Eschatologie

Der Begriff Eschatologie stammt aus dem Griechischen und bezeichnet die "Lehre vom Letzten".

Ein Regenbogen steht über einem Friedhof.
Der Bund Gottes mit den Menschen endet nicht mit dem Tod.© Pixabay

Begriff und Traktat

Ausgehend von der biblischen Mahnung, bei allem Tun das Letzte (griech. "ta es-chata") zu bedenken (Sir 7, 36), wurde im 17. Jahrhundert der Begriff Eschatologie für das Lehrstück der Dogmatik geprägt, das auch "Lehre von den Letzten Dingen" hieß und das sich mit der Zukunft und der Vollendung der einzelnen Menschen und der Schöpfung im ganzen befasst. In diesem Sinn spricht auch die Religionsgeschichte von Eschatologie. In der soziologischen, politologischen und philosophischen Futurologie wird der Begriff Eschatologie gelegentlich ebenfalls verwendet; er meint dann die Erforschung der wissenschaftlich prognostizierbaren Möglichkeiten der Geschichte, ohne eine Vollendung in Betracht zu ziehen. In den Glaubensbekenntnissen wird die christliche Erwartungs- und Hoffnungshaltung ausgesprochen im Hinblick auf das (Wieder-)Kommen Jesu als Richter über Lebende und Tote (Parusie), auf die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben. In der alten Kirche wurden die einzelnen biblischen Aussagen, außer denen über die genannten Themen auch diejenigen über Tod, Himmel, Hölle, Seele, Leib, Ewigkeit und die über das katastrophische Ende der Welt eingehend, aber isoliert behandelt.

Einige wenige Theologen brachten ihre geschichtstheologischen Überlegungen in eine systematische Gestalt (Irenäus von Lyon † um 202: Anakephalaiosis; Origenes † 253: Origenismus; Augustinus †430: Augustinismus). Da die biblischen Zeugnisse vielfach als relativ dürftig empfunden wurden, fanden außerbiblische Texte über Jenseitsreisen und Visionen große Aufmerksamkeit. Die Beschäftigung mit den Einzelthemen der Eschatologie geschah im Horizont des als selbstverständlich hingenommenen antiken Weltbildes, das mit dem "Himmel" oben als der Wohnstätte Gottes und dem Versammlungsraum der Seligen sowie mit der Unterwelt als der unterirdischen Strafhölle rechnete. Diese "Jenseitsgeographie" erleichterte die Auffassung, die Zukunft bestehe aus letzten "Dingen". Die biblische Naherwartung verband sich mit der bei Kirchenvätern geläufigen Theorie, der Kosmos sei alt und erschöpft und stehe deshalb vor seinem Ende, eine Meinung, die Weltflucht und -verachtung begünstigte und dazu beitrug, dass die Geschichte nur als Ort der Prüfung und Bewährung, um in den Himmel zu kommen, aufgefasst wurde. Die mittelalterliche Theologie kam über die Sammlung und Kommentierung biblischer Einzelthemen zur Eschatologie kaum hinaus. Kirchenamtliche Stellungnahmen betrafen den Chiliasmus und das Schicksal der menschlichen Seele sofort nach ihrem Tod. Eine katholische Sonderlehre wurde beim Thema des Fegfeuers entwickelt.

Auch die Theologie der Reformatoren fand noch nicht zu einem systematischen Traktat der Eschatologie. Die Anfänge eines solchen finden sich in der evangelischen Theologie bei Friedrich Schleiermacher († 1834), in der katholischen Theologie vor allem in der Tübinger Schule des 19. Jahrhundert, wobei die Einflüsse Georg Wilhelm Friedrich Hegels († 1831) mit seinem Bedenken des zielgerichteten Geschichtsprozesses und seiner Vollendung nicht zu verkennen sind; von da an wurde das Zentralthema Jesu, die Herrschaft Gottes, das durch Jahrhunderte von der Himmelssehnsucht verdrängt worden war, wieder theologisch relevant. Allerdings blieb der Traktat "De novissimis" (über die letzten Dinge) in der katholischen neuscholastischen Eschatologie bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhundert eine jenseitsorientierte Sammlung einzelner Lehrstücke, bei der Bibeltexte als Informationsmaterial benützt wurden.  

Erneuerung der Eschatologie

Entscheidende Veränderungen der katholischen Eschatologie sind Hans Urs von Balthasar († 1988) und Karl Rahner († 1984) zu verdanken. Bei den Bibeltexten unterschied von Balthasar zwei nicht miteinander vereinbare Aussagereihen, die mit Drohungen einer ewigen Verwerfung arbeitende und die Hoffnung stiftende. Dementsprechend teilte sich für ihn die Eschatologie in eine solche der Hoffenden (mit Origenes als großem Impulsgeber) un. in eine solche der Wissenden (angeführt von Augustinus). In seiner Geschichtstheologie kam von Balthasar, christologisch u. soteriologisch begründet, einer Apokatastasis sehr nahe. Die Redeweise von den "letzten Dingen" wollte er verändert sehen in das Bedenken der "letzten Begegnungen", nämlich mit dem erbarmungsvoll richtenden, läuternden und rettenden Gott. Rahner verwies auf die Notwendigkeit einer Hermeneutik biblisch-eschatologischer Aussagen, bei denen es sich nicht um vorausschauende Reportagen des noch ausständigen Kommenden handle, sondern um Ansagen der "je jetzt" gegebenen Situation und der in ihnen liegenden, auf die Zukunft gerichteten Möglichkeiten. Die humanisierende Arbeit an der innerweltlichen Zukunft wird, im Zeichen der Einheit von Gottes- und Menschenliebe, als eigentlich religiöse Aufgabe verstanden, bei der in der fortschreitenden Befreiung (Emanzipation) von Menschen eine glaubend-hoffende Offenheit für das Ankommen einer anderen, der endgültigen, "absoluten" Zukunft, die Gott selber ist, verwirklicht wird. Die Arbeit an der innerweltlichen Zukunft ist so unabdingbare Voraussetzung der Vollendung, führt diese von sich aus aber nicht herbei. Die Vollendung (das Eintreten der Menschen und des von ihnen Erwirkten in den Zustand der Endgültigkeit) bleibt unter dem "eschatologischen Vorbehalt" Gottes.

Die neuere Politische Theologie stellt die Fragen, ob die Menschheitsgeschichte tatsächlich unter dem Vorzeichen eines evolutiven Fortschritts stehe oder ob die Menschheit nicht imstand sei, Gottes Absichten mit der Schöpfung zerstörerisch zu durchkreuzen. Jedes theologische Nachdenken über die Zukunft muss ihrer Meinung nach die Erinnerung an die Opfer der Geschichte und die Leidenden einbeziehen; die christliche Verantwortung für eine rettende Zukunft soll im Zeichen apokalyptischer Naherwartung unter Handlungsdruck gesetzt werden. In der evangelischen Theologie ist außer dem konstanten Nachwirken Schleiermachers ein Neuansatz der Eschatologie bei Karl Barth († 1968) zu registrieren, in dem allein die Begegnung des Menschen mit dem "ganz anderen", transzendenten Gott von Bedeutung ist und die biblischen Ansagen sowohl zum Reich Gottes als auch zum Weltuntergang nur noch zum Protest gegen den Kulturprotestantismus taugen. Rudolf Bultmann († 1976) war derjenige, der die "präsentische" johanneische Eschatologie wieder zur Geltung brachte und die zeitliche Zukunft für unerheblich erachtete. Jeden Augenblick könne das Kerygma den Sünder treffen, so dass er für ihn zum eschatologischen Augenblick werde, den es wahrzunehmen gelte.

Die evangelische Politische Theologie protestierte gegen diese extrem individualisierende, sich der Welt- und Zukunftsverantwortung verweigernde Sicht. Ungeachtet der Beobachtung, dass die Verheißungen des AT durch Jesus Christus keineswegs völlig und universal "erfüllt" sind, sondern jede teilhafte Erfüllung einen Verheißungsüberschuss zutage treten lässt, stellt sich ein Teil der evangelischen Eschatologie unter das Vorzeichen einer radikalen Christozentrik. Das führt zum Beispiel bei Wolfhart Pannenberg dazu, von einer Antizipation der verheißenen Zukunft in Jesus Christus zu sprechen und das Geschichtsgeschehen von da her verstehen zu wollen, ungeachtet dessen, dass ein vorweg ereignetes Ende ein Widerspruch in sich ist. – Das in vielfachen Bedeutungen auftretende Eigenschaftswort eschatologisch ist dann eindeutig, wenn es nicht für Voraussagen der Zukunft oder für apokalyptische Endzeit steht, sondern ein Verhältnis Gottes zu Schöpfung und Menschheit und die Offenbarung dieses Gottesverhältnisses als "endgültig" und "unüberholbar" charakterisiert.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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