Philipp Meyer über Ruhe und Unruhe "Ich bin froh, dass Gott mich noch beunruhigt"

Die Hektik der modernen Welt beschäftigt und belastet hierzulande die meisten Menschen. Dabei ist Unruhe nicht per se negativ zu sehen. Sie macht kreativ, hellhörig und lässt Menschen über sich hinauswachsen. Sie hilft auch bei der Suche nach Gott, der immer wieder neu entdeckt werden will, sagt Pater Philipp Meyer.

Philipp Meyer
© Philipp Meyer / Verlag Herder

Der Sehnsuchtsort unserer überdrehten modernen Gesellschaft ist die Ruhe. Ist das wirklich so erstrebenswert?

Das Wort „überdreht“ finde ich gut. Die Welt dreht sich immer schneller und darum natürlich auch die Gesellschaft. Doch dieses „Kreisen um sich selbst“ kann niemandem wirklich guttun. Wir sehen ja zurzeit auch: Unserer Gesellschaft, unserer Kirche geht es nicht gut. Und damit meine ich nicht nur die Corona-Pandemie. Mir scheint, dass es immer schwerer fällt, Ruhepole im Leben zu finden und dann auch zuzulassen. Der Beruf ist getaktet, die Freizeit ist getaktet, Besuche sind getaktet, die Zeit ist getaktet. Damit lege ich natürlich auch einen Finger in eine eigene Wunde, das geht nämlich am klösterlichen Leben ebenfalls nicht vorbei. Wir haben hier zwar gesetzte Ruhepole, so will ich es mal nennen, und trotzdem merke ich, wie ich nach Ruhe strebe, nach ihr verlange und die Stille suche und brauche. Doch auch stille Zeiten wollen gestaltet werden, müssen sogar gestaltet werden. Denn sich nur Ruhe zu verordnen schaltet noch nicht den Kopf ab. Auch mir fällt es schwer, solche Orte, solche Zeiten zu finden, aber ich will sie suchen. In den Bergen, beim Klettern, da finde ich beispielsweise solche ruhigen, innigen Momente, beim Wandern, in der Natur und manchmal auch beim Gebet. Ich glaube es ist wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen Passivität und Aktivität, die Ruhe also wirklich suchen zu wollen, sich dann aber auch von ihr beschenken zu lassen.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Gott macht unruhig". Warum?

Unruhe würde ich zum Beispiel nie mit Lärm übersetzen, und auch nicht als die bloße Abwesenheit von Stille definieren. Unruhe kann auch etwas sehr Schönes sein. Wer verliebt ist, der spürt diese Unruhe, der kennt sie. Sie macht kreativ, hellhörig, froh, kribbelig, lässt einen über sich hinauswachsen; fördert also irgendwie das Beste in einem zutage. Das kann im Hinblick auf Gott auch so sein. Natürlich bin ich nach 14 Jahren im Kloster nicht mehr verliebt in Gott, denn dieser erste Zustand hat sich in Beständigkeit gewandelt, in eine feste Beziehung, die von Dauer ist. Dafür bin ich sehr dankbar, ich empfinde das als großes Geschenk. Dennoch bin ich froh, dass Gott mich noch beunruhigt und ich die Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Licht und Schatten, zwischen Frage und Antwort gut aushalten kann. Gott ist so groß, dass man, wenn man ihn wirklich suchen will, sich immer wieder total einlassen muss. Wenn da die Unruhe wegbricht, würde mir wohl die Kraft dazu fehlen, Gott immer weiter zu suchen, wie es mir als Benediktiner der heilige Benedikt in seiner Regel als erste Eigenschaft eines Mönches nahelegt. Der Mönch, der Christ, der Mensch strebt letztlich nach Gott, ob er es begreift, oder nicht. „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir, mein Gott“, sagt der heilige Augustinus.

Wie können Menschen diese Unruhe positiv für sich nutzen?

Da möchte ich noch einmal das Beispiel vom Verliebt sein bemühen. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich immer wieder beunruhigen zu lassen, sich nicht zur Ruhe setzen zu wollen. Besonders unser Papst Franziskus und seine beiden direkten Vorgänger haben immer wieder gerade die Jugend ermutigt, aufzustehen, loszuziehen, nicht auf dem Sofa sitzen zu bleiben, sich nicht in den bequemen Ecken auszuruhen. Eigentlich ist es genau das: nicht bequem werden zu wollen, sondern immer wieder zu versuchen, Großes zu tun, aus sich herauszukommen, niemals mit dem Mittelmaß zufrieden zu sein. Die Unruhe macht es möglich, das anzupeilen und nicht aus dem Blick zu verlieren.

Was kann ein Mönch aus der Abgeschiedenheit des Klosters heraus den Menschen für ihren Alltag raten?

Vor allem muss man einmal mit dem Vorurteil aufräumen, dass das Kloster eine heile, ruhige Parallelwelt ist. Gerade wir in Maria Laach haben in den letzten Jahren turbulente Zeiten erlebt und stehen noch mittendrin. Gemeinschaft und klösterliches Leben sind kein Ponyhof, wie es auch eine ordentliche Beziehung nicht ist. Was mir persönlich hilft, ist das Gelübde der Beständigkeit, hier an diesem Ort zu sein und zu bleiben. Dieses Gelübde zwingt mich, mich immer wieder mit meiner Lebensform auseinandersetzen zu müssen und zu fragen, was mich hier an diesem Ort und an diese konkrete Gemeinschaft bindet und fesselt; ganz positiv meine ich das. Genauso kann das für eine Beziehung gelten. Wer bei kleinen Problemen weglaufen möchte, kreist zu viel um sich selbst, schaut nicht über den Tellerrand. Um sich einlassen zu können braucht es Geduld, Ausdauer und auch manchmal Kraft, es ist und bleibt ein Aufwand. Man muss von sich selbst absehen können und den Anderen, das Gegenüber in den Blick nehmen. Außerdem hilft mir die Spannung zwischen Abgeschiedenheit und Gemeinschaft, Ruhe und Gebet, ora et labora, wie man es über die Benediktiner sagt: Diese Unruhe hält fit und verhindert (denk)faul zu werden. „Das rechte Maß finden“ ist kein billiges Schlagwort, sondern eine gute und wirklich, wirklich alte Weisheit der Mönche!

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