Spekulationen über eine Tatsache oder eine Sache der Tat?Aufstehen und Auferstehung

In der theologischen Diskussion geht es häufig um die Frage, wie wir die Auferstehung Jesu verstehen sollen, ob wir die Auferstehung wörtlich nehmen sollen oder nicht. Doch das sind theoretische Diskussionen. Für die Jünger Jesu war die Auferstehung Jesu eine Erfahrung, die ihr Leben völlig umgewandelt hat.

Die Auferstehung Jesu hat den Jüngern Jesu die Gewissheit gegeben, dass der am Kreuz gestorbene Jesus lebt und dass er von Gott bestätigt wurde als Herr, dass er zur Rechten Gottes erhöht wurde. Und die Auferstehung gab den Jüngern den Mut, nun selbst aufzustehen aus ihrer Lethargie und in die Welt zu ziehen, um die Botschaft Jesu weiterzutragen. 

Jesus ist vom Tode auferstanden. Die Bibel spricht dabei weniger von Auferstehung als von Auferweckung. Gott hat seinen Sohn von den Toten auferweckt. Und die Auferstehung Jesu ist für uns die Garantie, dass auch wir nicht im Tod bleiben werden, sondern auferstehen werden am jüngsten Tag. Dabei ist der jüngste Tag für jeden Einzelnen der Tag des Todes. Da ist für uns die Welt zu Ende. Da ist der letzte Tag. 

Auferstehung mit Leib und Seele 

Die Auferstehung von den Toten als die zentrale Botschaft des Christentums ist nicht einfach nur die Bestätigung der platonischen Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Vielmehr werden wir mit Leib und Seele auferstehen. Natürlich wird dieser Leib verwesen. Aber - so sagt Karl Rahner im Anschluss an die Philosophie des Thomas von Aquin - wenn im Tod sich die Seele vom Leib trennt, dann bleibt sie nicht leiblos. Sie wird sich wieder einen Leib formen, sich im Leib ausdrücken. Der Leib ist der Gedächtnisspeicher der Seele. Alle tiefen Erfahrungen gehen über den Leib: die Liebe, die Freude, der Schmerz. Die Person drückt sich im Leib aus. Mit Leib und Seele auferstehen meint, dass die Seele nicht einfach aufgeht im göttlichen Meer, sondern dass wir als einzelne Person mit der Essenz unseres Lebens zu Gott kommen werden. Papst Benedikt hat die platonische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und die christliche Botschaft von der Auferstehung der Toten zusammen gesehen. Es braucht eine Kontinuität im Menschen, dass er nach dem Tod zu Gott kommt. Doch die Auferstehung meint ein personales Geschehen: Wir werden nicht aus der Liebe Gottes herausfallen. Gabriel Marcel sagt einmal: „Lieben, das heißt zum andern sagen: Du, Du wirst nicht sterben." Auferstehung von den Toten heißt letztlich, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass wir im Tod nicht von der Liebe Gottes getrennt werden, aber auch nicht von der Liebe zu den Menschen, die wir hier auf Erden geliebt haben. 

Auferstehung von den Toten als Einladung zum Leben 

Weil wir im Tod nicht einfach das Aus erwarten, sondern die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht, können wir uns ganz dem Augenblick zuwenden. Auch wenn die Auferstehungshoffnung eine jenseitige Hoffnung ist, lädt sie uns doch ein, ganz im Diesseits zu leben. Wir müssen uns nicht krampfhaft an allem festhalten, was wir hier auf Erden tun, weder am Besitz, noch an Menschen, noch an unserem Werk. Wir gestalten diese Welt mit voller Kraft mit. Aber wir wissen, dass es nicht allein auf das ankommt, was uns hier gelingt oder misslingt, sondern dass die jenseitige Hoffnung alles, was wir hier tun, nicht entwertet, aber relativiert. 

C.G. Jung hat als Psychologe die Leben bejahende und Leben fördernde Wirkung der christlichen Auferstehungshoffnung bestätigt. Er meint, ab der Lebensmitte bleibe nur der lebendig, der bereit ist zu sterben. Die Bereitschaft, zu sterben, sein Werk und letztlich das Ego loszulassen, braucht jedoch die Hoffnung, dass im Tod nicht alles aus ist. Jung meint, er könne als Psychologe nicht sagen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht. Aber als Psychologe weiß er um die Weisheit der Seele. Und die Weisheit der Seele sagt, dass im Tod nicht alles aus ist, sondern dass unsere tiefste Sehnsucht erfüllt wird. Wer sich gegen die Weisheit der Seele auflehnt und meint, er könne ein Leben nach dem Tod mit rationalen Argumenten verneinen, der lebt gegen seine eigene Wahrheit. Das führt nach Jung zur Rastlosigkeit und letztlich zu neurotischem Sich-Festklammern am Vordergründigen. Daher traut er der Weisheit der Seele. Das lässt ihn hier auf gute und gesunde Weise leben. 

Auferstehung hier und jetzt 

Wenn wir Ostern feiern, dann feiern wir nicht nur unsere Hoffnung auf die Auferstehung, die uns im Tod erwartet. Wir feiern vielmehr die Auferstehung Jesu als Einladung, dass wir hier und jetzt aufstehen. Ein Fest feiert man nur, wenn man davon leben kann. Ostern will uns einladen, jetzt aufzustehen. Dabei hat die Kirche an Ostern immer schon die Auferstehung Jesu als Erfüllung all dessen gesehen, was die Juden am Paschafest gefeiert haben - den Auszug aus dem Land der Gefangenschaft in das Land der Freiheit - und was die Völker vor ihnen als Frühlingsfest begangen haben - das Aufblühen des Lebens aus allem Erstarrten. All das geht in das Geheimnis von Ostern ein. Wir feiern Ostern, um auszubrechen aus innerer Gefangenschaft, um uns auf den Weg in die Freiheit zu machen und es zu wagen, ganz wir selbst zu sein. Und wir feiern Ostern, um dem Leben zu trauen, das alles Erstarrte in uns aufbricht, um neu in uns aufzublühen. 

Die Auferstehungsgeschichte nach Matthäus 

Die biblischen Auferstehungsgeschichten zeigen uns an der Auferstehung Jesu, was für uns Auferstehung hier und jetzt bedeutet. Ich möchte mich beschränken auf die Auferstehungserzählung bei Matthäus. Er schildert das Geschehen der Auferstehung als ein Geschehen, das die Frauen erleben, die gekommen sind, um die ganze Nacht am Grab zu wachen und zu meditieren. Sie wollten am Ende des Sabbats - noch in der Abenddämmerung, wie es im grie- chischen Text genauer heißt - am Grab meditieren, um das Geheimnis Jesu zu bedenken, um innerlich zu verspüren, wer dieser Jesus für sie sei und was er ihnen bedeutet. Doch „plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee. Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden." (Mt 28,2-4) Auferstehung bringt etwas in Bewegung in unserem Leben. Es entsteht ein Erdbeben. Die Grundfesten unseres Lebens werden erschüttert. Das Alte und Vertraute wird aufgebrochen. Der Engel leuchtet auf. Auferstehung hat seit jeher etwas mit dem Licht zu tun. Die frühe Kirche sah jeden Morgen den Aufgang der Sonne als Bild für die Auferstehung Jesu, die alle Finsternis in uns und um uns herum besiegt. 

Der Engel wälzt den Stein vom Grab weg. Das ist ein Symbol für unser Leben. Auferstehung heißt, dass ein Engel den Stein von uns nimmt, der uns blockiert, der uns am Leben hindert. Es kann ein Stein sein, der uns hemmt, aus uns heraus zu gehen, weil wir zu wenig Selbstvertrauen haben. Es kann ein Stein sein, der schwer als Last auf unserem Herzen liegt, der Stein einer Depression oder der Stein von Schuld, der auf uns lastet. Auferstehung heißt, dass wir befreit werden von diesem Stein, der uns den Zugang zum Leben verschließt. So können wir aufstehen aus dem Grab unserer Angst und unserer Dunkelheit, aus dem Grab unserer Resignation und unseres Selbstmitleids. Auferstehung hat etwas mit Aufstehen zu tun. Ich kenne viele Menschen, die lieber im Grab ihres Selbstmitleids liegen bleiben oder im Grab ihrer Enttäuschung. Sie bedauern sich selbst, dass ihr Leben nicht gelingt, dass sie benachteiligt sind, dass alles so schwer ist. Die Auferstehung Jesu feiern heißt: aufstehen aus dem Grab, aufhören mit dem Jammern, den Mut finden, heraus zu treten und sich dem Leben zu stellen. 

Auferstehen und einen Aufstand wagen 

Das deutsche Wort aufstehen hat auch mit Aufstand zu tun. Auferstehung heißt: einen Aufstand wagen gegen alles, was das Leben behindert, aufzustehen gegen Tendenzen in unserer Gesellschaft, die das Leben der Menschen einengen und bedrohen. Wir sollen aber auch aufstehen gegen all die inneren Stimmen unserer Seele, die uns vom Leben abhalten. Bei Matthäus fallen die Wächter, die das Grab bewachen, wie tot zu Boden. Die Wächter sind ein Bild für die inneren Stimmen des Über-Ichs, die uns ständig vorsagen, dass alles beim Alten bleiben muss, dass wir nicht viel vom Leben zu erwarten haben, dass wir es nicht wagen sollten, unsere eigenen Vorstellungen vom Leben zu machen. Wir werden schon sehen, wohin wir kommen, wenn wir alles über Bord werfen, was uns die Eltern gesagt haben, wenn wir die inneren Normen verlassen. Wir haben in uns oft solche Stimmen, die nicht an unserem Leben interessiert sind, sondern die uns im Grab festhalten wollen, in dem engen Korsett, in das wir von ängstlichen Stimmen oder von uns beschuldigenden Stimmen hinein gezwängt worden sind. 

Auferstehung im Alltag leben 

Matthäus fährt in seiner Erzählung fort: „Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen." (Mt 28,5-7) Die Auferstehungsbotschaft spricht unsere Angst vor dem Tod an. Ob wir wollen oder nicht, die Todesangst ist tief in jede menschliche Seele hinein geschrieben. Die moderne Psychologie sagt uns, dass ein Heilungsprozess in der Therapie nicht wirklich gelingt, wenn wir uns nicht der Todesangst stellen. Die Botschaft von der Auferstehung nimmt uns nicht alle Angst, aber sie verwandelt sie in die Hoffnung, dass wir nicht ins Dunkel hinein sterben, sondern in das Licht, das im Engel mitten im Grab aufleuchtet. Der Engel lädt die Frauen ein, das leere Grab anzuschauen, das Geheimnis der Auferstehung zu meditieren. Aber dann schickt er sie zu seinen Jüngern. Sie sollen ihnen die Botschaft von der Auferstehung verkünden. Der Auferstandene wird ihnen nach Galiläa vorausgehen. Dort werden ihn die Jünger sehen. 

Galiläa war das Mischland, in dem Heiden und Juden zusammen wohnten. Daher galt es den frommen Juden oft als Gräuel. Und Galiläa steht für die Heimat der Jünger, für den Ort, an dem sie ihrem Beruf nachgingen. So heißt die Auferstehungsbotschaft für uns: dort, wo wir im Alltag leben, dort, wo bei uns Angst und Vertrauen, Zweifel und Glauben, Schwäche und Kraft, Fallen und Aufstehen vermischt ist, dort, wo Heidnisches und Christliches in uns gemischt sind, dort werden wir dem Auferstandenen begegnen, dort werden wir ihn sehen. Mitten in unserem Alltag gilt es, Auferstehungserfahrungen zu machen, immer wieder neu zu erkennen, dass der Auferstandene neben uns steht, bei unserer Arbeit, bei unseren Gesprächen, bei unseren Mahlzeiten und dort, wo wir alleine für uns sind. Wenn wir das glauben, dann wird unser Alltag verwandelt, dann wird die Auferstehung unser Leben prägen. Wir werden dann mitten im Gespräch wagen, das zu sagen, was wir in unserem Herzen schon längst sagen wollten. Wir werden den Mut finden, auf einen anderen zuzugehen und ihn anzusprechen. Wir werden Auferstehung erfahren, wenn wir aus unserer Angst aufstehen, wenn wir die Fesseln unserer Zwänge mal hinter uns lassen und aufstehen aus dem Grab unseres Kreisens um uns selbst und um das, was die andern von uns denken. Auferstehung will mitten im Alltag eingeübt werden. Es ist aber nicht unsere Leistung, sondern die Antwort auf den Auferstandenen, der uns nach der Botschaft des Engels mitten im Alltag, mitten im Mischland unseres alltäglichen Lebens begegnen und unser Leben verwandeln möchte. 

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