BibelübersetzungWort Gottes in gerechter Sprache

Kübel von Spott und Hohn wurden über die „Bibel in gerechter Sprache" ausgegossen: „Wortsalat im Garten Eden" titelte der „Spiegel". Hat die neue Bibel auch gute Seiten? Eine neue Bibel auf dem Prüfstand.

Kübel von Spott und Hohn wurden über die „Bibel in gerechter Sprache" ausgegossen: „Wortsalat im Garten Eden" titelte der „Spiegel". Eine „theologische Bankrotterklärung" diagnostizierte der evangelische Theologe Ingo U.Dalferth in der „Neuen Zürcher Zeitung". „Bibel in selbstgerechter Sprache", wurde sie verballhornt. „Der Teufel bleibt männlich", notierte kühl der Neutestamentler Jens Schröter aus Leipzig. Hat die neue Bibel auch gute Seiten?

2400 Seiten ist sie stark. Ihre Vorbereitungszeit war lang, ihr Anspruch ist hoch: Nicht weniger als gerecht will sie sein - also wären alle anderen Bibelübersetzungen ungerecht? Das Projekt geht aus den Bibelarbeiten der evangelischen Kirchentage hervor. Von Margot Käßmann, jetzt Landesbischöfin in Hannover, seit vielen Jahren gefördert, soll es zwei Ziele gleichzeitig verfolgen: erstens die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Bibelübersetzung verwirklichen, zweitens der jüdisch-christlichen Verständigung dienen. Jetzt ist das Ergebnis in einem dicken Band Dünndruckpapier vereint. 797 kurze Anmerkungen sind beigegeben, fünfzig Seiten „Glossar" mit Erklärungen zu heiklen Übersetzungsfragen, zehn Seiten mit Sponsorenangaben - „Macht euch Freunde mit dem schnöden Mammon" (Lk 16,9).

Wer wollte gegen die Ziele etwas sagen? „Da gilt nicht Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, Mann oder Frau", schreibt Paulus im Blick auf die Taufe: „Alle seid ihr einer in Christus" (Gal 3,28). „Er ist unser Friede", heißt es im Epheserbrief (2,14) von Jesus Christus im Blick auf Juden wie Heiden und ihre gemeinsame Zukunft vor Gott. Nicht nur im evangelischen Raum werden beide Ziele verfolgt. Die päpstliche Bibelkommission hat in ihrer Studie 1993 über die „Interpretation der Bibel in der Kirche" wohlwollende Worte auch für die feministische Exegese gefunden und in ihrer gewichtigen Studie von 2001 „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift im Lichte der christlichen Bibel" einen Meilenstein in der Verständigungsarbeit gesetzt.

Mannsbilder

Beide Ziele zu erreichen, ist nicht leicht. Die „Patriarchen" sind biblische Figuren. Alle Autoren der Heiligen Schrift, soweit namentlich bekannt, sind Männer, wenngleich drei alttestamentliche Bücher - Rut, Judit und Ester - Frauennamen tragen. Im Neuen Testament lassen sich harsche Töne gegen „die Juden" hören. Es findet sich eine scharfe Tempel- und Gesetzeskritik. Manche meinen sogar, die Kirche wolle dem Neuen Testament zufolge Israel ersetzen oder verdrängen. Und die deutsche Sprache tut bisweilen ein übriges. „Der Geist" heißt es bei uns. Im Griechischen ist das Wort ein Neutrum (Pneuma), im Hebräischen an einigen Stellen ein Femininum (Ruah). Die ominöse Schlange ist auf deutsch weiblich, auf hebräisch und griechisch aber männlich. Wenn man nach der (alten) Einheitsübersetzung lesen muß, Petrus und Paulus seien „zwar" Juden, „aber" zum Glauben gelangt (Gal 2,15f), kommt man ins Grübeln - und kann im griechischen Text feststellen, daß der jüdische Völkerapostel gerade keinen Gegensatz, sondern einen Zusammenhang zwischen Judesein und Christusglaube herstellt: „Wir, die wir Juden sind, glauben."

Die 42 Frauen und 10 Männer, die bei der „Bibel in gerechter Sprache" Hand angelegt haben, wollen aber nicht nur im Übertragen darauf achten, den Ton der Bibel weiblicher und jüdischer als bei Luther, in der Zürcher Bibel oder in der Einheitsübersetzung klingen zu lassen. Sie wollen auch die verborgenen, verzerrten, verlorenen Stimmen von Frauen in der Bibel selbst zu Gehör bringen - mit dem überlieferten Bibeltext und notfalls auch gegen ihn. Sie wollen überdies der gesamten Bibel, dem Alten wie dem Neuen Testament, eine sprachliche Gestalt geben, die sie mit jüdischen Augen leichter lesbar macht.

Das entscheidet sich ihres Erachtens vor allem am Gottesnamen. „Adonaij" lesen und denken fromme Juden, wenn sie im Text auf den unaussprechlichen Gottesnamen JHWH stoßen. Die griechische Bibelübersetzung des Alten Testaments gab diese Stellen sinngemäß mit „Kyrios", „Herr", wieder, ohne allerdings sprachlich einholen zu können, daß das hebräische „Adonaij" nur einen einzigen „Herrn" meint: den einen Gott.

Die Übersetzungen markieren in der Regel diesen Unterschied: Wo im Hebräischen „JHWH" und im Griechischen „Kyrios", steht dort im Deutschen „Herr", während die andere große Gottesbezeichnung, das hebräische „Elohim", im Griechischen mit „Theos", im Deutschen mit „Gott" wiedergegeben wird. Die (alte) Einheitsübersetzung hat allerdings an gar nicht so wenigen Stellen „Jahwe" - was nur die Bibelprofis verstehen und bei Juden auf Vorbehalte stoßen muß. In der Lutherbibel hingegen steht durchweg „Herr", in manchen Ausgaben eigens im Druckbild hervorgehoben: „HErr". Das löst zwar die Probleme in der jüdisch-christlichen Theologie. Aber wird dadurch nicht noch mehr der Eindruck erweckt, Gott sei ein Mannsbild?

Abba, Vater, „Du, Gott", „die Heilige"

Die „Bibel in gerechter Sprache" entwickelt beim Gottesnamen besonderen Ehrgeiz. Wo von Gott die Rede ist - nicht nur, wo JHWH geschrieben steht -, findet sich meist ein grau unterlegtes Feld mit einem Wort aus einer Liste, die als Kolumnentitel oben über die Seiten läuft und unabhängig davon, was im Bibeltext steht, zum freien Austausch einlädt: „Adonaij", „Gott", „ha Makom" („der Ort"), „ha Schem" („der Name"), „der/die Ewige", „der/die Heilige", „Du", „Er"/„Sie", „der/die Eine" und anderes mehr. Auch das Neue Testament wird einbezogen, obwohl sich das Tetragramm „JHWH" an keiner einzigen Stelle findet und in allen alttestamentlichen Schriftzitaten „Kyrios", „Herr", steht. Mehr noch: Jesus nennt Gott „Vater", und er will, daß Gottes Name geheiligt werde.

„Vater" ist ein Bildwort. Aber dieses Bild macht das Wesen Gottes sichtbar. Er ist nicht nur wie ein Vater, er ist der Vater, und zwar, wenn man den Wortlaut der Evangelien ernstnimmt, zuerst der Vater Jesu, „des Sohnes", und deshalb der, zu dem, wie Paulus überliefert, alle Glaubenden in der Muttersprache Jesu „Abba" rufen können. Die „Bibel in gerechter Sprache" unterläuft diese Theologie und Christologie ganz gezielt. „Du, Gott", heißt es statt „Vater" (nach Lk 11,2). „Du Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel", heißt es nach der Parallelstelle bei Matthäus (6,9) - auch die allermeisten Frauen werden lieber beim „Vaterunser" bleiben.

Und die Taufe im Jordan? „Du bist mein geliebtes Kind, über dich freue ich mich", soll die Himmelsstimme angeblich gesagt haben (nach Mk 1,11), so als ob eine nette Geburtsanzeige aufgegeben würde und nicht das Fanal für die Mission des Messias ertönte. Daß im ersten Teil Psalm 2,7 zitiert und damit der jüdische Horizont der neutestamentlichen Christologie aufgespannt wird („Du bist mein geliebter Sohn"), geht verloren, denn in der alttestamentlichen Stelle muß man lesen: „Sie (soll heißen: Gott - „die Heilige") sprach zu mir: „Mein bist du. Ich habe dich heute geboren." Und daß Markus in der Tauferzählung die „starke" Königs-Christologie durch die „schwache" Christologie des Gottesknechts bricht („An dir habe ich Gefallen gefunden"), kann kein Mensch ahnen, weil die alttestamentliche Bezugsstelle, das erste Gottesknechts-Lied (Jes 42,1f; wiedergegeben als: „An dieser Person halte ich fest, sie habe ich erwählt, an ihr habe ich Gefallen gefunden"), verdeckt wird. Markus 1,11 hängt in der Luft. Selbst am Rande wird nicht auf das Alte Testament verwiesen. Das soll dem Judentum gerecht werden?

Unter dem Vorzeichen der Geschlechtergerechtigkeit werden tiefgreifende, durch nichts gerechtfertigte theologische Entscheidungen getroffen, die auf eine Nivellierung der Christologie hinauslaufen - so als ob für Frauen und für das Gespräch mit Juden dadurch irgendetwas zu gewinnen wäre.

Ein Politikum

Die „Bibel in gerechter Sprache" ist ein Politikum. Ein Großteil auch der katholischen Alt- und Neutestamentlerinnen, vor allem jüngere, hat sich beteiligt. Die Verkaufszahlen sind nicht schlecht. Es gibt sehr viele Frauen, die sich fragen, ob es wirklich nötig ist, daß sie Jahr für Jahr am Familiensonntag mit dem Kolosserbrief zum Gehorsam gegenüber ihren Männern aufgefordert werden, so als ob die Bibel nichts anderes zum Thema anzubieten hätte. Daß ein angesehener Kirchenpräsident, Peter Steinacker von Hessen und Nassau, sei es, um eine „gute Sache" zu fördern, sei es, um Schlimmeres zu verhindern, sich an die Spitze des Beirates stellt und einige Kirchensteuermittel in das Projekt gesteckt hat, ist ein unübersehbares Zeichen.

Sicher kann es nicht darum gehen, die Lutherbibel zu verdrängen, eher schon darum, die Einheitsübersetzung noch weiter zur Seite zu schieben. Vor allem geht es darum, einer wichtigen Interessensgruppe ein Forum zu geben.

Das eigentliche Politikum aber ist der Umgang mit der Heiligen Schrift. Das alte Buch bekommt ein neues Gewand; es ist ein Alltagskleid. Durch die „Bibel in gerechter Sprache" weht der heiße Atem des Reformeifers. Die Reformation ist weniger wichtig. Ökumenische Fragen spielen, obwohl Katholikinnen mitgewirkt haben, keine Rolle. Wie frühere Generationen die Bibel gelesen haben, interessiert nur am Rande. Sogar eine ganz neue Komposition der Bibel - wie es sie noch nie gab - wird erfunden: Im Alten Testament folgt man nicht der uralten christlichen, auch in der Septuaginta, der jüdischen Übersetzung ins Griechische, bezeugten Ordnung, erst das Gesetz, dann die Geschichtsbücher, darauf die Weisheitsschriften samt Psalter und danach die Propheten zu stellen, wodurch das ganze Buch geöffnet sein soll für das kommende Reich Gottes. Statt dessen folgt man zwar einerseits der im späteren Judentum normativ gewordenen Ordnung Tora - Propheten - Schriften, obwohl dies dazu angetan ist, gerade nicht einem „Alten" ein „Neues Testament" folgen zu lassen. Andererseits aber bricht man mit dieser Ordnung, wenn man die vom Judentum später verworfenen, von der Alten Kirche aber geschätzten „Apokryphen" als „Deuterokanonische Schriften" zwischen die Testamente stellt. So hatte es Luther gehalten (der sie allerdings auf die Propheten folgen ließ).

Im Neuen Testament wiederum orientiert man sich nicht an der lutherischen Ordnung, den Hebräer-, Jakobus und Judasbrief vor die Apokalypse ans Ende zu verbannen (weil sie angeblich etwas weniger „Christum treiben"), sondern an der altkirchlichen und katholischen Reihenfolge: Hebräer, Jakobus, Petrus, Johannes, Judas. Das alles paßt hinten und vorne nicht. Die „Bibel in gerechter Sprache" kann man nicht als ein Buch von hinten nach vorne lesen - auch deshalb nicht, weil die Abfolge der Bücher zusammengeschustert ist.

Wem wird die Bibel gerecht?

Im Alten und im Neuen Testament finden sich strenge Regeln, dem Text der Bibel nichts hinzuzufügen und ihm nichts wegzunehmen (Dtn 4,2; 13,1; Offb 22,18). Es darf „nicht der kleinste Buchstabe und ein einziges Häkchen vergehen", liest man im Matthäusevangelium (5,18). Kann sich die neue Übersetzung, die genau so formuliert, von dem Vorwurf freisprechen, gegen diesen Grundsatz noch und noch verstoßen zu haben?

Männer und Frauen haben, wenn sie die Bibel lesen, Anspruch auf verläßliche Übertragungen und auf gutes Deutsch. Das wird ihnen durchaus in einigen Büchern geboten: besonders von Jürgen Ebach (Bochum) in seiner Übertragung der Josefsgeschichte und des Hiobbuches, auch von Ruth Scoralick (Luzern) beim Weisheitsbuch. Es gibt weitere Beispiele. Aber weithin liest sich die neue Bibel, als sei sie im exegetischen Gleichstellungsbüro geschrieben worden: So hölzern, so trocken, so umständlich und korrekt ist sie wohl noch nie dahergekommen. Farbe bringt ein Meer von Stilblüten ins Bild: „Dann schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen" (Gen 1,27). „Dann formte Adonaij, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hat, zu einer Frau um und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens" (Gen 2,22). „Und obwohl die beiden nichts anhatten, der Mensch als Mann und seine Frau, schämten sie sich nicht. Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes" (Gen 2,25; 3,1) - für all das und noch viel mehr allein auf den ersten Seiten der Bibel muß Frank Crüsemann aus Bielefeld die Verantwortung tragen.>/p>

Schlechte Sprache ist Ausdruck schlechter Theologie. Daß von der „Bibel in gerechter Sprache" Pharisäerinnen erfunden werden, ist historischer Unfug, wenngleich geradezu anrührend, da ja die Pharisäerkritik Jesu dann auch auf Frauen gemünzt wäre. Aber was, um Himmels willen, hat es mit Freundlichkeit gegen Juden und Gerechtigkeit für Frauen zu tun, wenn aus dem „Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14) gemacht wird: „Und die Weisheit wurde Materie"? Was, wenn der Heilige Geist - bloß, weil er im Deutschen den männlichen Artikel fordert - durchgängig zur „Geisteskraft" wird? Muß die Allergie gegen die jesuanische Verkündigung Gottes als Vater so groß sein, daß Jesus (nach Joh 14,28) gesagt haben soll: „Gott ist größer als ich" statt: „Der Vater ist größer als ich"? Wenn man solche Übersetzungen häretisch nennt, werden manche das als Adelsprädikat verstehen. Aber muß man die große Lesegemeinde der Bibel dieser Obsession ausliefern? Kann man nicht einfach beim biblischen Text bleiben? Dem man doch, so die Selbstempfehlung des Vorworts, in erster Linie gerecht werden wollte?

Klarheit

Den erstrebten Gerechtigkeitsgewinnen im Verhältnis der Geschlechter und der Christen zu den Juden wird vieles geopfert: die Schönheit der Sprache, die Klarheit der Theologie, auch die Einzigkeit Gottes. Sind die austauschbaren Gottesnamen am Ende nicht doch nur Spielerei? Für wen ist es nicht zwiespältig, wenn Erhard Gerstenberger (Marburg) beim Siegeslied am Schilfmeer Mirjam in den Mund legt: „Gott, ich ehre ihn, Gottheit der Ahnen, ich halte sie hoch. Er ist ein Krieger, sein Name ist Sie" (Ex 15,2f)? Daß in einer - mehrheitlich - protestantischen Bibel nicht mehr vom Glauben, sondern nur vom „Vertrauen" die Rede ist, als ob es eines Bekenntnisses nicht bedürfte - was hat das mit Frauenförderung und christlicher Versöhnungsarbeit zu tun? Oder Römerbrief 3,28: Luther übersetzte den Kernsatz der Rechtfertigungslehre (leicht überzogen): „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Claudia Janssen (Marburg) gibt ihn so wieder: „Nach reiflicher Überlegung kommen wir zu dem Schluß, daß Menschen aufgrund von Vertrauen gerecht gesprochen werden - ohne daß schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert." Wie erklärt sich das? Führt denn der Glaube nicht zur Erfüllung des Gesetzes? Ist denn das Problem, das Paulus mit der Rechtfertigungslehre anspricht, nur das einer schlechten Leistungsbilanz?

Jede Übersetzung ist Interpretation. Aber es muß Gewaltenteilung herrschen. Neben verständlichem Deutsch gibt es nur ein wesentliches Merkmal für eine gute Übersetzung: Texttreue. Es ist eine Bevormundung der Leserschaft, wenn die Interpretationsspielräume, die jeder Text eröffnet, durch gezielte, tendenziöse Eintragungen beschnitten, gar umgepolt werden. Den Bibeltext nachträglich „verbessern" zu wollen, ist ein Unding. Sollte man dann nicht lieber gleich eine neue Bibel schreiben?

Aber sensibler als die großen Bibelübersetzungen und Lektionare könnte man durchaus sein. Das inflationäre „Brüder" in den Anreden neutestamentlicher gottesdienstlicher Lesungen, weitestgehend ohne Anhalt am Text und erst in den letzten Jahren eingeführt, sollte eher heute als morgen verschwinden. Die Vorliebe des Lektionars für frauenfeindlich wirkende Abschnitte (kein Brieftext soll häufiger gelesen werden als die Haustafel des Kolosserbriefes) muß beseitigt werden. Die vielen „Jahwes" der Einheitsübersetzung - muß man sie wirklich beibehalten? Die Häufung männlicher Relativpronomen, für die vor allem die Einheitsübersetzung berüchtigt ist, dient nicht wirklich zur besseren Verständlichkeit. Zum Beispiel: „Wer glaubt, der braucht nicht zu fliehen", heißt im Jesajabuch (28,16) bislang in der Einheitsübersetzung - eine Stelle von hunderten.

Prüft alles!

„Prüft alles, behaltet das Gute!", rät Paulus den Thessalonichern (1Thess 5,23) - auch nach der „Bibel in gerechter Sprache". Manche Offiziellen reden sich jetzt darauf hinaus und fallen damit dem Übersetzungs-Team in den Rücken. Was wird von der neuen Bibel bleiben, wenn der paulinische Rat beherzigt wird? Wird sie der Kulttext von Frauengruppen werden - und das Alibi von Männern mit schlechtem Gewissen? Wird sie die Gemeinden spalten? Wird sie eine neue Debatte über gutes Deutsch, gute Bibeln, gute Übersetzungen anstoßen? Oder wird die Zeit schnell über sie hinweggehen?

Die Kritik an der „Bibel in gerechter Sprache" muß hart, aber sie darf nicht selbstgerecht sein. Diese Bibel ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Symptom einer Krise. Die Krise besteht nicht nur im mangelnden Sinn für Zusammenhänge, in der Abwendung von zwei Jahrtausenden christlicher Interpretationsgeschichte, in der Gleichgültigkeit gegenüber sprachlicher Schönheit, in der Verwirrung theologischer Grundeinsichten. All das ist schlimm genug. Aber man wird sich auch fragen müssen, weshalb so viele junge Bibelwissenschaftlerinnen mitgewirkt haben. Und warum diese Bibel so viel Interesse findet. Ist sie nur ein Triumph von political correctness? Ist sie nicht auch eine Anfrage an die klassischen Bibelübersetzungen? Es gibt Anlaß, diese auf den Prüfstand zu stellen: wie sie die Einheit der beiden Testamente sehen und ihre Unterschiede herausarbeiten; wie sie den jüdisch-christlichen Dialog fördern; wie sie darauf achten, daß immer schon viel mehr Frauen als Männer die Bibel gelesen haben.

Die Frage, was eine gute Bibelübersetzung heute leisten kann und soll, lohnt eine breite Diskussion. Nach dem Ausstieg der evangelischen Kirche aus der Einheitsübersetzung werden die Karten neu gemischt. Die „Bibel in gerechter Sprache" zeigt, was auf dem Spiel steht.

„Bibel in gerechter Sprache", hg. von Ulrike Bail, Frank und Marlene Crüsemann u.a. (Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006, 2400 S., 24,95 EUR).

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