Hinduismus

Der Hinduismus vereint verschiedene südasiatische Religionen in sich, die sich teilweise überlagern und beeinflussen. Im Zentrum steht der Gedanke eines geordneten Kosmos. Jedes Lebewesen soll sich demnach so verhalten, wie es seinem Platz in diesem Gefüge entspricht. Weltweit gehören rund eine Milliarde Menschen einer hinduistischen Religion an.

Hindu beim Bad im Heiligen Fluss Ganges.© Pixabay

Hinduismus, abgeleitet von geographischen und ethnischen Namen, bezeichnet Lebens- u. Sozialordnungen von überzeitlicher und kosmischer Herkunft, nicht eine Religion im institutionellen Sinn, wird seit dem 19. Jahrhundert als Sammelbegriff für in Indien entstandene Religionen verwendet. Im Hinduismus sind vielfältige religiöse Auffassungen möglich, auch eine polytheistisch erscheinende Volksreligion.

Nach allgemeinem Glauben waltet eine ewige Ordnung über den ethischen und geistigen Bereichen wie über dem Weltgeschehen; als "karman" macht sie die Menschen für ihr Schicksal verantwortlich (Reinkarnation). Alle disparaten Einzelheiten der Wirklichkeit gehen auf einen Urgrund oder einen personalen Grund zurück; sie sind jeweils Erscheinungsformen dieser Einheit. Das Selbst des Menschen ("atman") und der Grund der Welt ("brahman") treten nicht dualistisch auseinander. Der Urgrund bzw. Gott können in allen Dingen verehrt werden. Der Hinduismus ist ferner allgemein durch den Wunsch charakterisiert, den (geheimnisvollen) Geist direkt zu erfahren (psychische Konzentrationen, Hingabe an Gott, Bewusstseinserweiterung, Yoga, das heißt körperliche und bewusstseinsmäßige Übungen).

Die genauer faßbare Zeit der Ausgestaltung des Hinduismus beginnt mit der "vedischen" Epoche (1500–500 v. Chr.): Neben dem Hauptgott Indra stehen kosmische Gottheiten; 4 Veden (heilige Schriften mit Hymnen an göttliche Mächte); Opferrituale, die der höchsten Kaste, den Brahmanen, anvertraut sind; später die Upanischaden mit dem Thema der Erfahrung des Einen, der Einheit. Eine große Rolle spielt von Anfang an die Einübung der Entsagung, ohne die Erlösung nicht erlangt werden kann. In der klassischen Epoche (etwa 700 n. Chr. bis zum 18. Jahrhundert) werden Götter- und Schöpfungsmythen ausgestaltet, den Göttern (Shiwa als mehrdeutig mächtigem Gott, Wishnu mit seiner Abfolge von Inkarnationen, daneben unter anderem der Göttin Diwa) gelten theologische Abhandlungen, der Opferkult wird durch sublimere Rituale, unter anderem zur Teilhabe an der einenden Kraft der großen Mutter, abgelöst.

Bedeutungsvoll ist die theoretische Rechtfertigung des Kastensystems, das durch die ewige Ordnung des "dharma" für alle Zeiten garantiert ist und den Brahmanen die höchste Stellung als priesterlichen Mittlern und als Lehrern der Tradition zuschreibt. Eine Philosophie entstand im Hinduismus durch die Konfrontation mit Buddhismus und Islam. Seit dem 18. Jahrhundert lässt sich von einer bis heute anhaltenden Renaissance des Hinduismus, mit bedeutenden Gestalten wie Ramakrishna († 1886) unt Mahatma Gandhi († 1948), sprechen.

Teilelemente der hinduistischen Mystik und Trainingsmethoden finden im Westen große Aufmerksamkeit (christliche Aschrams = religiöse Wohneinheiten; christliches Yoga). Über den Hinduismus urteilte das II. Vaticanum: "Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage" (NA 2).

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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