Eine arme Kirche für die Armen

"Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!", rief Papst Franziskus bei seiner ersten Audienz für Medienvertreter am 16. März 2013 aus. Viele waren begeistert. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man einen Widerspruch: Wenn die Kirche arm ist und glaubwürdig mit den Armen lebt, dann ist sie keine Kirche für die Armen - sie hat kein Geld mehr und verliert den "institutionellen Muskel", mit dem sie den Armen helfen und Ungerechtigkeit in der Welt bekämpfen kann.

Papst Franziskus scheint dies nicht zu kümmern, und er tut wenig, um diesen Widerspruch zu klären. Eine Präzisierung unternimmt er im Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" (November 2013), eine andere in seinem Vorwort zum Buch "Armut" von Kardinal Gerhard Ludwig Müller (April 2014): Beide Male gewinnt man den Eindruck, dass er seinen Ausruf eher als theologisch-spirituelle Herausforderung betrachtet denn als Vorsatz zur Herbeiführung einer materiell armen Kirche. Sein Handeln bestätigt dies: Er schließt die Vatikanbank nicht, er reformiert sie. Er verkauft weder den Vatikan noch seine Kunstschätze, zieht aber in ein einfaches Appartement. Dennoch beschäftigt der Ausruf viele, besonders jene, die mit Armen selbst zu tun haben: Er zwingt zur Besinnung darauf, was für eine Kirche wir im Zeitalter der "Globalisierung der Gleichgültigkeit" sein wollen und sollen.

Ein wichtiger Ansatzpunkt zur Beantwortung dieser Frage wird dabei oft übersehen: Welche Kirche wünschen sich die Armen selbst? Als die Nürnberger Jesuitenmission Arme im In- und Ausland, Projektpartner sowie Freiwillige in armen Ländern bat, ihre Meinung zum Papst-Wunsch zu äußern, waren die Antworten ebenso überraschend wie eindeutig: Die Armen wünschen sich keine materiell arme Kirche. Sie wollen eine Kirche, die glaubwürdig an ihrer Seite steht, materiell ihre Armut lindert und ihnen darüber hinaus hilft, dass sie sich aus der Armut befreien können - also eine Kirche, die Hilfswerke, Krankenhäuser und Schulen unterhält und effektive Anwaltschaft für die Armen betreibt.

Das passt auf Papst Franziskus: Er lebt glaubwürdig-einfach in einem Umfeld von Protz und Prunk. Er hat den Inhalt seiner Almosenkasse verdoppelt. Er steht an der Seite der Armen und dient ihnen (Fußwaschung am Gründonnerstag), tritt aber gleichzeitig wortgewaltig für ihre Anliegen ein. Franziskus lebt eine Balance zwischen einer materiell armen Kirche und einer Kirche für die Armen. Mit den Worten einer Freiwilligen, die zwei Jahre in den Slums von Nairobi lebte: "Franziskus trägt keine roten Schuhe mehr, aber barfuß geht er auch nicht."

Jene, die in der Welt das Sagen haben, erkennen die Ansteckungsgefahr, die von diesem Papst ausgeht. Deshalb versuchen sie aktiv, ihn zu diskreditieren - wenn sie ihm etwa vorhalten, er sei ein Gegner der Reichen oder ein marxistischer Antikapitalist, der die Segnungen der Marktwirtschaft ignoriere. Wer so argumentiert, versteht absichtlich oder unabsichtlich den Unterschied zwischen Kapitalismus auf der einen und (sozialer) Marktwirtschaft auf der anderen Seite nicht. Noch weniger versteht er von Katholischer Soziallehre.

Ebenso verkennen seine Kritiker, dass der Papst nicht als Wirtschaftswissenschaftler spricht, sondern in der Tradition eines Amos und eines Jesus steht, die die Menschen aufrütteln wollen, ohne gleichzeitig selbst Alternativen zu den kritisierten Missständen anzubieten. Das ist schließlich die Aufgabe kirchlicher Universitäten und Lehrstuhlinhaber oder Sozialinstitute: Die kosten Geld, leisten aber einen unverzichtbaren Dienst in der heutigen Suche nach den Ideen, Konzepten und Leitplanken, die unsere Globalisierungsprozesse effektiver gestalten können.

Dass im prophetischen Wort ein wichtiger Dienst der Kirche für die Armen liegt, betonen auch jene Unternehmensberater und Banker, Wissenschaftler, Verantwortungsträger und Aktivisten, die die Jesuitenmission ebenfalls zu ihrer Meinung befragte. Franziskus' Leistung ist, dass er eine Diskussion in Bewegung setzt, die fragt: Woher kommt das Geld der Kirche? Wofür soll man es ausgeben? Und sie weisen auch darauf hin, dass eine arme Kirche nicht nur die Einstellung zu Geld verändern, sondern auch auf anderen Gebieten arm werden muss. Zum Beispiel: Die Kirche muss die Unterdrückung der Armen in ihren eigenen Reihen bekämpfen, wie sie etwa in Indien durch die Kasten-Christen gegenüber den Dalit-Christen existiert. Sie muss die Arroganz ablegen, die am besten zu wissen glaubt, was den Armen hilft. Was nottut und Abhilfe schafft, wissen jene, die in Armut leben, selbst am besten. Es erfordert Demut und Respekt, auf die Armen zu hören und mit ihnen Partnerschaften auf Augenhöhe einzugehen. Und: Die Kirche muss Macht abgeben - von Männern an Frauen, vom Klerus an Laien, von Rom an nationale Kirchen. Auch dies sind wichtige Beiträge zu Dialog, Eigeninitiative und Eigenverantwortung.

Papst Franziskus schreibt: "Diese Wirtschaft tötet." (EG 53) In der Tat: Weder wird Ressourcenverschwendung und Klimawandel entschieden begegnet, noch werden ernsthafte Lehren aus der Weltwirtschafts- und Finanzkrise gezogen. Spekulation mit Lebensmitteln beispielsweise, die zu künstlichen Verknappungen führt, ist nach wie vor ein "todsicher" rentables Geschäft; der Finanzkapitalismus gefährdet nach wie vor die Realwirtschaft; platzt die nächste Finanzmarktblase, muss sie wieder von Steuerzahlern aufgefangen werden. Und all dies, weil die herrschenden Eliten wirksame Reformversuche von Politik und Zivilgesellschaft erfolgreich verhindern. Deshalb vergrößert sich die Ungleichheit zwischen den Menschen weiter, deshalb drohen noch mehr Menschen, zu "Müll" (EG 53) zu werden.

In dieser Welt brauchen wir Propheten und Visionäre wie Papst Franziskus, die Partei für die Armen ergreifen und Katholiken, Christen, Menschen guten Willens zu Besinnung und Umkehr aufrufen. Vielleicht wird dann doch eine gerechtere Welt möglich, in der keine noch größeren Migrationsströme vor Lampedusa im Meer ertrinken.

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