Amoris LaetitiaEine Erläuterung

„Wenn ich alle Glaubenskraft besäße

und Berge damit versetzen könnte,

hätte aber die Liebe nicht,

wäre ich nichts.“

(1 Kor 13,2)

Dieser Satz aus dem Ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, den die meisten Menschen wahrscheinlich irgendwann einmal bei einer Hochzeit gehört haben, ist der eigentliche Ausgangspunkt für das Nachsynodale Apostolische Schreiben „Amoris Laetitia“1 von Papst Franziskus, das mit 19. März 2016 datiert ist und am 8. April in einer Pressekonferenz in der Sala Stampa von den beiden Kardinälen Lorenzo Baldisseri (Vatikan) und Christoph Schönborn OP (Wien) öffentlich vorgestellt wurde.
Der Bischof von Rom zitiert dieses Wort am Beginn des zentralen vierten Kapitels unter der Überschrift „Die Liebe in der Ehe“. Von dieser Liebe möchte er sprechen, sie erläutern, den Menschen nahe bringen. Sich auf diese Liebe einzulassen, dazu möchte er einladen und darum wirbt er mit der Begeisterung eines jungen Mannes, der um eine Frau wirbt, und zugleich mit der Weisheit eines alten Pfarrers, dem die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens vertraut sind. Dass dabei die Liebe, von der Papst Franziskus spricht, weit mehr ist als ein romantisches Gefühl, versteht sich eigentlich von selbst und sei hier nur der Klarheit halber gesagt.
Papst Franziskus lässt mit dieser thematischen Zentrierung, aber auch mit seiner Sprache, seinem Duktus, mit dem ganzen Schreiben allen Dogmatismus und alle kirchenpolitischen Spekulationen und Antagonismen hinter sich und wendet sich in erster Linie dem zu, worum es hier tatsächlich geht: der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi im Hinblick auf den Lebensbereich Ehe und Familie. Dabei entsteht ein Text, der nicht nur leicht lesbar und gut nachzuvollziehen ist, sondern der auch anrührt und tatsächlich einlädt: Ja, so kann es gehen und daran kann man sich orientieren! Das gilt nicht nur für die, deren Leben in geraden Bahnen verläuft. Die Einladung gilt auch denen, die nicht oder nicht mehr in engem Kontakt zur Lehre der Kirche stehen, aus welchem Grund auch immer.

Eine weltweite Befragung

Beginnen wir aber chronologisch von vorne. Am Anfang des synodalen Weges, dessen Erträge das Nachsynodale Schreiben bündelt und weiterführt, stand der Entschluss von Papst Franziskus, der Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode 2015 eine Außerordentliche Generalversammlung vorzuschalten, die bereits ein Jahr vorher, im Herbst 2014, stattfinden sollte. Beide Synodenversammlungen sollten sich mit der Thematik Ehe und Familie befassen, wobei die Außerordentliche Generalversammlung 2014 zunächst eine Bestandsaufnahme der anstehenden Fragestellungen und Probleme leisten und die Ordentliche Generalversammlung 2015 sich dann vor allem der Frage nach den Konsequenzen für das kirchliche Handeln zuwenden sollte.
Dieses Vorgehen war neu. Es entsprang dem Wunsch von Papst Franziskus, die Bischofssynode weit stärker als bisher zu einem Gremium des gesamtkirchlichen Diskurses und des Austausches von Perspektiven, Erfahrungen und Meinungen unter den Bischöfen und „cum Petro et sub Petro“2 (mit Petrus und unter Petrus) zu machen. Das Bestreben, neue Wege der offenen und lebendigen Kommunikation zu gehen, zog sich von hier aus durch den gesamten synodalen Weg und gab ihm zugleich ein gewissermaßen experimentelles Gepräge, mussten doch viele Vorgehensweisen erstmals ausprobiert und im Verlauf des Prozesses weiterentwickelt werden. Den Auftakt hierbei machte die Befragung der Bischofskonferenzen im Vorfeld der Synode (die sogenannten „Lineamenta-Fragen“), die zunächst in der üblichen Weise an alle Bischofskonferenzen weltweit versandt wurde. Neu war dabei lediglich die in einem Satz des Begleitschreibens geäußerte Bitte des Synodensekretariats, bei der Beantwortung der Fragen die Gläubigen auf breiter Basis einzubeziehen. Dies führte zu einer weltweiten Befragung der Gläubigen von beachtlichem Ausmaß. An der hohen Beteiligung auch in Deutschland wurde einerseits deutlich, wie groß das Interesse der Gläubigen an den Überlegungen und Vorgängen in der Kirche ist – und andererseits, wie sehr sie sich gerade von den Themen Ehe und Familie persönlich betroffen fühlen.
Auch was die Ergebnisse, insbesondere in Deutschland, betrifft, wurde ein „einerseits – andererseits“ unübersehbar deutlich. Auf der einen Seite steht dabei die ungebrochene Bedeutung, die die Familie und – zumindest für Katholiken – auch die Ehe nach wie vor im Leben der Menschen haben. Die Sehnsucht nach gelingender Paarbeziehung, Elternschaft und Generationenbeziehung ist in der heutigen Gesellschaft eher noch stärker geworden. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, dass sehr viele Menschen heute nicht mehr in allen Aspekten der kirchlichen Lehre über Ehe und Familie folgen. Das haben sie vermutlich auch in der Vergangenheit nicht so getan, wie es in der Rückschau zuweilen scheinen mag. Heute aber ist der Dissens offener, deutlicher und prinzipieller geworden. Zum Teil liegt das daran, dass Menschen die mit dieser Lehre verbundenen Normen nicht erfüllen können oder daran scheitern; zum Teil verstehen und akzeptieren sie diese Normen aber auch nicht mehr als Orientierung für ihr Leben.
Die deutschen Bischöfe haben die Ergebnisse der Befragung zusammengetragen und in einer offenen Weise nach Rom an das Synodensekretariat kommuniziert. Zur Offenheit dieser Kommunikation gehörte dabei auch die mediale Veröffentlichung. Die weltweiten Rückmeldungen flossen in das Arbeitspapier („Instrumentum laboris“) ein, das der konkreten Arbeit der Synode zugrunde lag. Noch einen weiteren Beitrag zur Synodenvorbereitung gab es vonseiten der deutschen Bischöfe, der hier erwähnt werden sollte: Auf der Grundlage der bereits vorliegenden Vorarbeiten einer bischöflichen Arbeitsgruppe wurde ein Arbeitspapier unter dem Titel „Theologisch verantwortbare und pastoral angemessene Wege zur Begleitung wiederverheirateter Geschiedener – Überlegungen der Deutschen Bischofskonferenz zur Vorbereitung der Bischofssynode“3 veröffentlicht und an das Synodensekretariat gesandt.

Beratungen in zwei Etappen: der synodale Weg

Die Außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode 2014 (kürzer und mit weniger Teilnehmern als eine Ordentliche Generalversammlung) trug gemäß ihrem Auftrag die Themen und Problemstellungen im Hinblick auf Ehe und Familie zusammen, erarbeitete eine „Relatio synodi“ (Abschlussdokument) und legte damit den Grund für die weiterführende Frage nach den geeigneten und angemessenen Leitlinien für eine zukünftige Ehe- und Familienpastoral. Folgerichtig wurden auf dieser Grundlage die „Lineamenta-Fragen“ für die Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode 2015 gestellt. Weil es dabei um pastorale Konsequenzen ging und viele Sprachregelungen der Synode aufgenommen wurden, gerieten diese Fragen sprachlich noch komplizierter als die ersten. Dennoch wurden auch diese Fragen an die Gläubigen weitergegeben, die sie trotz mancher Verständnisschwierigkeiten nochmals in großer Zahl beantworteten.
Sowohl die „Relatio synodi“ als auch diese Antworten flossen in das neue „Instrumentum laboris“ ein, die Text- und Arbeitsgrundlage für die Synode 2015. Erwähnenswert ist in dieser Vorbereitungsphase auch ein hochkarätiger Studientag, den die Vorsitzenden der Französischen, der Schweizer und der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam am Pfingstmontag 2015 in Rom veranstalteten. Viele Gedanken, die insbesondere in die Arbeit der deutschen Sprachgruppe einflossen, wurden bei dieser Veranstaltung diskutiert und unter dem Titel „Theologie der Liebe“ veröffentlicht4.
Mit großer Spannung wurde schließlich die Synode 2015 erwartet, und die Spannung wich auch während der gesamten Versammlung nicht. Die ganze Breite der Themen, Situationen, regionalen Besonderheiten und sich daraus ergebenden spezifischen Perspektiven innerhalb der katholischen Kirche wurde in den Beiträgen und Diskussionen in und um die Synode deutlich – einerseits als interessante und belebende Vielfalt, andererseits aber auch als berechtigte Kontroverse5.
Dass es schwierig sein würde, hier „das Ganze“ zusammenzuhalten, war von Anfang an klar. Dennoch gab es natürlich auch die „Garanten der Einheit“: die gemeinsame Ausrichtung auf das Evangelium Jesu Christi, die gemeinsame pastorale Sorge um die Menschen, die Verantwortung aller Synodenväter für das Gelingen des synodalen Weges und nicht zuletzt natürlich den Papst, der keinen Zweifel daran ließ, dass er sein Amt als Dienst an der Einheit versteht.
Neben den zahlreichen „Interventiones“ (Redebeiträgen) in den Plenarversammlungen war es besonders die Textarbeit in den Sprachgruppen, die der Arbeit der Synode Intensität verlieh. Der „Circulus Germanicus“, die deutsche Sprachgruppe, vereinte eine ganze Reihe von „theologischen Schwergewichten“ und bot Gelegenheit für einen tiefgehenden Diskurs, der viel Anerkennung fand. Viel Sorgfalt wurde darauf verwendet, bei der Redaktion des Textes, der am Ende der Synode zur Abstimmung gestellt werden sollte, die Formulierungen so zu wählen, dass sie sowohl möglichst aussage- als auch konsensfähig wären. Die abschließende Zweidrittelmehrheit, die alle Textabschnitte schließlich erhielten, war der Lohn dieser Mühe.

Positive Sprache: Verzicht auf doktrinelle Abgrenzung

Nun war es an Papst Franziskus, den Ball aufzunehmen, die Ergebnisse der Synode zu bündeln, zu wägen und weiterzuentwickeln. Dies hat er nun mit „Amoris laetitia“ getan, wie er selbst sagt, indem er die Zielsetzung beschreibt:

„Deshalb habe ich es für angemessen gehalten, ein nachsynodales Schreiben zu verfassen, das Beiträge der beiden jüngsten Synoden über die Familie sammelt, und weitere Erwägungen hinzuzufügen, die die Überlegung, den Dialog oder die pastorale Praxis orientieren können und zugleich den Familien in ihrem Einsatz und ihren Schwierigkeiten Ermutigung und Anregung bieten.“ (AL 4)

Ich bin überzeugt, dass Papst Franziskus dies in hervorragender Weise gelungen ist. Mich hat es bewegt, wie oft engagierte Beiträge und Auseinandersetzungen während der Synode im Apostolischen Schreiben ihren Widerhall finden.
Dabei ist es alles andere als leicht, über Themen wie Liebe und Ehe zu reden. Jede Leserin und jeder Leser wird ihre und seine eigene Geschichte zu diesem Thema mitbringen, verbunden mit persönlichen Empfindungen, Verletzungen und sich daraus ergebenden Erwartungen. Und nicht zuletzt geht es bei der Liebe auch um ein Geheimnis, ein Mysterium, das eng mit dem Mysterium des Menschseins verwoben ist und sich letztlich nie ganz in Begriffe fassen lässt. Vor diesem Hintergrund geht Papst Franziskus das Wagnis ein, das Sakrament (griechisch: „mysterion“) der Ehe als Lebensverheißung und Einladung zu einer Lebensform aus dem Glauben zur Geltung zu bringen. Dass ihm das gelingt, hat viel damit zu tun, wie sehr er sich um eine positive, einfache, einladende und auf Verbote und doktrinelle Abgrenzungen verzichtende Sprache bemüht.
In seinem Rückbezug auf die Bibel und in seinem Schöpfen aus den Quellen der kirchlichen Tradition wird deutlich, dass das Sakrament der Ehe von Christus als dem Ursakrament und der Kirche als Wurzelsakrament her zu verstehen ist. Die Ehe ist Teil der Schöpfungswirklichkeit Gottes. Von daher ist sie von Anfang an darauf ausgerichtet, die Liebe Christi zu seiner Kirche, an der sie Anteil hat und die in ihr Wirklichkeit ist, zu bezeugen. Deshalb ist die Schöpfungswirklichkeit Ehe auch Heilswirklichkeit und in ihrem Bezug auf Christus, das Ursakrament, und ihre Einheit mit der Kirche, dem Grundsakrament, eben Sakrament. In dieser theologischen Positionierung ist sie eben mehr als eine von vielen Lebensformen. Dabei gibt die Interpretation der biblischen Texte, allen voran des Hohenliedes aus dem Ersten Korintherbrief, Raum, um die Spiritualität und die Lebensweisheit des Papstes einfließen zu lassen. Gerade diese Aspekte machen es lohnenswert, den Text auch als persönliches Orientierungsangebot und Quelle von geistigen Impulsen zu verstehen.
Mit Spannung erwartet wurde der Text aber natürlich auch deshalb, weil man sich davon Impulse für den zukünftigen Weg der Kirche erhoffte. Nachdem es zunächst eine gewisse Ratlosigkeit bei den Kommentatoren gab, weil die Beurteilung des Schreibens nach der Frage erfolgte „Ändert er etwas oder nicht?“, hat sich mittlerweile die Erkenntnis verbreitet: Ja, Papst Franziskus ändert etwas, aber es ist nicht die kirchliche Lehre von Ehe und Familie.
Wer eine neue Doktrin erwartet hatte oder, zugespitzt, ein neues kirchenamtliches Verfahren für die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion, wurde zunächst enttäuscht. Aber auch diejenigen, die meinen, der Papst müsse angesichts von Krisenphänomenen die rechte Lehre einschärfen und deutlich abgrenzen, finden in „Amoris Laetitia“ ihre Erwartungen nicht erfüllt. Papst Franziskus geht andere Wege, die er sowohl gegenüber den Zeitumständen als auch gegenüber der Lehre und Tradition der Kirche für angemessen hält. Er ändert die Lehre nicht, aber er sagt vieles darüber, wie mit dieser Lehre umzugehen ist. Er warnt vor der inzwischen schon häufig zitierten „kalten Schreibtischmoral“ (AL 312) und davor, „moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305).

Die Art, wie er über die Lehre der Kirche zu Sexualität, Ehe und Kirche spricht, zeichnet sich aber nicht allein durch markige Sprüche in Sachen Selbstkritik der Kirche aus. Auch die Sprache, die der Text verwendet, ist nur ein Aspekt des „Neuen“ an „Amoris Laetitia“. Mindestens ebenso bedeutsam ist ein Umschwung in der gesamten theologisch fundierten Betrachtungsweise der Lehre. Es wäre gewiss zu vereinfachend, wenn man hier allzu plakativ von einem Umschwung von der platonisch-augustinischen hin zur aristotelisch-thomanischen Perspektive spräche. Aber bemerkenswert ist es schon, wie häufig Thomas von Aquin zitiert wird. Und es werden gerade diejenigen Überlegungen des Thomas aufgenommen, die viel mit seiner, unter Rückgriff auf Aristoteles, entfalteten Ethik der Tugenden und besonders der Klugheit zu tun haben. Mit einer thomanischen Sichtweise verbunden ist auch eine gewisse „Offenheit“ für die Welt, die ja Gottes Schöpfung ist. Die Leser können dies immer wieder spüren, etwa wenn der Papst in seinen Zitaten den Kreis der „kanonischen Quellen“ aufgeschlossen überschreitet und Anleihen von Martin Luther King bis zum zeitgenössischen Film nimmt.

Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit

Besonders deutlich aber wird diese Aufgeschlossenheit, wenn „Amoris Laetitia“ positiv von der menschlichen Sexualität und Erotik spricht. Wann hätte man je in einem lehramtlichen Schreiben zu dieser Thematik eine Überschrift gelesen wie etwa: „Gott liebt das frohe Genießen seiner Kinder“ (Überschrift zu AL 147-149)?
Papst Franziskus gelingt es, sich mit großer Gelassenheit über dieses sonst ja gerne als „heikel“ bezeichnete Thema zu äußern. Dass er dabei viel von Johannes Paul II. zitiert, macht nochmals deutlich, wie er denkt, arbeitet und schreibt. Er schöpft aus dem Schatz der Kirche, aber er wählt dabei auch aus, indem er auf apodiktische Geund Verbote verzichtet. Dabei gewinnen die Überlegungen eine neue Lebendigkeit und Lebensnähe. Klar bleibt bei allem die Richtschnur (lateinisch: „norma“), an der es sich auszurichten gilt: Die Sexualität ist um der Person willen da, und die personale Liebe fragt nach Festigkeit, Treue, unbegrenzter Gültigkeit und dem festen Versprechen „vor Gott und der Welt“. Liebe und Ehe gehören zusammen, weil die Ehe der Liebe einen Rahmen auf Zukunft hin gibt und die Liebe die Ehe nicht nur mit Wärme, sondern auch mit Sinn erfüllt. „Die Vereinigung, die in dem Eheversprechen „für immer“ Gestalt annimmt, ist mehr als eine gesellschaftliche Formalität oder eine Tradition, denn sie wurzelt in den spontanen Neigungen des Menschen. Und für die Gläubigen ist sie ein Bund vor Gott, der Treue verlangt.“ (AL 123) Dabei bleibt eine Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, die sich nicht ausblenden lässt:

„Wir müssen die große Vielfalt familiärer Situationen anerkennen, die einen gewissen Halt bieten können, doch die eheähnlichen Gemeinschaften oder die Partnerschaften zwischen Personen gleichen Geschlechts, zum Beispiel, können nicht einfach mit der Ehe gleichgestellt werden.“ (AL 52)

Die Sakramentalität der Ehe bedeutet eben auch, dass die Ehe von Mann und Frau für die katholische Kirche in einem Zusammenhang steht, der in seinen Grundaspekten nicht einfach abzuändern ist. Dazu gehören das freie, liebende Ja von Mann und Frau ebenso wie die Unauflöslichkeit der Ehe und ihre Offenheit für die Weitergabe des Lebens in den Kindern der Familie. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder eine Parallelstellung aus der Sicht der katholischen Kirche nicht möglich ist (vgl. auch AL 251). Das ändert allerdings nichts an der Verpflichtung, die Papst Franziskus in Wiederholung früherer Lehraussagen einschärft,

„dass jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden soll und sorgsam zu vermeiden ist, ihn „in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“ (AL 250).

Natürlich stehen wir gerade heute auch vor der Frage, was es bedeutet, wenn selbst bei einem katholischen und einander treu liebenden Paar der Glaube im Sinn der Kirche nicht ein dichter roter Faden des Lebens ist, sondern allenfalls hier und da eine konkrete Bedeutung hat. Der Glaube ist für die Christen unverzichtbar, aber zugleich ist niemand mit seinem Glauben schon fertig und am Ziel. Es gilt also, nach dem Glauben im Leben der Menschen zu fragen, ganz gleich, wie anfanghaft und unfertig er auch sei. Wichtig ist die Bereitschaft, sich aufzumachen und unterwegs zu sein. An die Stelle des Bildes von einer wohlgeordneten Gemeinschaft der Glaubenden tritt für Franziskus das Bild von der Kirche als Feldlazarett (vgl. AL 291).

Pastorale Perspektive: Begleiten, unterscheiden, eingliedern

Hier, wie an vielen anderen Punkten, kommen die zentralen pastoralen Grundsätze zum Tragen, die Papst Franziskus in seinem Schreiben stark macht: Begleiten, unterscheiden, eingliedern. Eine solche Begleitung fordert Papst Franziskus auch dringend im Hinblick auf die Ehevorbereitung, die er als Glaubens- und Ehekatechese viel weiter ansetzt als etwa nur ein vor der Trauung stattfindendes Gespräch mit dem verantwortlichen Geistlichen. Die Verantwortung der Gemeinde für die jungen Paare wird auch deutlich in seiner Forderung, gerade die jungen Paare in ihren ersten Ehejahren engagiert zu begleiten:

„Doch wer kümmert sich heute darum, die Ehen zu stärken, ihnen bei der Überwindung der Gefahren zu helfen, die sie bedrohen, sie in ihrer Erziehungsrolle zu begleiten und zur Beständigkeit der ehelichen Einheit zu motivieren?“ (AL 52)
Wichtiger als eine Seelsorge der Gescheiterten ist heute das pastorale Bemühen, „die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen“ (AL 307). Auch in diesem Punkt werden wir in der katholischen Kirche in Deutschland deutlich weiterführende Akzente setzen müssen, immer im Bewusstsein, „dass die christlichen Familien durch die Gnade des Ehesakraments die hauptsächlichen Subjekte der Familienpastoral sind“ (AL 200). Statt der „kalten Schreibtisch-Moral“ stellt er die Bedeutung

„einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe […], die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern.“ (AL 312)

Diese Sichtweise von Pastoral verändert bei gleichbleibenden Glaubenswahrheiten und Grundannahmen die Perspektive der Pastoral hin zu mehr Offenherzigkeit, mehr Verantwortung für die konkret Handelnden und deutlicherer Anerkennung des Gewissens des Einzelnen:

„Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen.“ (AL 303)

Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen für die pastorale Praxis. Wer um die Lebenssituationen der Menschen in ihren Beziehungen, Partnerschaften, Elternschaften, Ehen und Familien – etwa in einer Stadt wie Berlin – weiß, der versteht auch, wie lebensnotwendig und zugleich belebend eine solche Perspektive für die Seelsorge der Kirche ist.

Dem einzelnen Menschen gerecht werden

Papst Franziskus hat selbst in seinem Schreiben viele Situationen angesprochen: Seien es die Alleinerziehenden, die Migranten, die interkonfessionellen, interreligiösen oder interkulturellen Paare, die Paare, bei denen ein Partner gläubig ist und der andere viel weniger oder gar nicht, die Familien, die sich um alte, kranke und besonderer Zuwendung bedürftige Familienmitglieder kümmern und nicht zuletzt natürlich auch jene Paare, die sich noch nicht zu einer Heirat entschließen können oder die Ehepaare nach Scheidung und nach Wiederheirat. Wenn wir als Kirche mit ihnen Kontakt haben, müssen wir sie in ihrer Situation sehen und sie in dieser Situation begleiten. Mit manchen werden wir nur ein kleines Stück gemeinsam gehen oder nur einen fernen Kontakt halten können, andere werden wir intensiver begleiten und andere schließlich werden dauerhaft mit uns unterwegs sein. Dabei dürfen wir die Werte, die uns wichtig sind, nicht verleugnen: „Wir würden der Welt Werte vorenthalten, die wir beisteuern können und müssen.“ (AL 35) Aber es genügt eben nicht, sich auf die Position des „Moralapostels“ zurückzuziehen:

„Uns kommt ein verantwortungsvollerer und großherzigerer Einsatz zu, der darin besteht, die Gründe und die Motivationen aufzuzeigen, sich für die Ehe und die Familie zu entscheiden.“ (AL 35)

Das ist eine enorme pastorale Herausforderung, könnte man jetzt einwenden, aber war die Pastoral nicht schon immer eine Herausforderung und ging es dabei nicht schon immer darum, den Menschen gerecht zu werden? Papst Franziskus hat das nicht neu erfunden, aber er hat es konkretisiert.

Individuelle, differenzierte Begleitung und Gewissensentscheidung

Wirft man nun vor dem Hintergrund all des bisher Gesagten noch einen Blick auf die Frage des pastoralen Umgangs mit denen, die nach einer Scheidung zivil neu geheiratet haben und insbesondere auf die Frage nach der Zulassung dieser Personen zum Buß- und Eucharistiesakrament, dann liegt die Antwort, die Papst Franziskus hierzu gibt, in mehrfacher Weise auf der Linie seines ganzen Schreibens. Er ändert auch hier die kirchliche Lehre im Eigentlichen nicht, sondern verschiebt den Akzent. Er sagt in der Sache nichts Neues, sondern verdeutlicht und konkretisiert das, was er bereits an anderer Stelle dazu gesagt hat.
Darauf hat er selbst jüngst in einer Pressekonferenz hingewiesen und damit auch begründet, warum es genügt hat, diese Hinweise in zwei Fußnoten zu schreiben. Papst Franziskus schafft kein neues Verfahren und keine neuen kirchenrechtlichen Normen für die Wiederzulassung zu den Sakramenten. Er nimmt die individuelle, differenzierende Begleitung durch die Seelsorger in die Pflicht und verweist auf die Gewissensentscheidung der Betroffenen. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass es einen Automatismus weder in die eine Richtung des Ausschlusses noch in die andere Richtung der Zulassung gibt. Sowohl die individuell zu beurteilende Art und Weise, wie jemand in diese Situation gekommen ist (vgl. AL 300, Anmerkung 336) als auch das Bemühen, einen Weg mit der Kirche zu finden (vgl. AL 305, Anmerkung 351) können aber für eine Zulassung sprechen.
Auf seinem Rückflug von der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos antwortete der Heilige Vater auf die Frage, ob er mit seinem Schreiben für wiederverheiratete Geschiedene die Möglichkeit des Kommunionempfangs geschaffen habe: „Ich könnte sagen: ,Ja‘“6. Dieses Ja aber ist für die Betroffenen, die Gemeinden und die ganze Kirche auch eine Zumutung, es ist kein einfaches Ja, es verlangt die selbstkritische Auseinandersetzung, die Wahrnehmung und das Verständnis der kirchlichen Lehre mit dem Herzen und das rücksichtnehmende Feingefühl für die Betroffenen, für die Kirche und für ihr Glaubenszeugnis. Es ist kein leichter Weg, den Papst Franziskus weist.
Abschließend sollte noch darauf hingewiesen werden, welche Fülle von Themen, Überlegungen, Orientierungsangeboten und Hinweisen „Amoris Laetitia“ enthält: von der Wertschätzung des Kindes über die geburtenfeindliche Mentalität oder die Abtreibungsproblematik, von der Wertschätzung der Kindererziehung, die breiten Raum einnimmt, und der Vermittlung des Glaubens an sie bis hin zur Wertschätzung auch der alten Menschen in der Familie reicht die Themenpalette über die Problematik der Familienarmut, die Frage der verantworteten Elternschaft, über die Bedeutung der kinderreichen Familien und die Kraft verwandtschaftlich verbundener Großfamilien.
Kritisch setzt er sich mit der Genderfrage auseinander oder mit Fragen bestimmter Regionen dieser Welt, etwa der Polygamie in manchen Ländern. Das Schreiben ist in gewisser Weise auch eine Zusammenfassung vieler Überlegungen und Aussagen des gesamten bisherigen Pontifikats von Papst Franziskus. Auch das, aber bei weitem nicht nur das, macht diese Liebeserklärung in der äußeren Form eines nachsynodalen Schreibens lesenswert.

***

(Anmerkung der Redaktion:) Diese Zeitschrift hat den Verlauf der beiden Synoden und das damit verbundene Themenspektrum mit einer Reihe von Beiträgen begleitet. – Vgl. u. a. Konrad Hilpert, Moraldoktrin oder Moral der Wahrnehmung „im Kontext der Evangelisierung“? Bemerkungen zur bevorstehenden Bischofssynode, in: Stimmen der Zeit 232 (2014) 448-457; Andreas R. Batlogg, Zwischen den Synoden: 233 (2015) 217-218; ders., Welche Bischöfe braucht es heute?: 233 (2015) 289-290; Michael Brinkschröder, Gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Ein Thema auf den Familiensynoden: 233 (2015) 363-374; Daniel Bogner, Was meint und wobei hilft „Gradualität“? Eine Begriffsklärung zur Familiensynode 2015: 233 (2015) 446-454; Sarah Delere / Anna u. Tobias Roth, Neue Formen des Hörens in der katholischen Kirche. Ergebnisse eines länderübergreifenden, empirischen Forschungsprojekts: 233 (2015) 599-610; Andreas R. Batlogg, Tutiorismus des Wagnisses – jetzt!: 233 (2015) 649-650; Christian Bauer, Dogma und Pastoral. Konzilstheologische Anmerkungen zur Bischofssynode 2015: 233 (2015) 659-669; Werner Wolbert, Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit für Wiederverheiratete?: 234 (2016) 23-30; Andreas R. Batlogg, Synodale Kirche: 234 (2016) 73-74; Michael Sievernich, Die Bischofssynode zur Familie: 234 (2016) 87-98; Eberhard Schockenhoff, Die Unauflöslichkeit der Ehe und die zivilen Zweitehen von Getauften: 234 (2016) 99-114; Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit im Kirchenrecht, in: 234 (2016) 230-238. – Online exklusiv erschienen drei Beiträge: Andreas R. Batlogg, Zwischen den Synoden. Kirche auf der Suche nach einer neuen Sprachfähigkeit: Online exklusiv Dezember 2014 / Januar 2015; Bernd Hagenkord, Die Familiensynoden 2014 und 2015. Aus der Sicht eines Teilnehmers: Online exklusiv Februar 2016; Andreas R. Batlogg: Viel zu weit oder viel zu wenig? Beobachtungen zu ersten Reaktionen auf das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus: Online exklusiv Mai / Juni 2016 (‹www.stimmen-der-zeit.de/ zeitschrift/online_exklusiv.html›).

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