Ihiye beseder - alles wird gutIsrael zwischen Herzblut und Leid

Der Staat Israel leidet seit seiner Gründung unter Gefahren von außen und innen. Amelie Smollny gibt einen persönlichen Einblick in die gesellschaftlichen, religiösen und politischen Herausforderungen des Landes und schildert, wie junge Israelis mit den allgegenwärtigen Problemen umgehen. Die Autorin studiert Politikwissenschaft in Heidelberg und engagiert sich unter anderem in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Israel ist für mich ein faszinierendes Land. Die verschiedenen Menschen, die unendliche Vielfalt, die Gegensätze, welche teilweise klaffende Gräben durch die Gesellschaft ziehen, der Alltag, welcher immer am Rand des Ausnahmezustands ist. Tel Aviv ist eine pulsierende, laute Stadt. Man lebt eng auf eng und trotzdem auf Distanz. Tel Aviv ist eine junge Stadt. Achat, schtaim, schalosch, „eins, zwei, drei“, so lautet das Motto der meisten Israelis in Bezug auf die Familienplanung. Kinder sind ein gesellschaftlicher Konsens. Der Druck auf junge Paare ist hoch. Durch viele Familien zieht sich noch immer das Trauma des Holocausts. Verschleiert und leise wirkt es weiter auf die nächste Generation. Oftmals haben die Großeltern die gesamte Familie in der Schoa verloren, wanderten als einzige Überlebende nach Israel aus. Stolz zeigen sie die Fotos der vielen Enkel- und Urenkelkinder.

Die staatliche Unterstützung für junge Familien ist begrenzt. Die Mutterschutzzeit dauert nur fünfzehn Wochen. Danach werden die meisten Kinder in einen Gan, einen Kindergarten, gegeben. Ein Platz kostet durchschnittlich 3200 Schekel, umgerechnet etwa achthundert Euro: viel Geld in einer Stadt, welche unter den zehn teuersten Städten der Welt liegt. Und trotzdem sind die vielen Kinder aus dem regen Alltag der Stadt nicht wegzudenken. Die hohen Lebenshaltungskosten treffen nicht nur Familien, auch die Ältesten der Gesellschaft sind davon betroffen. So ist es ein alltägliches Bild, Siebzigjährige als Bitachon, als Sicherheitspersonal, an den Eingängen der großen Shopping Malls stehen zu sehen.

Die persönlichen Lebensgeschichten der Menschen zeigen die unglaubliche Vielfalt in der israelischen Gesellschaft sowie die oftmals schmerzhafte Vergangenheit der Einzelnen, auf denen die Hoffnung eines ganzen Landes baut. So floh die Mutter einer Bekannten in den 1930er-Jahren aus Deutschland nach Lettland, um dem stetig wachsenden Nazi-Terror zu entkommen. Als die Deutschen immer weiter in das Baltikum vorrückten, floh die Familie nach Russland. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Mutter dort für ihr Engagement in einer zionistischen Jugendorganisation verhaftet und zu zehn Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Dort lernte sie den Vater der Bekannten kennen, welcher ebenfalls zu fünfzehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Das erste Kind kam in Sibirien zur Welt. Nach den langen Jahren im Arbeitslager kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Ursprünglich war nur ein kurzer Zwischenstopp geplant auf dem Weg nach Eretz Israel, dem jungen jüdischen Staat, dem sicheren Hafen nach Flucht und Vertreibung. Doch nach den Jahrzehnten der Flucht und des ständigen Neubeginns hatten die Eltern der Bekannten keine Kraft mehr, um ein weiteres Mal aufzubrechen, weiterzuziehen, ein weiteres Mal neu zu beginnen. Doch sie gaben ihren Kindern die zionistischen Ideen mit, die Idee eines eigenen, sicheren Staates, eines Heimatlandes nach all den Erfahrungen der Flucht und Vertreibung. So wanderten die Bekannte und ihr Bruder in den 1970er-Jahren nach Israel aus.

Geschichten wie diese sind in Israel kein Einzelfall. Umso größer ist meine Bewunderung für das Engagement, welches Menschen heute für eine Stärkung der deutsch-israelischen Beziehungen, für eine langfristige Partnerschaft zwischen den beiden Ländern unternehmen. Nach allen persönlichen Erfahrungen hätten sie allen Grund, Deutschland den Rücken zu kehren und mit Hass auf das Land zu blicken. Doch sie tun es nicht.

Die Notwendigkeit, Brücken zu bauen

Im Rahmen einer Delegationsreise des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und gemeinsm mit der deutschen Botschafterin in Israel, Susanne Wasum-Rainer, durfte ich den israelischen Präsidenten Reuven Rivlin in Jerusalem besuchen. In dem Gespräch erzählte Präsident Rivlin von seiner persönlichen Familiengeschichte. Seine Familie ist bereits seit acht Generationen im Land. Er betonte die Notwendigkeit, Brücken zu bauen, zu versuchen, einen Blick in das Leben, in die Realität des Anderen zu werfen. Es ist ein Hoffnungsschimmer, dass es Menschen gibt, die neben den lauten Stimmen der Spaltung auf beiden Seiten, zu Menschlichkeit aufrufen, die daran erinnern, dass auf beiden Seiten Menschen stehen, Familien voller Hoffnung und voller Leid. Gibt es doch die große Notwendigkeit, Brücken über die vielen gesellschaftlichen Gräben zu bauen, die Spannungen und die gegenseitige Ablehnung und den Argwohn auch innerhalb der israelischen Gesellschaft zu überwinden.

Der Wahlkampf im Herbst 2019 war geprägt von verbalen Attacken und Marginalisierungen gegen den arabischen Teil der israelischen Bevölkerung, welcher rund zwanzig Prozent ausmacht. Die Unterstellung, die Wahlbeteiligung der arabischen Israelis sei allein von der Palästinensischen Autonomiebehörde gesteuert und solle dazu beitragen, den israelischen Staat „von innen heraus“ zu zerstören, ist besonders von den Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums zu hören. Wann ist diese Spaltung zum Normalzustand geworden?

Doch auch ein anderer Teil der israelischen Bevölkerung entfernt sich immer weiter, schottet sich zusehends ab: die Haredim, die Gottesfürchtigen. Die ultraorthodoxen Israelis leben oftmals in eigenen Stadtteilen wie Mea Shearim in Jerusalem oder Bnei Brak in Tel Aviv. Rund ein Fünftel aller israelischen Schüler gehört zu den Familien der Haredim, dem ultraorthodoxen Teil der israelischen Bevölkerung. Zwar haben viele säkulare israelische Schulen hervorragende naturwissenschaftliche und technologische Schulfächer und bereiten die Schüler schon früh auf eine mögliche Zukunft im boomenden High-Tech-Sektor des Landes vor. Doch gelingt es den Haredim, einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung, sich von jeglichem Wandel und von jeglicher weltlichen Bildung abzuschirmen. Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften sind auf dem Stundenplan nicht zu finden, allein Tora und Talmud werden unterrichtet. Für viele Schüler ist Jiddisch die Muttersprache. Während in Regionen wie Tel Aviv und Haifa die Startups und der High-Tech-Sektor boomen, liegen die Leistungen eines Fünftels der israelischen Schüler unter dem Durchschnitt der meisten Entwicklungsländer.

Vermehrt regt sich Protest gegen die wachsende Religiosität. Er sammelt sich in der Partei Israel Beitenu – „Unser Haus Israel“ des russisch-stämmigen Politikers Avigdor Liberman. Besonders die russischen Einwanderer wehren sich gegen die schleichende, stetig zunehmende Orthodoxie der Gesellschaft. Ihre Supermärkte haben auch an Shabbat und an Feiertagen geöffnet, auch nicht-koschere Produkte gehören zum Sortiment.

Auch viele liberale Tel Avivis, wie die Bewohner Tel Avivs genannt werden, grenzen sich mehr oder weniger offen von den orthodoxen Hochburgen in Städten wie Jerusalem oder Beit Shemesh ab. Es sind oftmals unterschwellige, alltägliche Abgrenzungen. So gehört es zum Leben, zum guten Ton der Tel Avivis dazu, in der einen Hand einen Kaffee, in der anderen Hand eine Hundeleine samt Vierbeiner zu halten. Extra Hunde-Strände und Hunde-Spielplätze werden von der Stadtverwaltung bereitgestellt. Auch hier scheinen sich die Tel Aviver abgrenzen zu wollen: Ultraorthodoxe jüdische und gläubige muslimische Familien schlagen meist einen kilometerlangen Bogen um die Tiere. Auch wenn weder in der Tora noch im Koran steht, dass Hunde unrein seien, ist der Glaube daran weit verbreitet. Auch wenn diese Unterschiede und Abgrenzungen marginal erscheinen, gibt es doch so viele davon, die die einzelnen Bevölkerungsgruppen immer weiter voneinander trennen. Manch einer spricht spöttisch von einer möglichen Drei-Staaten-Lösung: Israel, Palästina und Tel Aviv.

Bei all den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, den jüdischen Israelis, die sich weiter in aschkenasische, sephardische, mizrachische, äthiopische Juden und russische Einwanderer unterteilen, die Säkularen und die Orthodoxen, die arabischen Israelis, mit Muslimen, Christen, Drusen, Beduinen und Bahais, bei dieser unübersichtlichen und zersplitterten Vielfalt ist Koexistenz unerlässlich. Und trotzdem kommt es immer wieder zu Konflikten. Dies zeigt sich nach dem Tod von Solomon Tekah, einem äthiopisch-stämmigen jüdischen Jugendlichen, welcher im Juli 2019 von einem Polizeibeamten erschossen wurde, unbewaffnet und, wie Augenzeugen berichten, ohne gewalttätig geworden zu sein. Eine ganze Bevölkerungsgruppe lehnte sich daraufhin auf, blockierte die Straßen, demonstrierte gegen Rassismus, der ihnen auch in Israel immer wieder entgegenschlägt.

Mit teils spektakulären Rettungsaktionen evakuierte die israelische Regierung in den 70er- und 80er-Jahren Juden aus Äthiopien und brachte sie nach Israel. Doch trotz der staatlich geförderten Einwanderung gelang die Integration nur schrittweise. Bis heute beklagen viele äthiopische Juden Benachteiligungen, sie unterdrücken die Wut und die Enttäuschung, die in Momenten wie im Juli 2019 ausbrach und sich aufs Stärkste entfachte.

Auch in arabisch-israelischen Städten kehrt keine Ruhe ein. Schon immer lag die Kriminalitätsrate weit über dem landesweiten Durchschnitt. Doch die Welle der Gewalt, die die arabischen Gemeinden im Jahr 2019 erfasst, ist beispiellos. So starben durch Gewalttaten über achtzig Menschen in den arabischen Gemeinden. Viele illegale Waffen sind im Umlauf, kriminelle Strukturen und Familienfehden ziehen sich durch arabisch geprägte Städte. Arabische Politiker werfen der Polizei vor, nicht durchzugreifen, den hohen Umlauf an illegalen Waffen und Munition zu ignorieren. Währenddessen suchen einige Politiker die Schuld für die Gewalt in der arabischen Kultur, sprechen von einer bis in die Tiefen gewalttätigen Gesellschaft, die selbst für die grausamen Gewaltausbrüche verantwortlich sei. Aus Protest blieben sämtliche arabisch-israelischen Politiker der Vereidigung für die neue Knesset, das israelische Parlament, fern.

Die „angekettete Frau“

Die gesellschaftlichen Grenzen in Israel sind festgesteckt. Während sich die ausländischen Touristen wundern, dass die Israelis an den Feiertagen ins Ausland ziehen und die weiten Strände des Mittelmeers, die satten, grünen Hügel Galiläas, die raue Schönheit der Negev-Wüste hinter sich lassen, lässt sich dies unter anderem mit den Preisen erklären. Ein Urlaub in Zypern, in der direkten Nachbarschaft, ist weitaus billiger als ein Urlaub im eigenen Land. Doch Zypern ist nicht nur für Urlaubsreisende eine beliebte Destination. Ein wahrer Heiratstourismus ist auf der Insel entstanden. Während die meisten Zyprioten kirchlich heiraten, geht der größte Teil der säkular-geschlossenen Ehen auf der Insel auf die Israelis zurück. Denn zivile Ehen, wie man sie in Deutschland etwa auf dem Standesamt schließt, gibt es in Israel nicht. Dies geht auf den großen Einfluss des Oberrabbinats zurück, welches familiäre Angelegenheiten wie Heirat, Scheidung und Sorgerecht mit aller Macht in seiner Hand behält. So kann eine Ehe in Israel nur auf religiösem Weg geschlossen werden. Zuständig ist die Autorität der jeweiligen Religion.

Auch eine Scheidung kann nur durch die religiöse Instanz geregelt werden. Im jüdischen Recht muss hierbei der Ehemann einen Scheidungsbrief, den sogenannten Get, an seine Frau aushändigen. Agunah, die „angekettete Frau“, so werden in Israel die Frauen genannt, die oftmals Jahre lang auf die notwendige Einwilligung ihres Mannes in die Scheidung warten. Denn erst mit dem Get wird die Scheidung rechtsgültig. Während der Mann auf der Verweigerung der Scheidung beharren kann, werden den Frauen meist Paartherapien oder ein weiterer Versuch mit dem Ehemann empfohlen. Nur langsam werden Maßnahmen für den Ehemann eingeleitet. So darf der Führerschein eingezogen werden. Am Ende kann gar eine Gefängnisstrafe stehen. Doch auch in letzter Konsequenz kann die Ehe ausschließlich durch die Einwilligung des Ehemannes gelöst werden.

Während sich viele säkulare Israelis über die Einmischung des Rabbinats in die Hochzeitspläne, in den Ablauf und die Ortswahl der Zeremonie beschweren, wird mit der Macht der religiösen Institutionen etwas Grundlegendes ausgeschlossen: die Heirat von zwei Menschen mit unterschiedlichen Religionen. Dies ist in Israel rein rechtlich ausgeschlossen. Als einzige Möglichkeit bleibt eine Heirat im Ausland, welche von den israelischen Behörden nachträglich anerkannt wird. Es zeigt sich erneut, wie eine Koexistenz der vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Religionen zwar möglich, eine Durchmischung und eine Überwindung der unsichtbaren Barrieren jedoch mit großen Hindernissen verbunden ist. Dies zeigt sich auch am Beispiel der Hochzeit des jüdischen Schauspielers Tzachi Halevi mit der muslimischen Journalistin Lucy Aharish. Nachdem die privat geschlossene Hochzeit publik wurde, folgten Beschimpfungen von allen Seiten. Einige Politiker riefen Lucy Aharish öffentlich auf, zum Judentum zu konvertieren und betonten die Notwendigkeit, die jüdische Nation zu erhalten.

Die Idee, mit gleichreligiösen Ehen die eigene „Nation“ zu erhalten, ist nicht allein im jüdischen Glauben zu finden. Besonders ausgeprägt ist sie bei den Drusen, einer arabischen Minderheit im Norden Israels. Die Drusen stellen seit jeher eine Ausnahme dar. Bei den Drusen handelt es sich um eine Geheimreligion, die seit Jahrhunderten mündlich überliefert wird. Nur einige wenige Religiöse dürfen die Grundlagen der Religion studieren. Die Drusen glauben an die Wiedergeburt. Sie sind überzeugt, dass die Zahl der drusischen Seelen immer gleichbleibt: Bei dem Tod eines Mitglieds der Gemeinde gehe die Seele direkt in ein neugeborenes drusisches Kind über. Ein Eintritt in die Gemeinde sowie ein offizieller Austritt aus dem Glauben sind nach diesem Verständnis ausgeschlossen.

Bei den Drusen handelt es sich um die einzige arabische Bevölkerungsgruppe, deren Männer in der israelischen Armee dienen. Dies geht zurück auf den sogenannten „Convenant of Blood“ im Jahr 1957. Mit der Anerkennung der Drusen als eigene Religionsgruppe von Seiten der israelischen Behörden ging die Bereitschaft der Drusen einher, in der israelischen Armee zu dienen. Doch trotz der großen Treue zum Staat und dem Dienst in der Armee wird von Seiten der drusischen Religionsführer alles getan, um die Mauern ihrer Gemeinschaft weiter aufrecht zu erhalten. Dies zeigte sich in drusischen Schulen im Norden des Landes. So protestierten drusische Eltern gegen die Aufnahme von Kindern in die Schulklasse, von denen nur ein Elternteil drusisch war. Die Heirat eines Nicht-Drusen wird als ein schwerer Verrat an der Gemeinschaft verstanden. In den meisten Fällen folgt der Abbruch jeglichen Kontaktes durch Familie und Freunde.

Herzblut und Leid

Die vielen Barrieren, die jeweilige Abgrenzung und die anscheinend religiös begründete Überlegenheit des Eigenen lassen einen ratlos zurück. Wie fest kann das Fundament einer Gesellschaft sein, wenn selbst Familien an der Frage der Religion zerbrechen und die grausamste Konsequenz für ihre Kinder ziehen und jeglichen Kontakt mit dem „Verräter“ verweigern? Wie kann ein gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen, wie können Brücken gebaut werden, wenn die lauten Rufe der Spaltung selbst innerhalb der israelischen Gesellschaft nicht verhallen wollen?

Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass ich meine persönlichen Beobachtungen beschreibe. Ich möchte beobachten und meine persönlichen Erlebnisse beschreiben, ich möchte nicht urteilen. Ich bin nicht in Israel aufgewachsen, habe nicht in der Armee gedient. Ich habe nicht den Zweiten Libanonkrieg im Jahr 2006 oder den Gaza-Krieg 2014 miterlebt. Ich habe keine Angehörigen oder Freunde in Selbstmordanschlägen der Zweiten Intifada verloren.

Es ist so einfach, schnelle Antworten aus den sicheren europäischen Ländern zu finden. So leicht zu urteilen, wenn die eigenen Kinder, Geschwister oder Eltern nicht in der Armee dienen und Checkpoints bewachen müssen, wenn man beim Geräusch des Raketenalarms nicht nur zehn Sekunden Zeit hat, um sich in Sicherheit zu bringen, sondern direkt das Flugticket zurück ins sichere Deutschland buchen kann. Es ist gedankenlos, Zugeständnisse und Risiken zu fordern, wenn man nicht die Erfahrungen aus der Zeit der Intifada teilt.

Erst langsam, wie bei einem Besuch im Rambam Hospital in Haifa, dessen Tiefgarage im Falle eines Krieges innerhalb weniger Stunden in ein komplettes, raketensicheres Notfallkrankenhaus umgebaut werden kann, wird dem Besucher bewusst, mit welcher anderen Realität die Israelis jeden Tag konfrontiert sind. Welche Verdrängung im Alltag erforderlich ist, um trotzdem normal zu leben. Denn auch heute noch ist der israelische Staat konstanten Bedrohungen ausgesetzt: Raketenangriffe aus dem Gazastreifen, die Gefahr einer militärischen Eskalation mit der Hisbollah im Norden des Landes, Messerangriffe im Inneren.

Dabei steckt so viel Herzblut in diesem kleinen Streifen Land am Rand des östlichen Mittelmeers. Jeder Baum wurde selbst gepflanzt, die Bewässerung ausgetüftelt, Großstädte auf Sanddünen errichtet, Millionen neuer Einwanderer aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen aufgenommen und in die Gesellschaft integriert. Hatikva – Hoffnung, so lautet Israels Nationalhymne. Die Bilder und Zeugnisse aus der Gründerzeit des Staates machen den Drang sichtbar, die Hoffnung, entgegen aller Widrigkeiten und Hindernisse etwas Neues zu schaffen. So viel Herzblut steckt in dem Land und so viel Leid.

Dabei sehnen sich die Israelis nach Unbeschwertheit. Kein Anlass zeigt dies besser als Purim, der jüdische Karneval. An Purim füllen fröhlich feiernde Menschen die Stadt, feiern ungeachtet jeglicher Sicherheitskonzepte gemeinsam in den Straßen. An Purim bricht eine Gesellschaft aus: aus der täglichen Hektik, aus der alltäglichen unterschwelligen Angst, die alle sanft umfasst.

Anfang September gibt es wieder Balagan beZafon – Unordnung im Norden. „Unordnung“ so werden die Raketenangriffe der Hisbollah, der islamistischen Terrormiliz aus dem Süden Libanons, auf Israel bezeichnet. Beinahe nebensächlich wird in den Nachrichten erwähnt, dass im Norden nun wieder die Luftschutzräume geöffnet sind. Es ist ein stetiges Leben mit der Angst, die alltäglich geworden ist.

Die Raketen auf die angrenzenden Landstriche des Gazastreifens sind schon lange zur Gewohnheit geworden. Der Zewa Adom, der ständige Raketenalarm im Süden Israels, wird im Rest des Landes meist nur noch mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Dabei gibt es mittlerweile schon einen eigenen wissenschaftlichen Begriff für das Phänomen in den angrenzenden Regionen des Gazastreifens: der Begriff des Ongoing-Trauma. Für die Bewohner des südlichen Israels gibt es kein Post-Trauma, da die Raketen der Hamas und der damit verbundene Schrecken nicht enden wollen und der Zewa Adom immer und immer wieder erklingt. Ein großer Teil der Kinder im Großraum Sderot sind Bettnässer, sie verfallen in eine Starre, sobald die Sirene des Raketenalarms heult. Doch auch Erwachsene sind oftmals traumatisiert, leiden unter Angstzuständen. Nicht alle Raketen können durch den Iron Dome, das Raketenabwehrsystem, abgefangen werden. Oftmals sind es weniger als zehn Sekunden bis zum Einschlag der Rakete nach dem Alarm. Trotzdem ist das israelische Mantra unerschütterlich: Ihiye beseder – alles wird gut.

Die Bewohner Tel Avivs scheinen alle Kraft aufzuwenden, um die Lage ihrer Stadt, umgeben von Konflikten, zu vergessen. Wenn am Strand die Bässe dröhnen, kann für einen Moment vergessen werden, dass einige Kilometer weiter nördlich gewohnheitsmäßig Kriegsschiffe an der Grenze zum Libanon patrouillieren. Die Tel Avivis scheinen trotzig mit Sonnenbrillen, FlipFlops und den Clubs an der Strandpromenade gegen die Realität anzukämpfen, die sie in Momenten wie diesen, mit Balagan beZafon, doch immer wieder erfasst.

An Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, zeigt sich das Extrem einer Stadt, das Extrem eines ganzen Landes. Während sonst der Verkehr alle Straßen verstopft, sich Fahrräder, Scooter und Autos auf der Straße drängen und hupend um ihr Vorrecht kämpfen, kommt am Vorabend von Yom Kippur alles zum Stillstand. Ein ganzes Land kehrt in sich und schöpft neue Kraft. Anders als an anderen Feiertagen wird Yom Kippur, der Fasten- und Versöhnungstag, auch von den säkularen Israelis eingehalten. So fährt an Yom Kippur niemand mit dem Auto. Die größten Straßen werden gesperrt und sind nur noch für Krankenwagen und Polizei passierbar.

Das ganze Land scheint an diesem Tag Kraft zu tanken, die Ruhe ganz in sich aufzunehmen, um wieder neue Energie zu sammeln. Energie für das hektische Treiben, für die vielen gesellschaftlichen Kämpfe, für die Rastlosigkeit, die hier den Alltag bestimmt.

Trotz aller Spaltung, trotz allen Gegensätzen und gesellschaftlichen Gräben ist es ein sehr schmaler Grat, über Israel zu urteilen. Der Konflikt ist nicht schwarz-weiß, er ist grau, vermischt durch den Schmerz und das Leid auf allen Seiten. Um die Menschen und den Konflikt zu verstehen, muss man eintauchen in ein bewegtes Land, welches nur an Tagen wie Yom Kippur für einen kurzen Augenblick zur Ruhe kommt.

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