten und Lagern hausen. Sind es 30 000 oder 170 000? „Dazwischen“, antwortet Margit Wichelmann, die Haiti-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks „Adveniat“. Sie kennt das Land bereits seit mehr als zehn Jahren. Konnte man vor dem Beben schlicht jede Zahl behaupten, weil es gar keine brauchbaren Statistiken gab, so sind die aktuellen noch immer mit Vorsicht zu genießen. Noch vor zwei Jahren waren Hunderttausende zu sehen, die in Parks und auf Verkehrsinseln campierten. Touristen, Helfer und Politiker, die heute vom Flughafen ins Zentrum oder ins Regierungsviertel fahren, entdecken kaum noch ein Zelt. Für Margit Wichelmann handelt es sich eindeutig um „eine Prestige-Maßnahme“. Die Lager seien nur aus dem Blickfeld verschwunden. Sie bestätigt damit die zahlreichen Berichte, wonach die Regierung des 2011 gewählten Präsidenten Michel Martelly vielen Obdachlosen 400 bis 500 Dollar in die Hand gedrückt hatte, wenn sie bloß aus dem Stadtkern verschwänden.

„Corail“ und „Canaan“ heißen die bekanntesten neuen Elendsviertel, die auf einer Ebene einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt liegen. Benannt nach den kunstvoll gebauten Meeresriffen und dem verheißenen Land, in dem Milch und Honig fließen, reihen sie sich ein in die große Zahl von Slums, in denen Elend, Gewalt und Analphabetismus mit hoffnungsvollen Namen übertüncht werden. Vor dem Beben war das Sinnbild dieser Schönfärberei die „Cité Soleil“, die „Stadt der Sonne“. Gebaut in den siebziger Jahren, strandeten dort all die Menschen, die den Versprechen des einstigen Diktators Jean-Claude Duvalier (Baby Doc) vertraut hatten, dass sie in der Textilbranche Arbeit finden.

Elend hinter bunten Fassaden

„Wenn die Geschichte des Wiederaufbaus Haitis einmal geschrieben ist, wird sich die internationale Gemeinschaft hoffentlich entschuldigen“, zitiert der Film „Tödliche Hilfe“ aus dem Brief der ernüchterten amerikanischen Helferin. Peck zeigt, wie vollkommen überforderte Hilfsorganisationen die von ihnen von der Stange hingezimmerten, unzureichenden Hütten wieder nur kosmetisch mit etwas Farbe aufhübschen: ein Zimmer ohne Fenster, Wasseranschluss und Küche pro Familie. Wände und Dächer halten kaum dem Regen stand. Schutz vor der gnadenlosen Hitze bieten diese Brutkästen sowieso nicht. Auf vier Behausungen kommt eine Latrine. Ähnlich planlos hat der haitianische Staat Beton-Ruinen hinterlassen. Der fehlende Wasser- und Kanalisationsanschluss machte diese Bauten unbewohnbar. Die Menschen haben sich um diese - von Staat und Nichtregierungsorganisationen im besten Fall „gut gemeinten“ - Projekte ihre eigenen Hütten gebaut. Aus Pappe, Plastikplanen, Holz, Trümmern - eben mit den Mitteln, die sie fanden. Das Fehlen der Busverbindung in die Stadt nimmt den Menschen die Möglichkeit, dort zu arbeiten. In den Elendsquartieren selbst lässt sich nichts vermarkten. Auch an den Anbau von Nahrungsmitteln ist nicht zu denken. Entweder ist das Land von den vielen Behausungen der zahllosen Menschen belegt oder es fehlt fruchtbares Ackerland. „Die Bewohner haben also alle Nachteile des Stadtlebens und alle Nachteile des Landlebens. Sie fristen ein armseliges Leben. Manche beschreiben ihr Leben als noch schlechter als in den Zelten, wo sie wenigstens mit Nahrungsmitteln und Wasser versorgt wurden“, fasst Margit Wichelmann die aktuelle Situation zusammen. Allerdings haben die entstandenen Abhängigkeiten die Menschen lethargisch werden lassen, Eigeninitiative gebremst.

Dabei war alles ganz anders geplant. Das Beben sollte trotz all der Opfer und Schrecken für eines der ärmsten Länder der Welt die Chance zum Neubeginn sein. „Es schien ein Krieg gegen das Elend, eine Kriegserklärung gegen das jahrelange Scheitern der Entwicklungspolitik zu werden“, so Raoul Peck. Dank der weltweiten Betroffenheit und Spendenbereitschaft war plötzlich sehr viel Geld da. Präsident Martelly beklagte zwar erst kürzlich, dass nur ein Drittel der zwölf Milliarden Dollar, welche die internationale Gemeinschaft angekündigt hatte, auch wirklich in Haiti angekommen sei. Doch selbst mit dieser Summe müsste in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern bei einem Bruttoinlandsprodukt von gerade einmal achteinhalb Milliarden Dollar (2012) einiges zu bewegen sein. Zudem sollte die Hilfe der zahlreichen Staaten und Hilfsorganisationen durch die „Interim Haiti Recovery Commission“ (IHRC), also die Übergangskommission für den Wiederaufbau Haitis, koordiniert werden - prominent besetzt mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten und bekennenden Haiti-Freund Bill Clinton als zweitem Vorsitzenden neben dem haitianischen Ministerpräsidenten.

Glanzfotos statt Schutt räumen

Schonungslos zeigt Peck an vielen Beispielen, wie trotz aller guten Vorsätze und Bemühungen jeder nach seinen Interessen für sich seine Projekte vorantreibt. In der Hauptstadt Port-au-Prince müssten zunächst halb zusammengefallene Gebäude mit schwerem Gerät abgerissen und der Schutt weggeräumt werden. Doch so gut wie kein Staat und keine Nichtregierungsorganisation war bereit, dafür etwas zu bezahlen. Ohne Hochglanzfotos von glücklichen Familien vor ihrem neuen Zuhause oder von Schülern in ihren neu hergerichteten Klassenräumen lässt sich die Verwendung der Gelder vor den Spendern nicht rechtfertigen und lassen sich erst recht keine neuen Spender gewinnen. Schutt wegräumen, die Kanalisation von Schlamm befreien - diese Hilfe ist schlicht „nicht sexy genug“.

Massiv beschwerte sich bereits in den ersten Monaten nach dem Beben die haitianische Regierung darüber, dass sechzig Prozent der für Hilfe und Wiederaufbau verwendeten Gelder in die Geberländer zurückfließen. Achtzig Prozent der Projekte würden über ausländische Organisationen abgewickelt. Der Staat Haiti bliebe außen vor. Die betroffenen Menschen könnten nicht mitentscheiden. Die Wiederaufbaukommission wirkte schlicht überfordert, auf diese Vorwürfe zu antworten.

Bill Clintons Versprechen

Raoul Pecks Grundthese, dass die Hilfe vor allem ein großes Geschäft für die Geber war, wird durch eine Anfang Januar in der „Frankfurter Rundschau“ erschienene Reportage belegt. Danach hatte Bill Clinton noch aus seiner Zeit als UN-Sondergesandter für Haiti einen Plan für den Bau eines Industrieparks in der Schublade. Die Textilfabriken für bis zu 20 000 Arbeiterinnen, die im Akkord T-Shirts für den Weltmarkt nähen sollten, wurden jedoch nicht etwa in der zerstörten Hauptstadt oder deren Umgebung errichtet, sondern im Norden, wo man nach Auskunft des Bürgermeisters vom Beben „wirklich rein gar nichts“ gespürt hatte.

Doch damit nicht genug: „Wo heute der Industriepark steht, war vorher bestes Ackerland. 366 Kleinbauern bauten dort Kartoffeln an, Yuccas, Bohnen, Mais und Bananen.“ Wenn man bedenkt, dass fruchtbares Ackerland auf der Insel angesichts der Bevölkerungsdichte Mangelware ist, eine schlicht verantwortungslose Entscheidung.

Die Unternehmung ist auch nicht in die Hand haitianischer Bürger gelegt worden. Angesichts der verbreiteten Korruption fehlt das Vertrauen bei ausländischen Investoren und Politikern. Beauftragt wurde der südkoreanische Textilkonzern Sae-A?- „ein großer Spieler in einer schmutzigen Industrie“. Der FR zufolge stellte Haiti das Land zur Verfügung, die Interamerikanische Entwicklungsbank ließ für hundert Millionen Dollar Gebäude und Infrastruktur bauen, und die staatliche Entwicklungsagentur USAID steckte „weitere 124 Millionen Dollar in ein Kraftwerk, einen Hafen und die Gated Community (bewachter, geschlossener Wohnkomplex, d. Red.) für die koreanischen Manager“. Verzichtet wurde auf Umweltgutachten. Der Konzern muss fünfzehn Jahre lang keine Steuern zahlen, und die gerade einmal knapp 4000 Arbeiterinnen erhalten im Schnitt ein Drittel weniger als den geltenden Mindestlohn. Bill Clintons selbst formuliertes Ziel, sich für Programme einzusetzen, „die den Haitianern gehören und von ihnen geleitet werden, mit mehr Geld, das über haitianische Institutionen fließt“, hat er selbst verfehlt.

Die großen Hoffnungen auf allen Seiten nach dem Erdbeben und die große Ernüchterung, die sich seitdem eingestellt hat, lassen fragen, was verändert werden muss. „Dass lokale NGOs nicht gut eingebunden wurden, war ein Grundübel des Systems“, meint Max Sandner, der die Internationale Zusammenarbeit im Österreichischen Roten Kreuz leitet. In der Wiener Wochenzeitung „Die Furche“ erinnert er daran, dass direkt nach dem Beben alle Ministerien zerstört und siebzehn Prozent der Beamten ums Leben gekommen waren. „Es gab keine Leitungsebene, die die Hilfeleistungen koordinierte. In dieses Vakuum strömten 10 000 Nichtregierungs-Organisationen, viele davon amerikanische One-Man-Shows“. Sandner schlägt vor, die Opfer nicht einfach mit Warenpaketen zu versorgen, sondern ihnen direkt Bargeld oder Gutscheine zu geben. „Bei Spendern und in der Öffentlichkeit hat es lange eine gewisse Skepsis demgegenüber gegeben, aber wir arbeiten daran, dass das als sinnvolle Hilfeleistung gesehen wird … Man muss nicht mehr tonnenweise Material von einem Ort zum anderen karren, sondern kann Waren von dort verwenden. Das kurbelt die lokale Wirtschaft an. Und die Leute können sich aussuchen, wofür sie das Geld ausgeben. Das hat viel mit Würde zu tun.“

Margit Wichelmann ist jedoch skeptisch. Denn über Haitis Schicksal bestimmen einige wenige mächtige Familien. Die hochherrschaftlichen und längst wieder hergestellten Villen des Nobelviertels Pétionville, die neuen Regierungsgebäude, teuren Hotels und Supermärkte im Zentrum mit Preisen wie in Miami spiegeln dies anschaulich wider.

Seit der Unabhängigkeit vor mehr als zweihundert Jahren blieb der Staat schwach. Es fehlt jedes Vertrauen in die Politik, in die Funktionsfähigkeit von Demokratie. Es gibt keine plurale Parteienlandschaft, keine wirksame Opposition. Nur wenn es wieder einmal darum geht, den Präsidenten zu stürzen, kommt so etwas wie Einigkeit auf. „Macht zeigt man durch Blockade, nicht durch Ermöglichung“, fasst Margit Wichelmann die politischen Tendenzen zusammen. Die in großen Teilen kaum gebildete Bevölkerung ist mit dem Überlebenskampf beschäftigt. „Die Menschen können in dieser politischen, sozialen und gesellschaftlichen Situation gar keine Visionen von dem entwickeln, was man erreichen kann, wenn man sich zusammenschließt.“

Die vielen kleinen Erfolge

Das bedeutet: Den Menschen ist weder allein damit geholfen, dass Hilfsgüter ins Land gepumpt werden, wie es die internatio­nale Gemeinschaft versucht hat, noch ausschließlich damit, dass man dem haitianischen Staatsapparat mehr Mitsprache und Mitbestimmung einräumt, wie es Raoul Peck fordert, noch mit ausgezahltem Bargeld, wie es Max Sandner vorschlägt. Selbstvertrauen und daraus folgend Pläne für ein künftiges Zusammenleben entstehen in solch chaotischer Lage nur in kleinen Gemeinschaften, ob Genossenschaften oder kirchlichen Gemeinden, die ein Mindestmaß an Ordnung und Organisation herstellen. Die Kirche als einzig funktionierendes landesweites Netzwerk könnte wichtige Impulse geben, meint Margit Wichelmann.

War der Klerus zwischen den Anhängern des Diktators Duvalier und seinem Gegenspieler und späteren Präsidenten, dem ehemaligen Priester Jean-Bertrand Aristide gespalten, hat die katholische Kirche inzwischen doch mehr Einigkeit erreicht, um als Vermittlerin in Krisen zu wirken. Vor Ort sind die Kirchengemeinden die wichtigste Anlaufstelle. Hier schöpfen die Haitianer dank ihres tiefen Glaubens Kraft. Deshalb war es wichtig, dass die Menschen nach dem Beben auch möglichst schnell wieder Gottesdienst feiern konnten.

Um dieses Vertrauen zu nutzen, hat „Adveniat“ mit der haitianischen Bischofskonferenz einen Prozess zum Aufbau eines Bauingenieur-Büros angeschoben. Gemäß der Vorgabe „Wir wollen besser und erdbebensicher bauen“ werden Architekten und Baufirmen bereits während der Bautätigkeit von Fachleuten beraten und kontrolliert.

Margit Wichelmann verschweigt nicht, dass es drei Jahre dauerte, bis die Zusammenarbeit funktionierte. Der Grund: Wenn Ausländer beteiligt sind, stoßen Projekte und Initiativen schnell auf Widerstände - selbst wenn die Idee wie in diesem Fall aus einheimischen Reihen kam. Der Verdacht eines neuen Kolonialismus steht immer im Raum. Um das zu widerlegen, „braucht es viel Partnerarbeit, in Jahrzehnten gewachsenes Vertrauen und viel Zeit“.

Zeit fehlt jedoch den meisten Hilfsorganisationen angesichts der flüchtigen medialen Aufmerksamkeit und der Forderung nach schnellen Erfolgen vonseiten der Spender. Haiti, ein Land ohne Bodenschätze, ohne bedeutende Industrie und fast ohne Tourismus, tritt nur bei Katastrophen (welt)öffentlich in Erscheinung. „Wenn Haiti von der Landkarte verschwindet, würde das kaum jemand kratzen“, ist sich Margit Wichelmann sicher. Deshalb braucht es die vielen kleinen Dinge, die funktionieren, als wichtiges Zeichen auch für die Haitianer selbst.

Die „Furche“ berichtet von Wisler Dyorgène, der mit 400 Kollegen 420 000 vom Erdbeben betroffene Häuser begutachtet und 12 000 Menschen beim Bauen beraten hat. Oder von Sharlene Dubois, die einen Laden für Mobiltelefone gründete und heute zwanzig Angestellte hat. Oder von der Ärztin Germanite Phanord, die im Hochland eine Klinik gründete. Oder von Anne Marie Augustin, deren Netzwerk „Activeh“ Jugendliche bei ihrer Ausbildung begleitet. Oder von dem Schriftsteller Jean Euphèle Milcé, der einen Literaturclub in Port-au-Prince aufgebaut hat. Mit Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, werden Veränderungen zum Guten möglich.

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