Jesus Christus – Persönliches Bekenntnis bei Gegenwind

Der 1942 geborene Schweizer Pfarrer Ulrich Knellwolf (Unter „Buchtipp“ weise ich auf zwei kleine Gedichtbände von ihm hin) schreibt in „Humus etc.“, S. 52:

„Bei Sturm werden
die Gedichte am besten weil
die Sätze hart segeln
müssen gegen den Wind
Bei Nacht hat
die Hoffnung den weitesten Auslauf weil
sie das jenseitige Ufer nicht schon
vom Sehen kennt“

Jörg Zink nennt die Frage: Wer ist Jesus Christus für dich? die Gretchenfrage: „Wenn mich aber nun jemand genauer fragen sollte: Wer ist denn Jesus für dich? Dann stellt er doch wohl die Gretchenfrage unter den Gretchenfragen. Und Gretchenfragen lassen sich nur in der einfachen Sprache beantworten, die Gretchen versteht. Sonst sind es keine Antworten. Fausts Antwort jedenfalls war keine, und eine abstrakte Gedankenkonstruktion wie das altkirchliche Dogma ist es auch nicht.
Also: Wer ist Jesus Christus für mich? Das kann ich zwar einfach, aber nicht mit einem Wort sagen.“
(Jörg Zink, Das christliche Bekenntnis, Stuttgart 1996, S. 109)

Wer kann das einfach – und mit mehr als einem Wort sagen? Seit Jahrzehnten wird mir die persönliche Sprachlosigkeit, Sprachgehemmtheit oder andererseits die spürbar „missionarische Bekenntnisfreude“ zum 2. Glaubensartikel deutlich. Das war beruflich umso wesentlicher, da ich drei Jahrzehnte Pfarrer einer „Christusgemeinde“ war und diese namentliche Verpflichtung uns allen immer wieder in Erinnerung rufen wollte.
Mein Misstrauen galt nicht dem Mann aus Nazareth, auch nicht dem von seinem und unserem Vater ins Leben Gerufenen, sondern den Mitmenschen, denen es gar nicht schnell genug gehen konnte, ein Bekenntnis abzulegen. Die mit glänzend forderndem Blick sich längst Christus übergeben hatten, während ich noch im Hamsterrad meiner Zweifel strampelte.
Ich hatte als Kind in den 1950er-Jahren mehrere „Zeltmissionen“ auf dem Trainingsplatz des Fußballvereins, wo gelegentlich auch kleine Zirkusse oder Jahrmarkt-Karusselle einluden, miterlebt. Hatte die Aufforderung gehört, nach vorne zu kommen und zu bekennen. Mein kindliches Misstrauen, später mein jugendlich-kritischer Gegenwind wehrte sich gegen ein solches Erweckungs-Outing.
Heute spüre ich den Gegenwind in einer leise gewordenen Kirche. Ich spüre so etwas wie eine „persönliche Bekenntnis-Hemmung“. Seit Jahrzehnten bestätigen dies – wenn ich zu Vorträgen und Gesprächen in Pfarrkollegs unterwegs bin – die meisten Kolleginnen und Kollegen. Unproblematisch und engagiert wird über Struktur-, Finanzierungs- und Stellenfragen diskutiert, alles, was mit unserem „Glauben im engeren Sinn“ zu tun hat, ist der – wenn überhaupt – vorausgehenden Andacht und einem abschließenden Segenswort überlassen. Bei Tagungen reicht dann schon das eine oder andere Lied.
Am deutlichsten erlebte und erlebe ich die Sprachhemmung beim Anfang des 2. Glaubensartikels, zusagen beim paulinischen Anteil. Sobald die Erde, der „Humus“ (s. Buchtipp) ins Gespräch kommt, das Leben und Sterben Jesu, ist die Sprachhemmung weg. Wo zuvor eher dogmatische, immer wieder wiederholte Sätze herrschen, wird der Sprachfluss nun breiter, werden die Beispiele reichlicher, die Erlebnisse vielfältiger, die Predigt reichhaltiger: geboren, gelebt, gelitten und gestorben, das ist unser Leben, unsere Erfahrungswelt. Das Sprachbild wird bunter: Wege kreuzen sich, Gedanken ergänzen sich, Erfahrungen begegnen sich. Es kommt zu Korrekturen, Veränderungen, Bereicherungen.
Ich wehre mich, mache selbst sozusagen „Gegenwind“, wenn von der Kanzel oder auch im Gebet die „christologischen Formeln“ so leicht daherkommen. Nach meiner theologischen und biografischen Erfahrung ist das „Christusbekenntnis“ nicht „leicht“ zu sprechen. Die Sprechhemmung ist bei diesem christologischen Topos berechtigt. Tut sich jemand damit schwer, kann ich ihm oder ihr folgen. Gerne im Wechselschritt auch hinaus vor die Kirche, hinein in die Woche, „weil die Sätze hart segeln müssen gegen den Wind“. Sätze wie: „Christus ist für dich ans Kreuz gegangen“, „Christus hat dich erlöst“, „Christus vergibt dir deine Schuld“ werden gesprochen im Gegenwind der Sprachhemmung angesichts des Sterbens einer 35-jährigen Mutter von zwei Kindern, eines verunfallten 16-Jährigen, einer nicht enden wollenden weltweiten Pandemie … Selbst Anhäufungen dieser Art kommen in einem Fürbittengebet gelegentlich viel zu leicht daher.
Solche Sätze im Gegenwind schärfen, verkanten sich, werden geschliffen im „Durchzug“, im Gegenwind eines für Unzählige elenden Alltags. Ich möchte den Gedanken von der Kanzel (und nicht anders in spürbar nachdenklichen Gebeten) abspüren können, dass sie geschliffen sind, dass sie Kratzer, Spuren und Risse haben, Profil entwickelt, eine Geschichte, ein Leben haben. In eine solche Spur kann ich mich einfinden, dort begegne ich einem persönlichen Glauben, einem echten Menschen. Heute redet man gerne von „Authentizität“, aber wie schwer tun wir uns damit auf der Kanzel.
Ja, „bei Nacht hat die Hoffnung den weitesten Auslauf weil sie das jenseitige Ufer nicht schon vom Sehen kennt“.
In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es die „Gott ist tot“-Theologie. Man schrieb und sprach von „Gottesfinsternis“. Ich schreibe und rede seit den 1980er-Jahren von der „Christusfinsternis“. Meine damit nicht, dass „der Christus“ in unseren Äußerungen, Gebeten und Predigten zu wenig vorkommt, sondern zu leicht daherkommt, so, als ob die Sprechenden das jenseitige Ufer schon vom Sehen kennen. Das geht – in Bezug auf den Glauben – auch am Tag nicht. Wir sind allenfalls Zeugen, weil andere vor uns in ihrer Sprechhemmung uns auf die Spur gebracht haben.
Fridolin Stier (1902–1981) ist für mich so einer, auch ein Schweizer wie Ulrich Knellwolf und Kurt Marti. Fridolin Stier schrieb am 2. und 3. November in sein Tagebuch (eines meiner wichtigsten Bücher: F. Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag, Freiburg 1993, dort S. 107 und 108):

„2. November 1971, Allerseelen
Ihr Lieben alle, meine Teuren, meine Freunde, Weggefährten, Freud- und Leidgenossen langer Jahre! Oft rufe ich euch, nicht nur heute an eurem Tag, rufe euch mit Namen zu mir – hört ihr sie, wißt ihr noch, wie ihr heißt? Und führt eine Brücke von eurem Ufer jenseits des Stroms der Zeit zum unseren herüber? Im Glauben der Kirche an die communio sanctorum sind hüben und drüben nicht getrennt. Es kann sein, dass der Wunsch, mich nicht ein für alle Mal und unwiderruflich von euch getrennt zu wissen, der Vater dieses Glaubens ist. Wie aber, wenn Wunsch und Glaube einmal Zwillingsbrüder wären?

3. November 1971 …
Vielleicht …
Aus dem Spalt
in der Wand
des Alls
in das finstre
Verlies
Brach plötzlich
o schön!
ein Schein
und schwand.
Ist vielleicht?
Ist irgendwo?
Vielleicht
ist
irgendwo
Tag.“

Aus diesen und solchen Gedanken, hier im Editorial in der dort gegebenen „Kürze“, entstand meine Bitte, die den Schwerpunkt dieser für mich außerordentlichen Ausgabe der PASTORALBLÄTTER bildet. Ich bat die Autorinnen und Autoren der PASTORALBLÄTTER um ihr „Bekenntnis“, ihre sehr persönlichen Gedanken zu Jesus Christus. Und ich bat sie, diese Gedanken möglichst kurz zu fassen.
Gut 100 habe ich angeschrieben, viele haben nicht geantwortet, einige schrieben, das sei ihnen doch zu persönlich, wenn ihr persönlicher Glaube sogar gedruckt und veröffentlicht wird. 29 haben sich getraut, fast alle haben sich damit schwergetan, fast alle schrieben mir das („Hier kommt mein etwas stotternder Beitrag.“ – „Seltsamerweise bin ich noch nie so direkt danach gefragt worden.“ u. Ä.). Ich bin ihnen allen von Herzen dankbar. Es ist ein wesentlicher „geschwisterlicher“ Dienst, wenn wir uns mit unserem Glauben persönlich „outen“, gerade im Gegenwind, gerade wenn es uns schwerfällt. Vielleicht ist irgendwo Tag. Auch wenn wir das andere Ufer nicht sehen. Ich bin als „Zweifler“ dabei, wenn wir miteinander im Nebel nach Jesus Christus rufen oder versuchen, am Ufer einen Stein bis zur Horizontlinie zu werfen. Ich meine am Meer, nicht am Gartenteich.

Den Autorinnen und Autoren der PASTORALBLÄTTER meinen herzlichen Dank. Den Leserinnen und Lesern Gottes Segen bei allen Sprachübungen des Glaubens.

Gerhard Engelsberger

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